Fundgrube der Wirritäten
Glücklich zu sterben
Ich zittere. Ich weiß nicht einmal warum. Vielleicht ist mir kalt. Doch auch wieder nicht. Vor meinen Augen ist alles verschwommen, aber ich habe keine Tränen in den Augen. Oder etwa doch? Sollte ich etwa weinen? Weshalb denn? Ich habe doch keinen Grund. Endlich wird alles gut. Ich muss lächeln. Endlich findet alles sein Happy End. Wie in den großen Filmen und berühmten Büchern. Alles ist perfekt. Ich könnte mir keinen perfekteren Moment wünschen. Ich rutsche ungeduldig auf meinem Bett herum. Nur noch ein paar Minuten. Dann ist es so weit. Sorgfältig deponiere ich den Brief auf meinem Kopfkissen. Sie werden traurig sein. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Aber es ist egal. Ich erinnere mich noch so gut an ihre Worte:
„Nichts ist wichtiger, als dass du dich wohl fühlst.“
Ich werde genau das tun, was sie von mir wollten. Ich werde glücklich sein.
Sie hatten nicht daran geglaubt. Nicht nach dem, was mit Ben passiert ist. Ich habe keine Hoffnung mehr gefasst. Was bin ich denn schon ohne ihn? Er ist mein ganzes Leben gewesen. Als sein Herz aufhörte zu schlagen, tat meines ihm gleich. Es starb einfach. Oder ich wünsche, es wäre so gewesen. Denn ich lebe immer noch. Mein Wecker piept leise. Mitternacht. Endlich. Leise stehe ich auf. Sie sollen nicht hören, dass ich weggehe. Sie würden mich abhalten. Alles vereiteln. Mich wieder traurig machen. Vorsichtig steige ich die Treppe runter. Ich weiß genau, welche Stufen knacken. Ich brauche kein Licht, um mich anzuziehen. Eine dünne Sommerjacke, mehr nicht. Ein letztes Mal sehe ich den Flur hinunter, betrachte die Schlafzimmertür genau. Nun weine ich wirklich. Eine einsame Träne rollt meine blasse Wange hinab. Ich hab sie lieb. Ich habe sie wirklich lieb. Doch helfen können sie mir nicht. Da muss ich alleine durch. Ich soll meine Wünsche verwirklichen, haben sie gesagt. Das werde ich auch tun. Heute Nacht. Ich spüre das kalte Metall deutlich in meiner Hand, während ich die Straße hinabgehe. Der Schnee fühlt sich merkwürdig warm unter meinen nackten Füßen an. Fast schon heiß. Das hohe Tor des Friedhofes steht offen, als würde es schon auf mich warten. Mit einem leichten Lächeln betrete ich das weite Gelände. Die Grabsteine stehen alle kreuz und quer herum. Einige sind umgekippt, oder befinden sich in einer extremen Schieflage. Bennis Grab ist noch ganz frisch. Der Stein aus weißem Marmor noch unbeschmutzt. Behutsam knie ich mich in den Schnee und betrachte das Eingravierte.
Oh Benni…Bald bin ich da. Der Nebel wabert beruhigend, als ich dich Klinge aus der Tasche ziehe. Der Mond spiegelt sich darin. Freundlich blitzt er mich über das Metall an. Er scheint mich aufzumuntern. Alles ist ganz still. Ich breite meine Jacke vor mir aus und lege mich darauf, direkt neben Bennis Grab. Im Tod vereint. Ich habe diesen Satz schon immer geliebt.
„Gleich bin ich da…“, flüstere ich in den Wind. Auf meiner Haut ist eine Gänsehaut, und ein Schauer durchfährt mich. Freudig erregt setzte ich die Klinge an. Ein ganz grader Schnitt soll es werden. Das Handgelenk hoch. Der Ader folgend.
Die Äste der alten Trauerweiden ächzen. Totenstille umgibt mich. Ja, der Moment ist perfekt. Ich bin glücklich. Glücklich zu sterben….