Glaube ist alles...
Prolog
„Glaube an die Liebe, dann werden sich unsere Wege nie verlieren.“
Immer wieder hörte Samantha die letzten Worte des Mannes, den sie die meiste Zeit ihres Lebens geliebt hatte. Es war einer seiner Lieblingssprüche gewesen und in ihrer Hochzeitsnacht hatte er ihr ein kleines Medaillon mit dieser Gravur geschenkt. Dabei hatte er ihr tief in die Augen gesehen und ihr über die Wange gestrichen.
Der Gedanke an diese Szene lies Samantha erschaudern. Warum nur hatte es geschehen müssen? Sie und Chris waren unzertrennlich gewesen, schon seit der High School und nur wegen einer unheilvollen Nacht sollte alles vorbei sein? Das durfte nicht wahr sein, es konnte einfach nicht wahr sein. Dabei hatte alles an diesem Tag so gut angefangen. Es war ihr Hochzeitstag gewesen und sie hatten wundervolle Pläne gemacht. Sie wollten am Nachtmittag in Richtung Küste aufbrechen, wo sie das Wochenende verbringen wollten. Die Sachen waren bereits gepackt und pünktlich hatten sie sich auf den Weg gemacht. Im Radio lief ein altes Lied von Joe Cocker und die Landschaft flog an ihnen vorbei, während sie ruhig die Straße entlang fuhren.
„Ruh dich noch ein wenig aus, Sam. Schließlich will ich dich ja munter wissen für die nächsten Tage, denn wir werden so wenig wie möglich schlafen, dass verspreche ich dir.“ Bei diesen Worten schenkte er ihr dieses bezaubernde Lächeln, das ein Grübchen auf seinen Kinn erschienen lies. Dies war einer der Gründe, weshalb sie sich in ihn verliebt hatte.
Gähnend drückte sich Samantha in ihren Sitz und sah Chris von der Seite her an. Er sah gut aus mit seinem, blonden Haar und seinen markanten Zügen. Wahrscheinlich war er ihr deshalb sofort aufgefallen, als sie sich auf dem Schulflur begegnet waren. Sogar nach 10 Jahren konnte sie sich noch genau daran erinnern. Schon damals war Samantha überzeugt, dass nichts und niemand sie trennen würde.
Doch schmerzlich musste sie nun feststellen, dass sie damals falsch gelegen hatte. Während sie schlief und in der Ferne noch das Klopfen seiner Finger auf dem Lenkrad hörte, kam ihnen ein Lastwagen entgegen und Chris konnte mit viel Mühe ausweichen. An den Aufprall gegen einen Leitmast konnte sich Samantha nicht mehr erinnern, nur noch an eine tiefe Schwärze.
Als sie im Krankenhaus zu sich kam, wusste sie nicht recht, wo sie sich befand. Ihre Mutter saß weinend neben ihr auf dem Bett und nur schwer schaffte diese es ihre Tränen zurückzuhalten. Als der Arzt schließlich kam und Samantha von dem Unfall erzählte, galten ihre ersten Gedanken ihrem Mann. Trotzdem sie darauf hingewiesen wurde, dass sie Ruhe bräuchte, lies sie nicht nach, bis sie schließlich die ganze Wahrheit erfuhr. Von der Fahrt gegen den Baum, wie die Rettung kam und das sie wahrscheinlich einen großen Schutzengel gehabt hatte. Chris hingegen hatte es schwer getroffen. Er lag auf der Intensivstation und die Aussichten waren beinahe hoffnungslos. Man erhielte ihn zwar am Leben, doch ob er aufwachen würde, dass konnte man nicht sagen. „Ich will zu ihm“. Entschlossen warf Samantha die Bettdecke zur Seite, wurde allerdings von einem stechenden Schmerz begleitet. Trotzdem sie Glück gehabt hatte, hatte sie einige Prellungen und ziemlich üble, blaue Flecken davongetragen. Dennoch bestand sie auf ihr Recht zu ihrem Mann zu gehen. Nur widerwillig lies sie der Arzt gewähren, veranlasste jedoch einen Rollstuhl, den sie benutzen sollte.
Als sie schließlich das Zimmer ihres Mannes betrat, zwang sich Samantha stark zu sein. Er würde es überleben und dann würden sie gemeinsam ihr Wochenende eines Tages nachholen können. Genauso würde es sein, beruhigte sie sich im Gedanken. Neben dem Bett drang ihr das Piepsen diverser Geräte entgegen und ein Schlauch pumpte Luft in den Körper ihres Mannes.
„Chris?“ Ihre Stimme drohte ihr zu versagen. Immerhin ein leises Flüstern drang über ihre Lippen, während sie behutsam nach seiner Hand fasste. Zur Überraschung des Arztes und der Schwestern regte sich Chris tatsächlich und nach wenigen Sekunden schlug er die Augen auf. Samantha konnte es nicht glauben, er hatte es geschafft. Von nun an würde einem Neubeginn nichts mehr im Wege stehen. „Sam?“ Sanft flüsterte Chris ihren Namen. Tränen bildeten sich in ihren Augen als sie ihn ansah.“ „Ich bin hier und mir geht es gut. Ruh dich aus, damit du schnell wieder gesund wirst. Ich liebe dich.“ „Ich dich auch, aber ich fürchte, dass ich nicht mehr lange bei dir sein werde, um es dir auch zu zeigen. Vergib mir.“ Der Schmerz verzerrte sein Gesicht, während Chris mit ihr sprach. Die Anstrengung war ihm deutlich anzusehen, denn jeder Muskel in seinem Gesicht regte sich und seine Augen waren geweitet.
„Das darfst du nicht sagen, hörst du, du wirst leben. Was soll ich nur ohne dich machen? Wir haben uns geschworen für immer zusammenzusein, also wirst du mich auch nicht verlassen.“
Ein Stöhnen kam Chris über die Lippen und seine Atmung wurde unregelmäßiger. „Es muss aber sein, ich habe nicht mehr die Kraft um weiterzumachen. Denk dran, dass ich immer bei dir sein werde, egal was auch passieren wird.“ Er hielt einen Moment inne und atmete noch einmal tief durch. „Weißt du noch was ich dir in unserer Hochzeitsnacht gesagt habe? Glaube an die Liebe, dann werden sich unsere Wege nie verlieren. Ich werde immer bei dir sein.“ Danach schlossen sich seine Augen und die Geräte um sie schrillten laut auf.
Wie es weiterging wusste Samantha nicht recht. Sie wurde zur Seite gestoßen und der Arzt machte sich an Chris Oberkörper zu schaffen. Alles um sie herum begann sich zu vermischen und diese unheimliche Schwärze kam wieder. Das einzige, was sie nun noch wahrnahm, war noch immer Chris Stimme, die seine letzten Worte wiederholten. Danach war alles still.
Die Erinnerung an dieses Geschehnis lies Samantha erneut in Tränen ausbrechen. Trotzdem ihr die Augen bereits brannten und verquollen waren, versiegelten diese Tränen nicht. Sie fühlte sich leer und verlassen.
Das Begräbnis war schlicht gehalten und nun saß sie alleine auf ihrem gemeinsamen Bett und konnte ihre Gedanken nicht von Chris losreisen. Ihre Familie war im Wohnzimmer unten, doch das interessierte sie nicht. Man hatte auch ihren Wunsch allein zu sein respektiert und so saß sie bereits längere Zeit ungestört in diesem Zimmer.
Erst als es Nacht wurde klopfte es leise an ihrer Türe. Ihre Schwester Sharon betrat den Raum und setzte sich neben Samantha. „Die meisten Gäste sind gegangen. Nur noch Mum, Dad und ich sind hier, wenn du uns brauchst.“ Als sie keine Antwort bekam, legte sie den Arm um ihre Schwester. „Ich weiß, dass es schwer für dich ist, aber ich bin jederzeit für dich da. Wenn du meine Hilfe brauchst, dann sag es einfach. Wir haben ihn alle geliebt und vermissen ihn. Er war ein guter Mann.“ Vorsichtig strich sie mit einem Taschentuch über Samanthas Gesicht und versuchte sie zu beruhigen. „Niemals werden wir Chris vergessen. Er war ein verständnisvoller und ehrlicher Mann.“ Erst jetzt sah Samantha Sharon genauer an. Auch auf deren Gesicht war Schmerz und Kummer zu lesen. „Vergiss nicht zu sagen, dass er auch warmherzig und intelligent war.“ Ein leichtes Lächeln bildete sich auf beiden Gesichtern, doch es dauerte nicht lange an. „Wie soll ich nur ohne ihn leben? Er war mein Ein und Alles.“ Sharon sah sie ratlos an. „Ich weiß es nicht, aber wir werden es schon durchstehen. Er hätte es so gewollt. Chris hatte dich sehr geliebt, das darfst du niemals vergessen. Egal wo du auch hingehest, er wird immer bei dir sein.“
Obwohl Samantha davon nicht überzeugt war, nickte sie nur und sah stumm aus dem Fenster, während Sharon sie wieder an sich drückte und ihren eigenen trauernden Gedanken nachhing.