Am Rande der Nacht
wie er es aufgehoben hat, ernte ich auch schon sein erfreutes Schulterklopfen. Dieses Mal war’s richtig. Er streicht den Stoff meines T-Shirts glatt und klopft mit der flachen Hand auf meinen Rücken. Genug also für heute.
Ich drehe mich zu ihm um, damit er von meinen Lippen lesen kann. Dafür, dass meine Aussprache noch ziemlich bescheiden ist, macht er das erstaunlich gut. „Morgen schon was vor? Ich hab den Job gekriegt und will das feiern. Immerhin hast du die Bewerbung geschrieben.“
Er strahlt über beide Wangen. „Klar“, schreibt er, woraufhin ich die Adresse meiner neuen Wohnung auf dem Zettel hinterlasse. „Da, morgen um drei. Wir werden ein bisschen Musikhören. Wird Zeit, dass du dich da mal weiterbildest.“ Seine Hände fahren rauf zu seinem Hals und seinen Ohren, er schüttelt den Kopf und sieht mich an, als wäre ich schwer von Begriff. „Ich weiß, ich weiß. Vertrau mir einfach. Ich bin nicht so blöd, wie ich aussehe.“
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„Bist du nicht?“
Erschrocken schlug ich die Augen auf. Kaum hatte ich das Gesicht scharfgestellt, das zu der Stimme gehörte, schloss ich sie auch schon wieder. Da hatte ich gerade einen Alptraum hinter mir und erwachte schon im nächsten. „Wie bist du hier reingekommen?“, grummelte ich.
„Rick hat mich reingelassen.“
„Die gute Seele. Verflucht sei der Bengel.“
„Schlecht geschlafen?“
„Noch schlechter aufgewacht. Gary, wer hat dir eigentlich das Märchen erzählt, dass ich Interesse an deiner Gesellschaft hätte? Wir haben uns gegenseitig das Leben gerettet, ich hab deine Villa verwohnt und das war’s. Lass mich endlich in Ruhe.“
„Warum hast du eigentlich keinen blöden Zweitnamen? Ich find’s wirklich unfair, dass du da immer drauf rumreitest.“
„Ich heiße Virgin mit Nachnamen. Das ist ja wohl Strafe genug“, antwortete ich und sah zu, dass ich in die Küche kam. Das grüne Feuer war sowieso aus und auf den Schock, ausgerechnet von Nick aus einem schlechten Traum geweckt worden zu sein, brauchte ich erst mal einen Kaffee.
„Ach ja!“ freute er sich über meinen Geistesblitz und watschelte mir hinterher. Gleichzeitig begann er zu singen. „Like a virgin! – Uh! – Touched for the very first time!” Und so weiter. Was war ich froh über meine dicken Wände. „Übrigens hab ich dich heute zum ersten Mal erfolgreich angelogen!“, flötete er nach einer Weile, während ich die Filtertüten suchte. Vielleicht sollte ich doch öfter mal meine eigene Küche selbst benutzen. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass ich bis zum Nachmittag geschlafen hatte. Da würde mein Chef sich aber freuen.
Nick, immer noch total euphorisch, war inzwischen auf dem besten Wege, mich um mein weniges Geschirr zu bringen, indem er versuchte, ein paar von Rick abgewaschene Schüsseln und Gläser von der Spüle in meine Schränke zu manövrieren. Ich trug es mit Fassung und wartete geduldig auf das Klirren.
„Nein, hast du nicht. Ich weiß, dass Rick um diese Zeit arbeitet und vorher in der Schule ist“, gab ich gelangweilt zurück, „Und selbst wenn ich’s nicht gewusst hätte... Du kannst es immer noch nicht. Auch n Kaffee?“
„Du bietest mir n Kaffee an? MIR?“
„Wenn du einen willst, wär’s klug, mich nicht in Versuchung zu führen, es mir anders zu überlegen. Die ist nämlich verdammt groß.“
„Vergiss die Dosenmilch nicht. Was macht eigentlich der Sand auf deinem Bett?“ Es klirrte immer noch nicht. Beeindruckend. Ich sah zu, wie er die letzten Gläser einräumte.
„Mein letzter One-Night-Stand ist zu Staub zerfallen, als er, beziehungsweise sie mich nackt gesehen hat. Wieso?“, fragte ich unschuldig.
Klirr! Nick kugelte sich vor Lachen und gab mir damit wenigstens Gelegenheit, in Ruhe wach zu werden, bevor ich das Kaffeewasser an der Glaskanne vorbeigießen konnte, mit der ich es in die Kaffeemaschine beförderte. Selig warf ich diese an. Dem Genuss schlechten Kaffees stand nun nichts mehr im Wege. Ich fand sogar die Tassen auf Anhieb und wenig später hatten wir uns, jeder mit einem Becher des widerlichen Gebräus in der Hand, im Wohnzimmer niedergelassen. Die Scherben würde ich wegfegen, wenn sicher war, dass Nick nicht noch ein paar hinzufügen würde.
„Also, was machst du nun hier? Wenn du n bisschen ausholst, was du ja grundsätzlich tust, kannst du sicherlich deinen Kaffee austrinken.“
„Willst du gar nicht wissen, wie ich hier reingekommen bin?“
Angesichts der Tatsache, dass er ziemlich stolz auf sich zu sein schien, wollte ich das lieber nicht. „Nicht, wenn ich es vermeiden kann. Was willst du hier?“
„Nichts Besonderes“, sagte er etwas enttäuscht und wie auf Kommando begannen seine Finger, mit den Ärmeln seines Schlabberpullovers zu spielen. Achtung, Nick lügt! Es wird Zeit, ein bisschen Baumwolle zu zerknüllen, Jungs! „Mann, dein Kaffee ist vielleicht eklig“, versuchte er sich immerhin zu retten.
„Warum sonst sollte ich ihn dir anbieten?“ Ich nahm demonstrativ einen Schluck aus meinem Becher. Mir schmeckte das Zeug plötzlich erstaunlich gut. „Beeil dich also besser mit dem Erzählen, bevor ich dir noch nen Becher eingieße.“ Es wirkte. Er kam endlich zur Sache.
„Ich hab Post bekommen. N Auszug aus Rongas Testament. Da steht auch was von dir drin. Und das hier war in deinem Briefkasten unten im Treppenhaus.“ Er reichte mir einen Umschlag. „Derselbe Absender.“
„Ich frage dich jetzt nicht, wie du an diesen Brief gekommen bist, der für mich bestimmt war.“
„Gut“, antwortete Nick nervös. „Ich würd’s dir eh nicht sagen. Ein paar Rechnungen waren auch noch drin, aber die wollte ich nicht auch noch rausfischen.“ Ich grinste und schwieg, um zu sehen, ob er mir noch weitere Details seiner krankhaften Neugier enthüllen würde. „Nun mach schon auf. Da ist was Schweres drin“, verlangte er. Wahrscheinlich hatte er den Brief sogar abgetastet.
„Ui, ich muss Geburtstag haben“, sagte ich sarkastisch. Dennoch öffnete ich den Umschlag und zog den Brief heraus. Dabei fiel mir ein dünner, schwarzer Ring in den Schoß. Nick prustete. „Virgin passt wohl jetzt nicht mehr, so mit Ehering.“
So ein Spruch fiel jemandem wie Nick nicht spontan ein. Er hatte also gewusst, was drin war. „Will der Kerl mich heiraten oder was soll das?“ schnaubte ich und fand, dass ich noch einen Kaffee vertragen konnte.
„Bring mir einen mit! Aber tu mehr Milch rein!“, gackerte Nick mir hinterher. Ich nahm mir vor, ihm kräftig in die Tasse zu spucken.