Herzblut trinkt man nicht
sich in Kais Ohren und verursachte leichte Kopfschmerzen. Er betrachtete, die offenbar schlafende Gestalt in dem Bett, etwa in der Mitte des Raumes. Im Zimmer war es dunkel gewesen und Kai hatte sich nicht getraut das Licht anzumachen, wieso wusste er auch nicht so genau. Aimis Gestalt ließ die Decke sich etwas wölben. Obwohl sie völlig ruhig dazuliegen schien, hoben tiefe Atemzüge, in unregelmäßigen Abständen die Decke auf und ab. Das ganze Zimmer war in einheitliche Schatten getaucht, einige grau, die anderen pechschwarz. Plötzlich kristallisierte sich eine Gestalt aus den Schatten, ganz in schwarz. Erschrocken schnappte Kai nach Luft, machte einen Satz nach hinten und schaltete mit seinem Hintern das Licht an.
„Neyo!!! Erschreck mich halt!“ Neyo schwieg, sagte nichts, selbst Aimis Atem war lauter zu hören, als Neyos Anwesenheit. Wortlos starrte Kai ihn an. °Hätte mir denken können, dass er hier ist …° schoss durch seine Gedanken. „Ich hoffe du hast einen Schlüssel dabei, ich hab mich nämlich ausgesperrt …“ meinte Kai dann und sah in Neyos dunkle Augen, die
einem verketteten Buch nicht ähnlicher hätten sein können, was Neyo dachte, konnte man darin noch am wenigsten lesen. Neyo nickte. Kai atmete durch. „Bist du schon lang hier?“ wechselte Kai das Thema und versuchte den peinlichen Moment zu überspielen. Neyo nickte wieder. „Hör auf damit, das wird schon langsam gruselig, selbst bei brennendem Licht …“ meckerte Kai ihn an.
„Mhm …“ Neyo nickte wieder. Kai seufzte, „Weißt du, wie es ihr geht?“ Kai ließ den Blick zu Aimi schweifen. „Nein.“
Kai sah ihn an. „Denkst du sie stirbt?“ „Nein.“ Kais Augen verloren an Beharrlichkeit. „Denkst du sie ist bald wieder gesund?“ „Nein.“ Kai legte aus Reflex den Kopf schief. „Wie meinst du das? Hast du mir zugehört?“ „Nein.“ Kai ließ den Kopf leicht hängen und Neyo nahm gleichzeitig auf einem Stuhl neben Aimis Bett Platz. Sein Blick war auf ihr Gesicht gerichtet, das mit geschlossenen Augen an die Decke starrte. Seine Hand zitterte, als er sie nach ihr ausstreckte und auf die reglose, blasse Wange legte.
Ein tiefer, abgehackter Atemzug. Einen Augenblick Stille. Dann schlug Aimi die Augen auf und richtete sich gleichzeitig kerzengerade in ihrem Bett auf. Neyos Hand fiel schlaff auf den Rand des Bettes, wie geschockt saßen die beiden Jungen da.
Gierig sog Aimi die Luft ein, was ein mehr oder weniger kratzendes Geräusch abgab. Aimis Blick wanderte suchend zu Neyo und Kai umher. Sie sah Kai am Ende des Bettes stehen und Neyo, direkt neben ihr. Sie stieß einen freudigen Seufzer aus und fiel Neyo, der ihr am nächsten war um den Hals. Einen kurzen Moment des Schocks verharrte Neyo in einer einzigen Position.
Erst die wilden Gestikulationen seines Freundes, die nur in Neyos Sichtfeld waren, brachten ihn dazu Aimi eine Hand auf den Rücken zu legen. Kai jubelte lautlos und vollführte Luftsprünge. Neyo entschlüpfte ein schwaches Lächeln. „Aimi … ich bin so froh … ich hatte … solche Angst …“ brachte er stammelnd hervor.
Aimi, die immer noch sehr schwach und gebrechlich erschien, aber trotzdem ihre Stimme wiedergefunden hatte, lächelte. „Ich bin auch froh, auch wiederzusehen.“ Sagte sie leise. Kai lächelte und Neyo schwieg. Eine untersetzte Krankenschwester stürmte in den Raum und wies Neyo und Kai an, den Raum sofort zu verlassen und erst morgen wiederzukommen. Als die Beiden das Zimmer verließen glaubte Kai etwas zusehen, für was er seinen Kameraden als unfähig eingestuft hatte. Er meinte, eine winzige Träne glitzern zu sehen, doch er sah sofort wieder weg.