Silent Violence
Die Zeit ist nur eine Krankheit...
Ein Berg voller fauliger, stinkiger Leichen, das Haar bedeckt mit Asche, die Adern jedoch völlig blutleer. Wir sind allein. Alle so schrecklich allein. Inmitten der Stadt türmen sie sich auf; kein Entrinnen ist dem Auge vergönnt, kein Atemzug vergeht ohne ihren Geruch zu ertasten, ihn in jede Rille der Zunge wieder aufleben zu lassen. Und immer wieder der gleiche Wortlaut: Wir sind allein, so schrecklich allein.
Für einen kurzen Moment lasse ich mich treiben von dem Leichengestank, steige über einige wehrlose Körper. Röchelnd, keuchend brechen einige zusammen, erliegen dem Virus.
Wir sind allein. So schrecklich allein.
Ich höre sie singen, alle im Takt. Sie singen für ihre Nachbarn, sie singen für ihre Freunde, doch alle bleiben sie bleich, erstarrt und eigenartig schön. Ihre Köpfe bedecken einander, es bleibt nichts mehr als Materie. Auch von meiner kleinen Schwester…
Meine Adern pulsieren, Unebenen bilden sich auf der Haut, rasen nach oben bis zu meinem Hals. Bald werde ich bei euch sein und wieder mit euch singen.
Es ist eine Beerdigung von Massen, sage ich euch. Doch der Zeremonie wohnt auch der Verstorbene bei. Die Kälte hat noch nicht mal den Großteil erreicht, mancher Rotschimmer ziert noch die Wangen von letzten Treiben. Kurz nacheinander finden sie sich alle ein, das ganze Dorf. Es gibt kein Entkommen, denn wir sind allein. So schrecklich allein.
Keine Personen mehr, nichts mehr Menschliches. Alle sind vor dem Tod gleich, meine Liebe. Und so schlendere ich mit dir über die Leichen, erklimme den Berg, sodass wir oben liegen mögen und im letzten Atemzug vereint.
Krankheiten regulieren die Bevölkerung hat man uns gesagt. Sie räumen den Weg für spätere Generationen, für unsere Kinder. Doch liegt mein Sohn hier neben mir, mein letzter Blick gilt seinem Geschenk, den weißen Stoffbären. Die mühsam angenähten Härchen streicheln in sanfter Bewegung den Oberarm, wollen nicht zulassen, dass die Wärme das tote Kind verlässt. Und doch ist es allein, so schrecklich allein.
Eine unachtsame Berührung, kaum gewollt und immer noch sind wir allein. Seine Kraft schwindet aus den angespannten Muskeln, ich kann es spüren. Und doch zeigt die letzte Regung Frieden, die Lippen gepresst, die Backen entspannt. Nun kann auch ich diesen Ort verlassen, meinen Augen ein wenig Ruhe schenken, bevor er mich erlösen wird. Von Menschenhand wird er kommen und mir Erbarmen zeigen. Leise spüre ich das vergiftete Blut mein Herz erreichen. Es ist vollbracht.
Ein Schrei.
Unsere Lider öffneten sich, erklommen zum letzten Mal den Hang zwischen Iris und Augenbraue. Die hellen Strahlen blendeten uns, fluteten in die Masse und verweilten wie die rettende Wendung über unseren Köpfen. Es war das notwendige Ende unserer Zeremonie, das erhoffte Wunder.
Müdigkeit stand in unseren Gesichtern geschrieben, zerrte an unseren Muskeln und doch…dieser Moment machte uns glücklich.
Das quengelnde Kind wurde durch die Menge getragen, von Hand zu Hand, über die Leichen hinweg, bis es jeden berührt hatte.
Gabrielle…du bist endlich da.
„Komm, Mon Amour…wir sind spät dran.“
Ein Mann mit langem, weißem Mantel ergreift den prallgefüllten Koffer seiner Frau. Er ist schmächtig, doch die erwünschte Kraft scheint er aufzuwenden. Seine Taschenuhr tickt gemächlich, als er sie hervorholt. Es ist schon fast 12.
„Komm jetzt, Amour. Der Zug fährt gleich.“
Sie kommt. Der ekelerregende Benzingeruch umschlingt sie und sie hält die Luft an. Acht Sekunden kann sie dem Gestank entgehen, bevor dieser ihre Nasenhöhlen aufsteigt und ihr für ein paar Momente ihr Ziel vor Augen führt.
„Du hast es mir versprochen, nicht wahr?“
Er dreht sich um. Übergroße Strenge liegt in seinen Augen. Sein Gesicht ist faltig, es hat die schlaflose Nacht nicht unbeschadet überstanden. Aber eigentlich gefällt er ihr so, so überarbeitet.
Ohne weitere Worte geht ihr Mann weiter, dem roten Gefährt entgegen. Immerhin weiß er, wie spät es ist.
Dort angekommen, geht alles sehr schnell. Charlie sieht die Beiden einsteigen, doch der Mann kommt unerwartet zurück, mit frustrierter Miene. Er scheint etwas vergessen zu haben, rennt das Gleis entlang, bis er auf einen kleinen Jungen trifft. Sie unterhalten sich.
„Dort hinten liegt die Zukunft. Das verspreche ich dir.“
„Werde ich dort auch Arzt?“
Irritiert blickt der Ältere nun, meint sich verhört zu haben.
„Warum willst du das werden?“
„Weiß ich nicht, mein Vater hat mir davon erzählt.“
Ein Seufzen entgeht ihm, bevor er den Jungen erneut fixiert. Seine Muskeln entspannen sich, er wagt sogar sich eine Zigarette zu genehmigen. Doch er lässt sein Gegenüber nicht aus den Augen, bewegt stumm das Feuer an den trockenen Tabak.
„Dort sind viele Ärzte...richtige Ärzte, die dir nichts tun werden und dich nicht allein lassen. Niemals.“
„Ist mein Vater dort?“
„Nein, aber bald wird er es sein. Dann kannst du ihn begrüßen.“
Mit einem scheuen Lächeln entrinnt der Junge dem weiteren Gespräch. Sein Blick streift den Wagon 24 und er steigt ein, ohne Furcht, zu seinen Brüdern.
Der Mann mit dem langen, weißen Mantel lässt den Kopf ein wenig sinken, spuckt den übriggebliebenen Zigarettenstummel aus und tritt mit der blanken Sohle auf ihn ein. Dann bemerkt er Charlie.
Seine untere Gesichtspartie zieht sich augenmerklich nach oben, die Lippenspitzen erklimmen die schmalen Backen und er lächelt genüsslich, als hätte er jetzt eine unglaubliche Qual hinter sich gebracht.
Er steigt ein, überbrückt mit zwei kurzen Schritten den Abstand zwischen Gleis und Wagon. Viele haben es ihm inzwischen gleich getan, doch Charlie hat nicht auf alle geachtet. Jetzt ist sie allein, ganz allein.
„Wann gedenken Sie endlich einzusteigen? Ich warte nicht auf alle.“
Eine farblose Maske ziert sein Gesicht, umrundet seine Kontur und bekleidet seine Existenz. Zwei Ritzen ermöglichen es seinen Augen das scheue Mädchen vor ihm zu entdecken, jedoch lassen sie seine Merkmale kaum erahnen. Das weiße Holz zieht sich zu einem ewigen Lachen, lässt den gesamten Körper noch unwirklicher erscheinen, ganz zu schweigen von seiner Schmalheit.
„Ich rede mit ihnen. Hören Sie mir gefälligst zu. Sie werden jetzt auf der Stelle in diesen Zug einsteigen. Ich dulde keine Widerrede.“
Der Schaffner steht jetzt vor ihr. Kaum wahrnehmbar ist die dezente Brise, doch Charlie kennt sie genau: Der Geruch von frisch gebrühten Kaffeebohnen, weich aber hartnäckig.
„Muss ich Sie erst rein ferchen?“
Langsam, beinah zärtlich umschlingen ihre Finger seine Hand, berühren zunächst die Kuppen um dann weiter vorzudringen in das Innere. Viele Kurven erstrecken sich auf der warmen Oberfläche, Abgründe, die sie nun erforscht. Sie drückt hier und da seine Haut, formt sie, um sie dann wieder in ihre Ausgangslage zu versetzen.
Er bleibt stumm, lässt sie tun.
Entschlossen umschließt sie ihre Entdeckung ganz, als würde sie ihr rechtmäßiges Eigentum nicht mehr hergeben.
Ihre Lippen nähern sich und...