Am Rande der Nacht

ins Zimmer. Ich habe Mühe, mich nicht allzu sehr darüber zu erschrecken, dass ausgerechnet er der Besuch ist, den der Kleine begrüßen soll. Die Tatsache, dass wir wieder mit Spielzeug beworfen werden, macht es mir nicht unbedingt[/i] leichter.„Kisho!“, donnert Tanaka.
„Es tut mir außerordentlich leid, Herr Kodansha“, stammelt seine Frau. Kodansha heißt er also auch, nicht nur Darey. Sieh an, Ronga hat also die Firma gehört, in der ich arbeite. Der alte Wolf ist doch immer wieder für eine Überraschung gut. Ich muss lächeln und auch Ronga lacht. „Nicht doch, nicht doch. Das ist schon in Ordnung“, beschwichtigt er.
Kisho wühlt indes in einer Kiste, zerrt eine kleine Kindergeige heraus, die dem großen Exemplar, das ich noch am Abend im Wachleben gesehen habe, erstaunlich ähnlich sieht, und hält drohend den Bogen daran. „Wag es nicht, auch nur einen Schritt über die Schwelle zu machen!“, keift er Ronga an, „Komm ja nicht näher.“
„Sie müssen wirklich ent-“
„Sei still, Mama! Lasst euch nicht von ihm um den Finger wickeln! Er ist kein Mensch!“, kreischt er und zieht den Bogen über die Saite, dass das Instrument aufschreit wie eine Katze, der man auf den Schwanz getreten hat. Wir halten uns alle die Ohren zu. Nur der Taubstumme neben mir steht gelassen da und beobachtet das Schauspiel teilnahmslos, ja fast traurig darüber, dass er an dem Katzenjammer nicht teilhaben kann.
Rongas Gestalt beginnt plötzlich zusammenzusinken. Seine Fingernägel verlängern sich und seiner Kehle entweicht ein animalisches Knurren. Es ist Tag hier drinnen, obwohl es draußen Nacht ist, und seine menschliche Gestalt kostet ihn viel seiner magischen Kraft. Eigentlich ist er am Tage ein Wolf. Der schräge Ton, der einfach nicht abreißen will und in seinen empfindlichen Ohren einem Kanonenschuss gleichkommen muss, macht es ihm unmöglich, den Schein aufrecht zu erhalten. Ich kann sehen, wie sein Oberkörper nach einer gebückten Haltung strebt, wie alles an ihm wieder auf vier Beinen gehen will. „Gavan“, knurrt er jedoch mit letzter Kraft und der Junge erstarrt. Ebenso seine Eltern. Die Stille, die einkehrt, jetzt wo der Kleine nicht mehr mit dem Bogen über die Saiten streichen kann, ist geradezu paradiesisch.
Mein alter Mentor legt zwei Finger an je eine Schläfe des Elternpaares, murmelt ein paar Worte, schiebt uns dann aus dem Raum und schließt die Tür mit einem lauten Knall. Sie zerspringt in tausend Teile. Um uns herum breitet sich eine Wolke aus Staub und splitterndem Holz aus, sodass wir unsere Gesichter schützen müssen. Das Feuer in der Hand des Taubstummen erlischt. „Ronga!“, rufe ich, „Was war das?! Ronga! Was macht der in meinen Erinnerungen?!“
Die Flamme flackert wieder auf, als mein Begleiter erneut Wasser in seiner Hand sammelt. Mein Lehrer jedoch ist fort und mit ihm ist auch die Tür verschwunden. Wir starren auf ein glattes, weißes Rechteck, das sich von der schimmligen Wand ringsherum abhebt.
„Lass uns hier verschwinden. Ich will hier raus. Je schneller wir den Ausgang finden, desto besser“, bittet mein Begleiter furchtsam. Ich bin ganz seiner Meinung.
Wir steigen die Treppe hinab, immer tiefer hinein in die Dunkelheit, ohne eine weitere Tür zu öffnen. Irgendwoher weiß ich, dass wir viel weiter hinunter müssen, um zum Ausgang zu gelangen. Es kommt mir vor, als gingen wir Stunden.
Nach und nach beginnt sich unsere Umgebung zu verändern. Das Geländer hat weniger Lücken. Die Trittfläche ist nicht mehr so morsch. Hier und da schimmert an den Türen ein Rest frischer Farbe durch. Wir sind bald da, das spüre ich deutlich. Warum nur macht mir der Gedanke Angst?
Das Feuer fängt plötzlich an zu flackern. Löst sich von dem Teich in der Handfläche und fliegt einfach davon. Er greift noch danach, erwischt es aber nicht mehr. „Verdammt“, flucht er mit Marcos Stimme. „Dann müssen wir wohl im Dunkeln weiter.“
„Nicht unbedingt“, murmle ich, speie mir eine Fackel aus eigener Produktion in die Hand und grinse. „Ich kann den Trick auch.“
„Mit dem Feuer können wir die Türen nicht sehen“, wendet er betrübt ein.
Er hat recht. Die Wände sind plötzlich glatt und leer, nicht mal mehr schimmelig. Ich mache die Flamme wieder aus. „Und jetzt?“, frage ich.
„Wir könnten es mit dieser Tür hier versuchen“, schlägt er vor und klopft auf Holz, „Das war die letzte, die ich gesehen habe.“ Warum auch nicht. Ich öffne sie und staune nicht schlecht, als wir einen altvertrauten Laden betreten, in dem es Nudelsuppen gibt. Mein Begleiter nimmt ein weißes Hemd von der Garderobe und reicht es mir, damit ich meinen Oberkörper bedecken kann. Mir erscheint das völlig logisch. Alles hier macht so unglaublich viel Sinn, wirkt so nah, so echt, dass ich das Gefühl habe, gerade aufgewacht zu sein und wieder durch mein richtiges Leben zu wandeln. Beide wissen wir genau, an welchen Tisch wir uns setzen werden. Auf meinem Stuhl liegt meine Tüte mit dem gestohlenen Wörterbuch.
Wir reden. Es ist wie Theaterspielen. Wir haben den Text schon auswendig gelernt, spielen unsere Rollen bis zur Perfektion. Er schreibt die Rechnung unseres Vorgängers voll, als er mich durch die Speisekarte lotst. Ich frage ihn, warum er nicht einfach wo er geht und steht einen Block mitnimmt, statt immer
darauf zu hoffen, irgendwo Papier und Stift [i]zu finden. Er lacht, greift in seine Jackentasche und zieht ein zerknülltes, mit unappetitlichen Tee- und Essensflecken übersätes Knäuel heraus, das in seinem früheren Leben mal ein Notizblock gewesen ist. „Ich bin hoffnungslos tollpatschig. Wenn ich meine Blöcke nicht misshandle, verliere ich sie“, schreibt er auf die Rechnung, die damit entgültig keinen weiteren Buchstaben mehr aufnehmen kann. Er sieht sich auf den Nachbartischen nach einer neuen Schreibgelegenheit um, während ich das Wörterbuch auf den Tisch wuchte, es aufklappe und ihm vor die Nase schiebe. Die Innenseite des Einbands ist leer. Die perfekte Schreibunterlage. „Sicher?“, fragt sein Mienenspiel. „Das ist ein Buch für Wörter zum schreiben, oder?“, stottere ich zusammen und nicke ihm aufmunternd zu. „Warum hast du ein Buch über Musik gekauft?“, frage ich bei der Gelegenheit. „Komponisten“, verbessert er sich, indem er das japanische Wort und die englische Übersetzung in das Buch schreibt, „Ich möchte wissen, warum sie Musik geschrieben haben. Vielleicht finde ich dann heraus, warum so viele Leute Musik hören und das fast immer und überall.“ Er mustert mich, als warte er auf einen Angriff.
Ich überlege. Ja, warum eigentlich? „Vielleicht, weil wir damit was Kontakt aufnehmen“, antworte ich, was bedeuten soll, dass wir etwas damit verbinden. „Memories oder einfach ein Gefühl.“ Seine Mandelaugen werden so groß, dass er einen Moment lang fast wie ein Europäer aussieht. „Du bist der Erste, der mich dafür nicht auslacht“, schreibt er. Dann kritzelt er noch etwas darunter, von dem ich nicht alles lesen kann, weil es zu viele unbekannte Wörter enthält. Als ich ihn bitte, es zu übersetzen oder zu erklären, schreibt er, ich solle es selbst tun, wenn mein Japanisch besser geworden ist.
Die Tatsache, dass er annimmt ich könne diese verteufelte Sprache lernen, lässt mich in schallendes Gelächter ausbrechen. Ich greife nach der weißen Tischdecke, ziehe sie mir, immer noch kichernd, über den Kopf und lege mich darunter schlafen. Die Szene kippt auf die Seite. Leute laufen von oben nach unten und von unten nach oben durch mein Sichtfeld, an Tischen wird seitwärts gegessen und die Suppe tropft der Zimmerdecke entgegen. Das Bild rückt immer weiter in die Ferne und ich falle auf mein Bett.
Neben mir liegt mein taubstummer Freund und schläft friedlich. Ich fühle mich, als hätte ich eine ganze Nacht tief und fest geschlafen. Lächelnd lasse ich mich in die Kissen fallen, lege entspannt meinen Arm um seinen Bauch und gehe mit der Hand den untersten, vom Brustbein zusammengehaltenen Rippenbogen entlang, weil ich weiß, wie herrlich kitzelig er dort ist. Ich greife in etwas Nasses.
Ich schrecke auf, sitze von einer Sekunde auf die andere aufrecht im Bett. Die Hand vor meinen Augen trieft dunkelrot. Erst jetzt fällt mir die Blutspur auf, die unter unserer weißen Decke hervorbricht. Ein etwa handbreiter, roter Graben, der durch das endlos lange Zimmer führt, das vorhin noch meines war. In etwa sieben Metern Entfernung sitzt Lavande auf einem Stuhl. Die Blutspur endet zu ihren Füßen. Hinter ihr steht Ronga, die Arme um ihre Schultern geschlungen.
„Ich möchte zu Protokoll geben, dass ich ihn nicht umgebracht habe“, verkündet sie trotzig.
„Natürlich nicht“, lacht Ronga und streicht ihr zärtlich durch das goldene Haar. „Das war er.“
„Das ist nicht wahr!“, kreische ich hysterisch, „Du warst es! Ich hätte mir denken können, dass du ihn dir holst. Die anderen hast du schließlich auch...!“ Meine Stimme ertrinkt. Ich muss abbrechen, weil ich heule, wie ein Schlosshund. Die beiden schütteln unbarmherzig den Kopf, synchron wie zwei aufgezogene Spielzeugroboter. „Nein, nein, mein Bester. Dieses Mal war ich’s nicht.“, beharrt Luv, „Das mit seinem Herzen warst ganz allein du. Dieses Mal brauche ich dich nicht zu manipulieren. Aber keine Sorge, ich gehe auch nicht mit weißer Weste.“
Ronga gibt ein angewidertes Glucksen von sich, wendet sich von ihr ab und geht nach hinten davon. Seine Gemahlin kommt, den Rücken zu ihm, auf mich zu. „Bleib wo du bist!“, brülle ich. Sie lacht schrill und beschleunigt ihre Schritte.
Plötzlich höre ich Geigenspiel direkt in meinem linken Ohr. „Shhht, nicht weinen. Ist nur ein Alptraum. Wach auf“, flüstert eine Männerstimme in das andere. Dann höre ich die Musik in Stereo.
Als ich aufwache, hält jemand mein Gesicht in seinen Händen und in meinen Ohren stecken Kopfhörer. „Denk lieber an was