Am Rande der Nacht

schneeweiß waren und nicht orangerot.
„Du bist nicht wie die da unten, was hast du mit denen zu schaffen?!“, fragte ich ihn mit einer Mischung aus Verblüffung und Ärger. Seine Entgegnung bestand in einem eisigen Sturm, den er mir entgegenblies, genauso wie ich es mit meinem Feuer zu tun pflegte. Völlig unkoordiniert wirbelten wir durch die Luft.
„Kori! Was ist das?!“, kreischte Nick und löste damit ein grässliches Klingeln in meinen Ohren aus, „Warum kann der Kerl fliegen?!“
„Was fragst du mich das?!“, brüllte ich zurück, „Du hast doch hier die Ausbildung! Und jetzt halt endlich die Klappe, mir platzen gleich die Trommelfälle bei deinem Gepiepse!“ Irgendwie schaffte ich es, mein Gleichgewicht wiederzugewinnen.
„Als ob du so viel leiser wärst!“, keifte er, „Wer schreit mich denn hier an?!“
„Seid ihr endlich fertig?!“, ging der Eismagier dazwischen und das Wehen hörte so abrupt auf, dass ich beinahe vom Himmel gefallen wäre. Eilig machte ich ein paar Flügelschläge, doch sie fielen mir schwer mit dem zusätzlichen Gewicht von Nick am Arm. Nie wieder mache ich Witze über seine Magersucht, schwor ich mir.
„Was hast du mit Ronga Darey zu schaffen?“, wollte der Eismagier wissen.
„Wie?“, machte ich völlig irritiert.
„Du schreist mich wirklich ständig an!“, meckerte Nick weiter, „Ich versteh überhaupt nicht, was du - “
„Halt’s Maul!“, brachten wir ihn beide zum Schweigen. „Deine Schulter.“, fuhr mein Gegenüber dann giftig fort. „Das ist das Siegel seiner Frau. Lavande.“ Seine Miene verfinsterte sich und mein Gesicht tat es dem seinen gleich. “Es bannt die Kräfte, die in der Asche waren. Was hast du mit den beiden zu tun?“
Ich biss die Zähne zusammen. Das letzte, was ich tun würde, war diesem Mistkerl von meiner Zeit bei ihr zu erzählen. „Ich habe sie umgebracht“, erwiderte ich trocken und empfand nicht das geringste Bedauern.
„Wir“, beharrte Nick auf seinem Anteil.
„Gut, wenn man’s recht bedenkt, war’s sogar er“, gab ich klein bei. Der Eismagier verzog sein Gesicht zu einer Grimmasse, die irgendetwas zwischen Geringschätzung und kompletter Verwirrung ausdrückte. „Heißt das, du bist derjenige, der Ronga Darey auf dem Gewissen hat?“, erkundigte er sich ungläubig bei Nick.
„Öh, naja, also...“, machte der, plötzlich sehr betroffen, „Nicht mit Absicht... Das ist mehr so... nebenbei passiert.“
Unser Gegenüber schüttelte nur fassungslos den Kopf. „Dann muss ich mich wohl bei dir bedanken“, gab er lächelnd zurück, um genau das dann zu tun, indem er uns einen wahren Schneesturm schickte, der uns erneut durch die Luft schleuderte. Nick kreischte wieder, während ich mich krampfhaft an ihm festhielt, um ihn nicht zu verlieren.
„Kori, tu doch was!“, nörgelte er, kaum dass ich mich einigermaßen gefangen hatte. Konnte dieser Trottel nicht einmal die Klappe halten, wenn er Angst hatte?
Irgendetwas kam uns entgegen. Reflexartig bespuckte ich es mit Feuer. „Riparis ivam dracos fyr!“, setzte Nick nach, die freie Hand von sich streckend. Fasziniert beobachtete ich, wie sich mein Feuer in einem Bogen vor uns aufspannte und einen Schild bildete. Was man uns entgegengeschleudert hatte, winzige Eiszapfen, kleinen Dolchen gleich, zerschmolz in dem Moment, da es auf die Flammen traf, wie heiße Butter.
„Nette Art, sich zu bedanken!“, höhnte ich, holte wie selbstverständlich zu einer Wurfbewegung aus und verfolgte staunend den Feuerball, der aus meiner Hand hervorgeschossen kam. Was für ein Gigant. Hatte ich jemals solche Unmengen Feuer von mir gegeben? Noch dazu aus der Hand statt aus dem Mund? Der Eismagier hatte alle Mühe, auszuweichen. Zwar ließ er sich zur Seite fallen, doch er kam ins Trudeln und einer seiner Flügel wurde angesengt. Ich nutzte die Gelegenheit und sah zu, dass wir Abstand zu ihm gewannen.
Nick hatte indes ganz andere Sorgen. „Kori, seit wann kannst du das Auge benutzen?“ Er schaute an sich herunter. Aus der Tasche des unförmigen, sackähnlichen Dinges, das er als Hose bezeichnete, glühte es grünlich. Mit einem Mal rief sich mir Lavandes Aura mit all ihrer Macht ins Gedächtnis zurück. Kalte Schauer krochen meine Wirbelsäule hinauf und wieder hinunter, ließen mich frösteln.
„Das... bin nicht ich“, krächzte ich heiser und katapultierte uns mit zwei kräftigen Flügelschlägen höher in die Luft. Der Eismagier folgte uns nicht, ebenso wenig wie die Vampire zu unseren Füßen. Schnell hatte ich uns von dem Grundstück weg und über die Hochhäuser der Innenstadt getragen, wo ich mich suchend nach einem Platz zum Landen umsah. Ein wenig trauerte ich meiner Kawaski nach, die ich auf dem Anwesen hatte zurücklassen müssen. Vorerst würde ich das Motorrad wohl nicht wiedersehen, denn an meinem Leben hing ich doch mehr als an der Maschine. Zumindest ein klein wenig.
Nick starrte erneut an seinem Arm entlang zu mir hinauf. „Ich glaube, wir sind sie los“, sagte er mit hörbarem Unbehagen. Warum war er ob dieser guten Nachricht so nervös?
„Könntest du mich runterlassen?“, bat er.
„Was ist los? Hab ich was im Gesicht?“, schnaubte ich, langsam wirklich genervt.
„Dein Auge ist blau“, klärte er mich auf, „Hatte sie nicht auch blaue Augen?“ Ich schrak zusammen.
Wir konnten von Glück sagen, dass wir uns über einem Dach befanden, denn meine Schwingen zerstoben zu Tausenden weißer Federn, ganz so, als hätten Nicks Worte den Zauber gebrochen. Zurück blieben die altvertrauten Stümpfe zwischen meinen Schulterblättern. Das Auge des Orion hörte auf zu glühen und wir stürzten wie zwei Steine vom Himmel, um zwischen allerlei Antennen und Satellitenschüsseln auf dem Dach aufzuschlagen.