Am Rande der Nacht
Schutzengel...
Es war, als wäre die Zeit stehen geblieben. Niemand rührte sich, alle Blicke ruhten auf dem Ohnmächtigen zu meinen Füßen, während meine Schulter geradezu in Flammen aufgegangen zu sein schien. Wir taxierten uns. Der Ring aus Tränensuchern um mich herum und ich, das Beutetier in seiner Mitte. Ich wagte nicht, auch nur einen Finger zu rühren, aus Angst, sie würden dann geschlossen auf uns losstürzen. Fragen, Fluchtpläne, Todesvisionen, alles jagte gleichzeitig durch meinen Kopf und ließ mich keinen klaren Gedanken fassen.
Der Eismagier gab seinem übergroßen Handlanger ein Zeichen und dieser trat seelenruhig auf mich zu, gefolgt von Dutzenden Augenpaaren. „Wehr dich nicht“, riet mir der Junge, der offenbar die ganze Meute unter seiner Kontrolle hatte. „Du kannst immer noch ungeschoren aus dieser Sache herauskommen. Alles, was du tun musst ist, uns deinen Freund zu überlassen.“
Ein Kloß bildete sich in meinem Hals. Ihnen Nick lassen? Ich zögerte. Was würde mit ihm geschehen, wenn ich ihn hierließ? Auf irgendeine Weise war er nützlich für sie. Beinhaltete dieser Nutzen, dass er lebendig blieb? Selbst wenn ja, war dies keine Garantie dafür, dass sie ihm nichts antun würden. Ich dachte an seine plötzliche Ernsthaftigkeit, als wir das Grundstück betreten hatten. Aber Vampire können mein Blut trinken, das waren seine Worte gewesen und sie brannten sich mahnend in mein Gedächtnis. Andererseits, was interessierte mich das Schicksal dieses Vollidioten? Hätte ich nicht alles gegeben, um ihn loszuwerden? Hier war die Chance. Warum ergriff ich sie nicht?
Der Riese beugte sich zu der leichenblassen Bohnenstange herunter, die da zu meinen Füßen lag. „Warte“, forderte ich barsch, als er die Hand nach Nick ausstreckte, um ihn von mir wegzuziehen. „Was passiert mit ihm, wenn ich ihn euch gebe?“
Der Eismagier lächelte, als hätte er meine Frage kommen sehen. „Wenn du Interesse daran hast, ist es für dich eigentlich schon zu spät. Willst du dich wirklich für jemanden opfern, den du sowieso nicht retten kannst?“
„Hör auf zu schwafeln und beantworte mir meine Frage“, erwiderte ich und ärgerte mich maßlos über den aufgebrachten Ton, der in meiner Stimme mitschwang.
„Er wird sterben. Ich erspare dir die Details“, erwiderte er gelangweilt. Wie auf ein Stichwort packte der Riese Nick bei den Schultern und richtete ihn halb auf. Im selben Moment fällte ich eine Entscheidung und zielsicher wie ich in diesen Dingen war, wählte ich den Weg, der mir die meisten Schwierigkeiten machen würde.
Ich blies mir eine Flamme in die Hand und hielt sie dem Untergebenen direkt vors Gesicht. „Erinnerst du dich noch dran, wie sich das anfühlt?“, fragte ich ihn charmant. Die Grimmasse, die über seine Züge huschte, verriet mir, dass er sich sehr gut erinnerte. Ein pulsierendes, auf meinen Arm ausstrahlendes Brennen erinnerte derweil mich daran, dass ich immer noch die Markierung auf der Schulter hatte. Wenn dieses verdammte Ding doch nur nicht so wehtun würde!
„Gut, du hast dich entschieden“, konstatierte der Eismagier, „Bedient euch.“
Ich schrie auf, als sich mir von hinten ein Paar Eckzähne in den Hals grub. Blitzschnell hatten sie Nick und mich getrennt. Nie hatte ich menschliche Wesen gesehen, die sich mit solch einer Geschwindigkeit bewegen konnten. Ich fiel nach hinten, schlug ausgerechnet mit der gebrandmarkten Schulter auf und spürte meinen rechten Arm nicht mehr. Mit dem linken schlug ich um mich, trat zugleich nach allen Seiten aus, wand mich unter den Händen, die mich unten hielten und versuchte, den krallenartigen Nägeln an ihren Fingerspitzen auszuweichen. Warmes Blut lief meinen Nacken hinunter und ich sah, wie sich in einigen der Gesichter über mir eine gewisse Entrücktheit breit machte. Eines von ihnen kam mir entgegen, um mich ebenfalls anzuzapfen. Ich schlug meine Faust mitten hinein, nur um von zwei weiteren Tränensuchern gebissen zu werden.
Mir wurde schwindelig. Hitze raste in Wellen durch meinen Körper, ich wartete sehnsüchtig auf die Panik, die den Reflex auslösen würde, der mich brennen ließ, doch anstatt dass sie mich übermannte, beobachtete mein Verstand all dies mit stoischen Gelassenheit von jemandem, der es wusste, wenn etwas unvermeidlich war. Gleichzeitig atmete ich schnappend wie ein Fisch auf dem Trocknen, unfähig, auch nur eine einzige Flamme von mir zu geben. Jeder Herzschlag donnerte in meinen Ohren und ich wähnte mich einem Infarkt nahe, angesichts des hohen Taktes, in dem das Blut in meinen Adern pochte.
Klasse, du wolltest diesen Vollversager retten und nun liegst du hier und hyperventilierst deinem Ableben entgegen, dachte ich mit einem Anflug von Belustigung.
Das wirst du nicht, antwortete da Lavandes Stimme glockenhell. Sie schien von überall zu kommen, doch selbst angesichts dieser Schreckensvision wollte sich die rettende Panik nicht einstellen. Im Gegenteil, ich spürte, dass ihre Worte entgültig waren, ich wusste, ich würde leben. Sie würde nicht zulassen, dass sie mich umbrachten, solang dieses verfluchte Zeichen auf meiner Schulter war. Ich hatte in ihr einen Schutzengel. Nur war ich mir nicht sicher, ob ich mich über diese Sicherheit freute.
Die Hitze in meinem Körper bündelte sich zunächst in der Schulter und erfasste dann meinen ganzen Rücken. Die Meute über mir wurde von den umherfliegenden Überresten meines Rucksacks und von meinen Schwingen beiseite gefegt, die mit einem Mal vergessen hatten, dass sie mir gestutzt worden waren. Erschrocken wichen meine Angreifer zurück, die Augen vor Angst geweitet. Ich wunderte mich ein wenig. Sah ich wirklich so furchteinflößend aus, bloß weil ich jetzt ein paar Flügel auf dem Rücken hatte?
Immer noch japsend und wie von Geisterhand auf die Füße gezogen richtete ich mich auf. Mein Kopf flog hin und her auf der Suche nach Nick. Er war nicht mehr hier. So laut ich konnte rief ich seinen Namen und stellte sorgenvoll fest, dass ein Großteil unserer Angreifer nicht bei mir geblieben, sondern sich zusammen mit meinem liebsten Feind aus dem Staub gemacht hatte.
„NICK!“, versuchte ich es noch einmal und hetzte in den Garten.
Sie folgten mir, doch waren ihre Anstrengungen halbherzig. Irgendetwas hielt sie zurück. Ich hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, was es war. Die Tatsache, dass ich Lavandes beklemmende Gegenwart bis in die Haarspitzen fühlen konnte, sagte mir ohnehin mehr als ich wissen wollte.
Der Schwindel war vollkommen von mir abgefallen, die Bisswunden schlossen sich bereits wieder, doch meine Umgebung schien sich im Zuge dieses Regenerierungsprozesses verändert zu haben. Ihre Konturen waren schärfer, die Farben leuchtender und die Geräusche um mich herum kamen mir vor wie ein einziges, ohrenbetäubendes Getöse. Irgendwo links von mir, mitten in diesem Gewühl hörte ich Nick und die Schritte von viel zu vielen Fußpaaren. Wie ein geölter Blitz schoss ich in die Richtung, aus der sein Gezeter kam. Er war wieder bei Bewusstsein. Vielleicht hatten wir also doch noch eine Chance, zu fliehen.
„Wo bist du?!“, schrie ich, weil ich glaubte, diesen Lärm nicht anders übertönen zu können und erschrak vor der Lautstärke meiner eigenen Stimme, die dem Krach in nichts nachstand.
„Kori! Hier!“, gab er mir ein seiner für ihren Aufschlussreichtum berüchtigten Antworten, dass es in meinen Ohren nur so dröhnte. Doch nicht nur meine Ohren waren aufs Äußerste sensibilisiert, ich nahm jeden Kiesel unter meinen Füßen wahr, auf meiner Zunge schmeckte ich jeden Atemzug und meine Nase war voll von fremden Gerüchen. Nun, ganz so fremd nicht. Den metallenen Blutgeruch, der von mir selbst ausging, erkannte ich sehr wohl.
Endlich erreichte ich das Geschehen, völlig unbehelligt von meinen Verfolgern. Ich entdeckte Nick auf einem Baum, woraufhin mir zwei Fragen in den Sinn kamen. Erstens: Wie zum Teufel war er da raufgekommen? Und zweitens: Wie konnte man nur so blöd sein?
Mit zwei Ästen bewaffnet und wild damit herumfuchtelnd, hockte er dort oben wie eine Katze über einem Rudel bissiger Hunde. Fast hätte ich bei dem Anblick die Feuerwehr gerufen. Unter ihm, teils auf dem Boden, teils schon halb den Baum hinauf und auf bestem Wege, Nick zu erwischen, waren die Vampire. „Verzieht euch!“, fauchte er mehr piepsend als bedrohlich, sodass sich die Blutsauger davon reichlich unbeeindruckt zeigten. Ich warf einen Blick auf meine Verfolger. Sie waren stehen geblieben und beobachteten uns mit gebührendem Abstand. Einige derer, die den Baum umlagerten, reckten unsicher die Köpfe und wurden sichtlich nervös, ja sahen fast schuldbewusst aus, als sie mich sahen, darunter auch der vorlaute Riese. Der Einzige, den ich nicht fand, war der Eismagier.
Das war mir mehr als recht. Ich nutzte die neugewonnenen Flügel und stieß mich ab. Nick starrte mich mit weit aufgerissenen Augen an, die Gefahr unter ihm war vollkommen vergessen.
„Wa-wawa“, stammelte er... und schon trat genau das ein, womit ich schon gerechnet hatte: Er fiel vom Baum. Im Sturzflug ließ ich mich ebenfalls fallen, eine Stichflamme vor mir herspeiend, erwischte Nick im letzten Moment am Handgelenk und schlug mit aller Kraft mit den Flügeln, um wieder an Höhe zu gewinnen. Immer noch starrte er direkt in mein Gesicht, den Mund so weit geöffnet, dass ich glaubte, wir hätten seine Kinnlade unten zurückgelassen.
„Was ist?!“, schnauzte ich, „Hör gefälligst auf zu glotzen!“
„Da-dein Aug- aah, Vorsicht!“
Mein rechter Flügel wurde plötzlich bleischwer, als ihn eine dicke Eisschicht umhüllte. Ich spuckte Feuer darauf und schaffte es gerade noch, den drohenden Absturz abzuwenden. Über mir schwebte, das altvertraute Grinsen im Gesicht, der Eismagier. Ich kam nicht umhin, die Schwingen zu bewundern, die ihn in der Luft hielten, waren sie doch von exakt derselben Art und Form wie meine, mit dem Unterschied, dass sie