Am Rande der Nacht

Betrug

So, Mei, bevor du mich nun ganz in der Luft zerreißt, hier also das nächste Kapitel *hust* Sorry für die Verwirrung. Ich hoffe, sie legt sich wenigstens ein Bisschen, obwohl der Aha-Effekt wohl ausbleiben wird… Myaa *sich klein macht*

„Irgendetwas ist hier faul“, ging es Nick auf, als ich das Motorrad anhielt und ihn anwies, abzusteigen. Ich hatte von einem Café gesprochen, doch nun standen wir inmitten eines Privatgeländes, dessen Zentrum ein traditionell japanisch gebautes Haus bildete, das mich ein wenig an das von Ronga erinnerte. Ich verglich die Adresse auf dem Zettel mit dem angezeigten Punkt auf dem Navigationssystem, welches ich in einem stoßsicheren Gestänge am Lenker meines Motorrades angebracht hatte. Stoßsicher deshalb, weil ich wusste, wie ich fuhr.
„Ich hab das doch richtig gelesen, oder?“, fragte ich Nick und gab ihm den Zettel. Japanische Adressen waren mir nach wie vor ein Gräuel, obwohl ich nun schon eine ganze Weile in Tokyo lebte.
Er nickte und wurde noch ein wenig misstrauischer. „Da drin soll n Café sein? Ich rieche weder Tee noch Kaffee.“ Er machte Anstalten, wieder auf das Motorrad zu steigen.
„Du hättest wissen müssen, dass ich Hintergedanken habe“, ließ ich die Katze aus dem Sack und schubste ihn vom Sattel, damit ich endlich absteigen konnte. „Hab ich je etwas für dich getan, ohne dass ich was dafür bekommen hätte?“
Es amüsierte mich, dass er sich tatsächlich die Mühe machte, einen Moment lang darüber nachzudenken. „Nein“, kam er schließlich zum erwarteten Ergebnis, „aber... Du hattest dich doch gerade erst bei Rick entschuldigt!“
„Und?“
Ich zog den Zündschlüssel ab, zupfte das Navigationssystem aus dem Gestell und machte mich auf den Weg zum Haupthaus. Der aufgeschüttete Kiesweg, der in leichten Kurven zum Gebäude führte, ließ jeden meiner Schritte knirschen. Nick folgte mir, wie ich zufrieden feststellte.
„Na, ich hätte nicht gedacht, dass du dich erst bei deinem Freund entschuldigst und dann im selben Atemzug den nächsten verarscht!“
Ich lachte schallend. „Also erstens sind wir keine Freunde und zweitens: Nick, wie lange kennst du mich jetzt?“
„Keine Ahnung, so zwei Monate, schätz ich.“
„Und dann bist du immer noch so gutgläubig! Du bist wirklich zu bemitleiden. Ich könnte dir wahrscheinlich n Stock in die Hand geben und die würdest ihn essen, wenn ich dir sagen würde, er sei eine Salzstange.“
„Ich bin vielleicht vertrauensselig,

(naiv, dachte ich, innerlich lächelnd)

aber ganz bestimmt nicht blind!“
„Eine Behinderung reicht ja auch“, erwiderte ich sachlich und dachte unwillkürlich an Nicolai. Wenn das hier ausgestanden war, würde ich Nick diesbezüglich fragen. Vielleicht auch erst, wenn ich etwas mehr über mein Verhältnis zu ihm wusste. Irgendwie war mir nicht ganz wohl bei dem Gedanken daran, dass ich mich mit jemandem so gut verstanden hatte, der womöglich aus demselben Holz geschnitzt war wie diese Nervensäge.
„Wo sind wir hier überhaupt?!“, funkelte eben jener Plagegeist mich an, als ihm wieder einfiel, dass ich ihn ins Nirgendwo kutschiert hatte. „Und warum schleppst du mich hierher? Irgendwas willst du doch von mir, sonst würdest du mich nicht freiwillig irgendwo hinfahren…“
„Endlich verstehst du, wie ich denke“, sagte ich liebevoll, „Ich hatte eigentlich einen Plan, für den ich dich brauchte, aber…“
Jener hatte sich in dem Moment in Luft aufgelöst, da ich das Haus gesehen hatte. Zusammen mit meinem Ärger, der mich auf die Schnapsidee gebracht hatte, so unvorbereitet herzukommen.
Ich hatte gleiche Verhältnisse schaffen wollen, zwei gegen zwei, in der Hoffnung, die beiden Tränensucher soweit einschüchtern zu können, dass sie uns die Asche überließen. Ein Haus in dieser Größe beherbergte jedoch zweifellos mehr als nur zwei der Blutsauger. Und als hätten diese nur auf ihr Stichwort gewartet, sah ich zwei von ihnen aus den Augenwinkeln an uns vorbei durch den großen Garten huschen.
„Du kannst zurückgehen, wenn du willst“, bot ich Nick unruhig an, während mir das Herz in die Hose rutschte. „Ich leih dir sogar das Motorrad.“ Konnten wir überhaupt noch umkehren, jetzt wo man uns gesehen hatte?
Nun, vielleicht, aber dazu war ich nicht hergekommen. Ich hatte nicht vor, ohne ein paar Antworten nach Hause zu fahren. Es musste einen Grund dafür geben, dass sie die Asche so dringend brauchten. Einen, der vielleicht eher dafür sprach, sie ihnen nicht zu geben, wenn man Ricks Verhalten bedachte. Wenn sie die Überreste des Mädchens haben wollten, würden sie mir verraten müssen, warum.
„Da drin dürfte es von… äh… Vampiren oder Dämonen oder was auch immer nur so wimmeln“, fuhr ich fort, „und ich bin kein guter Diplomat.“
Ruckartig blieb er stehen. „Vampire oder Dämonen?“, fragte er plötzlich mit einem Ernst in der Stimme, den ich bei ihm noch nie gehört hatte.
„Ist das wichtig?“, fragte ich verdutzt und widerstand im letzten Moment der Versuchung, mich nach ihm umzudrehen.
„Für dich nicht“, schnaubte er überraschend aufgebracht, „Aber Vampire können mein Blut trinken! Ich geh nach Hause. Und das solltest du auch tun, sonst teilen sie sich dein Blut vielleicht ein! Ich hab gehört, n Liter Drachenblut verkauft sich auch ziemlich gut!“
Wutentbrannt machte er auf dem Absatz kehrt und stampfte zum Motorrad. „Wir sehn uns dann später!“, flötete ich und ging weiter.
„Ganz bestimmt nicht, wenn du da reingehst!“, fauchte er, blieb stehen und schaute, ob ich endlich nachgeben und ihm folgen würde.
Ich ignorierte ihn einfach, lauschte auf seine knirschenden Schritte und auf meine, die mich in entgegengesetzter Richtung vorantrugen, bis ich die Veranda des Holzhauses erreichte. Dort wartete ich, horchte auf die Geräusche auf der anderen Seite der papierbespannten Schiebetüren. Nichts war zu hören und dennoch war ich mir hundertprozentig sicher, dass wir drinnen gebührend empfangen werden würden. Ruhig blieb ich stehen. Lange konnte es nicht dauern, bis er kam. Im Geiste begann ich, bis 10 zu zählen.
Weiter als bis zur Vier kam ich nicht, da vernahm ich auch schon Nicks stolpernde Schritte auf dem Kies. „Schon zurück?“, grinste ich schadenfroh. Dieser Kerl war wirklich so berechenbar wie das kleine Einmaleins. Hatte ich mich deshalb dazu entschlossen, ihn mitzunehmen? Oder weil ich einfach nicht an ihm hing und somit seinen Verlust ohne weiteres verschmerzen konnte?
„Das hast du gewusst!“, zeterte er, „Du hast gewusst, dass ich den Schlüssel vergessen würd-aah!“
In einer einzigen fließenden – wenn auch alles andere als eleganten - Bewegung hatte ich Nick gepackt, die Schiebetür aufgerissen und uns beide hindurchbefördert. „Bevor ihr jetzt auf dumme Gedanken kommt… Die Asche habe ich dabei, aber ihr bekommt sie bestimmt nicht, wenn ihr mich zur Begrüßung anzapft!“, donnerte ich und hielt Nick den Mund zu, damit er mich nicht aus Versehen verriet. „Darum habe war ich so frei, mir zur Sicherheit einen Teleporter mitzubringen. Wohlgemerkt einen, der die Alte Sprache spricht. Betet lieber darum, dass ich meine Hand nicht von seinem Mund nehme!“
Nick riss die Augen auf. Einen Moment lang fürchtete ich, er würde meinen Bluff zunichte machen und einfach anfangen, vor Angst zu zittern. Doch er blieb stocksteif in meiner unsanften Umarmung stehen und starrte in den Kreis aus etwa dreißig blassen Gesichtern, in dessen Mitte wir uns befanden. Ich hörte mein Herz rasen, war jedoch äußerlich genauso ruhig wie immer, während ich zielsicher den Blick des Eismagiers suchte, der sich in der Menge befand, zur Linken flankiert von dem vorlauten Riesen, den ich im Aufzug hatte kennen lernen dürfen.
„Und du glaubst, die Kleine dort wird dir helfen?“, spöttelte der Handlanger und unterzog Nick einer abschätzigen Musterung. Selbiger war durch die Bemerkung wie verwandelt. Die Fäuste geballt, versuchte er, sich aus meinem Griff zu lösen „Hh-hmmm hm hmm-hmm!“, machte er böse hinter meiner vorgehaltenen Hand.
„Er sagt, er ist kein Mädchen“, übersetzte ich freundlicherweise, „Und er kann durchaus nützlich sein. Ihr müsst wissen, er bewegt magische Gegenstände. Gern auch über weite Strecken. Dummerweise ist der arme Kerl ziemlich tollpatschig und verliert gelegentlich auch mal was…“
Nick gab ein ärgerliches Brummen von sich. „Ganz besonders schlimm ist es übrigens, wenn er gereizt ist. Da geht bei ihm ne Menge schief“, fügte ich grinsend hinzu und achtete nicht darauf, dass Nick mir für diese Bemerkung in die Hand biss.
Die Wangenknochen des vorlauten Riesen traten hervor, so heftig musste er an sich halten und die Zähne zusammenbeißen. Ich konnte ihm ansehen, dass er mir am liebsten eigenhändig den Hals umgedreht hätte. Der Eismagier sah ihn warnend an und er beruhigte sich wieder ein wenig. „Du sagst die Wahrheit, ich kann die Asche fühlen“, erörterte er mir. Mit einem Mal hatte ich alle Mühe, meine Fassung zu wahren. Krampfhaft hielt ich Nicks Kopf nach vorn gerichtet, als er gegen meine Hand drückte. Er wollte nach dem Rucksack auf meinem Rücken schauen. Genau danach war mir auch, doch ich blieb still.
„Aber warum machst du es dir so schwer? Du könntest sie uns einfach geben und ihr beide ginget unbeschadet von dannen. Stattdessen diese Showeinlage. Was willst du?“
„Wissen warum“, sagte ich entschieden, „Was ist an dem Zeug dran, dass es so wichtig für euch ist?“
Er kniff die Augen zu Schlitzen zusammen und verzog verächtlich das Gesicht. „Du hast wohl ein wenig zu lange unter den richtigen Menschen gelebt, neugierig wie du bist“, stellte er fest. Sein Tonfall war so mitleidig, dass ich unwillkürlich die Hand fester auf Nicks Mund presste. „Hm!“, protestierte er gegen die unsanfte Behandlung und verriet so, dass ich nicht ganz so