Reaper
antwortet.
„...Sey,...ich heiße Sey.“
„Und weiter?“
„Nix und weiter, einfach Sey.“
„Habt ihr Seelensammler denn keine Nachnamen?“
„Im Grunde haben wir nichtmal Vornamen... offiziell bin ich ZT-103. Ich glaube mich hat seit gut 50 Jahren niemand mehr bei meinem Namen genannt...“
Suki macht einen Moment große Augen, schluckt die neuen Fragen die ihr schon wieder auf der Zunge liegen aber herunter und legt ein breites Lächeln auf.
„Schön Sey, dann lade ich dich jetzt offiziell zu mir nach hause ein. Aber trödel nicht herum, ich hab einen Bärenhunger!“
Als die Beiden auf der altmodischen Veranda vor dem kleinen Einfamilienhaus stehen und Suki ihre Taschen nach dem Haustürschlüssel durchforstet, lässt Sey den Blick über die friedliche Nachbarschaft schweifen. Es ist nicht gerade das reichste Viertel der Stadt, aber die in Pastellfarben gestrichenen Häuser mit den kleinen Vorgärten, zeugen von der Gemütlichkeit des Vorstadtlebens.
„Na endlich!“
Suki schließt die Tür auf, schaltet mit einem automatischen Griff an die Flurwand das Licht ein und wirft ihre Tasche in die Ecke neben den Schirmständer.
„Du kannst deine Jacke da vorne irgendwo aufhängen. Ich werd den Kühlschrank plündern.“
Während Suki bereits in die Küche hüpft, tritt Sey eher zögerlich in den ordentlichen Eingangsbereich. Die in einem warmen Orangeton gestrichenen Wände sind mit den verschiedensten Bildern behängt. Familienfotos, Portraits und ein paar eingerahmte kindliche Buntstiftzeichnungen. Er geht langsam die Wände ab, betrachtet jedes einzelne Bild, das jedes eine andere glückliche Erinnerung darstellt und mit jedem Schritt fühlt er sich schlechter. Schließlich weiß er, dass dieses friedliche Leben jetzt, wo sogar die Himitsu hinter ihnen her sind, vermutlich vorbei ist. Er spürt einen kleinen Hauch schlechten Gewissens, andererseits glaubt er, dass tot zu sein wohl keine weitaus bessere Option wäre... Wenn er an seinen eigenen Tod zurückdenkt, würde er jedenfalls ein Leben auf der Flucht vorziehen...
Als er sich im Wohnzimmer auf der Couch niederlässt, spürt er an diesem Abend zum ersten mal wie müde er eigentlich ist und dass ihm sämtlich Knochen wehtun, vor allem der Rücken, schließlich ist er vor nicht allzu langer Zeit aus beträchtlicher Höhe auf einem Autodach gelandet... Im Gegensatz dazu scheint Suki, als sie mit zwei reichlich gefüllten Tellern ins Wohnzimmer springt, mehr als fit. Sie stellt einen der Teller vor ihm auf dem Couchtisch bevor sie sich selbst in einen der bequemen Sessel fallen lässt und beherzt in eines der Sandwiches von ihrem eigenen Teller beißt. Er sieht kurz auf den, mit mühe gemachten Haufen Sandwiches direkt vor ihm, bevor er sich verlegen räuspert.
„Ähm... ich hab wohl vergessen zu erwähnen, dass ich im Grunde nicht esse... das heißt, ich könnte zwar, aber es hätte keinen Effekt, und wirklich schmecken kann ich es auch nicht...“
Suki schluckt das Brot in ihrem Mund herunter und sieht ihn fragend an.
„Ich hab so das Gefühl, als ob ich noch nicht so ganz verstanden habe, was genau du eigentlich bist.“
Ihre Augen sprühen geradezu vor Neugier und ihr Hunger ist von einem Moment zum anderen in den Hintergrund getreten. Sey stöhnt erschöpft auf, beschließt aber ihr angesichts der Situation, in die er sie hineinmanövriert hat, wenigstens ein paar Fragen zu beantworten.
„Also schön, was willst du wissen?“
Sie denkt einen Moment nach, bis sich ein breites Grinsen über ihr Gesicht zieht.
„Du hast gesagt, dass dich seit 50 Jahren keiner mehr beim Namen genannt hat... also, wie alt bist du wirklich?“
„Schwer zu sagen... nach der Uhr der Sterblichen wäre ich wohl 18 Jahre alt. Geboren wurde ich allerdings im Jahr 1898. Ich war Soldat im ersten Weltkrieg und bin 1916 zusammen mit 27 Kameraden gefallen. Hatte einen ordentlichen Kopfschuss. So wurde es mir jedenfalls erzählt.“
„Kannst du dich etwa nicht mehr daran erinnern?“
Er zögert einen Moment, als würde er probehalber nochmal konzentriert nachdenken ob ihm nicht vielleicht doch noch etwas einfällt ehe er antwortet.
„Nein, das meiste hab ich vergessen,... von meinem Tod, sowie von meinem Leben.“
Als Suki die Traurigkeit in seinen Augen sieht, hat sie plötzlich ein schlechtes Gewissen so nachgebohrt zu haben und sie versucht möglichst unauffällig das Thema zu wechseln.
„Wie kommt es, dass du jetzt hier vor mir sitzt, ich meine schließlich bist du schon ne ganze Weile tot... macht dich das nicht zu 'ner Art Zombie, oder so ähnlich...?“
Er sieht sie einen Augenblick entgeistert an, bevor er es nicht mehr aushält und in schallendes Gelächter ausbricht.
„Mal ehrlich, ich wurde von euch Sterblichen schon für alles mögliche gehalten, unter anderem für den Tod persönlich, aber noch nie hat mich jemand als Zombie bezeichnet! Ich muss sagen, du hast von allen Menschen mit denen ich seit meinem Tod gesprochen habe, die meiste Fantasie, Suki!“
Er wischt sich eine Lachträne aus dem Auge und lässt sich zurück in die Couchkissen fallen. Suki sitzt nur lächelnd da, unsicher, ob sie die letzte Bemerkung als Kompliment auffassen soll.
„Kommt es denn so häufig vor, dass ihr mit Menschen redet?“
„So kann man das nicht sagen... seit ich tot bin habe ich mit etwa..“
Er zählt mit einer Hand mit.
„...mit etwa 8 Lebenden gesprochen, die wussten, dass ich kein Mensch bin, dich eingerechnet. Und ich muss sagen, du bist von ihnen bei weitem die Gesprächigste.“
Suki runzelt nachdenklich die Stirn.
„Mit wem unterhaltet ihr euch dann. Sag bloß nicht ihr geht zusammen einen Kaffee trinken und tauscht euch über eure Arbeit aus...“
Bei dem Gedanken daran muss er erneut grinsen.
„Nein, also so läuft das eindeutig nicht... eigentlich hab ich von den anderen Digero seit meiner Grundausbildung nichts mehr gehört... wenn man erstmal einem Bezirk zugeordnet wurde, bekommt man höchstens alle paar Jahre eine Bewertung zugeschickt, in der dann steht ob man seinen Job gut macht oder nicht und das wars. Man kommt eigentlich nur dann wieder mit seinesgleichen in Kontakt wenn man Mist baut,... und dann ist das wirklich kein Grund sich zu freuen, glaub mir....“
Er wirft ihr einen verächtlichen Blick zu. Suki versucht sich vorzustellen wie es wohl wäre, wenn sie nicht jeden Tag mit ihren Freundinnen herumalbern könnte, und schüttelt den Gedanken schnell wieder beiseite.
„Ich habe während meiner Ausbildung ein paar Geschichten gehört,... von Digero die ihre Pflichten vernachlässigt haben, weil sie sich unter die Menschen mischen wollten... Nach eigener Erfahrung kann ich aber sagen, dass es sicher nichts weiter sind als Geschichten, ohne ein Körnchen Wahrheit.“
„Warum kann es nicht wahr sein,... ich meine wir reden doch auch ganz normal miteinander, wären heute nicht diese abgefahrenen Sachen passiert, würde ich glauben ein normaler Mensch sitz vor mir.“
„Um ehrlich zu sein, ich habe mich schon gewundert warum du so locker wirkst... Normalerweise haben Menschen uns gegenüber eine Abwehrhaltung. Sie machen das wahrscheinlich unbewusst, aber sie scheinen instinktiv zu spüren, dass wir nicht zu ihresgleichen gehören... und dementsprechend verhalten sie sich dann auch...“
Suki denkt daran, dass sie auch während der Zeit, als sie sich so von Sey verfolgt gefühlt hat, nie wirklich Angst vor ihm hatte oder das Gefühl, dass er ihr Schaden würde... und das obwohl Tessa ihr diese Paranoia beinahe aufgezwungen hatte... Jetzt da sie so darüber nachdenkt, war Tessa, obwohl sie Sey nur ein einziges mal gesehen hat, und das aus einiger Entfernung, vom ersten Augenblick wesentlich besorgter und ängstlicher als Suki selbst. Völlig in Gedanken versunken sitzen beide schweigend in dem schlichten Wohnzimmer, während Suki abwesend auf ihrem Sandwich herumkaut. Als sie schließlich satt ist, steht sie auf und trägt die beiden Teller Richtung Küche, wo sie die übrig gebliebenen Brote in den Kühlschrank packt und die Porzellanteller per Hand abwäscht. Obwohl Suki die meiste Zeit allein in dem Haus verbringt und ihren Vater nur ein- bis zweimal im Monat, sorgt sie sehr gewissenhaft dafür das immer alles seine Ordnung hat. Es macht ihr nichts aus sich um den Haushalt zu kümmern, und da außer ihr niemand da ist der irgendwelches Chaos hinterlassen könnte, hält sich die Arbeit auch in Grenzen. Als sie das grelle Licht in der Küche ausschaltet und in das warme Wohnzimmer zurückkehrt, bemerkt sie, dass Sey letztlich doch die abgetragene, mit Taschen übersäte Jacke über die Couchlehne geworfen hat. Als sie um das Sofa herumgeht um die Jacke zur Garderobe zu bringen, bemerkt sie dass Sey auf den weichen Chouchkissen zusammengesunken ist und tief und fest schäft. Mit einem Schmunzeln greift sie nach seiner Jacke, die ihr aber, aufgrund ihres unerwarteten Gewichts beinahe aus den Händen gleitet. Die Innentaschen sind gefüllt mit verschiedenen metallischen Gegenständen, in einer der Taschen glaubt sie einige Patronen zu spüren. Obwohl Suki mehr als neugierig ist, beherrscht sich und trägt die Jacke in den Flur ohne einen Blick in eine der Taschen zu werfen. Als sie das schwere Bündel an einen der Kleiderhaken hängt, fällt aus einer der Brusttaschen ein pechschwarzer, eckiger Gegenstand und landet mit einem dumpfen Geräusch auf dem Teppichboden. Als Suki erkennt, dass es sich um eine moderne Schusswaffe handelt, harrt sie einen Moment geschockt aus. Wie in Zeitlupe bückt sie sich und nimmt das schwere Gerät mit beiden Händen hoch. Das mattierte schwarze Metall fühlt sich kühl auf ihrer Haut an. Geräuschlos steht sie auf, kann es sich aber nicht verkneifen den Griff der Waffe locker in die rechte Hand zu nehmen und mit waagrecht nach vorn gestrecktem Arm und einem zugekniffenen Auge, auf die Haustür zu zielen. Mit ihrem Zeigefinger berührt sie sachte den Abzug, zuckt