Because I love you

Chris Geschichten nach dauert das Abendessen mit seiner Großmutter immer ne halbe Ewigkeit und wenn dem so ist müsste die Zeit ja ausreichen um ihm zu sagen, dass es mir gut geht und wo ich zurzeit bin.“
Tylas inneres Lachen setzte wieder einmal ein und vor lauter Freude über ihren „genialen“ Plan vergas sie alles um sich herum.
Es vergingen Stunden, voller Langeweile und stille, bis Chris von seiner Großmutter zum Essen gerufen wurde. Er verabschiedete sich kurz bei Tyla, erklärte ihr abermals sie solle sich ruhig verhalten und verschwand dann hinter geschlossener Tür. Mit einem riesigen Hechtsprung machte sie sich ans Werk. Es war ein leichtes all die Knöpfe zu bedienen und im Hand umdrehen war der PC hochgefahren und die Internetverbindung hergestellt. Wahrlich stellte es sich als schwierig heraus Maus wie Tastatur korrekt zu bedienen doch Tyla meisterte auch diese Schwierigkeit mit Bravur. Der Text, der an Chris ging, war schnell geschrieben, hatte sie doch schliesslich schon seit Stunden an ihm gearbeitet. Er gab kurz und präzise das wieder, was Chris über sie wissen musste, wenn auch nicht immer ganz wahrheitsgemäß.
Der Computer schaltete sich gerade ab und Tyla drückte mit ihrer Tatze den leuchtenden Knopf, der Stromleiste als unerwartet die Tür aufsprang. Sie hatte niemand kommen hören und all zulange hatte sie nicht gebraucht, demnach konnte Chris es nicht sein. Tyla blieb keine Wahl mehr, sie sprang hinter die neben dem Computer stehende Kommode. Aus lauter Anspannung hielt sie die Luft an und ihr Herzschlag wurde schneller und schneller. Die Schritte kamen unaufhaltsam näher und aus lauter Furcht kniff Tyla die Augen zusammen. Mit ihren Pfötchen bedeckte sie den kleinen Kopf, so als wolle sie sich unter ihnen verstecken. Tyla betete, dass man sie nicht finden würde, doch plötzlich, wie aus dem Nichts schnellte eine Hand auf sie zu. Sie packte die junge Hündin und zog sie hinter der Kommode vor.
„Was hast du denn da gemacht Sira. Schau dich doch mal an, ganz schmutzig und überall kleben Spinnenweben.“
Verdutzt machte sie ihre Äuglein auf und schaute direkt in Chris Gesicht, der zufrieden strahlend, in der einen Hand einen Teller voll Reste hielt und in der anderen sie. Beides setzte er behutsam zu Boden und Tyla musst nicht lange grübeln, um zu erraten das der Teller voller Leckerein für sie bestimmt war. Zufrieden mampfend stellte sie gedanklich fest:
„Ist das köstlich! Wir hätten schon viel früher nach New York reisen sollen. Seine Großmutter kocht einfach spitze. Endlich wieder was anständiges zu beißen. Ich kann mein Glück kaum fassen.“
Bis auf den letzten Krümel hatte sie den Teller leer geputzt und Chris staunte nicht schlecht über den Heißhunger seiner kleinen Freundin.
Chris hob den leeren Teller vom Boden auf und stellte ihn auf seinen Schreibtisch ab, dabei warf er einen flüchtigen Blick auf sein Handy, das neben dem Computer lag. Zu seinem Überaschen blinkte die Anzeige „Neue Mitteilung“ auf dem Display. An seinen nachdenklichen Grübchen auf der Stirn erkannte Tyla sofort was in ihrem Freund vorging. Neugierig griff er nach dem Telefon und las die an ihn gesandte SMS. Von Zeile zu Zeile, Wort zu Wort, erstrahlte sein bezauberndes Lächeln heller. Er legte das Handy beiseite, ging in die Hocke und klatschte zweimal auf seine Oberschenkel. Für Tyla hieß das zu ihm zugehen, was sie natürlich, als Hund, gut erzogen augenblicklich tat. Bei Chris angekommen hob dieser sie sofort hoch in die Luft und lauthals rief er:
„Ihr geht’s gut! Ihr geht’s gut! Sie hatte einfach nur noch keine Gelegenheit gehabt sich zu melden.“
Chris grinste bis über beide Ohren und Tyla blieb bei diesem Anblick gar nichts anderes über als sich mit ihm zufreuen, auch wenn er in seiner überschwänglichen Freude den kleinen Hund hoch, bis unter die Decke warf, ihn aber Gott sei Dank wieder auffing.
Chris hatte Tyla wieder abgesetzt und war bereits aus dem Zimmer gelaufen, um die neue Nachricht weiter zu verkünden. Voller stolz sah Tyla auf das silberne Handy und prahlte:
„Ich bin einfach genial. Er ist nicht mehr so traurig und ich bin meinem Ziel schon wieder ein Stück näher gekommen.“
Schmunzelnd sprang Tyla aufs weiche, frisch gemachte Bett, wo sie es sich vorerst bequem machte. Natürlich, wie es in Tylas Natur lag, war sie innerhalb von Minuten eingeschlafen. Eigentlich war Tyla ein eher träger und fauler Mensch, doch in den letzten Wochen war sie ordentlich auf Trab gehalten worden, vor allem der Schlaf hatte ihr gefehlt. Aber nun wo die schwierigsten Hürden vorerst genommen wurden, konnte sie endlich wieder beruhigt schlafen.

Tyla öffnete die Augen, doch es blieb dunkel. Da war Nichts, weit und breit. Nur diese schwarze, Angst einfüllende Leere. Nicht einmal sich selbst konnte sie sehen, aber auch ihre anderen Sinne waren wie nichtvorhanden. Eine ungebrochene Stille beherrschte die Dunkelheit und es wurde Tyla immer unheimlicher. Sie wollte schreien, um Hilfe, nach Chris, aber kein Ton drang nach Außen, all ihre stummen Schreie verliefen sich im schwarzen Nichts. Da drang plötzlich und mit ungeheurer Lautstärke ein Ohrenbetäubendes Quietschen durch die Dunkelheit. Es kam so plötzlich und unerwartet, dass es Tyla zu Boden riss, sofern es überhaupt einen Boden gab. Sie zitterte am ganzen Leib, das Quietschen bohrte sich durch ihren Schädel und es war ihr als verliere sie den Verstand. Sie schrie und brüllte qualvoll, obwohl kein Laut aus ihr heraus brach. Sie glaubte bereits sterben zu müssen, als plötzlich und unerwartet, das Quietschen ein Ende fand. Wieder war alles in Stille gehüllt und Tyla erstickte fast an ihrer Angst, da stieg ihr ein unangenehmer Geruch in die Nase. Ein entsetzter Aufschrei und ein widerliches feuchtes Gefühl an ihren Pfoten. Ihr Herz hämmerte in ihrer Brust, denn es brauchte kein Licht um Tyla zu offenbaren, das sie in einer Lache von Blut stand. Tyla fühlte sich als wäre sie auf direktem Weg in der Hölle gelandet, doch wusste sie einfach nur nicht warum.
Gerade hatte sie erkannt, in einer Pfütze Blut zustehen, da war diese bereits wieder verschwunden. Tyla bebte am ganzen Körper, sie wirbelte umher und gab es nicht auf in die Finsternis hinein zu brüllen. Ihr verzweifeltes Kreischen, das eh nicht zu vernehmen war, fand erst ein Ende, als ein weiteres Geräusch ertönte. Ein Gegenstand war zu Boden gefallen. Tyla hörte es ganz genau, sie sah es vor ihrem Inneren Auge. Etwas schlug auf den Boden, prallte auf und viele weitere, kleine Teile folgten ihm. Es war seltsam aber irgendwie kam ihr das Geräusch bekannt vor, doch sie kam nicht drauf was er war. Noch bevor sie in die Nähe einer Lösung gekommen war, verstummte wieder alles und mit unvorstellbarer Furcht erwartete Tyla die nächste Grausamkeit. Aber nichts geschah, es blieb dunkel und stumm.
„Ich will hier weg!“, schrie Tyla aus vollem Herzen, mit aller Kraft die sie in sich trug. Fast zu Tode erschrocken von ihren eigenen Worten, verlor sie das Bewusstsein.

„Good morning New York. This day we…”, dröhnte der Radiosprecher aus Chris kleinem Kofferradio heraus. Er war das Erste, was Tyla wahrnahm als sie schweißgebadet aus ihrem Alptraum erwachte. Noch zutiefst verschlafen blinzelte sie zum Bett herüber, das wie unberührt da stand. Es traf sie wie ein Schlag und all die Müdigkeit war wie weggewischt. Die Augen weit aufgerissen und das Schrecklichste befürchtend, sprang sie von ihrem Platz und rannte zur Zimmertür, die nur einen winzigen Spalt weit offen stand. Sie war gerade im Begriff gewesen vorsichtig ihren kleinen Kopf hinaus zuschieben, da drang die Stimme der Großmutter bis nach oben.
„Dann viel Spaß mein Junge! Sei aber heut Nachmittag wieder zurück, hörst du. Ach und hier hast du noch ein wenig Geld.“
„Danke Oma!“
Tyla blieb der Atem weg und hätte es ihr das Herz fast aus dem Leibe gerissen, als sie Chris Stimme hörte. Nichts hielt sie länger zurück, eh schien alles fast zu spät und so blieb ihr nichts anderes über als ihm nach zueilen um den Funken von Hoffnung doch noch zuwahren. Schneller als sie ihre vier Pfoten richtig zu koordinieren wusste, eilte sie die die Treppen hinunter. Gerade mal auf der Hälfte der vor ihr liegenden Stufen, sprang sie ab, landete auf den harten Fliesen des Flurs, der genau zur Haustür führte. Fast schoss sie übers Ziel hinaus, rammte knapp die alte Dame, die vor lauter entsetzten nur einen bitterlichen Schrei ausstoßen konnte. Davon allerdings, lies sich Tyla nicht beirren, es war als höre sie es gar nicht und so lief sie weiter. Nur Sekunden lang späte sie nach ihm, dann fand sie ihn, mit einem Bein schon im Taxi. Tyla bellte, sie schrei sich praktisch die Seele aus dem Leib in den sie gefesselt war, doch weder Seele noch Stimme drangen nach Außen. Es fühlte sich an wie ein tiefer Messer stich inmitten der Brust. Es war wie Degavu, all die Bilder; des schrecklichen Traums liefen an ihr vorbei, wiederholten sich hier in der Wirklichkeit.
Tylas Schreien und Flehen nicht vernommen, setzte sich Chris ins Auto, woraufhin dieses los fuhr.
Der Verstand befahl ihr stehen zu bleiben, denn schien doch die Sache endgültig verloren, ihr Herz aber lies sie nicht anhalten, es trieb sie an, presste ihr Blut durch die Venen. Wie vom Teufel geritten rannte sie dem Taxi hinter her, bis auch ihr starkes Herz die Defizite ihres Körpers nicht mehr auszugleichen vermochte. Ihre Lunge hatte es fast zerrissen und jeder Muskel in ihr zog und ziepte. Eigentlich hätte sie wie ein Spiegel zerbrechen müssen, doch irgendetwas schien sie zusammen zuhalten. Nicht wie sonst gab sie sich und alles andere sofort auf, nein, ganz im Gegenteil, trotz aller Gründe die diesmal weis Gott gereicht hätten um wirklich aufzugeben, lies sie außer acht und tat lediglich das was ihr geraten wurde, sich selbst zu vertrauen, bis über jede Absurdität