Wüstenrose

schien seltsam zu verschwimmen, als wäre er benommen. Die junge Frau blickte ihn erst etwas verwundert an, sah dann jedoch einen blutigen Kratzer auf dem Oberarm des Prinzen. Erst konnte sie sich nicht ausmalen, woher dieser kommen sollte, doch dann fiel ihr die Schlange ein, die ihn zuvor angegriffen hatte. Sie musste ihn, kurz vor ihrem Tod gestriffen haben, so viel war klar. Wenn es sich bei der Schlange nun um das Schattenwesen handelte, das die Weißhaarige befürchtete, so hatte der Prinz nurnoch wenige Minuten zu leben.
"Bleibt ganz ruhig.", sagte sie mit einer beruhigenden Stimme und strich über den Kratzer. Sie war eine Gottheit, besaß unglaubliche Kräfte, doch sie vor dem vermeindlichen Opfer preiszugeben, wäre zu riskant gewesen. So entschied sie sich für den Weg der sterblichen Menschen und wusch die kleine Wunde vorsichtig mit Wasser aus. "Hört mir gut zu. Die Schlange, die Euch diese Wunde zugefügt hat, war giftig. Ihr müsst ruhig sitzen bleiben und dürft euch so gut wie garnicht bewegen, sonst verbreitet sich das Gift zu schnell. Egal was passiert, bleibt ruhig sitzen und wehrt euch nicht." Atemu verstand nicht ganz, doch kurz nachdem die Frau ihren Satz beendet hatte, griff sie an ihr Bein, an dem, ein auf einem Riemen befestigtes Messer war und zog es aus seiner Halterung. In ihrer sterblichen Hülle brauchte die Gottheit einen Schutz, der ihr erlaubte, sich zu verteidigen, ohne ihr wahres Ich preiszugeben. Mit einem gekonnten Schnitt fuhr sie über den Oberarm des Prinzen und drückte dabei sanft auf die Verletzung.
Die Augen des jungen Thronerben weiteten sich schlagartig und er stieß einen lauten Schmerzensschrei von sich. Die Worte der jungen Frau hatte er jedoch nicht vergessen und aus einem, ihm unbefindlichen Grund, vertraute er ihr. Die Weißhaarige spülte die Wunde ein weiteres Mal mit Wasser aus uns saugte anschließend das Gift aus den Venen des Adeligen. Das sie selbst Immun dagegen war, konnte er nicht ahnen. "Seid Ihr verrückt? Ihr werdet Euch selbst vergiften!", meinte er entzsetzt und spürte, wie seine Seekraft und sein Gleichgewichtssinn wieder zunahmen. Als die Frau von ihm abließ wischte sie sich das Blut von den Lippen und sah ihn an. "Ich war bereits oft im Kontakt mit Schlangengift, mein Prinz. Ich bin Immun dagegen, dank den heilerischen Fähigkeiten meines Großvaters." Auch diesmal war ihr eine schlaue Lüge eingefallen, der der junge Mann sofort Glauben schenkte. Dann riss sie ein Stück von ihrem Rock ab und verband damit den Arm des Verletzten fest. Die Wunde brannte und schmerzte sehr, doch zimperlich war der Prinz von Ägypten keinesfalls. "Lasst die Wunde gut verheilen und passt auf, dass sie nicht mit Schmutz in Kontakt kommt, sonst entzündet sie sich." Mit diesen Worten erhob sie sich und wrang ihr nasses Haar aus. "Wie kann ich Euch danken?", fragte der junge Prinz und richtete sich vorsichtig auf, immernoch leicht schwankend, die Nebenwirkungen des Giftes spürend. Die Frau blickte ihn nur kopfschüttelnd an und stapfte aus dem Wasser. "Das braucht Ihr nicht." Sie drehte ihm den Rücken zu und wollte gehen, doch Atemu hielt den Arm des Mädchens fest. "Wartet, Anuket.", bat er und blickte sie an. "Ihr sagtet, Euer Großvater wäre verstorben, richtig?" Sie nickte. "Dann bitte ich Euch, als Entlohnung für die Errettung meines Lebens, ein Zimmer im Palast an. In Kairo gibt es kaum noch freie Häuser und eure Kräfte gehören mit Sicherheit weiter geschult und ausgebildet, denn sie sind unglaublich stark." Er konnte ja nicht wissen, wer da vor ihm stand und wen er versuchte, in den Palast einzuquiartieren. Anuket schluckte. Würde sie nein sagen, würde sie sich verraten, denn kein normaler Mensch hätte eine solche Gelegenheit abgelehnt. Sie dachte einen kurzen Moment nach und nickte anschließend. "Es wäre mir eine Ehre.", antwortete sie und schloss für einen Moment die Augen.
So schlecht schien ihr dieser Gedanke zum Schluss garnicht. Immerhin hatte sie so die Gelegenheit, ihr Volk immer im Auge zu behalten und für die Dauer ihres Erdaufenthalts so gut wie möglich über dieses zu wachen. Wie es üblich war, beschrenkte sich ihr Leben auf Erden auf zwanzig Tage, ehe sie zurück in das Reich der Götter kehren würde. Und welchen Ort konnte sie sich besser vorstellen, als den Hof des Pharaos, wo sie direkt an der Wurzel des Landes saß und alles mit ihren wachsamen Augen überwachen konnte.