Am Rande der Nacht
Musik in meinen Ohren
Er hatte die noch tiefstehende Morgensonne im Rücken, die durch die geöffneten Vorhänge hereinschien, doch ich erkannte ihn auch gegen das Licht als den Verrückten aus Tanakas Büro. Seine Finger strichen mir behutsam die Tränen von den Wangen. Normalerweise hätte er dafür ein paar Zähne verloren, doch statt meine Faust in sein Gesicht zu pflanzen, lächelte ich ihm nur entrückt entgegen.
Wenn ich jemals etwas Schöneres gehört hatte, als das, was gerade aus den Kopfhörern an meine Trommelfelle drang, konnte ich nicht sagen, wann das gewesen sein sollte. Ich war wie hypnotisiert, wollte nichts anderes mehr als diesen Klängen zu lauschen, die alles, was mich bis eben belastet hatte, winzig klein und unbedeutend machten.
Mein Gast nickte zufrieden, rollte mich von der Seite auf den Rücken, ohne dass ich mich im geringsten dagegen gewehrt hätte, und musterte mich prüfend. Es störte mich nicht, dass er, als ein Wildfremder, mir die flache Hand auf die Brust legte, obwohl ich sonst nichts mehr hasste, als von mir unbekannten Menschen einfach angegrapscht zu werden. Sollte er schalten und walten, wie er wollte. Er hatte mir diese Töne geschenkt. Solang er sie mir nicht wegnahm, konnte er gern tun, wonach ihm der Sinn stand.
Konzentriert schloss er die Augen und blieb eine ganze Weile reglos neben meinem Bett in der Hocke sitzen. Seine Lippen bewegten sich, doch ich hörte ihn nicht, die Musik war zu laut und viel zu eindringlich. Mehr nebenbei bemerkte ich das leichte, pulsierende Brennen in meiner rechten Schulter, genau dort, wo Lavande ihre Signatur auf mir hinterlassen hatte. Ai. War es das, was sie damals geschrieben hatte, als ich bei ihr war? Ich hatte davon geträumt, bevor Nick aufgetaucht war. Wenn der Taubstumme echt war – und dass er es war, dessen war ich mir jetzt sicher – war dann auch diese Vision eine echte Erinnerung gewesen?
Der Rotschopf schien die Veränderung in der Schultergegend deutlich zu spüren. Er nahm seine Hand von meinem Brustbein, drückte sachte, fast zärtlich, die Ohrstöpsel zurecht, platzierte dann den MP3-Player etwas abseits, an den sie angeschlossen waren, drehte mich auf den Bauch und schob mein T-Shirt hoch. Für gewöhnlich schlief ich nur in Shorts, doch nach der Entdeckung des Zeichens hatte ich beschlossen, dass es gut sei, es zu verstecken. Vor Rick, vor nächtlichen Besuchern, vor mir selbst.
Das Brennen und Pochen wurde stärker, als er seine Hand auf die bemalte Stelle legte. Ich ließ ihn dennoch, war einfach zu benebelt, um zu reagieren. Abwesend vergrub ich den Kopf in meinem Kissen, immer noch debil grinsend. Nach wenigen Sekunden nahm er die Hand wieder von meiner Schulter, setzte sich neben mich auf die Bettkante und rührte sich nicht. Irgendetwas beschäftigte ihn wohl.
Ich wurde unruhig. Wollte er seine Musik etwa wieder mitnehmen? Dachte er womöglich darüber nach, wie er mir die Kopfhörer am schnellsten aus den Ohren ziehen konnte? Misstrauisch drehte ich mein Gesicht zu ihm, versuchte in seinem Blick zu lesen, doch ich hatte zu lang gezögert. Er war schon zu einem Entschluss gekommen.
Gelassen stand er auf und verschwand aus meinem Zimmer, wobei er die Tür offen stehen ließ. Ich sah ihm nach. Was er wohl in meiner Wohnung wollte? Vielleicht suchte er ja die Asche? Er konnte sie gern haben. Ich brauchte sie nicht, brauchte gar nichts mehr, war wunschlos glücklich. Völlig von den Klängen hingerissen, fand ich es nicht einmal bedenklich, dass er mit einem Knäuel Paketschnur zurückkam und mich in aller Seelenruhe damit am Bett festband.
Umso schmerzhafter war es, als ich endlich begriff. Er legte beide Hände auf das gemalte Zeichen und plötzlich glaubte ich, mir würde der Arm abgerissen. Ich schrie auf vor Schmerz, überbrüllte alle anderen Geräusche um mich herum, zerrte an meinen Fesseln wie ein Besessener. Ihn interessierte es nicht. Wütend schüttelte ich mir die Stöpsel aus den Ohren. „Rick!“, rief ich und wie auf ein Stichwort nahm er die Hände wieder von meinem Rücken. Augenblicklich ließ der Schmerz nach.
Mit stoischer Ruhe sammelte er seine Elektronik ein und hockte sich dann neben mein Bett, um mir ins Gesicht sehen zu können. „Sinnlos nach ihm zu rufen“, informierte er mich mit seinem schiefen Lächeln und schwenkte mein Schlüsselbund vor meiner Nase hin und her, dass es leise klimperte. „Bis er seine Zimmertür aufgekriegt hat, bin ich schon weg. Ich wollte mich nur schnell bei dir entschuldigen.“
„Was, wirklich?“, blaffte ich, „Wofür? Dafür, dass du mich an mein Bett fesselst, dafür, dass du ungefragt an mir rumfummelst, oder vielleicht dafür, dass du mir halb den Arm ausreißt?!“
„Für die Ohrfeige“, versetzte er trocken. Die Sanftheit, mit der er mich eben noch aus meinem Alptraum geholt hatte, hatte sich bis auf’s Letzte verflüchtigt. Seine Worte waren so schneidend, dass ich fast sehen konnte, wie sie die Luft zerteilten. „Ich dachte, du wärst... nun... besessen kommt dem wohl am nächsten. Aber du wusstest dich zu wehren, wie ich sehe.“ In seinen Augen blitzte es gefährlich. „Eine interessante Tätowierung hast du da.“
„Nicht halb so interessant, wie dein MP3-Player“, zischte ich und erschrak, als ich feststellte, dass ich, obwohl ich nun um ihre gefährliche Wirkung wusste, gern weiter die Musik aus dem kleinen Gerät gehört hätte.
„Am Rande der Nacht“, murmelte er und stand auf. Ich starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Hatte ich da gerade richtig gehört?
„Schau nicht so. Du wolltest wissen, wie das Stück heißt“, erklärte er ruhig, während er scheinbar ziellos durch mein Zimmer streunte. „Bist schon ein reichlich merkwürdiger Kerl...“
Mein Schreibtisch schien ihn besonders zu interessieren. Er begann, die Sachen durchzusehen, die ich am Abend aus meinem Rucksack gekippt und dort liegengelassen hatte.
„Gleichfalls“, feixte ich zurück. „Klick-klick-klick-Piep!“ Er lachte, allerdings völlig humorlos.
„Ach das“, sinnierte er gelangweilt, „Mein Vater will, dass ich die Firma übernehme. Darum die ‚Computerphobie’.“ Gemächlich ging er meine Aufzeichnungen vom Abend durch. „Yami existiert nicht“, zitierte er tonlos aus meiner Tabelle. „Nicht mehr...“, fügte er hinzu. Dann plötzlich erhellte sich sein Gesicht und er drehte sich zu mir herum, in der Hand den Dolch, den ich von Eliphas bekommen hatte. Das halbe Auge des Orion, das ebenfalls irgendwo auf dem Schreibtisch liegen musste, hatte er entweder nicht gefunden, oder es war für ihn nicht von Interesse.
„Damit sollte es gehen“, verkündete er fröhlich, war mit einem Satz auf meinem Bett und machte es sich auf meinem Rücken bequem. Ich zerrte erneut an meinen Fesseln.
„Nicht doch, nicht doch“, lachte er. „Ich weiß, das sieht hier etwas missverständlich aus, aber ich bin kein Perverser.“ Langsam fuhr er mit der Klinge meine Wirbelsäule hinauf, ohne jedoch genug Druck auszuüben, um mir damit wehzutun. „Zumindest glaube ich das“, setzte er nach, als er den Dolch unter mein hochgeschobenes T-Shirt hakte und es mit einem Ruck in zwei Hälften teilte.
So fühlt sich die Hölle an, Kleiner, kicherte Lavande irgendwo in meinem Hinterkopf.
Mein Verstand setzte aus. Die Angst rollte über mich hinweg wie eine Lawine und begrub jeden klaren Gedanken unter sich. Mein Herz raste. Panisch schnappte ich nach Luft, wie ein Fisch auf dem Trockenen. Eine Hitzewelle ging durch meinen Rücken und ich spürte, wie die Überreste, meiner abgeschlagenen Flügel daraus hervorschossen. Mir wurde warm. Unglaublich warm. Ich ließ mich fallen, hinein in diese Wärme, während alles um mich herum im Zeitraffer zu geschehen schien.
Auf meinem Schreibtisch begann das Auge des Orion grell zu leuchten. Ich hörte den Jungen über mir schrill aufschreien und gleich darauf abrupt verstummen.
(Diese Wärme, diese wunderbare Wärme...)
Sein Gewicht wurde von meinem Rücken genommen, ja geradezu von mir heruntergeworfen.
(Ich bin in Sicherheit. Zumindest für diesen einen Moment kann mir niemand mehr auch nur das Geringste anhaben. Nicht mal...)
„Kori!“, kreischte Rick hysterisch. Er klang fern, als spräche er in einen endlos langen Tunnel hinein. Wie kam er überhaupt hier her? „Kori, hör auf um Gottes Willen! Du bringst ihn um, wenn du weitermachst! Es wird nicht ausgehen, wenn du nicht aufhörst! KORI!“
Ein beißender Geruch stieg mir in die Nase und von einer Sekunde auf die andere hatte die Wärme, die mich umhüllte nichts Wohliges mehr. Ich erkannte sie als mein Feuer. Erkannte den Geruch als den Gestank von verbranntem Fleisch. Ich stand in Flammen und der Geigenspieler ebenso. Aufrecht saß ich in meinem Bett, völlig unversehrt. Die Schnüre waren längst verbrannt. Ohne darauf zu achten, was mit seinen Armen geschehen würde, hatte Rick mich gepackt und schüttelte mich unablässig. „Kori!“, rief er noch einmal und tatsächlich hörte ich wieder auf, zu brennen. Die Flügelansätze verschwanden wieder. Auch das grüne Leuchten hinter mir verglomm und mit ihm jede der Flammen, die sonst irgendwo brannten. Nein, nicht irgendwo. Verdutzt stellte ich fest, dass es nur Tanakas Sohn war, der Feuer gefangen hatte. Selbst Rick, der mich doch eben noch berührt hatte, war unverletzt.
Ganz anders mein ungebetener Gast. Die untere Hälfte seines Körpers war nicht mehr zu erkennen. In seinen Augen standen Tränen. Die Art, wie er mit ihnen zu mir hinaufschaute, ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Er wollte schreien, das sah ich, doch selbst dafür waren die Schmerzen zu groß. Der Anblick ging mir durch Mark und Bein. „Hilf mir, schnell!“, riss mich Ricks Stimme aus der Erstarrung. Er hatte sich neben den jungen Mann gekniet und die Hände auf eines seiner Beine gelegt. „Nimm du sein anderes und dann sprich mir nach!“, instruierte er mich.
Eilig ließ ich