Fanfic: The Path

über ihre leicht blutende Lippe, wischte es fort das Blut und die entstandene Stille war beinahe greifbar. Und doch war sie nicht unangenehm, war keine der verlegenen oder peinlichen Art sondern eine eigene, individuelle Stille. Sie lag über ihnen wie eine bittersüße, Revue passierende Erinnerung an vergangene Zeiten, an Zeiten die sie sich trotz allem Wiederstand zurücksehnten.

Eine dünne, zarte Stimme in ihnen bat darum, rief sie zurück die betörend schöne Erinnerung und brachte sie beide zum straucheln in ihrem ernsten und energischen Gang, fernab ihrer Sehnsüchte und Erinnerungen.

„Danke... Kai.“, sagte Leylan, die Stimme fest und doch unsicher. Sie konnte ihren Blick nicht von seinen warmen Augen lösen, wollte jede Facette dieser Seelenspiegel in sich hineinsaugen um sie sorgsam zu bewahren, wie andere einen wertvollen Schatz.

„Was ist es, Leylan? Was ist es, dass uns so auseinander driften lässt, dass den Boden unter uns derart aufreißen lässt und eine scheinbar unüberwindbare Kluft erschafft?“

Dieser plötzliche Themenwechsel irritierte Leylan keineswegs, sie hatte es erwartet. Bestimmt löste sie sich aus seinem Griff, riss den Blick von diesen pulsierenden Augen los und antwortete: „Du bist der Grund. Nicht was war ist das Problem, nicht was uns umgibt sondern du, du ganz allein Kai. Deine Unfähigkeit eine endgültige Entscheidung zu treffen, deine Unfähigkeit Vergangenes ruhen zu lassen, es zu beenden oder einen Neuanfang zu wagen.

Es ist vorbei.“

Eine Stecknadel, sie wäre zu hören gewesen.

Stille, nicht einmal ein Windzug. Flüssige Lava gefror zu hartem Stein, fassungslos, sprachlos. Er hatte ihre Worte vernommen, weigerte sich jedoch ihre Bedeutung zu akzeptieren. Das konnte nicht sein, das konnte einfach nicht sein. Es war als berste etwas tief in seinem Innersten, als zerspränge die heimlich gehegte Hoffnung.

Und da war es, die bittere Erkenntnis seines Fehlers. Wie er hätte annehmen können, sie einfach so gehen zu lassen, Vergangenes einfach so vergessen zu können. Er hasste sich dafür, doch noch mehr hasste er Leylan wie sie ihn mit kaltem Blick ansah, keine Miene angesichts solch endgültiger Worte verzog und er kam sich seltsam verraten vor, als sei er der einzige mit Hoffnung im Herzen gewesen.

Von plötzlicher Wut erfüllt, packte er sie unsanft an den Schultern und rief mit lauter Stimme: „Vorbei? Es war niemals vorbei, Leylan! Es IST nicht vorbei!“

Die pure Überraschung zeichnete sich augenblicklich auf Leylans ernsten Zügen ab, nein, damit hatte sie nun wirklich nicht gerechnet. Sie hätte nie vermutet Kai jemals wieder so impulsiv zu erleben.

Ein kurzes Flimmern auf des dunklen Sees Oberfläche und schon einen Wimpernschlag später war es erloschen und erneut blickten ihn stumme, tiefdunkle Augen an.

In ihrem Kopf schlug es Purzelbäume, ging alles drunter und drüber. Wie auch hätte sie ahnen sollen, dass Kai das was zwischen ihnen bestand, wie auch immer man es nennen möge, noch immer nicht los ließ und vor allem so löwengleich verteidigte?

Sie war stark, sehr sogar. Sie war geduldig, zu genüge. Sie war ausdauernd, ein Leben lang.

Doch selbst diese optimalen Veranlagungen ließen sie es dennoch nicht mehr ertragen; Kais ewiges Hin- und Her, sein Zwiespalt zwischen Stolz, Verletztheit, Schmerz, Zuneigung, Hoffnung, Sehnsucht.

Kai saß all das schlechte seines bisherigen Lebens zu tief in den Knochen, zu tief um es endgültig zu begraben. Denn vergessen könnte er niemals, nur tief, sehr tief, begraben.

Sie wollte ihm helfen, wollte mit ihm den möglichst tiefsten Ort finden and dem er all das Schlechte, was ihn noch immer derart belastete, vergraben könnte... doch schien er selbst diese Erinnerungen wie einen Schatz zu hüten.

Sie belastete ebenfalls etwas, die große Bürde trug sich schwer. Lastete zentnergleich auf ihren, wenn auch starken, Schultern und ließ sie schneller, rascher aus der Puste kommen. Manchmal muss man abwägen, muss sich entscheiden zwischen dem wofür man zu kämpfen bereit ist und dem, wofür man zu kämpfen bestimmt ist.

Sanft löste sie seine Hände von ihren bloßen Schultern, sah ihm offen und direkt in die karmesinroten Augen und sagte: „Dein Schmerz kennt keine Grenzen und das weiß ich, ja ich weiß es und habe es nie vergessen. Vor allem, da ich selbst dazu beitrug. Denkst du jede meine Erinnerungen treibt mir Freudentränen in die Augen, denkst du nicht, dass auch ich mit Schmerz an vieles zurück denke? So ist der Lauf der Dinge, Kai, und wir werden es nicht ändern können. Einzig und allein das Ausmaß des jeweiligen Schmerzes schafft Grenzen und Unterschiede. Ich maße mir nicht an, deinen zu gewichten; ich könnte es nicht.
Und dennoch, ich war bereit dir allzeit eine helfende Hand zu reichen ungeachtet deiner doch oft abweisenden Art... wenn man sich allerdings noch nicht einmal selbst verzeihen kann, wie sollte man dann anderen vergeben können?

Ich bin kein Psychologe und ehrlich gesagt, ich habe Angst in deinem Innersten auf Dinge zu stoßen, die mich erneut verunsichern und mir wieder vor Augen führen werden, dass dein Schmerz wohl gänzlich aus dem Messbaren fällt... Wie auch immer, vor mir liegt Wichtiges und ich kann mich nicht länger mit unserem zerrütten Verhältnis, welches du anscheinend doch nicht als so unwichtig ansiehst, beschäftigen. Ich denke jetzt sind wir endgültig an dem Punkt der geschäftlichen Beziehung angekommen. Man sieht sich, Kai.“

Eine kurze Berührung an der Schulter und er war allein.

Stille, Stille in seinem Kopf und überall um ihn herum, sodass er sie schon beinahe zu verabscheuen begann. Wie nach einem Kurzschluss stand Kai mit dem Rücken zur Tür, regungslos, innerlich wie äußerlich erstarrt, mit leerem Blick und tauben Gliedern.

Und da geschah jenes, wofür er sich vor einiger Zeit noch bis an sein Lebensende geschämt hätte. Zwei einsame Tränen rannen verloren und unsicher seine Wangen entlang, benetzten trockene Lippen, erreichten seinen Hals und hauchten ihr Leben letztendlich schweigend auf seiner Brust aus.

Er dachte an rein gar nichts, der Kopf einer leer gefegten Bahnhofshalle gleichend, leblos und kalt. Lediglich seinen verhaltenen, noch vor ihrer Vollendung abgewürgten Schluchzern lauschend, stand er in dem menschenleeren Konferenzraum und zum ersten Mal in seinem Leben, fühlte Kai Hiwatari sich wirklich allein.