Because I love you
Die Hoffnung stirbt zuletzt
Kapitel 1 – Die Hoffnung stirbt zuletzt
„Ich glaub einfach nicht das plötzlich alles zu ende sein soll. Das du einfach verschwindest und ich mutterseelenallein zurückbleibe. Wie lange habe ich gehofft und gefleht du würdest mehr als nur eine gute Freundin in mir sehen. Nie gab ich die Hoffnung auf, nie konnte ich dich vergessen, keiner gab mir solch ein Gefühl wie du es mir gabst. Und was jetzt, ich kann doch nicht einfach weiter machen wie bisher, nicht einfach vergessen was war. Warum musste das passieren…? Warum gerade du? Was, um Himmelswillen habe ich denn nur getan, dass so etwas geschehen musste? Ich flehe dich an komm zurück! Ich kann es nicht verstehen, das ist so absurd. Ein geliebter Mensch kann doch nicht einfach so ohne weiteres verschwinden Es ist wie ein schrecklicher Alptraum, aus dem ich einfach nicht erwache. Ich würde alles geben, wenn du doch nur zurückkehren würdest. Oh bitte Gott, bitte, lass mich doch aufwachen, aus diesem Horror. Bitte bring ihn mir zurück, ich kann und will ohne ihn nicht leben. Es soll einfach alles wieder sein wie früher!“
Tränen flossen dem jungen Mädchen über ihr blasses Gesicht. Den roten Augen und dem leicht verquollenem Foto in ihren zitternden Händen war zu entnehmen das ihr die Tränen nicht erst seit kurzem übers Gesicht liefen.
„Bist du soweit Tyla? Wir müssen los, sonst kommen wir zu spät.“, rief eine angeschlagene Frauenstimme, aus einem der benachbarten Zimmer heraus.
Das junge Mädchen zuckte kurz zusammen, aber mehr Reaktion zeigte sie vorerst nicht. Sie versuchte den durchbohrenden Schmerz hinunter zuschlucken, um dann ihrer Mutter antworten zu können:
„Komme sofort!“
Mehr Worte schaffte sie nicht, denn die Trauer schlich sich zurück, wie eine Würgeschlange legte sie sich um den Körper des Mädchens und lähmte ihn nahezu komplett. Zögerlich und mit erneuten Tränen in den Augen legte sie das Bild beiseite auf ihren Nachttisch und erhob sich von ihrem Bett. Sacht strich sie ihren schwarzen Rock, wie ihre schwarze Bluse glatt, fuhr sich nochmals durch die braunen Haare und sog so viel Luft wie möglich in sich hinein, als versuche sie so das schnürende Gefühl zu zerstören. Zitternd und mit aller Gewalt die nächsten Tränen zurückhaltend stieß sie die eingeatmete Luft wieder hinaus, doch das unangenehme Gefühl blieb. Langsam ging ihre linke Hand in Richtung Augen und um nicht noch mehr Schminke zu verwischen rieb sie ganz vorsichtig die noch vorhandenen Tränen weg. Während sie sich aufmachte das Zimmer zu verlassen griff sie nach ihrer Handtasche, die ebenfalls auf dem Bett lag.
„Na schön, endlich bist du fertig. Also lass uns gehen, es wäre unhöfflich zu spät zukommen.“
„Ja sicher Mama. Tut mir leid.“
„Ach was Schatz. Ich weis doch wie schwer das für dich ist, aber ich mein ja nur, dass es nicht so schön wäre zu spät zu einer Trauerfeier zukommen.“
„Ja“
Betrübt sah die Mutter ihrer Tochter in die verweinten Augen und das von schlaflosen Nächten gezeichnete Gesicht. Es zerriss auch ihr das Herz, ihre Tochter so leiden sehen zu müssen, ohne die geringste Möglichkeit zu haben ihr den Schmerz und die Qualen nehmen zu können.
Ohne weiteren Wortwechsel ging Tyla mit ihrer Mutter zum Auto. Wo auch, die gesamte Fahrt über, bis zum Friedhof, die grausame Stille anhielt. Tyla war einfach nicht nach sprechen zumute, genau genommen war ihr nach gar nichts zumute. In ihr herrschte Leere, die Nichts und Niemand zufüllen vermochte.
Circa zehn Minuten vor Beginn der Trauerfeier kamen Tyla und ihre Mutter bei der Kirche an. Sie parkten das Auto und machten sich auf den Weg. Vorbei an den Gräbern, wurde es Tyla immer flauer im Magen. Und langsam war es ihr nicht länger Möglich sich einzureden alles sei nur ein böser Traum, woraufhin sie abermals verspürte wie die Trauer sie übermannte und ihre Tränen sich mit aller Kraft einen Weg nach draußen suchten. Sie wusste nicht wie lange es ihr noch gelingen würde diesen Kampf zu führen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis ihr ohnehin schon erschöpfter Körper und ihr von Schmerz und Verzweiflung geschundener Verstand kapitulieren würden.
In der Kirche saßen bereits viele Verwandte und Bekannte des Verstorbenen Jungen. Auch Tyla waren viele der dortigen Gesichter bekannt, zumal auch einige ihrer Klassenkameraden unter den Trauergästen waren, denn auch sie wollten ihrem Schulfreund die letzte Ehre erweisen.
Tyla drehte ihren Kopf zur Seite, nachdem sie sich ins Kondolenzbuch eingetragen hatte, und erblickte dabei den hölzernen Sarg. Vor ihm waren bereits Kränze aus Blumen und eine kleine Staffelei mit einem Foto des Jungen aufgestellt. Es war für Tyla wie ein Schlag ins Gesicht, auf den sogleich ein Stoß durchs Herz folgte. Es war ihr nicht mehr möglich den Blick von dem geschmückten Sarg abzuwenden und erneut rang sie mit sich selbst, nicht wieder die Fassung zu verlieren. Er war ihr so nah und doch so unendlich fern. So fern war er ihr nie gewesen, nie so unerreichbar, immer war ihr die Vorstellung geblieben eines Tages in seinen Armen liegen zu können, aber was war nun geschehen? Was für eine schreckliche, unveränderbare Fügung hatte das Schicksal genommen?
Nicht mehr in der Lage klar zudenken heftete sich Tyla an ihre Mutter und tat das was auch sie tat, wozu als erstes die Beileidsausprache an die Eltern des Jungen gehörte, kaum verständlich und so schnell sich ihre Lippen zu bewegen vermochten.
Tylas Mutter hatte sich bereits auf einer der hinteren Bänke niedergelassen, als Tyla endgültig drohte den Verstand zu verlieren. Die Bilder in ihrem Kopf, die Erinnerungen und die grausame Gewissheit, dass nichts von dem jemals wieder passieren würde, ließ das Mädchen seelisch zerbrechen. Nichts hielt die Tränen länger zurück. Blut tropfte von ihren roten Lippen, auf die sie bis zuletzt fest ihre Zähne gepresst hatte. Vermischt mit ihren Tränen lief ihr das Blut am Kinn herunter und tropfte auf das weiße Spitzentuch, welches sie in ihren bebenden Händen hielt und fest mit ihren zarten Fingern umschlang. Erschrocken sah ihre Mutter zu ihrer Tochter hoch, nachdem diese sich nicht gesetzt hatte. Aber Tyla wich dem entsetztem Blick ihrer Mutter aus, indem sie sich von ihr abwandte.
„Tyla was ist mit dir? Du blutest ja…, Tyla!“
Noch während ihre Mutter mit ihr sprach lief das mit den Nerven am Ende angekommene Mädchen, bitterlich weinend, aus der Kirche. Alle drehten sich nach ihr um und erst als die große hölzerne Tür zugeschlagen war, richtete sich alles wieder nach vorne.
Auch draußen angekommen hielt Tyla nicht an. Zu groß war die Angst vorm Stillstand. Sie rannte weiter ohne jeglichen Gedanken an das Wohin zu verschwenden. Einzig und allein zählte, dass sie allein sein würde. Immer wieder wischte sie mit ihrem Taschentuch die Tränen hinfort, um wenigstens einigermaßen erkennen zu können wohin sie ihr Weg führte.
Völlig aufgelöst rannte sie in den hinter dem Friedhof gelegenen Wald. Sie rannte und rannte, stolperte dabei immer wieder über ihre eigenen Füße, bis sie schliesslich schwer stürzte und dabei hart auf den Boden schlug. Verzweifelt und geschunden blieb sie liegen, raufte sich nur kurz zusammen um sich an einen Baum anzulehnen. Die verschwommenen Bilder vor ihren Augen verrieten ihr nichts, nicht wo sie war, warum sie gestürzt war, nicht einmal ob sie alleine war. Verzweifelt, laut schluchzend und vom Schmerz zerfressen verlor sie sich in ihren Gedanken.
„Was soll ich bloß hier, wenn du doch nicht mehr da bist? Chris, immer wieder hat ich die Hoffnung du könntest doch etwas für mich empfinden. Aber was jetzt? Jahrelang lebte ich nur nach dem Motto „Die Hoffnung stirbt zuletzt“ und nun…, nun ist meine Hoffnung gestorben…, zusammen mit dir. Also sag mir doch einer was ich hier noch soll. Überall sehe ich dich vor mir, dein Duft liegt mir in der Nase, deine Stimme hallt durch mein Gehör und die Erinnerungen an dich zerfressen mich, auch wenn sie noch so schön sind, zerstören sie mich. Trotzdem würde ich sie nie missen wollen. Ich hätte alles für dich getan. Mein Leben hätt ich geben für einen kurzen Moment der Zuneigung von dir. Aber ich konnte nicht. Und auch der jetzige Wunsch zu dir zu gehen wird mir nicht gewährt. Warum? Warum, verdammt, muss ich so leiden? Ich habe doch nie jemandem etwas getan. Gott, warum hilfst du mir nicht? Warum machst du nicht alles ungeschehen? Bitte, bitte. Ich wollt doch nur bei dir sein Chris. Ich liebe dich doch, so sehr. Ich liebe dich, nur dich, niemand anderen…, niemanden könnt ich lieben so wie dich. Komm zurück zu mir, bitte…, bitte! Was nur soll ich tun damit du zu mir zurück kommst? Oder muss ich zu dir kommen?“
Der Schmerz in ihrem Herzen zog sich bis ins Mark ihrer Knochen und schnürte sich um ihre Kehle. Ihre Augen brannten und ihr Knöchel war dick und blau angeschwollen. Ihre immer stärker bebende Hand ging zur Handtasche, verschwand in dieser und kam mit dem Taschenmesser ihres Großvaters zurück. Es war ein kleines Wunder, dass sie es nicht gleich wieder fallen lies so sehr zitterte sie. Schon beim Aufklappen des Messers schnitt sie sich tief in die Handfläche, doch der Schmerz blieb aus, denn auch diese Wunde konnte sich nicht mit der in ihrem Herzen und ihrer Seele messen. Das Blut verlief sofort auf ihrer nassen Hand. Sie hatte alles verloren was sie je begehrt und geliebt hatte, alles was ihr je wichtig gewesen war. Ihr Leben war wie ein Spiegel zerbrochen und nun schnitt sie sich auch noch an den übergebliebenen Scherben tief ins Fleisch, tief in die Seele, ins Herz.
Zögerlich, aber im Kopfe den Entschluss gefasst, setzte sie das Messer an ihre Schlagader. Doch der Mut ließ noch auf sich warten, nur durchs heftige Zittern kratzte und schürfte die Haut ein wenig auf, worauf noch mehr Blut über