True Love

reden, besonders mit Ray, dem ruhigsten und besonnensten Blader in der Gruppe, fand Kai aber einfach nicht den Mut dazu. Er hatte Angst, enttäuscht und verletzt werden zu können, von seinen Freunden, die er mittlerweile trotz allem ins Herz geschlossen hatte. Sein von Leid und Angst erfülltes Leben ging weiter. Und niemand war da, der ihm, wenn auch nur für eine kurze Zeit, einen kleinen Teil seines Leids abnehmen konnte, damit Kai wenigstens mal wieder die von jahrelangem Tragen gebeugten Schultern straffen, und sich strecken konnte.
#Mann, bin ich heut poetisch, dass ich solche Sätze formulieren kann! xDD#

~+~Kais PoV~+~

//Egal was ich tue, es ist immer falsch. Immer! Ich darf nicht weinen, keine Gefühle zeigen, muss immer kalt und unnahbar sein. Aber ich will das nicht mehr! Ich möchte endlich das bekommen, wonach ich mich schon so lange sehne, Geborgenheit und Schutz. Aber statt dessen wird über mich gelästert, man hält mich für egoistisch und hochnäsig, weil ich zu niemanden Kontakt aufbauen kann und keiner denkt auch nur im entferntesten daran, mir ein wenig zu helfen... das tut weh, auch wenn ich es nicht zeige, es tut furchtbar weh! Ich weiß echt nicht, wie lange ich das noch so weiterführen kann...der Ausbruch heute bei Tyson war keine Absicht gewesen, ich hatte nicht vor, ihn anzubrüllen und von meiner Vergangenheit zu erzählen. Aber wie er mich angeschrieen hat, der Ausdruck in seinen Augen und allgemein diese erbosten Gesten, all das hat mich an meine furchtbare Kindheit in der Abtei erinnert.
Eine Kindheit, die ich nie leben durfte, die ich nie genießen konnte! Sie haben mich immer nur geschlagen, erniedrigt und gequält. Und was bekomme ich dafür, dass ich das ausgehalten habe? Nur noch mehr Leid und Schmerzen! Aber ich kann nicht mehr weinen. Meine Tränen sind vergossen, ich empfinde weder Trauer oder gar Wut auf Boris und meinen Großvater, die mir dies angetan und mich zerstört haben! Ich kann nichts mehr empfinden. Auch meine Hoffnungen auf bessere Zeiten, auf Hilfe, und meine Wünsche sind erloschen. Ich brauche sie nicht, sie quälen mich nur, denn sie werden mir immer zeigen, wie wertlos solche Gefühle doch sind! Sie machen verletzlich und angreifbar. Und das darf ich nicht sein, ich muss kalt sein, mich abschotten von anderen Menschen. Sie dürfen mir nicht zu Nahe kommen, ich darf ihnen kein Vertrauen mehr schenken. Denn sie werden dieses Vertrauen missbrauchen und mir wehtun, und darauf kann ich getrost verzichten!
Das einzige, was ich will, ist einfach bloß Ruhe und meine Einsamkeit. Denn wenn ich einsam und ruhig bin, dann kann ich über Dinge nachdenken, die ich sonst nie bemerkt habe, Dinge, die mich stark und unverletzlich machen.//

~+~Normal PoV~+~

Am nächsten Tag war Kai - wie immer - der erste, der durchs Haus streifte. Er saß bereits fertig am Frühstückstisch und trank seinen morgendlichen Kaffe.
"Morgen, Kai.", murmelte Ray, der noch ziemlich verschlafen, aber bereits vollständig angekleidet, in die Küche tapste und sich wortlos vor den Herd stellte. Kai gab nicht das kleinste Lebenszeichen, dass er seinen Freund gehört hatte, er saß weiter so da, die Tasse fest umklammert, und träumte mit offenen Augen vor sich hin.
Aber Ray machte dieses Verhalten nichts mehr aus. Um diese Uhrzeit war Kai, wenn er nicht schon seine drei Tassen weg hatte, nicht ansprechbar und schlief praktisch mit offenen Augen weiter.
"Tyson ist gestern Abend wiedergekommen.", versuchte Ray seinen Freund in ein kleines Gespräch zu verwickeln, und, oh Wunder, Kai sah ihn verwirrt an und wartete darauf, dass der Schwarzhaarige weiter sprach. "Er hatte hohes Fieber, und der Arzt hat gemeint, er soll diese Woche das Bett erst mal nicht verlassen. Aber du kennst Tyson ja, der wird das garantiert nicht einhalten!"
"Dann werd ich mich darum kümmern, dass er es tut. Die nächste WM fängt schließlich in zwei Monaten wieder an. Und ich kann da keinen halbtoten Möchtegern-Weltmeister gebrauchen, der mir gleich beim Start aus den Latschen kippt, nur weil er nicht auf den Arzt gehört und das Bett gehütet hat.", knurrte Kai, der mittlerweile die letzte Tasse wegkippte, und stand auf.
Ray sah ihn, jetzt wirklich fassungslos, aus großen Augen an.
"Kai, sag mal, bist du etwa auch krank? Das kann doch nicht dein Ernst sein, oder?"
"Was?", kam es genervt vom Angesprochenen.
"Du willst tatsächlich auf Tyson aufpassen? Eine ganze Woche lang? Und was ist mit dem Training?" Der letzte Satz klang beinahe ein wenig hoffnungsvoll, aber Kai zerstörte ihm diesen Wunsch sofort.
"Das fällt natürlich nicht aus! Das kannst du vergessen, aber ich werde es halt auf bestimmte Zeiten verlegen, also würde ich dir raten, jederzeit bereit zu sein."
"A, aber..."
"Kein aber, ich geh jetzt Max wecken, und danach geht ihr raus und lauft drei Stadionrunden zur Erwärmung, kapiert?"
Ray widersprach nicht mehr, und nickte bloß. Er wusste, Kai jetzt zu widersprechen, würde tödlich enden. Also ließ er es lieber, er hing an seinem Leben!
Nach weniger als drei Minuten tauchte Max, zwar noch in Boxershorts und in einer Tour gähnend, endlich unten in der Küche auf. Er schien schlechte Laune zu haben, denn sein sonst so fröhlich Rausgebrüllter Morgengruß ähnelte mehr einem Knurren, was man von dem eigentlich immer gut gelaunten Amerikaner gar nicht gewohnt war.
"Ist Kai etwa schon oben bei Ty?", fragte Ray nach wenigen Minuten seinen Freund, der nur mit den Schultern zuckte.
"Keine Ahnung, interessiert mich auch nicht. Von mir aus kann er machen, was er will, solange er Ty am Leben lässt.", antwortete der Ami gelangweilt und brühte sich einen heißen Vanille-Pfeffer-Tee. #*kotz* OMG, gibt es sowas überhaupt? Und wenn ja, wie kann man nur so was ekelhaft-widerliches trinken? *gruselwusel*#
"Da hast du Recht... Kai benimmt sich wirklich komisch seit gestern, erst schließt er sich stundenlang in seinem Zimmer ein, und dann schlägt er aus heiterem Himmel vor, die Woche lang aufzupassen, dass Ty auch ja nicht das Bett verlässt. Und das Training kommt nebenbei natürlich auch noch.", meinte Ray nachdenklich und begann, den Tisch zu decken. Max schnappte sich einen Teller für sich, denn Ty durfte das Bett ja nicht verlassen und Kai würde sicherlich bei ihm bleiben, um auch aufzupassen, dass der Japaner wirklich nach seiner Pfeife tanzte. Also waren nur zwei Personen in der Küche.
"Hoffentlich geht es Ty bald wieder besser. Ich mach mir echt Sorgen...", murmelte Max bedrückt vor sich hin, während er an seinem Tee schlürfte.
Ray konnte ihm da nur stumm zustimmen.

Währenddessen oben in Tysons Zimmer:

Ganz leise schob Kai die Zimmertür des Japaners auf. Das Schlafzimmer war abgedunkelt, die Luft roch nach Schweiß und Krankheit. Ein Geruch, den Kai nur zu gut von sich selbst kannte, der ihn in diesem Moment aber sehr beunruhigte.
Vorsichtig bewegte er sich durch das dunkle Zimmer, und als er am Fenster angekommen war, zog er leise die Vorhänge auseinander.
Tyson lag, ganz ruhig atmend, auf der Seite liegend, in seinem Bett und schlief noch tief und fest. Die Bettdecke hatte er fast bis zum Bauch heruntergezogen, sodass man seinen freien, vor Schweiß glänzenden Oberkörper gut erkennen konnte, der sich regelmäßig im Takt der Atemzüge, hob und senkte.
Eine Woge nie gekannter Gefühle stürmte auf Kai ein, als er seinen schlafenden Freund da sah. Zögerlich setzte er sich auf die Bettkante, und legte dem Japaner die Hand auf die Stirn. Sie war noch immer heiß, er schätzte die Körpertemperatur des Schlafenden auf 39°, wenn nicht noch höher.
Besorgt lief Kai rüber ins angrenzende Badezimmer, nahm sich eine Schüssel mit lauwarmem Wasser, dazu ein Tuch, und legte dieses ausgewrungen auf Tysons Stirn, nachdem er den Jüngeren sanft auf den Rücken gedreht hatte.
"Kai...tut leid...", flüsterte Tyson im Traum vor sich hin.
Der Angesprochene zuckte erschrocken zusammen. Tyson träumte von ihm! Was sollte das denn? Er hatte etwas davon geflüstert, dass es ihm leid tat... aber wem? und was? Tat es ihm etwa leid, dass er Kai gestern so schändlich wehgetan hatte? Bestimmt nicht!
"Du kleiner Idiot! Du träumst von mir...", murmelte Kai ungläubig, holte sich einen Stuhl und setzte sich ans Bett. Er nahm sich vor, von jetzt gut auf Tyson aufzupassen, seltsamerweise, wieso, wusste er selbst nicht, sorgte er sich um den Jüngeren und wollte in seiner Nähe sein. Er verstand sich selbst nicht mehr, aber er beschloss, ausnahmsweise mal auf sein Herz zu hören und dem inneren Drängen nachzugeben.

Der Rest des Tages verlief sehr ruhig. Tyson schlief den ganzen Tag durch, wachte nur einmal kurz auf, aber nur, um dann gleich wieder wegzunicken, und Kai und seine Freunde verbrachten den Großteil des Tages mit Training. Zwar waren sie gar nicht erfreut darüber, dass Kai ihnen trotz allem noch Training aufbrummte, aber sie ließen es kommentarlos geschehen, und die Tatsache, dass der Teamcaptain regelmäßig jede Viertelstunde nach Tyson sah, um sich nach dessen Gesundheitszustand zu erkundigen, ließ ihre Laune zwar nur andeutungsweise, aber auch nicht grad weiter steigen.
Schließlich, nach vier Stunden ausdauerndem Training, waren Ray und Max so kaputt, dass diese sich gleich auf ihr Zimmer begaben, und einschliefen. Und das ohne Abendbrot, ohne alles.
Kai ließ sich seufzend auf das Sofa im Wohnzimmer sinken. Auch er war erschöpft, auch wenn er sich dies äußerlich nicht im Geringsten ansehen ließ.
//Na also, das klappt doch wie am Schnürchen! Ray wird immer besser und Max hat, ohne auch nur einmal zu jaulen, vier Stunden Training durchgehalten, was ich normalerweise nie tun würde! Da kann man richtig stolz werden!//
Zufrieden ließ Kai sich zurücksinken und schloss entspannt die Augen. Ein leises Geräusch über ihm, schreckte ihn aus seinen Tagträumen auf.
//Verdammt noch Mal, da schleicht doch einer rum! Ist das etwa