Hinweise zum Glück
Prolog
Er hasste es mitten in der Nacht in einem kleinen Van zu sitzen und zu warten, dass endlich etwas passieren würde. Lieber wäre er daheim bei seiner kleinen Tochter und seiner Frau, doch als Polizist war es oft nicht leicht, sich die Arbeitszeiten einzuteilen. Dabei sollte er zu Hause sein und sich um sein krankes Kind kümmern, doch stattdessen verbrachte er seine Zeit in diesem stinkenden Wagen neben seinem langjährigen Partner Ben Stone. Sie beide hatten zur selben Zeit den Dienst angetreten und waren von je an beste Freunde geworden. Ben war ein hervorragender Polizist, auf den man sich immer verlassen konnte. Seine etwas zierliche Gestalt täuschte die meisten Menschen, denn in ihm lauerte ein hartgesottener Polizist, der dennoch das Herz am rechten Fleck hatte. Im Laufe der Jahre waren sie ein eingespieltes Team geworden, das dafür bekannt war, effizient und erfolgreich beim Lösen ihrer Fälle war.
Deshalb hatte ihnen der Chief diesen Fall überreicht. Sie sollten einen Juwelenschmuggler das Handwerk legen, der schon seit langen ein Rätsel für die Polizei war. Gestern Abend hatte man schließlich einen Tipp erhalten, dass ein hohes Tier dieser Verbrecherbande in der kleinen Bar vor ihnen auftauchen würde. Vielleicht schafften sie es dieses Mal, ihn zu erwischen. Einmal wäre es Ben und ihm beinahe geglückt diesen zu fassen, doch Silvio DeCloud war ein gerissener Mann. Damals standen sie sich schon Angesicht zu Angesicht, doch durch einen Fluchtplan, der in einer Schießerei endete, gelang es diesem zu entkommen.
Doch heute Nacht würden sie ihn oder seinen Lakaien erwischen und dann konnte dieser Fall endlich abgeschlossen werden. Anschließend würde er sich vielleicht für ein paar Tage frei nehmen. Casseys kleines, blasses Gesicht zeigte sich wieder deutlich vor seinen Augen als er an sie dachte. Schon seit Tagen lag sie fiebernd in ihrem Bett und ihr kleiner Körper wurde immer schwächer. Der Arzt meinte, dass man einfach abwarten müsste, aber es war schrecklich mit anzusehen, wie sein kleines Mädchen leidend dalag.
„An was denkst du, Cam?“ Bens Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Er hatte die Besorgnis gesehen, die auf Cams Gesicht lag. Normalerweise würde es keinem auffallen, der einen flüchtigen Blick auf seine harten Züge warf, doch für einen guten Freund war das kein Geheimnis. Schon den ganzen Abend lag etwas Besorgtes in Cams Blick.
„Ich denke daran, dass wir diesen Fall endlich zum Abschluss bringen sollten. Wir sind schon viel zu lange hinter ihm her. Das nervt einfach tierisch.“ Trotz dieser Aussage erkannte Ben, das dies nicht der einzige Grund war. Es lag etwas Abwesendes in den Augen seines Partners, etwas, das nur selten in dessen Blick war. Obwohl Ben gerne näheres darüber erfahren hätte, lies er es bleiben, weil er aus Erfahrung wusste, das Cam nichts sagen würde. Also nahm er seinen Becher mit Kaffee und nickte nur. Immerhin war das Warten eine der unnötigsten Situationen, die es für einen Polizisten gab.
In diesem Wagen war es eiskalt. Es war ein Wunder, dass sie sich hier drinnen nicht den Tod holen würden. Das wäre einmal eine Schlagzeile. „Polizisten bei Einsatz erfroren“. Ben lächelte grimmig. Na soweit durfte es nicht kommen. „Hoffentlich bekomme ich nach heute Nacht keine Grippe.“ Obwohl es Ben nur freundlich gemeint hatte, um die Atmosphäre zu lockern, zog sich Cam weiter in seinen Gedanken zurück.
Er war sich nicht sicher, wie er darauf antworten sollte. Wie konnte Ben sein Partner Witze über Kälte und Grippe machen, wenn es Menschen gab, die daran im schlimmsten Fall sterben konnten. Doch das war verkehrtes Denken, sagte sich Cam selber. Er musste daran glauben, dass seine Tochter wieder gesund werden würde und wie viel wundervolle Jahre sie noch gemeinsam verbringen würden. Er würde alles dafür geben, wenn er wieder dieses kleine, glucksende Lachen hören würde. Trotz ihren 2 Jahren war Cassey ein liebes und fröhliches Mädchen, wie man es selten finden konnte. Sie würde es überleben und er musste sich jetzt auf den Fall konzentrieren.
Während Cam sich dies sagte, wurde eine Bewegung vor ihnen bemerkbar. Eine Zigarette wurde angezunden und leuchtete in der Dunkelheit. Dann ging die Siluette eines Mannes die Straße hinab und in selben Moment stiegen Cam und sein Partner lautlos aus dem Wagen.
Verflogen waren die Gedanken an seine kranke Tochter, Cam war ein Profi und wenn ein Einsatz losging, war kein Platz für private Sorgen, dann galt es seine ganze Aufmerksamkeit auf das vor ihnen passierende Geschehen zu richten.
Bedacht auf der nächtlich verlassenen Straße keine Aufmerksamkeit erregenden Geräusche zu verursachen, schlichen die beiden Partner los. Es bestand kein Zweifel, vor ihnen ging Silvio DeCloud. Cam hatte ihn sofort an dem leichten Gangfehler erkannt, der DeCloud so eigen war, auch die typisch schmierige Frisur, von Öl gehalten, schimmerte im schwachen Licht der vereinzelten Straßenlaternen. Heute würden sie ihn dran bekommen, endlich nach der langen Zeit der Ermittlungen würde Cam den Fall abschließen und zu den Akten legen können. Ein Blick zu Ben verriet ihm, dass dieser genauso dachte, grimmig entschlossen, mit der Hand bereits unter der Jacke, am Griff der Pistole schritt er neben Cam die düstere Straße entlang.
DeCloud bog von der Straße in eine kleine Seitengasse ab. Für einen Moment fiel der Strahl einer Laterne auf sein Gesicht, doch versperrte der hochgestellte Kragen die Sicht auf das Antlitz ihres Kontrahenten. Für den Bruchteil einer Sekunde kamen in Cam Zweifel auf, doch schnell verbannte er sie aus seinem Kopf, er würde doch nicht ins Wanken geraten direkt bevor sie zuschlagen konnten! Diese Seitengasse war ihre Chance, das wussten die beiden Partner, es war eine Sackgasse, Silvio DeCloud saß in der Falle. Eingespielt durch jahrelang gemeinsam absolvierte Dienste gingen die beiden in Position. Mit schussbereiter Waffe, spähte Ben um die Ecke, während Cam sich bereit hielt ihm im Ernstfall sofort Unterstützung geben zu können. Doch hob Ben grinsend den Arm und deutete Cam, dass er sicher nachrücken könne. Cam traute seinen Augen nicht, als er vorsichtig in die Gasse blickte. Am anderen Ende der Gasse stand DeCloud, mit einer Hand an der Wand abgestützt, eine Melodie pfeifend, schien er sich zu erleichtern. „Da scheint wohl jemand zu tief ins Glas geblickt zu haben.“, zischte Ben seinem Partner zu, „Heute ist unser Glückstag, den überraschen wir jetzt mal schön!“
Schnell und lautlos huschten die beiden Partner in die Gasse hinein und auf DeCloud zu. Aprupt endete die fröhliche Melodie von DeClouds Lippen als er Bens kühle Pistole an der Schläfe spürte.
„Jetzt hast du wohl ausgepfiffen Silvio. Ich möchte, dass du eine Hand hebst, mit der anderen steckst du schön langsam deinen kleinen Freund ein. Komm auf keine dummen Gedanken, du würdest es nur bereuen.“ Ben genoss diesen so lange ersehnten Triumph sichtlich. Er stand breitbeinig hinter DeCloud und hielt den Revolver sicher in der Hand. Mit der anderen Hand fischte er schnell in Silvios Jackentaschen und beförderte eine Pistole und ein kleines Messer auf den dreckigen Boden der Gasse. Mit einem Mal hielt er inne. Langsam zog er eine Kette aus DeClouds Tasche und blickte verdutzt zu Cam und dann wieder auf seinen Fund. „Das ist ja perfekt, auf frischer Tat ertappt, wer hätte gedacht, dass du im Alter so schleißig wirst! Und jetzt zum geschäftlichen Teil, du bist verhaftet, du hast das Recht auf einen An…“ - „Aber, aber meine Herren, wir wollen hier doch nicht voreilig irgendwelche Fehler begehen, oder?“
Cam und Ben fuhren gleichzeitig wie vom Schlag getroffen herum. Vor ihnen, aus einem kleinen Seiteneingang, den die beiden Polizisten schleißig übersehen hatten, trat Silvio DeCloud samt Gefolge. Reingelegt, durchfuhr es Cam, sie waren blindlings in eine Falle getappt und nun stand DeCloud persönlich vor ihnen wie sie es doch gewollt hatten, doch waren die Karten mit einem mal ganz anderes verteilt. Innerlich wollte Cam sich selbst ohrfeigen, wie hatten sie beide nur so einen Fehler begehen können, sie waren in ihrer Euphorie zu unvorsichtig gewesen. Erstens hatten sie nicht die Herkunft ihres Tipps überprüft, zweitens hatten sie sich nicht genug vergewissert, dass Silvio De Cloud vor ihnen die Straße lang ging, drittens hätte er auf der Hut sein müssen, als er den verdächtig hochgestellten Jackenkragen gesehen hatte und spätestens als Ben die Kette aus Silvios Jacke zog, hätte er erkennen müssen, dass etwas mit falschen Dingen zu ging. Ein Profi wie DeCloud würde Schmuggelgut nie leichtsinnig in der Jacke tragen, wo jeder kleine Straßendieb es durch Glück ergattern konnte.
„Wie ich sehe haben Sie meinen Cousin Ricardo bereits kennengelernt, ein sehr talentierter Bursche, ich bin sehr stolz ihn in die Familiengeschäfte aufnehmen zu dürfen. Ricardo dreh dich doch mal um, damit die netten Detectives sehen, was für stolze Persönlichkeiten aus unserer Familie entspringen!“ Den Revolver am Kopf ignorierend drehte sich Ricardo DeCloud locker um. Ein selbstgefälliges Grinsen machte sein bereits von Natur aus nicht ansehnliches Gesicht noch fratzenhafter. Cam überlegte fieberhaft, was sollte dieses Spiel? DeCloud stellte sich ihnen freiwillig gegenüber? Keiner seiner Gefolgsleute hatte eine Waffe gezogen. Irgendwas führte er im Schilde. Vielleicht, so überlegte Cam, war er einfach nur verdammt selbstsicher und wusste, dass sie ihn nicht verhaften konnten so lange sie ihm nichts nachweisen konnten. Bisher war er ihnen ja entwischt und hatte sie immer mit leeren Händen dastehen lassen. Dann wäre die ganze Aktion hier nur eine perverse Profokation von DeCloud.
Ben schien ähnliche Gedanken zu haben, Cam erkannte die nachdenklichen Zeichen im Gesicht seines Freundes. Es musste doch einen Ausweg aus dieser Situation geben, der sie beide nicht