Reaper

verblasst das rote Leuchten und sie blickt in die selben dunklen Augen, die sie von ihrem Begleiter gewohnt war. Er wischt sich mit dem Ärmel über das bleiche Gesicht und steht erschöpft und mit der Mauer als Stütze auf. Suki, die befürchtet er könnte jeden Moment wieder umfallen, kommt ihm zur Hilfe, doch er schiebt ihren Arm abwehrend beiseite.
„Geht's wieder? Was war eben mit dir los?“
Die ehrliche Besorgnis die in ihrem Blick liegt, verunsichert ihn kurz.
„Keine Sorge, mir geht’s gut.... Nur ein Memo... unangenehm, aber ungefährlich..“
„Ein Memo?“
„Ich sagte dir doch, wir Digero bekommen unsere Aufträge zugewiesen... das heißt, wir sehen den Tod der Person voraus, und müssen dann unseren Job erledigen... wenn man allerdings einen Auftrag ignoriert, bekommt man eine Memo... und dann noch eine, und noch eine... solange bis man der Job abgeschlossen wurde, oder... ich,... ich hatte nicht damit gerechnet, dass Zerberus in Anbetracht der Ereignisse der letzten Tage, tatsächlich darauf beharrt, dass ich weiterhin meine Arbeit mache als wäre nichts passiert... vielleicht, erhoffen sie sich dadurch einen Vorteil für die Himitsu...“
„Das... das ist... ich meine, wie kann Zerberus das tun? Wie können sie euch Digero einfach so... quälen? Das ist unmenschlich!“
Er sieht sie mit einer hochgezogenen Augenbraue an.
„Ich glaube, du hast da was vergessen. Die hohen Tiere von Zerberus sind alles andere als menschlich... Für sie sind wir Digero nur austauschbare Soldaten, Werkzeuge die sie selbst geschaffen haben und die jederzeit ersetzbar sind... ohne einen besonderen Wert...“
Sie schweigt einen Moment und denkt über seine Worte nach. In Gedanken versucht sie sich diese... Wesen, die Zerberus leiten, vorzustellen, aber es gelingt ihr nicht. Trotzdem kann sie nicht verhindern, dass sie, ohne auch nur eine Vorstellung von ihnen zu haben, nicht anders als einen mehr oder weniger unbegründeten Hass auf sie zu verspüren.
Sey reisst sie aus ihren wütenden Gedanken.
„Gehen wir.“
„Warte mal, du willst das einfach ignorieren?“
„Irgendwann werden sie es aufgeben Memos zu schicken... und sie können nicht beliebig viele senden, also kein Grund zur Sorge... ich werd sie einfach aushalten solange es dauert...“
„Und was passiert mit dem Mensch dessen Seele jetzt auf der Erde gefangen bleibt?“
Er bleibt stehen und wendet sich überrascht zu ihr um.
„Ich meine, solange sich kein Seelensammler ihrer annimmt, kann sie nicht... naja wohin auch immer gehen... solange kann sie nicht... frei sein.“
Einen Moment steht er wie erstarrt da, fixiert schweigend Sukis Erscheinung. Für den Bruchteil einer Sekunde erinnert Suki ihn an sie, nein, mehr noch, Suki ist in diesem Moment, mit dieser Körperhaltung, diesem Gesichtsausdruck, dieser... Emotion die sie ausstrahlt, ein direktes Ebenbild von ihr... Was sich gerade in seinem Kopf abspielt ist keine bloße Erinnerung, nein, es ist vielmehr ein Déjà vu... Eine regelrechte Wiederholung eines Augenblicks, den er vor etwa einem Jahrhundert schoneinmal durchlebt zu haben glaubt. Mit einem Kopfschütteln verdrängt er seine Gedanken um sich wieder der Gegenwart zu widmen.
„Ich weiß, was du denkst... aber wir müssen unsere derzeitige Lage bedenken...“
Der Blick mit dem sie ihn ansieht, hätte wohl mehr als nur Eis zum schmelzen bringen können.
„Ihr Menschen seid wirklich seltsam... ihr seid wohl die einzigen Lebewesen die sich so in das Schicksal anderer einmischen können, obwohl es sie selbst gar nicht betrifft. Fragt sich nur ob diese unnötige Emotionalität auf Dauer von Vorteil ist... naja Glück geht mit Dummheit ja bekanntermaßen Hand in Hand....“
Sie setzt eine trotzige Miene auf.
„Soll das etwa ne Beleidigung sein?“
„Vielleicht... ganz egal. Aber ich glaube du hast recht...“
Ihr Schmollen wandelt sich in Ratlosigkeit.
„Was meinst du?“
„Die Seele. Ich sollte sie nicht im Stich lassen,... schätze nach all den Jahren ist es ganz gut, dass jemand wie du mich mal wieder mit sowas nervt...“
„Was soll das schon wieder heißen?“
Er wendet sich um, geht zügig weiter und antwortet ohne sie dabei anzusehen.
„Mit den Jahrzehnten vergisst man leicht, dass man selbst mal einer der Dummen war...“

Sie gehen eine Zeit lang am Rand des Kanals entlang, beide in ihre Gedanken versunken. Als sie auf einen kleinen Betonübergang treffen, bleibt Sey stehen.
„Amander wohnt am Ende der Straße dort drüben, Nummer 23. Klopf dreimal an, wenn du sagst dass ich dich schicke wird sie dich reinlassen. Ich komm dann gleich nach...“
„Was hast du vor?“
Was schon, ich kümmer mich um diese verdammte Seele, das war es doch was du wolltest.“
Sukis Augen beginnen plötzlich zu leuchten, was ihrem Gesichts einerseits ein hübsches Strahlen verleiht, ihm aber andererseits das Gefühl gibt, dass er sich gleich wieder einmal mit ihrem Dickkopf herumschlagen muss. Seine Befürchtungen bestetigen sich prompt.
„Ich komme mit!“
„Vergiss es!“
Sie setzt einen Schmollmund auf.
„Warum? Ich werd dir sicher nicht im Weg stehen,... du wirst gar nicht merken, dass ich da bin!“
„Ich sagte, vergiss es! Die Sache ist viel zu gefährlich, ich kann mich nicht auf meine Arbeit konzentrieren wenn ich gleichzeitig ein Auge auf dich haben muss. Außerdem... ich hab den Auftrag schon viel zu lange ignoriert... der Dämon könnte inzwischen ein echtes Problem darstellen.“
Suki sieht ihn fragend und mit unglaublicher Neugier in den Augen an. Er seufzt geschlagen.
„Je länger der Dämon auf der Erde frei ist, desto ausgeprägter werden seine Fähigkeiten. Deshalb ist es auch so wichtig dass Digero ihre Aufgabe so schnell wie möglich erledigen. Wenn die Seele vom Körper getrennt wird, ist es wie eine Neugeburt,... man könnte also den Dämon daraufhin auch in etwa mit einem Neugeborenen vergleichen... je länger er aber ohne die Einschränkungen seines Gefängnisses bleibt, desto schwerer wird es ihn zu zerstreuen. Jede Minute wachsen seine Kräfte, und sein Verstand... Und genau deshalb sollte ich mich jetzt beeilen. Und du gehst zu Amander!“
„Aber... ich könnte dir helfen!“
Er lächelt sie amüsiert an.
„Suki, ich mache diesen Job jetzt seit fast hundert Jahren... glaub mir, ich brauche deine Hilfe nicht... Und wag es ja nicht mir zu folgen!“
Sie schnaupt beleidigt auf, dreht sich dann aber wortlos um und marschiert über die Brücke davon. Er sieht ihr noch einen Moment nach, um auch sicher zu gehen, dass sie tatsächlich ausnahmsweise nachgibt und tut was er sagt, bevor er sich schließlich umdreht und zügig weiter am Rand des Kanals entlang geht. Als er mit einer Windung des Flusses aus Sukis Sichtfeld verschwunden ist, sieht sie sich vorsichtig in alle Richtungen um und rennt dann lautlos und leicht geduckt über die kleine Brücke zurück und hinter Sey her. Sie kann immer nur seinen schwachen Umriss erkennen, weil sie es nicht wagt näher an ihn ranzukommen, aus Angst er könne sie bemerken. So verfolgt sie ihn einige Minuten, im Zickzack von Mülltonne zu Mülltonne schleichend, bis er völlig unvermittelt stehen bleibt. Sie beobachtet, wie er an dem grauen Metallgeländer steht und an dem mit Gras bedeckten, steilen Abhang entlang, auf die etwa fünf Meter unter ihm liegende Wasseroberfläche des Kanals blickt. Sie erkennt wie seine Hand in die Innenseite seiner Jacke gleitet, die schwarze Schusswaffe, die schoneinmal entdeckt hatte herauszieht und sie entsichert. Er verharrt einige Sekunden mit gezogener Waffe bevor er dem sachte dahinfließenden Gewässer entgegenruft.
„Komm schon raus, ich weiß, dass du da unten bist!“
Suki hält den Atem an, doch es passiert nichts. Zumindest nichts was sie von ihrem Versteck aus sehen könnte, also entschließt sie sich, vorsichtig und so leise wie möglich über das feuchte Gras den Abhang herunter zu rutschen und hinter einem Holzkasten, der wohl einem der vielen Angler- oder Kanu-Clubs der Stadt gehören muss, in die Hocke zu gehen. Von hier hat sie den besten Ausblick auf Sey, der etwa 10m entfernt noch immer hoch oben an dem Geländer steht und das in der Sonne glitzernde Wasser.
Plötzlich tut sich etwas. Ein Plätschern durchbricht das monotone dahinrauschen des Gewässers und erregt ihre Aufmerksamkeit. Mit pochendem Herzen beobachtet Suki wie die Wasseroberfläche nahe dem Ufer von einer kleinen, grauen Hand durchbrochen wird. Sie krallt sich in das Gras, dessen Spitzen gerade so den Fluss berühren und zieht sich daran empor. Nach und nach taucht die Gestalt eines kleinen Mädchens aus dem Wasser auf, mit Algen und anderem Schmutz in den rötlichen, lockigen Haaren und blau-grauer, aufgequollener Haut. Sie tragt ein, von Wasser triefendes, dunkelrotes Sommerkleid und einen roten Haarreif, der schief auf ihrem Kopf sitzt. Als Suki ihr direkt in das tropfende Gesicht sieht, blickt sie in Blutrote Augen, die beinahe zu Schlitzen verengt sind, und erkennt eine Reihe spitzer, kleiner Zähne, die wie Nägel aus dem lächelnden, bleichen Mädchenmund ragen. Ihr läuft ein kalter Schauer über den Rücken und plötzlich ist sie sich sicher, dass dies wohl der wahre Grund ist, aus dem Sey sie nicht dabei haben wollte. Im Angesicht dieses Monsters, bereut sie es nicht auf ihn gehört zu haben.
Sey springt mit einem Satz über das Geländer und schlittert mit seinen Schuhen seitlich an dem nassen Hang herunter, etwa bis zu hälfte.
„So du bist also ertrunken, was... Keine Sorge das wird schnell vorbei sein...“
Die Kleine stößt ein schrilles Fauchen aus, die, mit scharfen Krallen bestückten Finger zu Klauen gekrümmt. Sey streckt ruhig seinen bewaffneten Arm aus, nimmt sie ins Visier und gibt einen gezielten Schuss auf den Kopf des Mädchens ab. Das Geräusch des Schusses lässt Suki zusammenzucken, doch als sie die Augen wieder auf das Mädchen richtet, liegt diese nicht wie erwartet, reglos