Fundgrube der Wirritäten

Die Ballade des fliegenden Vogels

Dieses Stück bedeutet mir persönlich sehr viel. Ich schrieb und schrieb. Ich schrieb alles nieder, was mich bewegte, mich verzweifelte. Ich schrieb und meine Tränen tropften auf das Papier, sodass die Tinte verschomm. Ich schrieb und das Piano begleitete mich auf diesem Weg.

Während ich weinte und schrieb, hörte ich "Without you" von Yoshiki für hide...Ein Lied, dass mich an sich schon immer wieder zu Tränen bewegt, doch mit dem, was ich schrieb, ergab es eine böse Mischung. Als ich es mit dem PC noch einmal abschrieb, weinte ich weiter ununterbrochen und schließlich stellte ich erschrocken fest, dass "Without you" mich bei diesem Stück hier entsetzlich stark geprägt hatte. Denn es erinnert mich an hides Schicksal, was mich abermals zum weinen bringt, sodass meine Augen mittlerweile rot und verquollen sind und schmerzen, schmerzen wie mein Herz, dass um Tori, den es nie gegeben hat, trauert und das Tränen vergießt wegen hide, der nie wieder zurückkehren wird, aber so vieles dagelassen hat, so vieles, was mich an ihn erinnert...maaah...ich geh mich in meinen Kerker verkriechen...Und "Wihtout you" hören, sowie weitere Lieder von X Japan und hide TT__TT (ich vermiss ihn so...)

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Ballade des fliegenden Vogels

Merkwürdig gefasst greife ich nach meinem Anzug, binde mir schon fast mit übertriebener Sorgfalt die schwarze Fliege.
Draußen scheint voller Ironie die Sonne. Sie brennt in meinen gereizten Augen und ich kann es nicht ertragen hinauf zu schauen. Hinauf zu dir.
Meine Finger gleiten über den weichen, schwarzen Stoff und ich spüre das knisternde Papier in den Taschen. Die Zettel für meine Ansprache. Meine Ansprache für dich. Deine Gedenkfeier.
Während ich durch den Flur zur Haustür gehe, wandert mein Blick über jedes einzelne Foto und nacheinander klappe ich sie um. Ich will dich jetzt nicht sehen, als wärst du noch da. Du bist fort, das ist alles. Alles, was mich jetzt erfüllt.
Den Weg zur Stadthalle über versuche ich alle Gedanken an das Bevorstehende zu verdrängen. Viele Leute werden da sein, viele, die dich kannten, wo du aber nie die Gelegenheit hattest ihnen direkt von Angesicht zu Angesicht gegenüber zu stehen.
„So ist das nun einmal, wenn man berühmt ist und auf der Bühne steht.“, hast du damals gesagt. Damals, das klingt so unglaublich weit weg und fern. Dein breites Grinsen sehe ich vor mir, als hättest du es gestern behauptet, nicht vor fast einem Jahr. Wir hatten eine viel zu kurze Zeit miteinander.
Es ist schwer einen Parkplatz zu finden bei all den Autos, doch wenigstens nehmen die Journalisten Rücksicht und befallen mich nicht.
Als ich die Halle betrete, will ich am liebsten wieder umkehren. So viele Blicke, die auf mir ruhen und das zeigen, was ich so hart zu verbergen versuche: Trauer, Schmerz, Leid, Spuren der Erschütterung, zermürbte Gemüter, die noch nicht begriffen haben, dass du nicht mehr zurückkehren wirst.
Schweigend gehe ich den gang hinab an den Reihen von Sitzbänken vorbei, nicke mal hier und mal dort hin und schüttele ein paar Hände von Leuten, die ich noch nie gesehen hab.
Ganz vorne sitzt unser Team, ein Platz ist für mich noch frei. Ein komisches Gefühl, jetzt nur noch vier statt fünf Freunde zu erblicken. Momo, Jesse, Hoshi und Shiro, doch wo bist du?
Ohne ein Wort zu verlieren lasse ich mich in ihre Mitte fallen. Ich spüre Hoshis besorgten Blick und ich weiß genau, dass Momos Wangen noch feucht sind von den Tränen, die er verstohlen weggewischt hatte, als ich reingekommen war.
Oben auf der Bühne steht mein schwarzes Piano umgeben von etlichen weißen Orchideen, deinen Lieblingsblumen, und auch Fotos von dir sind da, private aber auch welche von den Shootings und Live-Acts unserer Band. Direkt in der Mitte steht das Mikrofon. Das Mikro, an dem du so oft gesungen hast. Sogar die Kerze, die in dem Ständer steht, den du eigenhändig an dem Mirkofon befestigt hast, ist angezündet. Ruhig flackert die kleine Flamme. Dir hätte die Bühne gefallen. Aber dieses Mal bin ich es, der da oben stehen und in das Mirko reden wird…
Shiro stupst mich in die Seite und nickt hoch zur Bühne. Niemand hat mir gesagt, dass ich als erstes meine Ansprache halte.
Plötzlich fängt mein Herz an zu rasen. Ich stehe auf, ungewöhnlich langsam. Momo und Jesse drücken meine Hand, wie um mir zu sagen, ich sei nicht allein. Ich entspanne mich ein wenig. Warum, weiß ich selber nicht.
Während ich die Treppe zur Bühne hinauf steige, bin ich am überlegen, ob ich meine Zettel raus holen soll. Du hättest es auch so geschafft, Tori, Doch ich bin nicht du. Und ohne dich ist alles so ungewohnt so neu. Ohne dich.
Die DVD, dich gemacht und zusammengestellt habe, läuft schon und du lächelst von der großen Leinwand hinab, als ob du mir Mut machen willst. Nein, ich brauche meine Zettel nicht.
„`Jetzt bist du dran´, hat Tori einmal zu mir gesagt, gar nicht so lange her, vor drei Monaten, bei einem Konzert. Ich sollte unerwartet ein Stück auf dem Piano spielen, das ich eigentlich nur für ihn geschrieben hatte. Ich war nicht darauf vorbereitet gewesen, doch er grinste nur und sagte: `Jetzt bis du dran´.“ Ich höre wie meine Stimme zittert. Hinter mir laufen Bilder und Videos von und mit dir auf der Leinwand. „Damals nahm ich seine Worte so ernst wie heute, auch wenn sie vor drei Monaten etwas anders gemeinst waren.
Tori war schon immer so spontan gewesen. Vor zwölf Jahren stand er abends plötzlich vor meiner Tür, grinste mich an und sagte: `Yuki, ich will eine Band gründen. Ich singe und du spielst Piano. Wir rocken Japan!´ Als ich gefragt hab, welche Rockband mit Sänger und Pianist durch die Gegend tourt, hat er nur ab gewunken. `Passt schon´, war seine Meinung gewesen. Und noch an diesem Abend haben wir Jesse, Shiro und Hoshi in die Band geholt. Ab da hatten wir einen Drummer, der Geige spielte, einen Bassisten, mit einem Talent für die Querflöte und einen Bassisten, der eine Vorliebe für die Violine hatte. Und noch bevor jemand etwas dazu sagen konnte, waren wir `rôsaku no hikari´. `Ein bisschen kitschig, du Pflaume!´, hat Jesse geschnaubt, doch Tori fand seinen Vorschlag klasse.
Nach anfänglichen Startschwierigkeiten kam unser erstes Album heraus. Es war erstaunlich schnell vergriffen. Am 16. September 1995 kam Tori mit einem Jungen ins Studio, der eine Klasse unter uns war. Das war unser Momo. Er wurde unser zweiter Gitarrist, doch seine heimliche Leidenschaft war der Kontrabass.
Tori hatte sich schon komische Kerle für seine Band gesucht, aber wir wurden berühmt und legte eine steile Karriere hin. Tatsächlich rockten wir Japan, gewannen Fans, und das, obwohl wir simple Oberstufenjungs von einer Musikschule waren. Zusammen durchlebten wir verrückte Sachen. Wenn einer down und gerade wieder aufgemuntert war, nagten an dem nächsten die Zweifel, während unsere Platten über die Ladentische gingen. Binnen eines halben Jahres hatte wir 1 Million CDs verkauft. Die Leute liebten uns. Momo wegen seiner jugendlichen Art, neben ihm kamen wir uns immer steinalt vor; Jesse wegen seinem Drang draufgängerisch zu sein und knallhart in die Drums zu hauen; Hoshi wegen seinem Engelsgesicht und den Teddyaugen, mit denen er jeden weich bekam, sogar Jesse; Shiro wegen seiner ruhigen Art mit der er alles gelassen nahm - “ „Und dich, weil du mit deinem Piano die Herzen der Menschen verzauberst und das perfekte Team mit Tori wiedergabst.“, ruft Momo dazwischen und ich schaue endlich ins Publikum. Alle Blicke hängen an mir. Augenblicklich fühle ich mich unsicher. Was mache ich hier eigentlich? Ich bin kein guter Redner. Du warst immer so geschickt mit Worten, doch nun muss ich hier stehen. Ich gerate ins Stottern, als ich weiterrede:
„Und Tori liebten wir, wir alle…Weil er unbeschwert war. Alles hat er mit einem Lächeln hingenommen. Ich habe ihn nie traurig gesehen, selbst dann nicht…als wir Balladen gespielt haben, die ernst waren…den Tod beinhalteten, oder als sein Großvater gestorben ist, der uns unser Equipment finanziert hatte. Er hat immer versucht das Positive in Allem zu sehen, und wenn es nichts davon gab, hat er einfach Positives gemacht. Wenn er einen schlechten Songtext geschrieben hat, nutzte er ihn als Aufmunterung. Er las ihn vor oder sang ihn, aber so albern, dass wir lachen mussten. Und dann hat er einen Neuen geschrieben.
Ich weiß, dass viele hier traurig sind. Wahrscheinlich alle. Auch ich. Ich kannte Tori 21 Jahre. Manche von ihnen vielleicht nur halb so viel. Damals, als ich mit meiner Familie neben ihm einzog, kam er sofort zu mir rübergelaufen und fragte ohne Umschweife, ob wir Freunde sein wollten. Wir waren beide sieben, und als ich Ja sagte, war die Sache beschlossen. Daraus sind 21 Jahre geworden. Sonst klingt das wie eine halbe Ewigkeit, aber jetzt, ohne ihn, ist es für mich eine Ewigkeit zu wenig.
Die Tage ohne ihn sind trist und mir fehlt mein bester Freund. Ich weiß, er hätte versucht mich zu trösten, hätte versucht einen neuen Anfang, irgendetwas Gutes daraus zu machen, doch er ist nicht da und ich weiß nicht, wie ich mir helfen soll. Ich will aufwachen und wissen, dass ich ihn später sehen werde. Im Café, im Park, im Studio, doch er ist nicht da. Alles, was ich habe sind Fotos, Videos und meine Erinnerungen.“ Ich spüre, dass ich weine und meine Hände zittern. Die Kerze vor mit am Mikrofon flackert weiter, doch aus dem Publikum höre ich Schluchzen. Und plötzlich wird mir klar: Ich bin nicht allein.
Da, direkt vor mir stehen Leute, denen es genauso geht wie mir. Ich sehe durch meinen Tränenschleier Shiro, Jesse, Hoshi und Momo. Ich sehe meine Freunde, denen Tori genauso fehlt wie mir. „Ich glaube nicht, dass er Selbstmord begangen hat. Sein Tod war auch kein Unfall. Tori war kein Mensch, der Suizid als Ausweg brauchte. Er ist nicht mehr da, und wir sollten nicht darüber trauern, warum. Ich vertraute ihm und tue es immer noch.