Reaper

Die Wasserdämonin

Reaper – Kapitel 2

Als Sukis Wecker am nächsten Morgen sein monotones Piepen ertönen lässt, hat sie in den ersten verschlafenen Minuten das Gefühl, es wäre alles nur ein Traum gewesen und das wäre der Beginn eines ganz normalen Schultages, genauso wie unzählige Tage zuvor. Aber spätestens als sie sich aus ihrem gemütlichen Kissenberg gequält hat, ist die gesamte Erinnerung an die gestrigen Vorfälle wieder klar vor ihrem inneren Auge zu sehen. Einerseits spürt sie diese unangenehme Angst tief in ihrem Bauch, wo der vernünftige Teil ihres Denkens sich wünscht, das alles wäre nie passiert und sie könnte einfach ihr normales, friedliches Leben weiterleben. Auf der anderen Seite kann sie nicht verleugnen, dass sie, trotz der vermeidlichen Gefahr in der sie jetzt schwebt, froh ist das sie Sey kennengelernt hat, und dass sie es kaum erwarten kann, ihm all die Fragen, die ihr gestern vor dem Einschlafen noch durch den Kopf gingen, zu stellen. Als sie frisch geduscht und in ihrem Lieblingstop gekleidet die Treppe runterhüpft, bemerkt sie, dass im Haus, außer dem Knarren der Stufen unter ihren Füßen nicht ein Laut zu hören ist. Zuerst ist sie sich sicher, dass Sey wohl immer noch schlafen muss, schließlich ist es gerade mal 7Uhr, doch diese Überzeugung wird jäh als falsch abgestempelt, als sie die leere Couch im Wohnzimmer erblickt. Sie lauscht kurz, ob in der Küche nicht doch etwas zu hören ist, bevor sie zügig in den Flur geht, in der Hoffnung seine Jacke an der Garderobe zu finden. Allerdings wird sie erneut enttäuscht. Einen Moment zweifelt sie an ihrem eigenen Verstand und ist sich nicht mehr so sicher ob nicht vielleicht doch alles ein Traum gewesen ist. Aber als sie in die Küche tritt und zwei frisch gespülte und ordentlich neben der Spüle zum trocknen aufgestellte Teller entdeckt, hellt sich ihre Mimik sofort wieder auf. Er war also hier, soviel ist klar. Also wird er sich sicher bald wieder blicken lassen, dessen ist sie sich jetzt sicher. Als sie sich, von einem beachtlichen Magenknurren begleitet dem Kühlschrank zuwendet, bemerkt sie mit den Augenwinkeln etwas silbern glänzendes auf dem kleinen, quadratischen Küchentisch. Es ist eine filigrane silberne Halskette, an der ein kleiner schneeweißer Stein hängt. Die Fassung besteht aus feinen, gewundenen Silberfäden die sich an der glatten Oberfläche des Steins entlangschlängeln und ihn so festhalten. Suki nimmt die Kette in die Hand und lässt das glatte Silberband durch ihre Finger gleiten. Auf dem Tisch liegt außerdem noch ein kleines, gefaltetes Papier das, wie Suki bemerkt, von dem Block, der immer neben dem Telefon auf der kleinen Komode im Wohnzimmer liegt, stammt. Sie entfaltet den Zettel und ließt den kurzen, mehr schlecht als recht hingeschmierten Text darauf.

Ich hab noch etwas wichtiges zu erledigen, bin aber bald zurück. Wenn du die Kette trägst brauchst du dir wegen den Himitsu keine Sorgen zu machen... Sie hält sie zwar nicht ab, aber wenn du Probleme hast, kann ich dich finden. Versuch aber keine unnötigen Risiken einzugehen.

Sey

Suki runzelt die Stirn, beschließt aber die Kette vorsichtshalber zu tragen, auch wenn sie keinerlei Vorstellung hat wie sie ihr in einer Situation wie am Abend zuvor helfen sollte. Sie kann sich nicht wirklich vorstellen, dass in dem hübschen Anhänger ein winziger Sender oder ähnliches versteckt sein könnte, aber eine andere Möglichkeit mit der Sey sie aufspüren könnte, fällt ihr einfach nicht ein.
Sie schlingt ihr wie gewohnt üppiges Frühstück herunter und macht sich wie jeden Morgen auf den Weg zur Schule. Als sie aus der Haustür tritt, muss sie angesichts der warmen Sonnenstrahlen die auf ihr Gesicht treffen und des wolkenlos blauen Himmels lächeln. Sie setzt, wie jeden Morgen, ihre neon-grünen Kopfhörer auf und schlendert die Straße ihres allmählich munter werdenden Vorstadtviertels entlang.
Als Suki wenig später den großen Pausenhof betritt, wird sie augenblicklich von einer finster dreinblickenden Tessa empfangen.
„Hey, Tess... was ist los?“
Tessa verschränkt die Arme vor der Brust und sieht sie vorwurfsvoll an.
„Das fragst du noch? Wir waren gestern Abend verabredet, schon vergessen? Wir wollten uns einen Film bei mir ansehen und du bist einfach nicht aufgetaucht! Ich hab dich bestimmt fünf mal angerufen, aber du bist nichtmal ans Telefon gegangen!“
Bei all der Aufregung hatte Suki natürlich keinen Gedanken mehr an ihren geplanten DVD-Abend verschwendet, und da sie bis spät in der Nacht auf der Flucht war, waren Tessas Anrufe bei ihr zuhause auch ungehört geblieben... Suki öffnet den Mund um etwas zu ihrer Verteidigung zu sagen, merkt aber sofort, dass es gar nichts gibt, was sie Tessa sagen könnte. Sie will sich gar nicht ausmalen wie Tessa reagiert wenn sie ihr erzählt, dass sie die ganze Nacht mit eben dem „Stalker“ verbracht hat, wegen dem sie gestern noch die Polizei alarmieren wollte.
„Tessa, ich,... also mir ging es gestern nicht so gut, und da hab ich mich etwas hingelegt, und... naja ich bin wohl eingeschlafen und hab das Telefon einfach überhört,... tut mir wirklich leid... ich werd's wieder gut machen versprochen!“
Tessa wirft ihr noch einen letzten giftigen Blick zu, lässt es dann aber fürs erste gut sein während die Beiden zu ihrem Klassenzimmer schlendern.
Die erste Stunde vergeht, so kommt es ihr vor, wie im Flug, was allerdings daran liegt, dass sie mit ihren Gedanken wiedermal woanders ist. Als sich auch die zweite Stunde, Mathematik, ihrem ende zuneigt, wacht Suki allmählich aus ihrer Trance auf und versucht wenigstens ein bisschen von dem Unterrichtsstoff zu behalten. Auch Tessa seufzt angesichts der trockenen Gleichungen an der Tafel frustriert auf. Als der lang ersehnte Klang der Schulglocke, den Beginn der Pause ankündigt, geht ein erleichtertes Raunen durch die Klasse, während sich die Schüler aus dem Zimmer drängeln. Als Suki den Hof betritt und gierig die frische Luft einsaugt, stößt Tessa ihr plötzlich den Ellbogen in die Seite, sodass sie einen Hustanfall bekommt.
„Hey, was soll das?! Das tat weh!“
Ein Blick entlang Tessas ausgestreckten Arms, der quer über den Pausenhof zeigt, lässt Sukis Unterkiefer herunter klappen. Am anderen Ende des Platzes, lässig gegen das geschlossene Eingangstor gelehnt und mit den Händen in den Jackentaschen, steht Sey und beobachtet gelangweilt das bunte Treiben der Schüler um ihn herum. Gleichzeitig geschockt und wütend schreitet Suki zügig auf ihn zu, wobei sie Tessa, die ihr verwirrt folgt, schlichtweg ignoriert. Als Sey sie erkennt, scheint er zunächst erleichtert, doch seine Miene ändert sich schlagartig, als er das wütende Funkeln in ihren Augen erkennt.
„Was tust du hier? Was wenn dich einer der Lehrer sieht?“
Tatsächlich wird ihr erst jetzt klar, wie fehl am Platze Sey mit seiner zerschlissenen Kleidung und dem mürrischen Blick wirkt. Zudem scheinen die meisten Schüler einen Bogen um ihn zu machen, denn der Pausenhof ist in einem Umkreis von etwa fünf Metern um ihn herum wie leer gefegt, was Sey allerdings eher als positiven Nebeneffekt zu verstehen scheint. Als er ihr antwortet, wirkt er jedoch alles andere als gut gelaunt.
„Ich glaube, das ist mein Text, Suki! Du solltest dich doch zurückhalten, und dich nicht unnötig in Gefahr bringen... ich dachte, dir wäre der ernst der Lage bewusst..!“
Bevor Suki dazu kommt ihm zu antworten, spürt sie, wie sie von Tessa zu Seite gezogen wird.
„Suki, kennst du den Kerl etwa?.... Wenn du mich fragst sollten wir einfach wieder reingehen, der Typ hat was grusliges an sich....“
Das Unbehagen in Tessas flüsternder Stimme verblüfft Suki für einen Moment, war sie doch immer ein eher taffes Mundwerk seitens ihrer Freundin gewohnt. Sey tritt einen Schritt auf sie zu, wobei er mit einer schnellen Bewegung ein kleines, goldenes Zippo aus einer der vielen Taschen zieht und es direkt vor Tessas Gesicht aufschnappen lässt. Sie starrt einige Sekunden in die Flamme, doch im nächsten Moment zieht Sey das Feuerzeug schon wieder weg, lässt es mit einem Klicken wieder zuschnappen und in seiner Jacke verschwinden.
„Hattest du nicht vor, in der Pause in die Bibliothek zu gehen?“
Sey sieht Tessa durchdringend an, bis diese sich wortlos umdreht und Richtung Schulgebäude davonschleicht. Suki sieht ihr einen Moment verwirrt nachund wendet sich dann wieder Sey zu, der Tessas Abgang mit einem schiefen Grinsen quittiert.
„Was zur Hölle hast du gemacht? Ich bin mir ziemlich sicher, dass Tessa ihre Pause niemals freiwillig in der Bücherei verbringen würde!“
„Keine Sorge, ich hab nur ein bisschen an ihrem Gedächtnis herumgedreht... das schadet ihr nicht weiter...“
Suki ist angesichts der Gelassenheit, mit der Sey dieses Geständnis macht schockiert und die brodelnde Wut in ihrem Innern ist kurz davor sich mit ein paar unzüchtigen Wörtern Luft zu machen.
„Also gut, lass uns jetzt abhauen, du kannst wieder in die Schule gehen wenn sich die Angelegenheit mit den Himitsu beruhigt hat... fürs erste sollten wir-...“
„Was denkst du dir eigentlich dabei hier einfach aufzutauchen und mir Vorschriften zu machen?! Ob und wann ich zur Schule gehe entscheide immer noch ich, und ich gehe nunmal sehr gern zur Schule! Und falls du es noch nicht gemerkt hast, das hier ist eine Schule und ich bin Schülerin, im Gegensatz zu dir, du hast hier nämlich überhaupt nichts verloren!“
Einige Schüler beobachten die Szene neugierig, worauf Sukis Wangen sich peinlich berührt, leicht rot färben bevor sie mit gesenkter Stimme fortfährt.
„ Und das nächste mal, wenn du es für nötig hältst meinen Klassenkameraden mit diesem,... diesem Feuer-dings im Gehirn rumzupfuschen, frag mich gefälligst vorher, klar..! Auch wenn du kein Mensch bist, hast du dich hier an die Regeln zu halten, genau wie ich.“
Sey sieht sie einige Sekunden stur an,