Am Rande der Nacht

Am Boden

{Kommentar}
Wieder ein schneller Upload. (Kirana, drängel nich immer so! XD) Bedankt euch bei den Arbeitern, die hier derzeit täglich ab halb acht das Haus renovieren und mir das Lernen unmöglich machen, sodass ich Zeit zum Schreiben hab. Das Kapitel dürfte den Mädels unter euch besser gefallen als den Jungs, wegen der wohl etwas... äh... uncoolen (saudoofes Wort) Waffe, aber ich wollte einen schwachen Gegenstand mit starker Wirkung : ) Na ja, seht selbst. Achso, im nächsten Kapitel gibt’s lebende Fische, aber schön wird’s trotzdem nicht. *diabolisch grinst*
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Blitzschnell griffen zwei Hände durch den Scherbenregen aus brechendem Fensterglas, zerrten mich bis zum Bauchnabel zwischen den gezackten Rändern der zerbrochenen Scheibe hinaus, dass ich mir Arme und Bauch aufriss. Indes wurde der Flur hinter mir von fragenden Stimmen und dem Klicken von Türen belebt. „Jazz, bleib draußen!“, brüllte ich. Der vorwitzige Riese, der mich am Kragen hielt, lachte höhnisch. „Wie heldenhaft.“
Mit einem Ruck legte auch der Rest von mir den Weg nach draußen zurück. Der Riese ließ sich im Sturzflug zu Boden fallen, um mich dort festzunageln. Die Wucht des Aufpralls trieb mir Tränen in die Augen und die Luft aus den Lungen, zusammen mit einer grellen Flamme, deren Entstehung ich nicht einmal bemerkt hatte. Zwei schnelle Handgriffe und ich hatte meinen Maulkorb wieder. Über mir tauchte die ausdruckslose Miene des zweiten auf. Der Junge mit der Eismagie lächelte nichtssagend höflich, so unnahbar, als käme er aus einem anderen Universum. Seine Wange wurde von einer langen Schnittwunde verunstaltet, die dort vor einigen Stunden noch nicht gewesen war, sein Blick war so stechend, dass ich es für klüger hielt, ihn nicht direkt anzusehen. Ich richtete mein Augenmerk auf das Küchenfenster weit oben, aus dem zwei Köpfe lugten. Jene von Yasemins Eltern. Doch wo war Jazz?
„Ich mag keine Zuschauer“, erklärte der junge Anführer. Ein eisiger Windstoß fegte zu den Beiden hinauf. Ich hörte sie aufschreien, sah, wie sie nach hinten fielen, glaubte sogar, das Knirschen der Scherben dort oben zu vernehmen. Wo war Yasemin? Ich hoffte inständig, sie hatte sich in Sicherheit gebracht.
Der Eismagier hockte sich neben den Riesen, dessen Knie und Hände mich am Boden hielten. Was hätte ich jetzt für den von Eliphas erwähnten Schutzwall gegeben! Doch nein, ich lag hier, hilflos wie ein Käfer auf dem Rücken. „Es war nicht besonders nett von dir, uns geradewegs in eine Falle laufen zu lassen“, sagte die freundliche Stimme, die mich schon am Mittag so beunruhigt hatte. Ich stutzte. Falle? Ich wollte diese Asche doch genauso dringend loswerden, wie sie sie haben wollten. Was für eine Falle sollte ich ihnen gestellt haben?
Anscheinend stand mir die Frage ins Gesicht geschrieben. „Du hättest uns sagen können, dass du einen Zentauren zu Hause hast. Dann wären wir jetzt noch zu dritt“, sagte der Junge mit der Nettigkeit eines umsichtigen Gastgebers. Von Mitgefühl für seinen Kameraden keine Spur. Ich riss die Augen auf. Rick hatte das Muskelpaket erledigt? Aber warum? Was hatte ihn dazu bewogen, die Asche nicht herzugeben, ja sogar dafür zu kämpfen? Und wie war der Kampf ausgegangen? Ging es ihm gut? War er verletzt? War er noch am Leben? Meine Gedanken rasten plötzlich. Vor meinem inneren Auge spielten sich duzende verschiedener Kampfszenen ab, von denen mir nicht eine gefiel..
„Du wirkst überrascht“, bemerkte mein Gesprächspartner richtig, „Spielst du einfach gut, oder hast du wirklich nicht an ihn gedacht?“ Sag mir, ob er noch lebt, dachte ich panisch. Doch meine zusammengehaltenen Kiefer machten es mir unmöglich, die Frage zu stellen. Das einzige, was ich zur Antwort bekam, war dieses grässliche, dünne Lächeln. „Nun, wir haben nicht viel Zeit, wenn wir nicht von noch mehr Menschen gesehen werden wollen. Hör also gut zu, ich werde mich nicht wiederholen.“ Mir blieb kaum etwas anderes übrig.
Er ließ einen Zettel in der Brusttasche meines Hemdes verschwinden. „In der kommenden Nacht ist die Asche an dieser Adresse. Dämmert es und sie ist nicht dort, verlieren wir alles. Und diesen Verlust werden wir ohne Abzüge an dich weitergeben. Ich denke, du weißt, was ich dir damit sagen will.“ Mein Kopf ruckte auf und nieder. Lavande hatte mir beigebracht, was das bedeutete. Mit viel Liebe zum Detail.
Der Riese, der mich festhielt, beugte sich zu mir hinunter. Sein Atem streifte meinen Hals und einen Moment lang dachte ich, er würde mich erneut beißen. Stattdessen brachte er seine Lippen so nah an mein Ohr, dass es unangenehm kitzelte. „Wir fangen mit dem Mäd - “
Ich meinte, mein Trommelfell würde jeden Moment reißen, als er plötzlich wie ein Besessener in mein Ohr schrie. Ohne darauf zu achten, dass er mich damit freigab, warf er sich zur Seite, presste die Hände auf seine eigenen Ohrmuscheln, so fest, als wollte er seinen Kopf zerdrücken, und kreischte wie von Sinnen. Seinen Mitstreiter traf es noch schlimmer. Aus dem entspannten Lächeln war eine schmerzverzerrte Grimmasse geworden. Tränen rannen ihm die Wangen hinunter, während auch er versuchte, sämtliche Geräusche aus seinem Gehörgang zu verbannen. Ich vernahm nicht einen Laut, der dafür verantwortlich sein konnte. Jedoch erkannte ich sehr wohl, was die Quelle des Übels war, als ich mich aufrichtete.

Der Schlüssel klemmt noch etwas, denn das Schloss ist neu, doch nachdem ich ein wenig daran gerüttelt habe, öffnet sich die Tür. Wir betreten das kahle Wohnzimmer. Selbst die Stereoanlage, der einzige Hinweis darauf, dass hier jemand wohnt, steht erst seit einigen Stunden darin. Ein Ellenbogen wird mir unsanft in die Seite gestoßen. Der Zettel folgt der Geste auf den Fuß. „Findest du das witzig? Ich kann nicht hören, falls du das vergessen hast!“ Er hat wirklich keine Ahnung, was ich vorhabe. Umso besser. „Das werden wir sehen“, antworte ich knapp und hole die Ohrenstöpsel aus der Tasche. Es reicht ja, wenn einer von uns taub ist. Eine Stelle des nagelneuen Laminatbodens der Wohnung, in die einige Monate später Rick einziehen wird, ist mit farbigem Klebeband markiert. Hier funktioniert es am besten.
Mein Begleiter will schon wieder eine verärgerte Nachricht auf den Zettel schreiben, doch ich nehme ihm den Stift weg. „Hinlegen. Am besten auf den Bauch“, verlange ich und deute auf das Klebeband, „Beschweren kannst du dich hinterher.“ Er zögert, zieht die Stirn in Falten, zuckt mit den Achseln und tut schließlich wie geheißen, mit einem Blick der in etwa sagt: „Lasse ich dem armen Irren eben seinen Spaß.“
Ich nehme die CD aus der Jackentasche. Beethoven. Was besseres ist mir nicht eingefallen. Immerhin ist die fünfte Symphonie schön laut. Ich bin auf dem Gebiet nicht gebildet genug, um zu sagen, ob es gute Musik ist, geschweige denn eine gute Aufnahme des Stücks, doch das ist wohl auch nicht so wichtig. „In Ordnung?“, frage ich, als ich mich hinhocke und ihm das Cover vor die Nase halte. Er zeigt mir einen Vogel, kann sein Interesse aber nicht ganz verbergen, als ich die Anlage bestücke, mir mit viel Sorgfalt die Ohren zustöpsle und den Lautstärkeregler bis zum Anschlag aufdrehe. Es war nicht leicht, den Nachbarn zu erklären, dass es in diesem Zeitraum – zum zweiten Mal, denn ich musste es ja vorher ausprobieren - sehr, sehr laut werden würde, aber sie haben sich überreden lassen. Also drücke ich feierlich die Play-Taste. Kurze Stille, während die CD gelesen wird. Dann kracht das erste Motiv aus den Lautsprechern. RababaBAM, RababaBAM. Der Boden bebt unter den Paukenschlägen, jeder Ton geht direkt ins Zwerchfell. Ich weiß, dass auch die späteren leisen Töne noch als leichte Vibrationen zu spüren sein werden. Für ihn mit seinem feinen Tastsinn wahrscheinlich noch mehr als für mich, der ich es nur halbherzig getestet habe.
Die Wirkung des Lärms zeigt sich sofort. So platt wie nur irgend möglich liegt er auf dem Boden, hat sogar ein Ohr daran gedrückt, als lausche er auf die Geräusche unter der Erde. Nur die Hände sind nicht flach. Jede der Fingerspitzen berührt einzeln den Grund, nimmt jede noch so kleine Nuance in sich auf, die sich dort ertasten lässt. Der Ausdruck in seinem Gesicht ist völlig entrückt. Man müsste schon die Musik wieder ausmachen, damit er sich daran erinnert, wo er ist. Ich werde der Letzte sein, der ihm das antut.
Beantwortet das deine Frage?, denke ich zufrieden, Kannst du’s jetzt nachempfinden?

Es war verwirrend, diese konzentrierte, doch irgendwie ferne Miene jetzt ausgerechnet bei dem Rotschopf wiederzuentdecken, der mich in Tanakas Büro geohrfeigt hatte. Die Augen halb geschlossen stand er da, vielleicht zwei Meter von mir entfernt, entspannt aber aufrecht, auf der linken Schulter die Geige, in der rechten Hand den Bogen. Die Finger der Linken, auf denen er am Mittag noch herumgekaut hatte, ruhten auf den zwei dünneren, hohen Saiten, über die der Bogen beständig strich. Während ich nichts von dem Akkord hörte, musste das, was er dort spielte für meine beiden Angreifer schrecklicher sein als ein rückwärts gespielter Trauermarsch, ja vielleicht sogar noch haarsträubender als Nicks Karaokeversion von Unbreak my Heart es für Yasemin und mich gewesen war, als wir ihn einmal zum Singen überredet hatten. Auf mich hatten sie jedenfalls keinen Einfluss. Vielleicht lagen sie außerhalb meines Frequenzbereichs, waren zu hoch für mich, etwa wie der Ton einer Hundepfeife, den man ja als Mensch auch nicht hörte.
Die Misstöne zwangen die beiden Stück für Stück in die Knie, bis sie nur noch als zwei winselnde, um Gnade flehende Gestalten auf dem Boden kauerten. Inzwischen weinten sie beide, doch den Rothaarigen schien dies nicht zu berühren. Erst als zwischen den auf die Ohren gedrückten Händen Blut hindurchsickerte, setzte er endlich den Bogen ab. Neben ihm