Long ago, in the ancient past...
Spiegelverkehrt
Am späten Abend, so gegen zehn, war Itoes Mutter schon längst wieder verschwunden.
Sie arbeitete in einem Supermarkt und musste die nächsten zwei Wochen auf Spätschicht.
Itoe mochte diese Zeit nicht. Sie war den ganzen Abend allein und niemand war da, mit dem sie sich unterhalten konnte.
Nach dem duschen und Abendessen verkroch sie sich in ihr Zimmer und kuschelte sich in die zahlreichen Kissen die auf ihrem Bett lagen.
Itoe starrte zur Decke.
Wie grausam diese Woche doch war. So grausam wie jede Woche.
Ihre Mutter ging arbeiten, war fast nie zu Hause und wenn sie es war, wollte Itoe sie nicht stören, schließlich brauchte sie ihren Schlaf. In der Schule war es auch langweilig wie immer und jetzt hatte sie sogar Akako verärgert.
Itoe rümpfte die Nase.
Was war sie auch schwierig!
Kein Wunder, dass Akako immer so genervt von ihr war.
Sie musste sich ändern, oder sie verlor ihre einzige Freundin die sie jemals hatte.
Okay, Itoe würde Akako gleich morgen früh im Bus sagen, dass es ihr leid tat und das sie versuchen würde, mehr aus sich herauszukommen und nicht immer in ihrer eigenen Welt leben würde.
Aber wollte sie das überhaupt?
In ihrer Traumwelt war alles in Ordnung.
Itoe stellte sich immer vor, wie alles wäre, wenn sie mehr Freunde hätte, wenn sie gesund wäre und wenn sie einen Vater hätte, vielleicht noch einen kleinen Bruder und ein bisschen mehr Geld.
Ja, dann wäre ihr Leben doch perfekt.
Aber so...?
Itoe bezweifelte, dass irgendjemand mit ihr tauschen wollte.
Ganz und gar nicht die Mädchen aus ihrer Klasse.
Das Leben von ihnen war doch perfekt! Das von Akako war doch perfekt.
Sie hatten Geld, Geschwister, einen Vater, Freunde und vor allem waren sie gesund.
Itoe hingegen wurde tagtäglich behandelt wie ein rohes Ei.
Tja... sie konnte halt nicht soviel Sport machen, Fahrrad oder Inliner fahren, Bergsteigen, schwimmen, Fußball und Volleyball spielen oder des gleichen.
Nein, sie musste aufpassen, dass sie ihre Tabletten regelmäßig einnahm.
Itoe gestand sich selbst zu, dass sie eifersüchtig war auf die anderen, auf die anderen die ein besseres Leben haben durften als sie.
Sie seufzte.
Und wie sie doch diese „Weiberthemen“ hasste.
„Na Itoe? Hast du einen Freund?“
Natürlich nicht!
Welcher Junge würde sich ja auch für sie interessieren? Mit ihr kann man doch auch gar nichts unternehmen.
Itoe schluckte. Bei diesen Gedanken kamen ihr unschöne Erinnerungen hoch.
Ja sie wusste was die Jungs über sie dachten. So wie alle Männer.
Es war noch nicht einmal vor so langer Zeit.
Die Schule war gerade aus und Itoe wollte nach Hause.
Auf dem Heimweg jedoch wurde sie abgefangen.
Finn und seine „Clique“ tauchten auf einmal vor ihr auf.
„Na wen haben wir denn da...“
Itoe sah ihn an.
Finn war groß, schlank, stark und blond. Ein Mädchenschwarm, doch Itoe mochte ihn nicht. Sie mochte Jungs nicht die einen auf Macho machten.
„Was ist denn?“
„Na, heut schon was vor?“
Finn erwartete genau die Antwort, die Itoe ihm so ungefähr auch gab:
“Nein, aber ich habe keine Lust mich mit dir zu treffen.“
Ein breites Grinsen kroch auf Finns Gesicht und Itoe wurde immer kleiner hinter ihren Büchern.
„Schon klar. Aber es ist wirklich dumm von dir, mein Angebot nicht anzunehmen! Es war schließlich bestimmt dein erstes und auch letztes! Aber hey ich kann die anderen verstehen! Wer will denn dich schon als Freundin? Beim Flachlegen würdest du doch nen Herzinfarkt bekommen!“
Die Jungs lachten und waren genauso schnell verschwunden wie sie gekommen waren.
Itoe wollte nicht weinen, aber sie konnte nicht anders.
Das schwarzhaarige Mädchen drückte ihr Gesicht in die Kissen.
Na und?! Sie brauchte keinen Freund!
Warum war das eigentlich so wichtig für viele?
So sehr sie sich den Kopf zerbrach, sie wollte keine Antwort finden.
Aber ersticken wollte sie auch nicht, deswegen setzte sie sich wieder auf.
Itoe schaute zu ihrem Spiegel, der ihr genau gegenüber an der Wand hang.
Sie stand auf und ging zu diesem um ihr Spiegelbild näher betrachten zu können.
Mit ihren großen braunen Augen sah sie sich eine Weile an, konnte aber keine Veränderung an sich entdecken und legte die Hand auf das Glas.
Wie es wohl im Spiegel aussah?
Vielleicht verborg sich ja hinter diesem Spiegel ihre Welt, von der sie immer träumte.
Vielleicht befand sie sich nur in einer spiegelverkehrten Welt.
Nach einer Weile, bemerkte Itoe wie unsinnig das eigentlich war.
Unsinnig, aber interessant.
Eine spiegelverkehrte Welt...
Itoe schloss die Augen und flüsterte im leisen Ton zum Spiegel:
„Zeig mir meine Welt!“