Am Rande der Nacht

mit Luv, wollte ich nicht genauer nachdenken. Ich war ohnehin schon aufgewühlt genug, wenn ich nur an seinen Tod und den seiner Freundin Lucia dachte. Es war mir zuwider, die Sache wieder aufzurollen, nur um über Fragen nachzugrübeln, die mir ja doch niemand beantworten konnte. Er war tot, er konnte mir nicht sagen, ob er an meine Unschuld geglaubt hatte, ob er geahnt hatte, dass jemand anders für die Morde an seiner Freundin und unseren Eltern verantwortlich war, trotz der Hinweise auf mich, die Lavande jedes Mal hinterlassen hatte. Luv war ebenfalls nicht mehr am Leben. Wo hätte ich nach den Antworten suchen sollen? Ich konzentrierte mich also auf die anderen Stimmen.
Nun da schon mal was auf dem Blatt stand, fiel mir das Sortieren leichter. Ich schrieb weiter: Jazz, Steine. - Sie hatte die Verse aus einer Gedichtesammlung zitiert, in einer ihrer seltenen romantischen Anwandlungen – Schnösel im Büro und Aufzugsgeier: Standest du NEBEN DIR? Ich war mir sicher, dass er wusste, was mit mir geschehen war, als Rick mich berührt hatte. --> ausfragen, kritzelte ich. Wenn ich den dreien - nein den beiden - die Asche bringen sollte, würden sie ihr Wissen schon mit mir teilen müssen.
Auch das Mädchen vom Morgen gehörte genau genommen zu meinen Erinnerungen, doch sie war auf eine Weise mit dem Stimmengewirr verwoben gewesen, die mir wichtig erschien. Ich eröffnete eine weitere Spalte mit der Überschrift Fremde Stimmen und notierte: Verdammt, ein Drache, denn sie hatte mit dem Neutrum zusammen gesprochen, sowie Yami existiert nicht, Unfall, Du kannst ihn haben. Dann denken sie, ich lebe noch und sind nicht so traurig und Das gehört mir. Nach kurzem Überlegen unterstrich ich Yami und Unfall.
Die letzte Spalte meiner behelfsmäßigen Tabelle widmete ich den Äußerungen von Lavande und Ronga, insbesondere Lavandes letzten Worten. Der schwarze Wolf und ich... Wir haben dich gewittert. Hatte Ronga möglicherweise vorhergesehen, dass dies geschehen würde und es ihr gesagt? Hatte sie mich deshalb bemalt und wenn ja, welchen Nutzen hatte sie davon? Ich glaubte keine Sekunde lang, dass sie es aus purer Nächstenliebe getan hatte. Irgendetwas war von Rick auf mich übergegangen worden, etwas, woran sie Interesse hatte. Nur wo hatte er es sich eingefangen? Seit heute Mittag sei ihm kalt gewesen, hatte er gesagt. War er auch in diese Schwärze gefallen? Hatte er auch kurzzeitig seine Sinne verloren, die Stimmen gehört, sich wieder nach vorne zu seinem eigentlichen Ich gekämpft? Oder war ein Teil von ihm immer noch in der Dunkelheit umhergeirrt, während ich mit ihm gesprochen hatte?
Ich schüttelte mich unwillig. Das alles ergab für mich immer noch keinen rechten Sinn, aber seitdem Lavande eine so wichtige Rolle in der Angelegenheit spielte, beunruhigte das Geschehene mich über alle Maßen. Doch ich würde hier nicht weiterkommen, bevor ich nicht etwas Schlaf bekam. Für heute war ich mit meinen Kräften am Ende. Geistig wie körperlich. Es war kaum zu glauben, dass in einen Tag so viele verwirrende Ereignisse hineingepasst hatten. Missmutig schrieb ich die Zeilen des skurrilen Kinderliedes unter meine drei Spalten,

(Du findest dich am Rande der Nacht,
Du, der dich selbst dir hast ausgedacht.)

stand auf und ging ins Bad. Ich wollte duschen, den Dreck, den Schweiß, den Ärger dieses viel zu langen Tages mit einer guten Menge kalten Wassers von mir waschen. Noch im Gehen entledigte ich mich des zerschlissenen Hemdes und schleuderte es grob in Richtung des an der Küchentheke stehenden Mülleimers. Der Zettel mit der Adresse flog aus der Brusttasche, als es in hohem Bogen durch das Wohnzimmer segelte.
Als ich im Bad aus meiner Hose stieg, die Duschkabine links, den Spiegel rechts von mir, hielt ich erschrocken inne. Ich stellte mich mit dem Rücken zu dem reflektierenden Glas und wollte meinen Augen nicht trauen, wollte nicht auf eine solche Weise gezeichnet sein. Nicht von ihr. Doch dass nur sie es gewesen sein konnte, von der das Zeichen auf meiner rechten Schulter stammte, stand spätestens in dem Moment außer Frage, als ich dessen Bedeutung erkannte. Sie hatte mir ein japanisches Schriftzeichen auf das Schulterblatt gepinselt, freundlicherweise in Spiegelschrift, sodass ich es jetzt hervorragend lesen konnte. Ich lachte schrill, als ich es entzifferte. „Ai“, stand dort, das Zeichen für Liebe. Liebe, Love, Luv. Das Wortspiel kannte ich schon. Es sah aus wie mit pechschwarzer Tinte geschrieben, dennoch wusste ich bereits in dem Augenblick, da ich mich der restlichen Kleidungsstücke entledigte und in die Dusche stieg, dass ich die Schrift nicht wegbekommen würde, es energisch und mit allen Mitteln versuchen und erfolglos dabei sein würde. Ich drehte das Wasser auf und legte die linke Hand auf meine Schulter. Dort, wo das Zeichen war, war meine Haut ungewöhnlich warm und ich spürte ein deutliches Pulsieren, allerdings nur mit der Hand, nicht mit dem Teil meines Rückens, auf den das Zeichen gemalt war.
„Das gehört mir“
„Falsch, das ist meins. Und du wirst es nicht bekommen, denn der schwarze Wolf und ich... Wir haben dich gewittert.“

Krachend schlug meine Faust gegen eine der Fliesen, so fest, dass sie Risse bekam und einige hauchfeine Scherben auf den Boden der Wanne rieselten. „Warum jetzt noch?“, presste ich hervor, erstickt von meiner eigenen Wut, „Warum kannst du mich nicht endlich in Ruhe lassen? Du hast doch bekommen, was du wolltest.“

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Erwähnte ich schon, dass ich FF-Codes hasse, ich mich ohne die Szene mit der Vase in diesem Kapitel zu Tode gelangweilt hätte und dass Kori mir an dieser Stelle furchtbar leid tut? TT___TT
Naja, Mei, ich weiß, du wirst jetzt mit meinen eigenen, gammeligen Fischen nach mir werfen und schimpfen: „Die Fragezeichen sind immer noch da!“, aber mehr kann ich nicht tun, ohne aus Koris nun mal stark limitierter (oder beschränkter, wie viele seiner Bekannten es wohl ausdrücken würden *g*) Perspektive auszubrechen. Er wird der Sache auf den Grund gehen müssen und dann kriegt ihr auch mehr raus, aber ich werd euch nicht mehr verraten, als er weiß und das ist zu diesem Zeitpunkt leider nicht viel. ^_^° Hab den armen Kerl ganz schön in den Schlamassel geritten. Und dann noch das Zeichen... Wäääh! Ich bin so fies! Ich geh mich selbst bestrafen, indem ich lerne.
Gewöhnt euch ja nicht an die schnellen Uploads. Ab morgen sind nämlich meine Semesterferien vorbei.