Drachengeist

Heimweh

Achtes Kapitel:
Heimweh

Es war schon früher Abend. Jessica war ein Stück gelaufen, hatte unterwegs Beeren und allerlei andere Sachen zum Essen aufgesammelt und hockte nun an einen Baum gelehnt vor einer kleinen Höhle, die an einem Berg lag. Sie war durch Bäume und Büsche verdeckt, so dass sie nur schwer zu finden war. Deshalb hatte Jessica beschlossen diese Nacht in der Höhle zu verbringen. Sie hatte schon trockenes Holz gesammelt und in die Höhle gelegt und würde sich gleich ein Lagerfeuer machen. Aber noch nicht jetzt. Jetzt versuchte sie zu vergessen wo sie war, was passiert war und was vielleicht noch passieren könnte. Jetzt sah sie nur den Sonnenuntergang. „Er kommt mir noch schöner vor als sonst. Manchmal, wenn ich Zeit gehabt hatte, hatte ich zusammen mit meiner Mutter draußen auf unserem Balkon gesessen und der Sonne beim untergehen zugesehen. Mutter hatte mir immer den Arm um die Schulter gelegt. Sie hat mir von Sorgen und Problemen erzählt, aber meistens auch von schönen Dingen, die ihr während dieses Tages oder dieser Woche passiert waren. Ich hatte dasselbe getan. Während dieser Zeit, als ich nur so da gesessen und mit meiner Mutter geredet habe und den orange-roten Sonnen-untergang gesehen habe, da habe ich mich immer geborgen gefühlt. Ich hatte immer die unschönen Sachen vergessen, die zurück lagen oder die noch kommen würden; so wie jetzt und auch jetzt verstehe ich erst, was für ein Glück ich habe, das meine Mutter so ist, wie sie ist.“
Eine ganze Zeit saß sie da und dachte an ihre Familie, ihren zehn Jahre alten Bruder, der sie oft geärgert hatte und sie ihn auch. Ihren Vater, der immer so lange und hart arbeitete und meistens sogar am Wochenende noch was tun musste. Sie hatte immer gedacht, dass er nur lieber auf der Arbeit war, als mit ihnen etwas zu unternehmen, doch sie wusste, dass sie da schon immer falsch gelegen hatte. Er hatte sich immer um sie und ihre Familie gesorgt und er arbeitete nur so lange damit sie auch etwas unternehmen konnten, damit sie Geld hatte. Sicher tat es ihm auch leid, nur so wenig bei seiner Familie zu sein, aber Jessica tat er gerade leid, weil sie nicht überlegt hatte, warum er so viel arbeitete. Ihre Mutter, an sie konnte sie sich immer wenden, wenn sie Probleme hatte oder wütend auf jemanden war. Ihr hatte sie viele ihrer Geheimnisse anvertraut und nun merkte sie erst, wie sehr sie ihre Familie, ihre Freunde, alles, was auf der Erde geschehen war, vermisste. Sie war ganz allein in dieser Welt. Ohne Familie, ohne Freunde. Sie senkte den Kopf und achtete gar nicht mehr auf den Sonnenuntergang. Sie war gefangen in einer anderen Welt und sie konnte nicht zurück. All ihre Verwandten und Freunde würden sich sicher sorgen um sie machen, aber sie würden nie herausfinden, was mit ihr passiert war. Sie kämpfte dagegen an, aber trotzdem stiegen ihr Tränen in die Augen, liefen über ihre Wangen und tropften auf den Boden und ihre Sachen. Sie hatte immer noch ihr rotes Top mit der Beschriftung „Dream Girl“ in Glitzerschrift, ihre dazupassende orange-rote Strickjacke und eine normale 3/4 lange Jeans an. Die Sachen waren lange nicht mehr gewaschen worden. Sie waren dreckig und rochen nach Schweiß. Auch Jessica hätte ein Bad gut getan. Sie wusste zwar nicht, wie viel Zeit vergangen war, aber sie musste mindestens sechs Wochen nicht mehr gebadet haben oder noch länger. Natürlich gab es nirgendwo Schwimmbäder in denen sie sich hätte dusch können, aber sie hätte sich gefreut, an einem kleinen Teich oder einer Warm-Wasser Quelle vorbei zu kommen. Ihr war bis jetzt noch gar nicht aufgefallen, dass sie roch. Wahrscheinlich, weil sie nicht mehr so darauf geachtet hatte und mit anderen Sachen zu tun gehabt hatte.
Aber auch jetzt interessierte es sie nicht sonderlich. Sie war mit anderen Sachen beschäftigt. Sie war auf der Flucht und konnte nicht zurück in ihre Welt, da sie den ersten Drachen-Stein nicht hatte. Aber eigentlich hätten die Gargoille ihn ihr geben müssen, damit sie die anderen hätte auffinden können. Dann hätte sie ihn jetzt wahrscheinlich und könnte die anderen suchen und vielleicht irgendwann in ihre Welt zurückkehren.
Sie weinte immer noch. Die tränen hörten nicht auf, aber sie wusste nicht warum. Ihr war klar, dass sie Heimweh hatte. Normalerweise, wenn sie zum Beispiel über die Sommerferien zu ihrer Freundin nach Amerika gefahren ist, hatte sie nie Heimweh gehabt und schließlich war sie schon 13, aber so weit sie sich erinnern konnte, hatte sie nur Heimweh gehabt, als sie klein war. Doch vielleicht würde sie jetzt ihre Familie und Freunde nie wieder sehen können, weil sie sich in einer anderen Welt befand. Der einzige Mensch dem sie hier begegnet war, war ein Junge. Zu erst hatte sie ihn nicht gemocht, doch im laufe der Zeit hatte sie sich in ihn verliebt. Dann hatte er sie verraten. Sie wurde wegen ihm gefangen gehalten und nun gejagt, weil sie es geschafft hatte zu flüchten, doch sie würde es diesem Jungen, Jáy, nie verzeihen können. Er hatte so getan, als würde er sie mögen aber eigentlich hatte er sie gehasst und ihr vertrauen missbraucht.
So sehr Jessica versuchte, nicht mehr an Jáy zu denken, um so mehr musste sie sich an ihn erinnern, als er ihr gesagt hatte was er getan hatte und wie sehr er sie verachtete.

Doch Jess wusste nicht, was sie jetzt machen sollte. Sie konnte sich nicht auf die Suche nach den anderen Drachgeist-Diamanten machen, weil sie den anderen, den sie im See gefunden hatte brauchte. „Aber die Gargoille müssten ihn haben! Wenn ich wieder nach Hause will, muss ich ihn den Gargoillen wohl wegnehmen! Aber sie sind sicher schon weit weg, da schaffe ich es nie, sie einzuholen, oder vielleicht doch! Ich versuche meinen Tiergeist zu rufen!“
Sie versuchte ihre Kraft zu finden und irgendwie freizusetzen. Sie versuchte es eine ganze Weile, aber es funktionierte nicht. Wahrscheinlich konzentrierte sie sich nicht genug. Sie wollte nicht aufgeben, deshalb versuchte sie es noch mal. Plötzlich fühlte sie wie Kraft in ihr aufstieg, aber sie musste sich jetzt weiter konzentrieren. Das Gefühl, als wenn ihre Seele geteilt und der eine Teil verschwand überkam sie wieder und sie wusste, dass sie es geschafft hatte. Sie war glücklich, denn endlich wusste sie, wie sie es machen musste. Sie konnte ihren Tiergeist rufen.
Sie hörte das schlagen von Flügeln in der Luft. Der Drache näherte sich. Sie stand auf und bahnte sich einen Weg zwischen den Bäumen und Büschen hindurch. Saphir flog noch sehr hoch, denn er sah nur so groß wie eine geballte Faust aus, aber er wurde immer großer und steuerte auf sie zu. Nach einer Minute machte er sich schon zum landen bereit. Er kam unsanft auf der Erde an, bremste ab und blieb schließlich nach wenigen Metern stehen. Jessica betrach-tete ihn zum ersten Mal genauer. Er war etwas kleiner als sie. Schon seine Schulter ging ihr bis zur Brust. Seine Schuppen glänzten stark, obwohl es schon sehr dunkel war. Die meisten waren Saphirblau, aber manche eher Türkis bis Hellblau. Seine Hörner waren beigefarben und hatten viele spiralförmige Rillen. Seine Schwingen waren so dünn, dass man durch sie hindurch sehen konnte. Es schien Jessica immer noch, als wäre es unmöglich, dass Saphir mit ihnen fliegen konnte. Seine Augen waren sanft braun und sahen sie freundlich an. Seine Krallen waren spitz und schienen sie mit einem Hieb durchschneiden zu können. Sein Schwanz war lang und dünn, aber er passte zum Gesamtbild des Drachens nicht, denn sein restlicher Körper war zwar schlank, aber etwas muskulöser. Alle seine Verletzungen waren wie die von Jess geheilt.
Sie klammerte sich mit der einen Hand an einem der Hörner fest und mit der und holte mit einem Bein Schwung und hievte sich auf den Rücken von Saphir. Sie setze sich, nach dem sie es geschafft hatte hinaufzukommen, aufrecht hin und hielt sich jeweils mit einer Hand an einem Horn fest. Sie drückte ihre Beine an den Bauch des Drachen und spürte, wie sie sich an den rauen Schuppen des Drachen aufscharbte, als er loslief, seine dünnen Schwingen ausbreitete und nach rund sechs-sieben Metern abhob und durch die Luft glitt. Er schlug mit seinen Flügeln und gewann immer mehr an Höhe.
Die Sonne war schon komplett unter-gegangen, als sie flogen, doch Jessica beachtete es gar nicht. Sie konzentrierte sich nur auf die Gargoille, wo immer sie auch waren und den Drachengeist-Kristall, damit ihr Drache, Saphir, wusste, wo er lang fliegen musste oder wonach sie suchten.
Jessicas Beine waren schon ganz abgeschabt, nur weil sie sie an den Bauch des Drachen mit seinen zahlreichen, rauen Schuppen gedrückt hatte. Sie flogen schon mindestens 20 Minuten und die Nacht war herein gebrochen; es wurde kalt. Auch Jessica bemerkte es, versuchte sich aber trotzdem weiter auf den Drachengeist-Kristall zu konzentrieren und nicht, wie es ihr ging.
„Drachengeist-Kristall, Drachengeist-Kristall, Drachgeist-Kristall… es ist so kalt! Ich hoffe, Saphir geht es nicht so wie mir, aber eigentlich müsste er dasselbe fühlen oder spüren wie ich. Ich glaube wir sollte landen…“
Schon als sie das dachte merkte sie, dass Saphir bald landen würde. Nach kurzer Zeit hatten sie schon viel an Höhe verloren, aber Jessica wusste nicht, wo sie landen würden und ob sie dort über nach bleiben konnte.
„Das war eine dumme Idee gewesen! Wenn es dunkel und kalt wird Loszu-fliegen! Wäre ich doch morgen früh los geflogen, dann müssten wir jetzt nicht landen und uns einen Platz zum schlafen suchen, weil in der anderen Höhle hatte ich auch schon einen Stapel Holz, den ich hätte anzünden und mich wärmen könnte, aber nein!!! Am besten ist, wir suchen jetzt auch nach einer Höhle, egal wie spät es ist!“

Nachdem sie einen Entschluss gefasst hatte, dass sie landen und eine Höhle suchen musste, sank Saphir nicht mehr so schnell und hielt wahrscheinlich nach einer Höhle