Reaper
anstanden sind erfüllt worden, die Erinnerungen der Augenzeugen wurden gelöscht oder verändert, sodass es auch im nachhinein zu keinerlei Problemen kam. Und es gab keine unerwünschten zivilen Opfer, während der Einsätze. Aber aufgrund ihrer neuen technischen Ausrüstung sind solche Zwischenfälle ohnehin relativ selten geworden. Vor nichtmal 150 Jahren endeten die meisten größeren Einsätzte noch komplizierter... Er kann sich noch gut an die alten Zeiten erinnern... sie hatten damals eine Menge guter Männer verloren. Unglücklicherweise hatten sich neben ihrer Technik auch ihre Gegner weiterentwickelt... Im Grunde war das allerdings nicht ganz korrekt... eigentlich sind es die Menschen die sich verändert haben... leider nicht zum positiven...
Er seufzt müde auf und zwingt sich dazu, sich wieder auf seine Arbeit zu konzentrieren, als plötzlich die Tür aufschwingt und ein kleiner, magerer Mann hineinschleicht und direkt auf ihn zukommt.
„Sir,...e-es tut mir leid sie stören zu müssen, aber wir haben hier ein Problem mit der neuesten Transferauswertung... Es sieht ganz so als wäre eine Seele weniger als vorgesehen übergetreten...“
„Wurden die Ergebnisse ordnungsgemäß überprüft?“
„J-ja, Sir! Ich habe sie selbst einem detaillierten Check unterzogen... Fehler sind ausgeschlossen! Eine Seele hat es geschafft ihrer Überführung zu entkommen... Laut dem Raster muss sie aus diesem Distrikt kommen. Zuständig für diesen Bereich ist Nummer ZT-103. Wir konnten ihn allerdings bisher nicht erreichen.“
Er drückt den Stummel seiner Zigarre aus und zupft die Augenklappe über seinem linken Auge zurecht, bevor er sich schließlich erhebt.
„Geht der Sache auf den Grund und schickt vorsichtshalber einen der Himitsu. Ich will, dass die Angelegenheit schnell geklärt wird! Schafft mir diesen ZT-103 ins Hauptquartier. Ich will wissen wie viel er mit der Sache zu tun hat. Und solltet ihr die Seele finden...“
Er wirft sich seinen schweren, dunkelbraunen Ledermantel über und läuft durch den Raum.
„...Solltet ihr sie finden, sorgt dafür, dass sie nicht noch einmal entkommt.“
„Ich soll also bereits tot sein? Mal ehrlich, ich persönlich komm mir doch noch ziemlich lebendig vor. Du glaubst doch wohl nicht ernsthaft, dass ich dir so einen Schwachsinn abnehme!“
„Du bist nicht wirklich tot... und genau darin liegt das Problem. Du solltest tot sein, bist es aber nicht.“
„Oh, herzlichen Dank! Du scheinst es ja wirklich sehr zu bereuen mich gerettet zu haben!“
Er seufzt gequält auf und fährt sich durch die zerzausten Haare. Im war ja klar gewesen, dass es nicht leicht sein würde ihr das Ganze zu erklären, aber dass sie es ihm so schwer machen würde hatte er nicht erwartet. Schweigend betrachtet er Suki, die mit vor der Brust verschränkten Armen auf der billigen Matratze sitzt, die normalerweise sein Bett darstellt. Sie scheint gleichzeitig verärgert und nachdenklich zu sein. Es ist schon eine Weile her seit er einen Menschen gesehen hat, der seine Emotionen so offensichtlich auf dem Gesicht trägt. Man kann ihre Stimmung in ihren Augen lesen, wie in einem Buch.
Suki bemerkt, dass er sie genau beobachtet und lässt ihren Blick betont kühl durch den Raum schweifen. Angesichts der Tatsache, dass er sie ansieht als wäre sie ein Alien, oder ähnliches fühlt sie sich leicht unwohl in ihrer Haut. Zudem fällt es ihr schwer, die vielen Gedanken die in ihrem Kopf herumwirbeln irgendwie sinnvoll zu ordnen. Sie atmet tief ein und versucht erstmal runterzukommen, indem sie sich in dem spärlich eingerichteten Zimmer umsieht. Von Einrichtung kann aber eigentlich gar nicht die Rede sein. In dem kahlen Raum ist nichts weiter zu finden als ein schäbiger, alter Kleiderschrank an der einen Wand, und der Matratze auf der sie sitzt an der anderen. Links neben dem Eingang führt eine weitere Tür in ein kleines Badezimmer. Am Ende ihrer „Sitzgelegenheit“ steht eine große, alte Truhe aus schwarzem Holz. Die ursprünglich vergoldeten Henkel an beiden Seiten, sowie das schlichte Schloss an der Vorderseite sind abgegriffen und die, mit Metalleisten verstärkten Ecken und Kanten sind rostig und verschlissen. Die einzigen Lichtquellen sind eine einfache Glühbirne die von der Decke hängt und das große Fenster am Ende des Zimmers, auf dessen Fensterbrett ihr Gastgeber sitzt und sie beobachtet. Sie kann sich kaum vorstellen, dass jemand in so einer Umgebung tatsächlich wohnen kann...
„Jemand der wenig Zeit zu Hause verbringt, so wie ich, kann es ganz gut hier aushalten.“
Sie blickt ihn schockiert an, wobei ihr Gesicht sich leicht rot färbt.
„Hast du etwa meine Gedanken gelesen?!“
„Nichtmal ich kann Gedanken lesen, aber bei dem Gesichtsausdruck, den du drauf hattest als du dich umgesehen hast, ist das auch gar nicht nötig.“
Sie entspannt sich wieder ein wenig, aber die Röte in ihrem Gesicht bleibt. Nach kurzem Zögern, räuspert sie sich.
„Also gut, nehmen wir mal an, ich glaube, was du mir erzählt hast... Woher willst du überhaupt wissen, dass ich tot sein müsste, und vor allem, woher wusstest du von dem Unfall bevor er passiert ist??“
Er sieht sie einen Moment nachdenklich an, bevor er schweigend von dem Fensterbrett springt und zu der Holzkiste trabt. Ein lautes Knarren durchdringt die Stille als er den schweren Deckel aufdrückt. Nachdem er eine Weile in den Tiefen der Kiste herumgewühlt hat, hält er triumphierend ein kleines, in Leder gebundenes Taschenbuch in der Hand, das er wortlos neben Suki auf die Matratze fallen lässt. Als sie das schmutzige Etwas in die Hand nimmt um es genauer zu betrachten, erschreckt sie. In den Einband ist eine verschmierte, aber deutlich erkennbare Skizze von einem Sensenmann eingekratzt. Man kann die skelettierte Hand die die schwarze Sense hält und Teile des blanken Schädels unter der dunklen Kutte erkennen. Vorsichtig fährt sie mit dem Finger über den eingeprägten Titel des Buches.
"Non mortem timemus, sed cogitationem mortis."
„Wir fürchten nicht den Tod, sondern nur die Vorstellung des Todes. Es ist ein Zitat von Seneca.“
Er lässt sich neben ihr nieder und betrachtet das Buch einen Moment lang.
„Es ist eine Art Sammlung... ein Mönch des Benediktinerordens hat es im Jahre 543 geschrieben. Es beinhaltet sein gesamtes Wissen über die Manes,die Seelen der Verstorbenen, oder Schattengeister genannt und deren Weg ins Reich der Toten. Natürlich entsprechen nicht alle seiner Ansichten der Wahrheit, aber er hat mehr über die Seelenwanderung herausgefunden als irgendein Mensch nach ihm.“
„Was meinst du mit Seelenwanderung?“
„Es ist der Weg den eine Seele zurücklegen muss, wenn ihre sterbliche Hülle zerstört wird. Naja, eigentlich ist das Wort >Weg< eher eine Umschreibung, im Grunde ist es ein natürlicher Vorgang, der mit jedem passiert wenn er einmal sterben sollte. Warte mal, schlag Seite 14 auf.“
Leicht verwirrt blättert Suki die porösen Seiten des Buches durch, immer darauf bedacht, das empfindliche Papier nicht zu beschädigen. Auf der gesuchten Seite ist aber kein Text zu finden, nur das grobe Bild eines Menschen, eine Art einfacher Umriss. Aus dem Brustbereich des Körpers entweicht in Schlangenlinien ein blau schraffiertes, geistähnliches Etwas, im Bauch der Skizze ist eine grob gemalte, rote Kugel zu erkennen.
„Was soll das darstellen?“
„Das ist die grobe Darstellung, der Seelenwanderung. Also gut, es ist so, dass jeder Mensch einerseits natürlich mit seiner Geburt eine Seele besitzt. Sie ist es, die den Mensch ausmacht, seinen Charakter, Vorlieben und so weiter. Innerhalb jeder Seele entsteht allerdings im laufe eines Lebens eine Art Dunkelzone. Der Teil des Menschen, der sich aus dessen Ängsten, seinem Hass oder Bosheit definiert. Jeder Mensch entwickelt mit der Zeit so einen >inneren Dämon<, egal wie gut und freundlich er nach außen hin wirkt. Selbst kleine Kinder sind da keine Ausnahme. Jeder Mensch hat dieses böse Etwas in sich, bei einigen ist es nur noch etwas ausgeprägter als bei anderen. Kannst du mir soweit folgen?“
Sie nickt stumm.
„Gut, wenn ein Mensch jetzt also stirbt, verlässt die Seele den Körper und in den meisten Religionen ist die Sache damit erledigt. So einfach ist es allerdings nicht. Da wäre schließlich noch all die negative Energie die sich im laufe seines Lebens angesammelt hat, die seine Seele an die Erde bindet. Der Körper wirkt während der Lebenszeit wie ein Gefängnis für diese Energie, auch wenn bei Einigen ab und zu mal ein wenig davon die Überhand gewinnt, und sie dann jemanden umbringen oder irgendwas zerstören...“
„Heißt das, immer wenn in den Nachrichten von irgendeinem Mord oder ähnlichem berichtet wird-...“
„- dann hat jemand die Kontrolle über seinen inneren Dämon verloren, ganz genau. Aber das ist meist nur von kurzer Dauer, und sie bereuen es meistens kurz darauf. Wenn er allerdings stirbt, zerfällt damit auch dieses Gefängnis, und der Dämon wird so zu sagen von der Leine gelassen. Und das ist der Moment an dem der Typ von der Vorderseite des Buches ins spiel kommt.“
„Der Sensenmann? Ich dachte immer diese grusligen Gerippe sollen den Tod persönlich dastellen, und wären nur dazu da, um Kinder zu schocken...“
Er macht ein beleidigtes Gesicht und fährt verärgert fort.
„Dieses Bild ist nur eine primitive Darstellung der Menschen, für etwas das sie nicht verstehen. Egal ob Sensenmann, Teufel, oder Shinigami. In jeder Kultur gibt diese unbekannte, furchterregende Gestalt die den braven Menschen ihre Seele raubt und sie in die Hölle sperrt. Aber dieses Bild ist völliger Schwachsinn. Die Menschen sind selbst Schuld wenn sie in die Hölle oder was weiß ich wohin kommen. Die Digero greifen erst ein, wenn die Seele bereits den Körper verlassen hat.“
„Digero?“
„Das ist die offizielle