Am Rande der Nacht

tauchte Jazz auf, die verwirrt zwischen uns hin und her schaute. Ohne eine Erklärung klappte er den zu seinen Füßen liegenden Geigenkasten auf und legte behutsam das Instrument wieder hinein, wobei er Yasemin gänzlich ignorierte, obwohl sie direkt neben ihm stand. Vielmehr richtete er seine Aufmerksamkeit auf die zitternden Wesen am Boden, neben jene er trat. Mit der Anmut eines in Zeitlupe tanzenden Balletttänzers hob er das Kinn des Eismagiers. „Willst du... uns umbringen?“, röchelte dieser. Ein feines, rotes Rinnsal sickerte aus seinem Mundwinkel, lief ihm über das Kinn, hielt sich kurz als Tropfen an dessen Rand und perlte ab. Kleine, rote Flecken bildeten sich auf seinem Sweatshirt, als sich das Schauspiel weitere Male wiederholte. Auch die Schnittwunde auf seiner Wange war von den verkrampften Fratzen, die er geschnitten hatte, wieder aufgebrochen. Plötzlich tat mir der Kerl leid.
Die geflüsterte Antwort, die der verrückte Musiker ihm gab, konnte ich nicht verstehen, denn im gleichen Moment sprach mich Jazz von der Seite an: „Was wollen die?“ Furcht ließ ihre Stimme beben, dennoch fand ich, sie beherrschte sich bewundernswert gut. Ich wollte etwas erwidern, ihr sagen, dass ich es auch nicht so genau wusste, doch die Schnalle hinderte mich daran. Wütend öffnete ich den Verschluss und zerrte mir das Ding aus dem Gesicht. Mein Mitleid war auf der Stelle vergessen. „Keine Ahnung, was er will, aber die beiden wollen nur einen Haufen Asche, den ich sowieso nicht behalten will“, erklärte ich leise, woraufhin sie den Kopf hängen ließ. Kurz harrte sie aus, dann zog sie ihre Mundwinkel angestrengt nach oben. „Na Hauptsache, du bist okay. Alles noch dran?“ Was war nur los mit ihr? Diese aufgesetzte Fröhlichkeit kannte ich von ihr gar nicht. „Ich äh... bin soweit heil, denk ich“, bestätigte ich unsicher. Sie legte den Arm um meine Schulter und stützte sich ab, sodass wir wieder wie das komisch anmutende Pärchen aussahen, das wir einmal gewesen waren. Eine riesige Japanerin mit grünen Haaren und ein zu klein geratene Ausländer, der trotzdem den Macho herauskehrte.
Unterdessen hatten der Rotschopf und der Vampir, oder was immer er war, ihre Unterhaltung beendet. Den Geigenkasten unterm Arm wandte er sich zum Gehen, während die Kreideweißen sich mühsam aufrappelten, ihre Schwingen verschwinden ließen und sich geknickt von dannen.
Flügel... Ein Stich ging durch meine Brust, nun da sie mir auffielen. Nur zweimal in meinem Leben war ich bisher richtig geflogen. Nun war es damit vorbei. Meine Flügel hatte ich nicht mehr. Sie fehlten mir, wie ich verbittert feststellten musste.
Einen Augenblick lang sahen wir ihnen alle drei nach. Jazz fröstelte in dem T-Shirt und schmiegte sich enger an mich. „Jemand wird das meinen Eltern erklären müssen“, flüsterte sie nach einer Weile abwesend. „Ich kümmere mich morgen darum. Halt sie hin, okay?“, bat ich sanft, „Du weißt doch, wenn ich etwas kann, dann lügen.“
„Warum morgen? Wo willst du hin?“ Ihr Tonfall hatte etwas Bittendes. Sie wollte nach diesem Schrecken nicht allein sein, was ich nur allzu gut verstehen konnte. Mir stand selbst der Sinn nach etwas Ruhe, um das alles zu verarbeiten. Doch bevor ich nicht Gewissheit darüber hatte, dass es Rick gut ging, war dafür keine Zeit. „Ich muss nach Rick sehen, jetzt gleich“, entschied ich, „Tut mir leid, das kann nicht warten.“ Sie nickte, wie immer verständnisvoll. „Schon gut. Ich hol deine Sachen.“
Der Rotschopf, der die ganze Zeit einfach dagestanden und zugehört hatte, kam nun zu uns herüber, suchte meinen Blick und setzte ihm ein selbstgefälliges Grinsen entgegen, das in mir den Wunsch aufkommen ließ, ihn nach Kräften zu vermöbeln. „Dann muss die Erklärung, die ich dir schulde wohl hinten anstehen.“ Der überlegene Gesichtsausdruck sagte mir deutlich, dass er darüber nicht im geringsten böse war. Doch er hatte die Rechnung ohne meine Exfreundin gemacht. „Ach, du willst was erklären?“, platzte sie heraus, „Na dann erklär’s meinen Alten.“ Schon sah der arme Kerl sich am Arm gepackt und davongeschleift. Ich folgte ihnen schadenfroh, nahm meine Sachen in Empfang und überließ den Fiedler seinem Schicksal. Dass ein wildfremder, leider verflucht gutaussehender, Kerl sich nun mit einer leicht bekleideten Jazz in der Wohnung aufhalten würde, störte mich herzlich wenig, denn er würde es sich gleich mächtig mit ihren Eltern verscherzen. Vielmehr galt meine Sorge Rick, dessen Zustand weiß Gott nicht der beste sein konnte. Auf kürzestem Wege fuhr ich nach Hause.