Am Rande der Nacht

unversehrten Kreis – der Stelle, wo ich gestanden hatte – oder warum ich zwei Tage lang einfach verschwand und einen davon auch noch wegen Mordverdachts im Gefängnis verbrachte, obwohl ich nichts – na ja, fast nichts – angestellt hatte.
Ein Ruck riss mich aus meinen Gedanken. Schon angekommen? Das ging schneller als mir lieb war. Doch warum öffneten sich dann die Türen nicht? Die roten Leuchtdioden der Stockwerksanzeige verrieten es mir: Ich hing irgendwo zwischen Stockwerk 20 und 21. Eine Betriebsstörung! „Es gibt einen Gott“, seufzte ich glücklich. Und dieser gab mir noch ein bisschen Aufschub. Das war mit Abstand das Beste, was mir am heutigen Tag passierte. Ohne Hektik hob ich den Hörer ab und wählte die Nummer des Störungsdienstes auf der hier angebrachten Sprechanlage. Gerade wollte ich die letzte Ziffer eingeben, als mich ein Schaben und Ächzen auf dem Dach der Aufzugskabine mitten in der Bewegung innehalten ließ. Der Laut erinnerte mich an Fingernägel

(Krallen?)

auf einer Tafel.
Eine Klappe in der Decke öffnete sich gemächlich. Von oben schaute ein totenbleiches Gesicht zu mir herunter. Wenn man diese grinsende Fratze denn als Gesicht bezeichnen wollte. Wie in Trance führte ich meinen Finger zu der Taste auf der Anlage. Es rauschte im Lautsprecher. „Tz, tz, tz“, schnalzte es von der Decke. Mein Gast sprang hinunter zu mir, während es in der Sprechanlage knisterte. „Störungsstelle?“ Ich formte das Wort „Hilfe“ in meinem Mund. Im selben Moment jedoch explodierte in meinem Kopf ein so grässlicher Schmerz, dass ich aufgejault hätte, wäre ich dazu noch in der Lage gewesen. Ich schrie innerlich, als ich mich Worte sagen hörte, die ich mir von außen in den Mund gelegt wurden.
„Hallo, hier Schacht – äh – 7. (DREI! DREI!) Der Aufzug hier ruckelt von Zeit zu Zeit und macht seltsame Geräusche. Ich dachte, es wäre vielleicht gut, wenn Sie sich das mal anschauen.“ (Jetzt gleich am besten! Wird es denn bei euch nirgends angezeigt, wenn ein Aufzug stecken bleibt?!) „Oh, vielen Dank“, hörte ich die freundliche Antwort von der anderen Seite der Leitung. „Wir sehen umgehend nach. Danke für den Hinweis. Machen Sie sich bis dahin bitte keine Sorgen. Die Aufzüge werden täglich gewartet. Ihnen kann nichts passieren.“ (Wenn man in einem Aufzug stirbt, muss das nicht unbedingt am Aufzug liegen! Schickt jemanden rauf!) „Oh, gern geschehen, nur keine Eile (WAS?!), er fährt ja noch ganz normal. Nur vielleicht ist das nicht unbedingt was für sensible Gemüter...“ „Ja, wir kümmern uns darum, so bald wie möglich. Nochmals vielen Dank für Ihre Umsichtigkeit.“ „Kein Problem. Einen schönen Tag noch.“ Abschiedsfloskeln und ein Klicken aus der Anlage, das mein Schicksal besiegelte.
Schlagartig war der Kopfschmerz verschwunden und ich hatte meine Gedanken wieder vollkommen in der Gewalt. „So, kleiner Flammenwerfer, wenn du jetzt noch den Hörer auflegen würdest...“, bat mich der kreideweiße Riese neben mir und entblößte dabei zwei lange Eckzähne, die ich als Warnung gar nicht mehr gebraucht hätte. Ein Schauer lief mir den Rücken hinunter, als ich weiteres Schaben über mir vernahm.