Fanfic: The Path
Kapitel: Nachtgeflüster
Sie war wütend. Sehr sogar. Sie wollte ihrem Ärger lautstark Luft machen. Erkannte, dass dies lebensmüde wäre. Freunde mit zu wenig Schlaf- das könnte böse enden. Trat gegen das Bett und hielt sich dann fluchend den Fuß. Entschied sich fürs „frische- Luft- schnappen“ auf dem Balkon.
„Wie kann er es nur wagen, wie kann er nur?! Entschuldige mal, du arroganter, nichtsnutziger, selbstverliebter Pumuckel, du!! Arrrgh, so was unverschämtes!“, fluchte Leylan wild vor sich hin, die Stimme gesenkt, ihre Hände umklammerten das weiße Geländer. Ein Fluch jagte den nächsten, immer darauf bedacht nicht zu viel Lärm zu machen. Bei Fluch 18 angekommen merkte sie plötzlich, wie dumm sie sich eigentlich verhielt.
>Aber es macht Spaß<, dachte sie schulterzuckend und lachte befreit auf. Dann ließ sie sich, immer noch lachend, zu Boden gleiten, das gewundene Geländer im Rücken, und atmete die kühle, frische Nachtluft ein.
Die wohlriechende Nachtluft in den Lungen, beruhigte auf angenehme Art und Weise ihr erhitztes Gemüt und ließ sie langsam wieder einen klaren Gedanken fassen. Die Arme fest um den Körper geschlungen, wagte sich Leylan an eine ehrliche und neutrale Bewertung des vergangenen Gespräches zwischen ihr und Tala.
"Ist es wirklich Feigheit was mich flüchten ließ? Ist es wirklich mein Stolz der mir den 1. Schritt verbietet? Nein, es ist nicht Feigheit und nein, es ist nicht Stolz... es ist die Quelle dieser Gefühle: Angst. Ich hatte Angst nach diesem Streit zu Kai zurück zu kehren, Angst davor, wie er von mir denken würde, ob aus seinem Blick die selbe Sanftheit spräche wie zuvor. Und heute, heute habe ich Angst auf ihn zu zugehen, Angst vor seiner Reaktion. Seine Gefühle kennt keiner und selbst wenn es stimmt was Tala sagte, wenn ich wirklich noch etwas für ihn empfinde, wer garantiert mir dann, dass Kais Gefühle für mich ebenso noch nicht erloschen sind? Ich kann das nicht, ich kann nicht voller Ungewissheit auf ihn zugehen, bloß mit der Hoffnung er möge den Blick nicht abwenden und meine Gefühle, wenn sie denn überhaupt existieren, erwidern. Ich kann über Zurückweisungen hinwegsehen... doch nicht wenn es Kai ist, der mich mit einem kalten und gleichgültigen Ausdruck zurückstolpern lässt. Wenn ich unerwartet gegen seine meterdicke Wand aus Eis stoße, ins Taumeln gerate und keine helfende Hand, mich vor einem schmerzhaften Sturz in die Tiefe bewahrt.
Ich kann das nicht...“, murmelte sie leise vor sich hin und eine kleine Träne hinterließ eine heiße Spur auf ihrer Wange, bis sie schließlich lautlos ihr Leben auf Leylans nackten Knien aushauchte. Eilig wischte Leylan die Spur der Träne fort und hielt mit aller Macht weitere davon ab, ihrem Beispiel zu folgen.
>Nein, ich werde nicht weinen, nicht für IHN. Während ich mich hier Gedanken über meine möglicherweise vorhandenen Gefühle mache, schläft er sicher seelenruhig oder denkt an vergangene Affären zurück. Nein, Leylan, du bist stark und unabhängig, was du brauchst sind deine Freunde und keinen Mann, der dich bei der erstbesten Gelegenheit in einem verheerenden Schneesturm zurücklässt. Möglicherweise ist Kai kein Mann für die Liebe, aber wir sind uns so ähnlich, dass wir sicherlich gute Freunde abgeben würden.<, dachte sie laut und stand dann entschlossen auf. Obwohl sie wusste, dass sie Kai Unrecht tat, fühlte sich die Endgültigkeit ihrer Worte seltsam befreiend an.
„Tss, erst der 3. Tag in meinem „neuen“ Leben und schon so viel Aufregung...“
Mit einem merklich gelösten Knoten im Bauch warf sie sich auf ihr großes Bett, streckte alle Viere von sich und atmete wohlig aus. Den Kopf zur geöffneten Balkontür gewandt, beobachtete sie mit schläfrigen Augen das seichte Windspiel der weißen, bodenlangen Vorhänge; wie sie sich sanft aufbauschten um dann plötzlich ineinander zu fallen.
Aufbauschen, Ineinanderfallen, Aufbauschen, Ineinanderfallen, Aufbauschen...
Unbemerkt fielen Leylan die Augen zu, sanft senkte sich das schwarzbewimperte Augenlied und tauchte Leylans Geist in wohlige Dunkelheit, ihr Unterbewusstsein übernahm und begann auf seine ganz eigene Weise, die Geschehnisse zu verarbeiten.
~
Seit Kai Tala und Leylan verlassen hatte, lag er nun schon mit weit geöffneten Augen auf seinem Bett, nur mit einer Boxershorts bekleidet und sichtlich genervt. Der Schlaf wollte sich partout nicht einstellen, zu aufgewühlt war sein Innerstes, selbst wenn er es nicht wirklich wahrhaben wollte. Er hatte Leylan zuvor auf ihre Antworten während des „Verhörs“ ansprechen wollen, die ihm seltsamerweise suspekt vorkamen, hatte sich jedoch nicht dazu durchringen können. Auch ihre völlig irritierende Annährung während des heutigen Trainings wollte ihm einfach nicht mehr aus dem Kopf, zu ungewohnt war dieses plötzliche Gefühl der Nähe gewesen. Hätte er sich zuvor für seine, wenn auch nur gemurmelte, Entschuldigung ohrfeigen können, hielt er es mittlerweile für eine angebrachte Geste. Immerhin hatte ihre Reaktion gezeigt, dass seine Nähe ihr entweder über alle Maßen unangenehm und peinlich war oder möglicherweise andere, tiefere Gefühle der Grund waren.
>Heißt es nicht: Stille Wasser sind tief?<, kam es ihm plötzlich in den Sinn. Doch diesen Gedanken verwarf er sogleich wieder.
„Sie ist nicht still, sie ist oft temperamentvoll, lässt sich von Gefühlen leiten und handelt einfach aus dem Bauch heraus, aber andererseits benimmt sie sich nicht selten komplett gegenteilig. Dann ist sie so glatt und undurchschaubar wie ein Spiegel, jegliche Empfindungen scheinen von ihr abzuprallen und sie handelt nach einem gut durchdachten und zielfixiertem Handlungsmuster. Wie die zwei Seiten einer Medaille...“
Leise ließ er die Worte ausklingen, ein leises Lachen entfuhr ihm und er strich sich seufzend durch die Haare. Für ihn war es mehr als nur verwunderlich, wie gut er die schwarzhaarige Bladerin doch kannte, wie treffend er sie immer noch einzuschätzen vermochte. Es gab noch etwas das ihn die ganze Zeit über schon beschäftigte: Kurz nachdem er sich in sein Zimmer verzogen hatte, waren laute Stimmen von unten zu hören gewesen, Stimmen, eindeutig von Tala und Leylan stammend, welche sich definitiv nichts Nettes zu sagen hatten.
Kai hielt sich den schmerzenden Kopf, soviel Arbeit für seine sonst ruhig dahintröpfelnden Gedanken stand normalerweise nicht an der Tagesordnung und wirkte sich daher nicht unerheblich auf ihn aus.
Zum ersten Mal freute er sich auf den morgigen Sonntag, wo doch das sonst tägliche Fitness- Training nicht zum Programm gehörte.
„Morgen Yuriy, morgen bist du dran.“, murmelte er und fügte dann hinzu: „Erst drei Tage sind vergangen seit ihrer Ankunft und schon sorgt sie für mehr Trubel als erwartet...“
Seine schwer arbeitenden Gedanken hielten ihn noch bis tief in die Nacht hinein wach, doch irgendwann glitt auch der übermüdete Halbrusse in einen tiefen, wenn auch unruhigen, Schlaf.
~
Sowie Kai verschliefen auch Tala und Leylan den halben Tag, kein köstliches Frühstück seitens dem Kochpersonal und auch kein lautstarkes Pfeifkonzert seitens der Unterhaltungsbeauftragten, konnten sie auch nur einen Zentimeter bewegen. Kai blinzelte nur einmal verschlafen, griff nach seinem Wecker und warf ihn zielsicher nach dem vor Schreck aufschreienden Tyson. Nach diesem Zwischenfall war das Thema gegessen und man ließ die drei, wenn auch misstrauisch weiterschlafen. Insgeheim freuten Tyson und Ray sich ungemein, dass das tägliche Training nun ausfallen würde und sie somit einen wirklich „freien“ Tag geschenkt bekamen. So griff Ray sich kurzerhand Tyson, Hilary und Mariah und packte sie ins Auto.
„Bei einem solch schönen Wetter sollte man nicht im Haus bleiben! Außerdem laufen wir so keine Gefahr mehr, von Kai zu einem nachträglichen Training verdonnert zu werden.“
Tyson nickte zustimmend und Mariah lachte: „Und das sollen „echte“ Blader sein!“
„Wir haben´s halt drauf, da kann man ruhig mal Training ausfallen lassen. Drigger und Dragoon sind doch ohnehin die Master!“, gab Tyson zurück und schlug in Ray hingehaltene Hand. Hilary zog darauf eine Schnute, unterdrückte jedoch jegliche Kommentare. Auch wenn sich ihr Pflichtgefühl als Managerin meldete und sie einem ganzen Tag mit Tyson mit gemischten Gefühlen entgegensah, freute sie sich den Stress hinter sich lassen zu können und lehnte sich entspannt in ihrem Sitz zurück.
„Wollte Eve nicht mitkommen?“, fragte Tyson den sich anschnallenden Ray.
„Nein, ich hab sie zwar gefragt, aber die will lieber auf Tala warten und mit ihm die Zeit rumkriegen.“
Schulterzuckend warf Tyson einen Blick zum Haus, welches sich langsam seinem Blickfeld entzog bis es schließlich vollständig hinter den hohen Bäumen verschwand und sie die Einfahrt allmählich hinter sich ließen.
Eve sah ihren Freunden seufzend nach und wandte sich dann dem chaotisch aussehenden Frühstückstisch zu.
>Mmmh, so ein Tag im Park hätt mir sicher auch gefallen; Tala kann ich mit den beiden nun wirklich nicht allein lassen.<, dachte sie entschlossen und machte sich dann daran, den Tisch auf Vordermann zu bringen. Obwohl Eve Leylan erst vor drei Tagen begegnet war, wusste sie sie nicht einzuschätzen. Die ungezwungene Nähe zwischen ihr und Tala machte sie misstrauisch, aber auch ihr selbstsicheres und taffes Auftreten. Sie schien sich mit allen Bewohnern des Hauses blenden zu verstehen, selbst wenn etwas schwerwiegendes zwischen ihr und Kai vorgefallen zu sein schien. Im Gegensatz zu ihr, war Leylan kein Eindringling, keine Fremde- die Bladebreakers waren ihre Freunde, ihre Familie.
Eve lebte nun schon seit einem halben Jahr mit Hilary, Mariah und den Jungs unter einem Dach, eine gewisse Distanz war jedoch immer noch spürbar.
>Ich bin halt nur ´die Freundin von Tala´<, dachte sie und warf die in der Hand gehaltenen