Im Licht der Dunkelheit

Morten und die Kathedrale

„Was hast du dir überhaupt dabei gedacht, noch mal hier aufzutauchen? Hast du etwa geglaubt, es wäre vorbei?“, fragte mich Morten mit enttäuschtem Blick. Ich sah ihn nur versteinert an. Ja, ich hätte es doch wissen müssen, ich hatte es gewusst. Es würde niemals wirklich enden, genauso hätte man versuchen können, den Lauf der Welt anzuhalten. Doch es war einfach unglaublich, dass wir wieder an diesem Ort waren. Hier, wo alles begonnen hatte. In der stillen Kathedrale. „Ach wärst du nur niemals wieder hierher gekommen.“, klagte er, als hätte er meine Gedanken gelesen, das nach allem, was ich mit ihm erlebt hatte auch nicht wirklich unmöglich gewesen wäre. Wie lange ich ihn auch kennen mochte, er war für mich immer noch eine sehr geheimnisvolle Person. Wie normal er auch immer wirken mochte mit seinen blonden Haaren und der Brille. Es war auch kein Geheimnis, dass seine Leidenschaft das Kartenlegen und Okkulte war. Ich selbst verstand noch nie besonders viel davon, und wie sehr er auch versucht hatte, es mir nahe zu bringen, ich war mir einfach sicher, dass ich es niemals lernen würde. Trotzdem hatte er nie aufgehört, zu glauben, dass ich darin eine besondere Begabung besitze, wodurch ich sicherlich geschmeichelt war, aber ich fragte mich immer, wann er wohl endlich anfangen würde, daran zu zweifeln. Ich wollte auch nicht länger darüber nachdenken.
„Sag mal“, begann ich plötzlich, da ich mich aus meiner Starre zu lösen schien, “Hast du es denn nicht irgendwie geahnt, oder so? Ich mein, hast du denn gar Nichts..gesehn?“, er funkelte mich nur enttäuscht an: „Hast du wirklich geglaubt, ich könnte das sehen?“. Ich sah bedrückt zu Boden. Er hasste dumme Fragen, das wusste ich, doch in manchen Situationen konnte man nichts Anderes mehr tun. In diesem Moment merkte ich, wie sehr ich Darlon vermisste. Mit ihm hätte ich über alles richtig reden können. Morten war vielleicht ein interessanter Mensch, aber man konnte mit ihm einfach nicht richtig reden, man konnte mit ihm nicht lachen, er war zu ernsthaft. Wir waren nur zusammen hier.. ja, warum eigentlich? Ich war allein zur Kathedrale gegangen, ebenfalls aus einem Grund, den ich selbst nicht kannte, und Morten war plötzlich da gewesen. Doch darauf sprach ich ihn jetzt nicht mehr an, nicht nach dem, was passiert war. Wir standen immer noch halb versteinert seit bestimmt einer Viertelstunde an der selben Stelle, dort, wo wir gerade noch unsere gemeinsame Vision gesehen hatten. Vor einer Lebensgroßen Engelsstatue, die uns versucht hatte, mit einem teuflischen Blick aus ihren Feuerroten Augen zu durchstechen wie ein Blitz und die gerade noch versuchte, mich mit ihren versteinerten Armen zu packen, mir eine kleine aber schmerzende Wunde in den Oberarm riss und mich aus ihrem, von Vampirzähnen besetzten Raubtiermaul, aus dem schwarzes Blut floss, wie eine wütende Chimäre angefaucht hatte. Morten hatte daraufhin irgendetwas getan, von dem ich nicht genau wusste, was, aber er hatte plötzlich eine kleine, schwarze Kerze bei der Hand, sie angezündet, Worte gemurmelt und mit einer kleinen, goldenen Nadel mitten hindurchgestochen, woraufhin die Kerze wieder erlosch. Und mit der Flamme auch der Spuk der verwandelten Engelsstatue.
Solche kleinen Zauberaktionen kannte ich ja bereits von Morten, was mich aber wirklich erschütterte war die Tatsache, dass so ein Dämon ohne Weiteres diesen heiligen Ort betreten hatte und dann ausgerechnet eine Engelsstatue als Wirt benutzt. Dabei hätte ich es wissen müssen. Morten hatte mir oft genug gesagt, dass gerade solche heiligen Orte von den Dämonen bevorzugt werden und wir uns gerade aus diesem Grund davon ferngehalten hatten. Ich denke, ich wollte es einfach nicht begreifen und ich verstand auch, dass er jetzt wütend auf mich war. Warum war ich überhaupt hierher zurückgekehrt? Ich hatte keinen Grund dafür gehabt und als ich sein bleiches Gesicht sah, weil ihm diese Aktion solche Kraft gekostet hatte, tat es mir doppelt so sehr leid.

„Na komm. Lass uns endlich von hier verschwinden“, sagte ich Morten dann nach einer Weile. Er sah mich mit einem undefinierbaren Blick an und stimmte zu, bestand aber darauf, mich noch nach Hause zu bringen. Ich fand, in seinem Zustand wäre es keine sehr gute Idee gewesen und konnte ihn dann doch noch dazu überreden, mich an der Bushaltestelle allein zu lassen. Er war unglaublich dankbar dafür, das spürte ich und setzte mich in die Haltestelle. Erst jetzt bemerkte ich, wie sehr die heutigen Ereignisse an meinen Kräften gezehrt hatten, da spürte ich plötzlich die stechenden Blicke einer jungen Frau, die neben mir saß. Sie starrte mich ungeniert an, selbst als ich zurücksah. Sie war wirklich schön. Lange, schwarze Haare und geschminkt und gekleidet wie ein Goth. Was für ein Engelsgesicht sie auch immer haben mochte, es passte mir ganz und gar nicht, dass sie mich so anstarrte. Zumal ich wirklich nichts Anderes mehr wollte, als einfach nur auf dem schnellsten Wege nach Hause zu kommen. Da kam endlich der Bus und ich setzte mich in eine der ersten Reihen, dort hatte man eigentlich immer seine Ruhe. Aber natürlich nur ausgerechnet nicht Heute. Die Frau, die mich gerade so angestarrt hatte, setzte sich neben mich, obwohl es noch viele freie Reihen im Bus gab. Ich sah sie genervt an und fragte sie: “Was soll das?“. Wenn sie jetzt „Was denn?“ fragt, werde ich vor Verzweiflung schreien, dachte ich mir. Doch sie sah mich nur mit einem Stirnrunzeln an: „Du bist also mit Morten befreundet?“, begann sie. Mich wunderte gar nichts mehr, ich seufzte nur leise und antwortete mit einem: „Jaa?“. „Weißt du“, fuhr sie fort, „Er war mein Lehrer im Kartenlegen und brachte uns dem Okkulten nah“. „Na toll“, dachte ich und unterdrückte gerade noch ein desinteressiertes und äußerst unhöfliches Augenrollen. Was sollte das? Erwartete sie jetzt etwa, mir würden die Ohren klingeln und ich würde sie plötzlich so interessant finden, dass ich um ihre Freundschaft bettelte? Was hatte ich denn damit zu tun? „Und was willst du dann von mir?“, fragte ich dann, nachdem sie keine Anstalten machte, weiterzureden. „Keiner von uns hat persönlichen Kontakt zu ihm. Wir haben ihn beobachtet und ihn niemals an der Seite eines Anderen als dich gesehen.“, sagte sie mit einem triumphierenden Blick, der mich anwiderte. “Oh, Massenstalking? Soll ich euch jetzt bei euren Detektivspielchen helfen, oder was?“, antwortete ich ziemlich genervt, “Hör mal, ich hatte wirklich nen anstrengenden Tag und will echt nichts Anderes als einfach nur nach Hause, also lass mich jetzt bitte in Ruhe!“. Für einen Moment sah sie mich tatsächlich ziemlich verblüfft an, dann aber wurde gespieltes Verständnis daraus. „ Es tut mir Leid, aber ich kann darauf wirklich keine Rücksicht nehmen.“ Ich sah sie entrüstet an, als sie fortfuhr: “Du bist offenbar die Privatschülerin unseres Meisters..“. „Was? Nein!“, warf ich verwirrt ein, doch sie fuhr unbeeindruckt fort: „..und das soll schon was bedeuten, weißt du, du bist..“. Sie brach plötzlich ab, und schien auf Einmal keine Luft mehr zu bekommen. Sie würgte und aus ihrer Kehle kam nur noch ein fiependes Keuchen. Ich bekam Angst, dass sie ersticken würde, doch als ich mich gerade panisch nach Hilfe umsehen wollte, griff sie mir an den Ärmel und zog mich wieder zurück. Jetzt atmete sie wieder normal und sah mich jetzt ernst an. „Nimm dich vor ihm in Acht“, sagte sie, „Ich bin deine Verbündete“. Dann sprang sie auf und setzte sich auf einen der hinteren Plätze, um an der nächsten Haltestelle auszusteigen. Ich sah ihr nur fassungslos nach. Was war das? Zuerst sprach sie von Morten, als würde sie ihn verehren und im nächsten Moment warnte sie mich vor ihm? Auch wenn ich zu ihm nicht gerade das herzlichste Verhältnis hatte, kannte ich ihn doch schon lang genug, um zu wissen, dass er ein guter Mensch war. Ich vertraute ihm und ich spürte, dass ich mich darin nicht irrte. Auf meine Gefühle konnte ich mich immer verlassen.

Als ich nach Hause kam, war ich so fertig gewesen, dass ich mich nur noch hinlegen und schlafen konnte. Ich hatte wieder diesen Traum gehabt und diesmal ging er weiter. Die Kathedrale war bis auf ihre Grundmauern ausgebrannt und ich war ohne einen Kratzer herausgekommen. Ich sah noch einmal, wie ich damals Morten kennen gelernt hatte. Doch eines war im Traum anders, als es in Wirklichkeit gewesen war. Er hatte..Dämonenflügel gehabt. . .und hat mich trotzdem gerettet. Verdammt, er hatte gegen Gott gekämpft! Langsam kehrte meine Erinnerung wieder. Morten hatte noch "Du wirst sie nicht töten!" geschrieen, konnte den Herrn natürlich nicht besiegen, aber aufhalten. Dann ist er geflüchtet und hat mich im Vorbeifliegen mitgenommen. Und als ich erwachte, war er ein normaler Mensch gewesen. Ich hatte meine Rettungsaktion nämlich gar nicht mitgekriegt, weil ich bewusstlos gewesen war. Dieser Gedanke erschreckte mich wirklich sehr, nein, er erschütterte mich. Hatte ich etwa im Traum die Wirklichkeit gesehen. . .die ich in Wirklichkeit verpasst hatte?

Ich wachte am nächsten Morgen um neun auf. Eine höllisch frühe Zeit für Wochenende und meine Verhältnisse. Und ich fühlte mich, als hätte ich einen Kater, doch ich konnte einfach nicht mehr einschlafen. Als Erstes musste also ein starker Kaffee her. Als ich die Küche betrat, erstarrte ich plötzlich. Mit entsetzt geweiteten Augen starrte ich das mittelgroße Ölgemälde vor mir an. Darauf zu sehen war. . .Feuer, dass die groben Umrisse einer Kirche hatte. Und davor stand ein triumphierender, strahlender Engel, der über einem sterbenden Dämon stand. Seit wann hatte meine Mutter nur solche Gedanken? Und warum sah ich nur immer wieder dieses gleiche, verdammte Bild? Mein Entsetzen brach langsam in Verzweiflung aus. Meine Mutter war Künstlerin, also war das Bild an sich ja nichts Besonderes, aber