Reaper

Bezeichnung... wobei das auch nicht auf alle von ihnen zutrifft...das ist etwas kompliziert.“
Sie sieht ihn mit einem seltsamen Gesichtsausdruck durchdringend an, doch er wendet sich schnell wieder dem aufgeschlagenen Buch zu.
„Gut,..ähm...der Mensch ist also gestorben und die Seele hat den Körper zusammen mit der negativen Energie verlassen, die jetzt die völlig frei ist und sich in den meisten Fällen erstmal richtig austobt... Meistens entläd sich das ganze recht schnell und ohne dass es irgendwelche spürbaren Auswirkungen für die Lebenden hat. Hier beginnt dann die Aufgabe der Digero. Sie halten den verursachten Schaden so gering wie möglich und lösen die Bindung zwischen der Seele und diesem so genannten Seelenschatten, damit die Seele frei ist und dahin abhauen kann wo sie eben hin geht,... manche würden es wohl Himmel nennen... oder Hölle, was weiß ich. Unglücklicherweise ist es aber nicht immer so einfach. Einige Menschen sammeln im laufe ihres Lebens verdammt viel negative Energie an, die ,wenn sie dann erstmal frei ist, ganz schön Probleme machen kann. Sie treten dann nicht als Seelenschatten auf, sondern können sich materialisieren, und sind damit eine echte Gefahr für die Lebenden. Sie sind dann das, was viele wohl einen Dämon nennen würden.“
„Und die Digero töten diese... Monster..?“
„Genau genommen ist es eine Spezialeinheit innerhalb der Digero, aber ja.., so könnte man es bezeichnen.“
Suki sieht ihn mit einem Gesichtsausdruck an, bei dem er schon befürchtet, sie würde ihn noch ein letztes mal einen Spinner nennen und dann ihren Kram packen und verschwinden, doch stattdessen klappt sie das Buch zu und fährt mit ihren Fingern erneut über das Bild auf dem Einband.
„Was mich wirklich interessiert ist, woher du das alles so genau weißt?“
Obwohl er diese Frage erwartet hatte, ist er für einen Moment wie erstarrt. Er versucht einige Sekunden lang die richtigen Worte zu sammeln um das folgende so plausibel wie möglich rüberzubringen, entschließt sich dann aber doch es einfach direkt zu sagen wie es ist.
„Ich bin einer von ihnen. Nummer ZT-103 aus der Digero Spezialeinheit SG7.“
Kaum hat er es ausgesprochen bereut er auch schon seine Offenheit. Er will gerade den Mund öffnen um zu retten was noch zu retten ist, als er plötzlich innehält. Er hat auf einmal das Gefühl als wären sie nicht mehr allein... Bevor sich völlig sicher ist bestätigt ein Ohrenbetäubender Knall dieses ungute Gefühl. Die Tür wird mit einer solchen Gewalt aus den Angeln gerissen, dass Teile des Rahmens mit wegsplittern. Suki stößt einen spitzen Schrei aus und springt auf die Beine, den Rücken an die kalte Wand gepresst. Noch bevor sich der Staub aus der Luft einigermaßen verzogen hat, greift er nach ihrer Hand und zieht sie rüber zum geöffneten Fenster. Mit einem Satz springt er aufs Fensterbrett lehnt sich erschreckend weit aus dem Fensterrahmen.
„Was hast du vor, das hier ist der 5. Stock, schon vergessen! Wir können unmöglich springen!“
„Das einzige was wir nicht können ist hierbleiben! Du musst mir einfach vertrauen, Suki!“
Sie zögert einen Moment lang, doch als sie in seine tiefschwarzen Augen sieht, hat sie wieder dieses komische Gefühl, das sie schon vorhin hatte, als sie einwilligte mit hier herzukommen. Gerade als Schritte im Flur vor der kleinen Wohnung zu hören sind, kriecht sie auf das Fensterbrett und klammert sich angesichts der Höhe an seinem Arm fest. Im nächsten Moment spürt sie einen heftigen Ruck und bevor sie irgendwie reagieren könnte, befindet sie sich auch schon im freien Fall.
Kaum, dass er von dem Fenster abgesprungen ist, greift er mit seiner freien Hand in die Innenseite seiner Jacke und zieht blitzschnell eine kleine, graue Waffe hervor, die eher wie ein Spielzeug aussieht. Er visiert kurz das Dach des Hauses an und drückt den Abzug, woraufhin der vordere Teil der Waffe abspringt und sich während des Fluges wie eine Hand öffnet. Die Kralle klammert sich an der Verankerung einer Satellitenschüssel, die dem Kerl ein Stockwerk über ihm gehört, fest und der dünne Draht der von ihrem Ende aus zu der Waffe in seiner Hand führt beginnt sich augenblicklich zu straffen. Ein stechender Schmerz durchfährt seinen Arm, als ihr Fall von dem Draht abrupt gestoppt wird und er Suki, die er mit dem anderen Arm fest an sich gedrückt hatte, beinahe fallengelassen hätte. Glücklicherweise ist sie selbst ganz gut im festkrallen, wie er schmerzlich feststellen muss. Gerade als sie es wagt ihre Augen wieder zu öffnen ertönt ein Unglück verheißendes Quietschen von oben, als die Satellitenschüssel unter dem Gewicht der Beiden nachgibt, und aus der Wand reisst. Suki spürt wie sie in dem kurzen Flug herumgewirbelt wird und sieht in Gedanken bereits ihre ganzes, ihrer Meinung nach viel zu kurzes, Leben an sich vorbeiziehen. Die Beiden landen lautstark auf dem Dach eines geparkten Autos, welches diese Unhöflichkeit prompt mit dem Ohrenbetäubenden Lärm seiner Alarmanlage quittiert. Suki stöhnt gequält auf, doch zu ihrer Überraschung ist sie relativ weich gelandet und kann keine größeren Verletzungen spüren.
„Äh... Suki wenns dir soweit gut geht, könntest du dann bitte von mit runtergehen?“
Als sie bemerkt, dass sie bauchlinks auf seiner Brust liegt springt sie mit leicht roten Wangen auf und rutscht über die Windschutzscheibe von dem lärmenden, blinkenden Fahrzeug herunter. Kaum untern angekommen wird sie schon wieder an der Hand gepackt. Die Beiden sprinten in eine der dunklen Gassen zwischen den vielen heruntergekommenen Wohnblöcken in dieser Gegend und verschwinden gerade noch rechzeitig in der Nacht, als ein Mann mittleren alters mit gezogener Waffe aus dem Haus kommt und das immer noch blinkende Auto mit einem gezielten Tritt zum schweigen bringt. Er könnte die beiden jetzt wohl zu Fuß verfolgen, aber er hasst diese sinnlosen Jagten. Er ist eher der Typ der seiner Beute aus dem Hinterhalt auflauert und dabei würde er auch diesmal bleiben. Sollen sie doch laufen so weit sie wollen, er wird sie ohnehin wieder aufspüren...

„Stop,...stop, ich kann nicht mehr!“
Suki lässt sich laut keuchend auf ein altes, kaputtes Sofa fallen, das zwischen einigem anderen Sperrmüll in der dreckigen Gasse vor sich hinmodert. Er lehnt sich, ebenfalls außer Atem, an die kühle Mauer gegenüber.
„Wir sollten uns nicht zu lange hier aufhalten... ich weiß nicht ob sie uns noch folgen...“
„Was zur Hölle ist hier eigentlich los?!... Wer verfolgt uns da überhaupt?“
Sukis Atmung normalisiert sich allmählich aber ihr Herz schlägt immer noch mit rasantem Tempo.
„Es sind Himitsu. Sie jagen uns weil wir gegen die Regeln verstoßen haben... naja, weil ich gegen die Regeln verstoßen habe...“
„...Was??...“
Er stößt sich von der Mauer ab und beginnt unruhig auf und ab zu gehen.
„Ich hab dir doch gesagt, ich bin einer der Digero, ein Seelensammler,... es ist meine Aufgabe, die Seelen von dem, was sie an diese Erde bindet zu befreien, damit sie verschwinden können. Um das tun zu können, sind wir in der Lage den Tod der Menschen vorauszusehen, damit wir unsere Arbeit mit deren letzten Atemzug beginnen können... Und ich... ich... also,.. du wärst mein Auftrag gewesen, ich hätte dort sein müssen, wenn du stirbst und einfach meinen Job machen sollen,... aber ich..hab mich ins Schicksal eingemischt und deinen Tod verhindert... aber das ist verboten, es ist eines der schlimmsten Verbrechen, wenn man den Lauf des Schicksals verändert... und deshalb jagen sie uns. Dich, weil du eigentlich tot sein solltest, und mich,... weil ich...weil ich..“
Er hält von seinem hektischen hin und herlaufen inne sieht sie ausdruckslos an.
„...weil ich die Todesstrafe verdient habe...“
Er lässt sich seufzend neben ihr auf das Sofa fallen und fährt sich mit einer Hand frustriert durch die Haare, was diese noch ein wenig mehr abstehen lässt.
„Warum...warum hast du mich überhaupt gerettet?“
Suki fühlt sich bei der Frage reichlich unwohl in ihrer Haut und fixiert angestrengt ihre Schuhe. Einen Moment lang herrscht eine bedrückende Stille, bei der sie spürt, dass er sie von der Seite beobachtet.
„Um ehrlich zu sein, ich bin da selbst nicht so sicher... Du hast mich an jemanden erinnert, den ich vor langer Zeit mal kannte. Ich weiß selbst, dass das kein wirklich guter Grund ist, aber ich konnte da einfach nicht nur rumstehen und zusehen wie du stirbst... Kann sein, dass es ein Fehler war,... aber im Grunde denke ich immer noch, dass es die richtige Entscheidung war.“
Als Suki aufblickt begegnen sich ihre Augen und sie sehen sich einige Augenblicke lang schweigend an. Gerade als sie ihm sagen will, dass sie selbst auch von anfang an das Gefühl hatte, als würde sie ihn von irgendwoher kennen, hallen schnelle Schritte in der Gasse wider. Er starrt mit leicht zusammengekniffenen Augen in die Dunkelheit aus der die Geräusche kommen, und wendet sie auch nicht ab, als er angespannt in ihre Richtung flüstert.
„Wir sollten hier verschwinden... am besten erstmal aus dem Stadtzentrum heraus, dann überleg ich mir wo wir uns verstecken können...“
Die beiden erheben sich lautlos, doch diesmal ist sie es, die seine Hand greift und die Führung übernimmt. Bevor er irgendwas sagen kann, zieht sie ihn bei der nächsten Abzweigung nach links und von da aus immer weiter Richtung Stadtkanal.
„Hey,... Suki, wohin gehen wir?“
„Wir gehen zu mir nach hause. Ich hab keine Lust die ganze Nacht durch die Stadt zu irren.“
„W-was... meinst du nicht das ist etwas,... naja, du lädst immerhin einen völlig Fremden mitten in der Nacht zu dir nach Hause ein...“
Suki hält inne und dreht sich schwungvoll zu ihm um.
„Gut, dann ist das jetzt vielleicht die Gelegenheit, dass du mir endlich deinen Namen verrätst.“
Er sieht sie kurz verdutzt an bevor er leicht verunsichert