Because I love you
sie nun tun sollte. Weit und Breit war keine Menschenseele mehr auf der Straße. Tyla war klar das es Mitten in der Nacht sein musste und Wohl oder Übel zu solcher Stunde kein Bus mehr fahren würde, zudem würde eh kein Busfahrer für einen kleinen Labradorwelpen halten. Grinsend sah sie sich die Sterne an. Es war das erste Mal, seit dem sie erwacht war, dass sie Zeit hatte in Sich zugehen um das Geschehene, wenn auch nur Ansatzweise, zu verstehen versuchen. Alles war so verwirrend, kaum zu begreifen und erstrecht nicht zu erklären, aber trotzdem war sie mit einer Freude erfüllt, von der sie gar nicht wusste das es sie gab. So unzählbar viele Gedanken flogen durch ihren Kopf, Bilder, die wie auf einer Leinwand vorbei huschten, Erinnerungen, die Erlebnisse mit Chris und ihren anderen Freunden zeigten, Momente die sie mit ihrer Mutter verbracht hatte, aber auch all die Erlebnisse und Gefühle, die der schrecklichen Nachricht gefolgt waren. Sie erinnerte sich genau an den Tag als sie es erfuhr. Wie ein Film lief es in ihrem Kopf ab.
Ihre Mutter kam mit Tränen in den Augen in ihr Zimmer. Es waren nur noch wenige Tage bis zum Ende der Sommerferien und Tyla war gerade dabei gewesen ihr Zimmer zu säubern, sie wisch Staub und räumte Möbel umher. Der CD-Player lief und munter freute sie sich darauf Chris endlich wieder zusehen, der die letzten zwei Wochen bei seiner Großmutter in New York gewesen war. Tyla erinnerte sich genau an die Gedanken und Worte die fielen, als ihre Mutter ihr erklärte was geschehen war. Ein Autounfall war es gewesen, erklärte man. Es war kurz nach der Ankunft bei seiner Großmutter geschehen, er war Vormittags in die City gefahren, wo sich kurz nach 12 Uhr der Unfall ereignete. Das Handy wäre hinunter gefallen und als der Fahrer es vom Boden seines Autos sammeln wollte geschah es. Er hatte keine Chance mehr zu reagieren, er raste ungebremst in Chris hinein, als dieser gerade dabei gewesen war die Straße zu überqueren. Das Zerbrechen von Glas drang durch Tylas Ohren.
Die Vase zerbrach, sie war ihr wie Butter durch die Finger geglitten. Scherben lagen auf dem Boden verstreut. Weinend nahm ihre Mutter sie in den Arm, doch Tyla wollte nicht glauben was man ihr sagte, es konnte einfach nicht stimmen. Ganze drei Tage verbrachte sie daraufhin in ihrem Zimmer, mit nichts weiter als ein paar Flaschen Wasser und einem Foto. Es war ein Foto, das sie und Chris zeigte, wie sie sich lachend in den Armen lagen.
Das Gefühl von Leere und Trauer fraß sich erneut in Tyla hinein, Mitten in ihr Herz. Sie wusste zwar, dass sie die Chance hatte alles zu ändern und zum Guten zuwenden, doch das nahm ihr nicht die Erinnerungen an das was geschehen war. In diesem Moment hätte sie wohl nichts lieber getan als geweint, doch es ging nicht. Keine einzige Träne fand den Weg nach draußen.
Tief in ihren Gedanken vergraben, ertönte plötzlich das Schlagen der großen Kirchenglocken und lies sie aufschrecken. Gespannt und erfreut über Ablenkung lauschte sie den Schlägen.
„Zwei, drei… Drei Uhr also. Na dann, hab ich ja noch ganze zwei bis drei Stunden zu Schlafen, dann tauchen hier sicher die ersten Fahrgäste auf. Was heißt, dass ich mich jetzt endlich mal hinhauen sollte, denn das wird morgen sicherlich ein aufregender und anstrengender Tag.“
Gedacht, getan, Tyla kugelte sich zusammen und lies den Kopf sinken. Ihre Augenlieder fielen zu, als wären sie aus Stein und es dauerte kaum ein paar Minuten, da war sie im Schlaf entschwunden.
Wieder war es das Läuten der Glocken, das Tyla half. Verschlafen blinzelte sie der strahlenden Sonne entgegen, die zu solch früher Morgenstunde schon die Schweißperlen auf der Stirn blitzen lies.
Vorsichtig richtete Tyla ihren Oberkörper auf. Immer noch stand niemand an der Bushaltestelle und so beschloss sie sich erst einmal die Beine zu vertreten. Sie sprang von der Bank, reckte und streckte sich, machte einen Buckel, wie eine Katzen und verschwand dann in einem kleinen Gebüsch am Rande des Gehwegs.
Mit einem sichtlich erleichtertem Gesichtsausdruck kam das kleine Hündchen aus dem Gebüsch zurück. Geduldig und zufrieden setzte sie sich vor den kleinen Unterstand und schaute zum großen Kirchenturm hoch. Die große Glocke hatte sechs Uhr geschlagen. Mit ungewöhnlich viel Mut und Zuversicht im Herzen, beschloss sie zu warten und tatsächlich ließen die ersten Kinder nicht all zu lange auf sich warten, die offensichtlich einen Ausflug ins Freibad vor sich hatten. Es war gerade viertel vor sieben, als Tyla ihre lachenden Stimmen hören konnte. Mit einem eher unglücklichen Hechtsprung versteckte die kleine Hündin sich im Gebüsch, denn sie erinnerte sich noch zu Gut daran, wie sie selbst sich immer gegenüber kleinen, niedlichen Hundebabys verhalten hatte. Etwas zerknautscht und mit Blättern im Fell steckend, lugte ihr Kopf aus dem grünen Dickicht heraus. Nun war es nur noch eine Frage der Zeit, bis der nächste Bus in Richtung Stadt kommen würde.
Nur wenige Minuten später war es endlich soweit, der Bus fuhr vor und Tyla wusste genau, das dies ihre Chance war. Die Türen gingen auf, die Kinder stiegen ein und in all dem Gewirr sprang sie aus ihrem Gebüsch heraus und landete in letzter Sekunde mit einem riesigen Satz im inneren des Busses. Zu ihrem Glück war der Bus fast völlig leer, was es ihr leichter machte unentdeckt zu bleiben. Wie ein kleines Wiesel, huschte sie unter einen der Sitze und umklammerte eine der Befestigungen der Sitze.
„Tja und das wäre wohl Etappensieg, Nummer zwei. Vorausgesetzt ich überlebe diese Art des Bus Fahrens. Au…, mein Hintern.“
Jedes Mal wenn der Bus anfuhr oder bremste rutschte Tyla hin und her.
Geschlagene neunzig Minuten später hatte sie es endlich geschafft, der Bus hielt an ihrer Haltestelle. Eine ältere Dame hatte gedrückt und wollte nun ebenfalls aussteigen. Tyla die sich nun erneut beeilen musste um mit raus zu kommen, strauchelte noch etwas. Das Ewige hin und zurück, wie das recht häufige mit dem Kopf gegen den Sitz schlagen hatte seine Spuren hinterlassen. Und so taumelte sie regelrecht aus dem Bus hinaus. Sie erweckte ein wenig den Eindruck als sei sie in ein Fass voll Rum gefallen. Der Bus fuhr weiter und Tyla war nur noch wenige Meter von ihrem Haus entfernt. Nochmals hielt sie Inne um ihr weiteres Vorgehen genau zuplanen, denn nichts sollte Unüberlegt geschehen, zu groß war das Risiko versagen zu können.
„Okay, so weit so gut, aber was mache ich jetzt? Wenn ich nach Hause marschiere, werde ich eh wieder rausgeschmissen oder schlimmer, man bringt mich ins Tierheim und dann ist alles vorbei. Nein, Mama würde nie einen Hund im Haus dulden. Außerdem möchte ich nicht ihr Gesicht sehen, wenn sie feststellt das ich nicht mehr da bin. Was hab ich bloß getan, darüber hab ich mir bis jetzt noch gar keine Gedanken gemacht… Aber vielleicht sollte ich das auch lieber nicht, das kompliziert nur alles unnötig. Mir fällt schon ’ne gute Erklärung ein, wenn’s soweit ist. Jetzt aber zurück zu meinem Ursprünglichen Problem, was tun? Chris müsste zu Hause sein, ja… und er hat sich doch immer einen Hund gewünscht. Das ist es, ich muss mich gleich bei ihm einnisten, so kann ich ihn am besten beschützten und bin überall mit dabei. Wirklich überall, hmm…! Ahh, pfui Tyla, was für Gedanken. Konzentrier dich! Schliesslich hast du hier eine Aufgabe! So was unprofessionelles…!“
Hämisch grinsend tapste Tyla davon. Es war nicht mehr weit bis zu Chris Haus und langsam aber sicher erschlich Tyla die Ungewissheit, würde er sie denn überhaupt bei sich aufnehmen oder müsst sie vielleicht tatsächlich ins Tierheim. Sie schlackerte mit ihren riesigen Schlappohren und dachte:
„Wenn ich erstmal wieder so anfange, kann ich ja gleich einpacken. Natürlich nimmt er mich auf. Hallo? Bin ich etwa nicht der süßeste Hund auf Erden? Ich mach mir einfach viel zu viele Gedanken. Ich muss es einfach mal auf mich zukommen lassen, dann wird schon alles Gut. Was sagte Großvater früher immer, es gibt aus allem einen Ausweg, man muss ihn nur finden! So war es, so ist es und so wird’s auch immer bleiben. Ich schaff das schon, da bin ich fest von überzeugt!“
Diese Gedanken begleiteten sie bis zum Haus ihres Freundes. Es war ein großes Haus, zumindest Tyla erschien es so. Mit zwei Stockwerken und einem riesigen Garten. Es war wundervoll für Tyla endlich angekommen zu sein. Strahlend sah sie sich das Haus an und stellte fest:
„Es hat sich überhaupt nichts verändert. Ich bin tatsächlich in der Zeit zurückgereist, Wahnsinn. Nur noch diese Straße, dann kann ich endlich wieder in seinen Armen liegen, endlich.“
Ohne einen weiteren Gedanken zu verschwenden, lief sie los, quer über die Straße. Sie war bereits auf dem Gehweg angekommen, da ertönte plötzlich ein schrilles Klingeln und ein wütender Junge brüllte:
„Ey weg da du blöder Köter.“
Doch ohne abzuwarten, dass der kleine Hund wirklich das Weite suchte fuhr er einfach drauf zu. Für Tyla war es zu spät noch auszuweichen, sie kniff die Augen zusammen und lies es geschehen. Der Schmerz durchdrang sie und trotz der geschlossenen Augen spürte sie wie es sie durch die Luft wirbelte. Hart prallte sie auf dem Pflaster auf und blieb reglos liegen, während der Fahrradfahrer unberührt weiterfuhr.
Chris, der vom Garten aus alles mitbekommen hatte, reagierte sofort. Er hechtete über den Gartenzaun und rannte dem Jungen hinter her. Wütend über solch ein verhalten brüllte er:
„Feiger Mistkerl, wenn ich dich hier noch mal erwische, bist du Geschichte!“
Als er einsah, das es keinen Sinn machte ihm nachzurennen, drehte er ab und lief zurück zu der blutenden Tyla. Die Pedale hatte einen langen Riss verursacht. Kaum noch bei Sinnen vor lauter Schmerzen, erkannte sie ihren Retter und hauchte mit letzter Kraft:
„Ich hab es wirklich geschafft. Nun wird doch alles wieder gut…, oder?“
Für Chris