Herzblut trinkt man nicht

Nächtliche Entdeckungen

Kai lag nicht lange im Bett, bis der Schlaf ihn übermannte.
Neyo lauschte seinen ruhigen Atemzügen und starrte in die Finsternis um ihn herum. Schlagartig wurde ihm bewusst, wie leer sein Leben doch war. Tagelang hatte er nur trainiert, ohne Erholung, ohne schlaf, ohne Pause, ohne die geringste Rücksicht auf Kai oder Aimi.
Was hatte er nur getan? Hatte Kai und Aimi einfach im Wald allein gelassen, wegen diesem … Monster.
Fast automatisch wanderte seine rechte Hand zu seinem Nacken. Als er drei winzige Wölbungen spürte zog er sie ruckartig zurück.
Er holte tief Luft und stieß sie in einem einzigen Wort wieder aus. „Idiot!“ Leichter wäre es Kai die Schuld zu geben. ER war bei ihr gewesen,
aber Neyo wusste ziemlich genau, was er hatte tun müssen, doch nicht getan hatte. °Meine Schuld … ° geisterte in seinem Kopf herum, er schloss die Augen, doch Ruhe kehrte deshalb nicht ein. Verzweifelt schlug er die Augen auf und richtete sich im Bett hoch. Er beobachtete, wie sich ein Baum im Wind wiegte und beneidete ihn.
So frei, unabhängig, völlig belanglos …
Er legte eine hand an die Stirn. Ein tiefes Summen in seinem Kopf erhob sich und verursachte heftiges Kopfweh.
Neben ihm hörte er, wie Kai sich im Bett herumwälzte, Neyo drehte den Kopf zu ihm. Die Decke hing nur noch an Kais Schulter, ansonsten war sie am Boden.
°Träumt er? ° Neyo ließ sich zurück ins Bett fallen, stierte an die Decke. Die dröhnenden Schmerzen in seinem Kopf wurden immer schlimmer, ein pochender Schmerz glitt durch seine Schläfen. Er verkrampfte sich.
Kai fing an, im Schlaf zu reden, soweit Neyo sich erinnern konnte, hatte Kai das noch nie getan. Unter einem leisen Schwall anderer Worte hörte er immer wieder „Nein, bitte nicht!“ Nicht laut, aber deutlich verständlich, im Gegensatz zu dem Rest.
Neyo ließ das beinahe eine stunde über sich ergehen, dann stand er auf und stupste Kai in die Seite. Mit einem Luftschnappen richtete der Geweckte sich auf, blickte sich beinahe panisch um, entdecke Neyo neben sich und sank zurück ins Bett.
„Was war denn los?“ fragte Neyo leise, obwohl keiner im Raum mehr schlief.
„Nur … ein Traum …Alles okay …“ „Wirklich?“ „Wenn ich es dir doch sage!“ fauchte Kai seinen Freund an.
„Schon gut, beruhig dich …“ meinte Neyo und seine Stimme klang fremd. Kai sah ihn nur an. „Ich hab dazu keine Lust mehr.“ Seufzte Neyo, drehte sich weg und verschwand in einer Rauchwolke. Hustend verließ Kai das Bett. Er war allergisch gegen Feinstaub und, dass Neyo gerade in einem solchem verschwunden war, kam Kais Atemwegen nicht gerade recht.
Mit einer Hand wedelte er den Rauch weg mit der anderen tastete er im Dunkeln nach dem Lichtschalter.
Als seine Finger ihn endlich ertasteten, musste Kai feststellen, dass das Licht nicht funktionierte. Fluchend kämpfte er sich zurück zu seinem Bett, war dabei weniger als unvorsichtig und stieß mit einem Gegenstand zusammen, eine Kante des Holzgegenstandes bohrte sich in seinen Oberschenkel. „Autsch!“ Er verfluchte denjenigen, der dieses Zimmer eingerichtet hatte. Der Gegenstand schlingerte, wackelte ein bisschen, bis er schließlich nach hinten umkippte.
In diesem Moment ging das Licht an, denn Kai hatte den Schalter nicht wieder umgelegt. In einem wirren Schwall von Flüchen entlud er seine Wut.
Dann erkannte er, dass das Möbelstück, gegen das er gerannt war, Neyos Nachtisch war, der seitwärts umgekippt war. Dabei war die oberste Schublade aufgesprungen und ließ ein stück Papier erkennen. Kai hob es auf und erkannte, dass er sich um einen Brief handelte.
Der Verfasser redete Neyo in dem Brief als Bruder an. Daher schloss Kai, dass es eine von Neyos Schwestern sein musste. Er las weiter, obwohl er genau wusste, dass er das nicht durfte.

Neyo, geliebter Bruder,

vor ein paar Tagen wollte Mutter, uns zu dir schicken … Sie hatte sich Sorgen gemacht,
doch nun …

An dieser Stelle des Briefes ließen einige wellige Stellen, vermutlich Tränen, die Tinte verschwimmen. Trotzdem war es lesbar.

Doch nun, ist sie verstorben … Vater ist untröstlich, zumindest vermuten wir das …
Seit Tagen hat er sich in seinem Zimmer eingeschlossen, er redet nicht mehr … dabei …

Ein paar Wörter waren durch wirres Gekritzel unkenntlich gemacht worden.

Falls du einige Zeit der Prüfung entbehren kannst, würden wir dich bitten nach Hause zu kommen … schnell!

Deine Schwestern, Alya und Mena

Kai richtete die Kommode wieder auf, legte den Brief zurück und schloss die Schublade. Er wusste nicht, was er sagen sollte, am besten war er wohl still …
Neyo hatte offensichtlich nicht vor nach Hause zurückzukehren.
Aber seine Mutter … und jetzt Aimi … Nein, das durfte nicht sein. Aimi würde nicht streben, Nein, das würde sie nicht!!!
Der Gedanke beruhigte Kai ein wenig, aber auf jeden Fall nicht genug, um ruhig zu bleiben. Hastig zog er sich an, bemerkte kurz danach, dass er die Hose Falschrum angezogen hatte und den Kopf in einem Ärmel stecken hatte. Wütend schnaubend, entwirrte er sich aus seiner Kleidung. Versuchte es noch mal.
Diesmal klappte es zu seiner Genugtuung. Er stürmte zur Tür, riss sie auf und bemerkte erst jetzt, dass er keine Ahnung hatte, wo Neyo war. Verwirrt blieb er in der Tür stehen, lehnte sich an den Rahmen und dachte nach, was aber nicht besonders funktionierte. Zu viele Gedanken schwirrten in seinem Kopf herum, der sowieso schon durcheinander war.
Dann gab er es auf und schlug die Tür hinter sich zu, einen Sekundenbruchteil später fiel ihm auf, dass er den Schlüssen doch drinnen gelassen hatte!
Verärgert fluchte er und trat mit dem Fuß nach der Tür. Das Einzige, was er davon hatte, war ein schmerzender Fuß und eine winzige Dulle in der Tür. Immer noch wütend marschierte er nach draußen. Ein heftiger Windstoß wehte ihm entgegen und drückte ihn zurück. Nachdem er einen Schritt zurückgegangen war, gewöhnte er sich langsam an den Wiederstand und ging einfach in die Nacht hinein.
Das kleine Haus lag zwar nicht im Wald, aber auch nicht in der Stadt. Am Rande eines großen Feldes, auf das der Eingang herausführte, reihten sich ein paar Bäume aneinander, als wollten sie sich wärmen. Das Waldstück war nicht groß und innerhalb von zehn Minuten hatte Kai einen großen Bogen darum gemacht.
Als er die erste geteerte Straße betrat, mussten sich seine Füße erst einmal dran gewöhnen, dass der Boden unter ihnen nicht mehr nachgab. Immer noch war es still, so still, dass man glatt Angst davor haben könnte. Doch die Vorstellung, dass jemand an einem so friedlichen Abend die Ruhe stören wollte, erschien absurd!
Die Straße war nicht beleuchtet, nur die Mondstrahlen zeigten einem ungefähr, wo man hingegen sollte, um nicht an eine Hauswand zu stoßen. Das gelang Kai, mehr oder weniger gut, einmal hätte er fast den Hund geweckt, der in einer Hundehütte schlief, indem er die Behausung nahezu umschmiss, doch zu seinem Glück, schlief das Tier friedlich weiter. Bis er die erste Straßenlaterne erblickte, lief er noch ungefähr hundert Meter. Mit den Händen in den Hosentaschen, betrachtete er die schlafende Stadt. Langsam bewegten sich die Fenster an ihm vorbei, in den meisten herrschte Dunkelheit, doch zwei Fenster erblickte Kai, in denen Licht flackerte und seltsame Schatten auf die Straße warf. Aus dem ersten hörte er Geschrei zweier Stimmen, als er vorbei ging. Er hörte einzelne Wörter und Satzfetzen wie „Idiot“ oder „Wie konntest du nur?“ und zum Schluss „Diese Schlampe“ bis die stimmen verstummten.
Kopfschüttelnd kam Kai am zweiten Fenster mit Licht vorbei. Verschwommen nahm Kai die Gestalt einer jungen Frau hinter dem Vorhang wahr. Dann hörte er ein zartes Schluchzen und erkannte die winzige Gestalt in ihren Armen. Sie sang ein leises Lied, Kai kannte es aus seiner Kindheit, dasselbe hatte seine Mutter immer gesungen, hatte er nicht schlafen können. Seine Gedanken wanderten zu seiner verletzten Teamkameradin, sie würde das Lied wohl nicht kennen.
Seit sie noch sehr klein war, lebte sie bei ihrer Tante, ihrem Mann und dessen Schwester. Ihre Mutter war kurz nach der Geburt fortgegangen und hatte das kleine Kind bei dem todkranken Vater verlassen. Kurz darauf starb ihr Vater an Krebs und sie wurde von ihrer Tante aufgenommen, die eine sehr unangenehme Person war nebenbei bemerkt, schlimmer noch war allerdings ihr Ehemann. Er hatte Aimi mit fünf Jahren in einen winzigen, dunklen Keller geworfen wegen ungehaltenem Verhalten, Zu frech! Hatte er gesagt …
Seit diesem Ereignis betrat sie keine engen Räume mehr. Nicht mal unter Lebensgefahr. Kai ging weiter. Aus einem Fenster hörte er leise einen Fernseher, vor dem jemand wohl eingeschlafen sein musste. Dann wanderte sein Blick nach links, wo ihm ein großes Gebäude entgegenstarrte. Das imposante Gebilde war das Krankenhaus, für einige Sekunden schien es, als wollte Kai daran vorbeigehen, doch dann änderte er ruckartig die Richtung und betrat das schwach erleuchtete Gebäude.
Eine Dame, die Kai ziemlich müde entgegenblickte, saß am Empfangsschalter. Ein erschöpftes „Mhmmm…“ deutete Kai als Begrüßung. „Hallo … ich möchte Aimi Komito besuchen, geht das?“ Ein weiteres Geräusch, das dem ersten sehr ähnlich war. Dann, „Ja, natürlich … Du bist …?“ „Kai Arimoto.“ Beendete er ihren Satz, sie schrieb sich den Namen auf ein Stück Papier und deutete ihm an hineinzugehen. E setzte sich in Bewegung und kramte in seiner Erinnerung, wo Aimis Zimmer lag. Als er sich endlich daran erinnerte, war er längst vorbeigelaufen und drehte sich auf dem Absatz um und ging in die Andere Richtung.
Ohne zu Klopfen öffnete er die knallgrüne Tür.
Leise und von einem monotonen Piepsen begleitet betrat Kai das Zimmer. Jeder Schritt schien einen der aufdringlichen Töne auszulösen. Das schrille Geräusch bohrte