Reaper

bevor er tief einatmet und resigniert aufgibt.
„Schön, wie du willst, geh zur Schule wenn du unbedingt willst... aber aus irgendeinem Grund, hab ich mir verdammt viel Ärger aufgehalst als ich dir Gestern das Leben gerettet hab, und ich lass nicht zu, dass das umsonst war nur weil du dich den Himitsu unbedingt wie eine lebende Zielscheibe präsentieren musst!“
„Ach ja, und was willst du dagegen tun?“
„Das wirst du schon sehen!“
Er dreht sich wütend um und lässt Suki alleine auf dem Platz stehen, gerade als das Klingeln der Schulglocke das Ende der Pause signalisiert. Während sie in dem Schülerstrom zurück zu ihrem Klassenzimmer getragen wird, plagt Suki das schlechte Gewissen. Sey war nur um ihre Sicherheit besorgt und sie hatte sich wie eine Zicke benommen... Nach der Schule würde sie sich bei ihm entschuldigen,... wenn er es sich nicht doch anders überlegt hat und gar nicht mehr zurück kommt... Im Klassenzimmer angekommen lässt sie sich seufzend auf ihren Stuhl fallen, wobei sie einen kurzen Blick auf Tessa wirft, die bereits auf ihrem Platz direkt neben ihr sitzt und eifrig in ein dickes Buch vertieft ist. Als die Klasse vollzählig ist kommt auch endlich ihre Lehrerin, eine kleine gemütliche Blondine herein und lässt ihre schwere Tasche auf den Pult vor der Tafel knallen.
„Okay, setzt euch bitte alle hin. Ich weiß, das kommt jetzt etwas überraschend, aber wir bekommen heute noch einen neuen Schüler. Bitte seid höflich und heißt ihn in unserer Mitte willkommen.“
Sie macht eine hektische Handbewegung in Richtung der geöffneten Tür und die Klasse lehnt sich erwartungsvoll nach vorne, weil jeder möglichst schnell einen Blick auf den neuen Schüler werfen will. Schließlich kommt es eher selten vor, dass mitten im Schuljahr ein Neuer in die Klasse kommt.
Als er schließlich, mit den Händen in den Hosentaschen und mit einem Gesichtsausdruck als wäre er am liebsten ganz woanders, den Raum betritt, herrscht zunächst angespannt Stille. Bis Suki zu ihm aufblickt und ihr Schrei sämtliche Köpfe im Raum zu ihr wirbeln lässt.
„SEY!?!“
Angesichts ihres entsetzten Gesichts kann er sich ein schadenfrohes Lächeln nicht verkneifen. Mrs. Walter scheint Sukis Aufschrei allerdings völlig anders zu interpretieren.
„Oh, Suki, du kennst ihn also bereits? Wie schön! Also für alle anderen, dies ist Sey Yamaha, er kommt aus Tokio und wird für den Rest des Jahres unsere Schule besuchen. Da du und Suki euch bereits kennt, warum nimmst du nicht den freien Platz neben ihr, direkt am Fenster?“
Seys Grinsen wird noch etwas breiter als er sich einen Weg durch die Reihen und zu dem leeren Platz direkt am Fensterbrett bahnt.
„Yamaha?! Ist das nicht eine Firma für Elektroartikel?“
Ihr wütendes Raunen klingt eher wie das zischen einer aufgebrachten Schlange. Er dagegen zuckt resigniert mit den Achseln.
„Ich habs draußen auf einem LKW gelesen, na und.“
Wenn Blicke töten könnten, hätte Suki sich gerade eines Mordes schuldig gemacht. Wobei sie sich nicht sicher ist ob das wirklich zählt, da Sey ja im Grunde schon längst tot ist...

„Sehr schön, dann lasst uns jetzt zur englischen Grammatik zurückkehren!“
Suki vermeidet es angestrengt in Seys Richtung zu sehen, obwohl das Fenster ihre bevorzugte Ablenkung während des langweiligen Englischunterrichts ist. Ihr schlechtes Gewissen wegen des Streits ist wie weggeblasen, stattdessen ist sie gereizter als je zuvor. Um sich abzulenken lässt sie den Blick durch das Klassenzimmer schweifen, wobei ihr auffällt, dass niemand wirklich Mrs. Walters Erläuterungen zu den Vergangenheitsformen im Englischen Beachtung schenkt. Die ganze Klasse wirkt angespannt, und auch wenn die meisten den Blick nach vorne gerichtet haben, wenden sich beinahe im fliegenden Wechsel hier und da ein Kopf nach hinten um Sey einen prüfenden, ängstlichen oder feindseligen Blick zuzuwerfen. Aber ausnahmslos alle ihrer Klassenkameraden scheinen sich unwohl in seiner Haut zu fühlen,... als wären sie alle verunsichert... verunsichert weil sich da etwas unbekanntes, bedrohliches in ihrer Mitte aufhält... das war es also was Sey meinte, als er ihr erklärte, dass die Menschen tief in ihrem Innern diese instinktive Angst vor Seinesgleichen haben. Erst jetzt, wo sie die angespannte Atmosphäre im Raum selbst spürt, kann Suki nachvollziehen, was das eigentlich bedeutet. Zudem fragt sie sich aber, warum sie diese Angst nie gespürt hat. Sie wendet sich Sey zu, der sitzt jedoch nur gelangweilt auf seinem Platz, den Kopf auf eine Hand gestützt und sieht aus dem Fenster. Wirklich wohl zu fühlen scheint er sich allerdings auch nicht. Suki grübelt darüber nach, was sie wohl von den anderen unterschiedet, warum gerade ihr dieser angeborene Instinkt zu fehlen scheint... was gerade sie, von all den anderen unterscheidet...

Nach dem, für Suki fast unerträglichen Englisch- und Chemieunterricht macht sich die Klasse wie gewohnt auf den Weg in den Computerraum, für die letzten beiden Stunden an diesem Tag, den IT-Unterricht. Kaum dass die anderen den Raum verlassen haben, steht Suki mit in die Hüften gestemmten Händen vor Sey, der sich müde von seinem Platz erhoben hat.
„Ich frag mich wirklich was in deinem Kopf vor sich geht... Hast du etwa vor von jetzt an jeden Tag auf Highschool-Schüler zu machen?“
Sey sieht sie gelassen an.
„Du solltest dich nicht beschweren, du bist schließlich diejenige die unbedingt weiter zur Schule gehen will... Ich sorge dabei lediglich für deine Sicherheit... tu doch einfach so als wäre ich gar nicht da. Außerdem-...“
Er grinst sie an und schlendert gemächlich Richtung Tür.
„... Muss ich gestehen, es ist... interessant euch Sterbliche in dieser Umgebung zu beobachten... immerhin ist seit meiner Schulzeit fast ein Jahrhundert vergangen...“
Suki sieht ihn erstaunt an und folgt ihm dann stumm in den Flur, wo sie sich schließlich wieder dem Rest der Klasse anschließen. Als Sey allerdings in den, mit Computern und Druckern vollgestellten Raum tritt, verschwindet sein gerade noch selbstbewusstes Grinsen schlagartig. Suki nimmt diesen abrupten Stimmungswechsel kichernd zur Kenntnis und stubbst ihn mit einen Stoß in den Raum.
„Was ist los? Ich dachte willst hier deinen Spaß haben?“
Er wirft ihr einen giftigen Blick zu und lässt sich frustriert auf einen der Stühle vor dem nächstbesten PC fallen. Suki schnappt sich den Platz neben ihm um ihn auch genau beobachten zu können. Mit einer Hand vor dem Mund, um ihr Lachen zu verbergen, schielt sie zu Sey rüber, der gerade verzweifelt versucht auf der vor ihm liegenden Tastatur den Einschaltknopf zu finden. Gut gelaunt fährt sie ihren eigenen PC hoch, und freut sich schon darauf, dass die IT-Stunden einmal nicht völlig langweilig zu werden scheinen...

Als die Beiden zwei Schulstunden später auf das große Eingangstor zulaufen, könnte sich ihr Stimmung nicht mehr unterscheiden.
Sey geht mit einigen Schritten abstand voraus, die Hände, wie so oft in den Jackentaschen, mit einer Miene, als würde er den nächsten, der ihm in die Quere kommt, am liebsten krankenhausreif prügeln, nur um ein Ventil für seinen angestauten Ärger zu haben. Suki dagegen springt leichtfüßig und mit, vom Lachen immer noch geröteten Wangen, hinter ihm her. Am Tor angekommen biegt Sey, zu Sukis Überraschung sofort rechts ab.
„Hey? Sey wohin gehen wir? Halloo? Antworte mir gefälligst!“
Sie greift nach seiner Schulter und dreht ihn zu sich um.
„Komm schon, du wirst doch wohl nicht immer noch schmollen?“
Er ignoriert diese Bemerkung und sieht sie nur abfällig an.
„Wir gehen zu Amander. Sie untersteht zwar genau wie ich der Organisation, aber da sie letztlich doch nur ein Mensch ist, macht sich wohl kaum jemand die Mühe sie zu beschatten... Ich denke sie kann uns noch nützlich sein...“
Suki geht nachdenklich neben ihm her.
„Was genau ist diese Organisation eigentlich? Ich meine, ich hätte nicht gedacht, dass auch Menschen für sie arbeiten...“
Sie sieht ihn aus den Augenwinkeln an und bemerkt, dass er genau darüber nachdenkt, wie er auf ihre Neugier reagieren soll. Das unbestimmte Gefühl beschleicht sie, dass es im Bezug auf diese dubiose Organisation Dinge gibt, die er ihr verschweigt und die sie wohl auch nicht aus ihm herauskitzeln kann... Erst nach reichlichem Zögern antwortet er ihr.
„Sie nennt sich Zerberus. Sie beaufsichtigt und reguliert den Seelenfluss auf der Welt und sorgt dafür, dass die normalen Menschen nichts davon mitbekommen. Sie bilden die Digero aus, und befehligen sie, genauso wie die Himitsu... und sie sorgen dafür dass die Regeln eingehalten werden... mehr musst du im Moment nicht darüber wissen...“
Aus seinem Tonfall kann sie entnehmen, dass es keinen Sinn macht weiter zu bohren, weshalb sie sich fürs erste zufrieden gibt.
Als sie schweigend in eine kleine altmodische Gasse einbiegen, die senkrecht zum Stadtkanal verläuft, hält Sey plötzlich inne. Seine eine Hand tastet nach der roten Backsteinwand, die andere presst er stöhnend an seine Schläfe.
„Sey? Alles in ordnung?“
Suki, die nicht die leiseste Ahnung hat, was plötzlich mit ihm los ist, legt ihm verwirrt und übervordert eine Hand auf die Schulter. Als Sey schwer atmend in die Knie sinkt, bekommt sie es mit der Angst zu tun. Er hält sich mit beiden Händen den Kopf und scheint starke Schmerzen zu haben.
„Sey! Sag schon, was ist los?“
Suki lehnt ihn vorsichtig an die Mauer und überlegt fieberhaft was sie tun könnte, als er plötzlich die Augen aufschlägt und einen erleichterten Seufzer ausstößt. Keuchend lässt er die Hände sinken und lehnt seinen Kopf an das kühle Mauerwerk. Als Suki ihm in die Augen sieht, zuckt sie erschrocken zusammen. Die Iris seiner sonst völlig tiefschwarzen Augen glüht, wie ein blutroter Ring um den geweiteten Pupillen. Doch bevor Suki die Chance hat noch einmal genauer hinzusehen,