Reaper
auf der Wiese. Stattdessen beobachtet Suki etwas, das einerseits die Angst in ihrem Inneren beinahe ins unendlich steigert, andererseits aber einer der schönsten Anblicke ist, den sie in ihrem Leben bisher machen konnte. Die Kleine steht aufrecht in der Wiese, den Blick starr auf Sey gerichtet. Hinter ihr erhebt sich aus dem Flussbett ein glitzernder, sich stetig bewegender Arm aus Wasser, der in einem Bogen, scheinbar in die Luft schwebend, um sie herumgleitet und vor ihr ein dickes, unförmiges Schutzschild bildet. Die Kugel schwimmt geräuschlos in dem Wasserschild umher.
Sey stößt beeindruckten Pfiff aus.
„Wow,... sieht aus als wärst du schon viel zu lange tot, Prinzesschen... Ich hätte mich wirklich früher um dich kümmern sollen...“
Das Mädchen lässt ein tiefes Grollen vernehmen, bevor das sie schützende Wasser erneut seine Form verändert. Hunderte kleiner Auswüchse recken sich aus dem Schild in Seys Richtung. Ein kindliches Lachen dringt an Sukis Ohren, aber es steckt eine Kälte darin die sie schaudern lässt. Im nächsten Moment schießen längliche Wassertropfen mit unglaublicher Geschwindigkeit auf Sey zu, wie ein tödlicher Hagel aus spitzen Pfeilen. Doch er weicht nicht vom Fleck, sodass Suki ihm schon eine Warnung zurufen will, doch der Schrei bleibt ihr im Halse stecken. Die Geschosse prasseln nur so auf Sey nieder, doch aus irgendeinem Grund scheinen sie ihn nicht zu treffen. Er bewegt sich unglaublich schnell, und die Wasserkugeln, denen er nicht ausweichen kann, blockt er mit gezieltem Einsatz seiner Waffe einfach ab. Suki bemerkt einen roten Schimmer in seinen Augen und erinnert sich kurz an die Memo und den unheimlichen Ausdruck den sie in seinem Blick beobachtet hatte. Die an Sey vorbeiziehenden Kugeln hinterlassen kleine, aber tiefe Löcher in dem festen Untergrund. Das Lachen des Mädchens verstummt, als sie merkt, dass ihre Attacke keinen Sinn hat. Doch ein paar ihrer Geschosse treffen ihr Ziel. Als die Angriffswelle verebbt, steht Sey keuchend an dem durchnässten Hang, eine Hand hält er auf eine blutende Wunde an seinem rechten Oberarm, ein weiterer roter Streifen zieht sich über seine linke Wange. Er wischt das kleine Blutrinnsal, das davon herunterläuft schnell beiseite und macht einen Schritt auf das Mädchen zu.
„Schön, du hast es so gewollt...“
Er lässt das Magazin mit einem Knopfdruck aus der Waffe rutschen und ersetzt es durch ein anderes, das er aus einer seiner Taschen zieht. Mit einem Klick rastet es ein. Als Sey sich daraufhin von dem matschigen Hang abdrückt und auf das klatschnasse Wesen vor ihm zusprintet ist Suki sich sicher, das unheimliche rote Glühen in seinen Augen aufleuchten zu sehen. Mit dem Schwung von dem steilen Abhang hält er mit gezogener Waffe auf das Mädchen zu, schlägt aber von einer Sekunde zur anderen einen Haken, als sich ein weiterer, halb durchsichtiger Wasserstrom wie ein lebendiges Wesen aus dem Kanal erhebt und auf ihn zustößt. Er kann gerade noch ausweichen, doch der Strom teilt sich kurzerhand in der Luft und er gerät kurz ins stolpern als er die neue Gefahr aus einer anderen Richtung auf sich zuschnellen sieht. Er nutzt den vom Wasser glitschigen Untergrund aus, duckt sich mit viel Schwung und schlittert unter den, auf ihn zuschießenden Wasserarmen weg, direkt auf das Mädchen zu. Diese stößt ein erneutes Fauchen aus, als sie bemerkt, dass er ihre Verteidigung durchbrochen hat, doch jetzt liegt Sey zu ihren Füßen auf dem Rücken und sie holt mit ihren Krallenartigen Händen nach seinem Gesicht aus. Er hebt die Waffe, doch sie schlägt sie ihm mit einem bedrohlichen Knurren aus der Hand, wobei ihre scharfen Fingerspitzen rote Kratzer auf seiner Haut hinterlassen. Jetzt völlig unbewaffnet und den Klauen des Dämons ausgeliefert bleiben Sey nicht mehr viele Möglichkeiten offen. Also tut er das erstbeste was ihm spontan durch den Kopf geht.Er drückt sich mit einem Arm noch näher an das Monster heran und versetzt ihren zierlichen Mädchenbeinen eine gezielten Tritt, der sie augenblicklich auf den schlammigen Boden stürzen lässt. Sey rappelt sich auf, schnappt sich seine Waffe, die völlig mit Matsch bedeckt ist und richtet sie auf das am Boden liegende Kind. Er hat bereits den Finger am Abzug, als ein jämmerliches Geräusch zu hören ist. Das Weinen eines Kindes. Suki hält es nicht mehr aus und erhebt sich wie in Zeitlupe aus ihrem Versteck. Das hohe Schluchzen wird lauter und als das Mädchen den Kopf hebt sind die spitzen Reißzähne die vorher noch aus ihrem Mund ragten verschwunden und ihre vorher noch eiskalten, blutroten Augen sind klar und blau und schimmern vor Tränen. Suki geht langsam auf sie zu, ohne noch einen Gedanken daran zu verschwenden, dass sie sich eigentlich nicht von Sey hatte erwischen lassen wollen. Er mustert sie ohnehin ohne ein Wort zu sagen, und seine Miene lässt erkennen, dass er sich ihrer Anwesenheit offenbar schon länger bewusst war. Er tritt noch einen Schritt auf das schluchzende Bündel vor ihm zu und macht anstalten den finalen Schuss abzugeben, als Suki sich ihm in den Weg stellt.
„Nicht! Warte noch... sieh sie dir an,... sie weint..“
Sie beugt sich zu der Kleinen herunter, die ihrerseits den Blick hebt, ihre Lippen formen lautlose Worte.
„Ich kann dich nicht verstehen...“
Die kommt dem Mädchen noch etwas näher und diesmal kann sie die geflüsterten Laute verstehen.
„Mami hat gesagt alles wird gut... aber sie hat gelogen... Ich habe keine Luft mehr bekommen,.. ich konnte nicht atmen... aber sie hat nicht aufgehört...“
„Was hat sie getan?“
Das Gesicht der Kleinen wird ernst und ihre nächsten Worte fallen ihr ausdruckslos über die Lippen.
„Sie hat mich umgebracht.“
Suki schaudert bei dem Gedanken daran und das kleine Mädchen macht einen derart verlassenen und mitleidigen Eindruck, dass sie sie am liebsten in die Arme geschlossen und getröstet hätte. Doch von einem Moment zu nächsten ändert sich dieser Eindruck vollkommen. Die Trauer in den Augen des Mädchens wandelt sich in Wut und sie ballt die kleinen Hände zu Fäusten.
„Warum? Warum hat sie mich im Badezimmer ertränkt? Ich war kein böses Mädchen! Warum hat sie mich getötet?“
Ihre Worte gehen in einen schrillen Schrei über als sie nach der völlig perplexen Suki greift und sie rücksichtslos in das eiskalte Wasser des Kanals stößt. Sie kann weder Seys geschockten Ruf, noch die drei Schüsse die ihm augenblicklich folgen, hören, als ihr Kopf in die Fluten eintaucht. Aber sie spürt wie eine unsichtbare Kraft sie trotz ihrer hektischen Schwimmbewegungen immer weiter nach unten zieht. Sie hat das Gefühl, als würde ein dutzend Hände sie in die Tiefe ziehen. Der letzte Rest Luft entweicht aus ihren Lungen und steigt in einer großen Blase nach oben. Sie glaubt ihre Lungen würden platzen und der Druck auf ihren Ohren wird immer unangenehmer. Irgendwann geben ihre Arme wie von selbst auf sich zu wehren, obwohl sie noch immer sehnsüchtig zu der hellen Wasseroberfläche hinaufstarrt, hinter der ihre Lungen gierig frische Luft erwarten. Vor ihren Augen blitzen allmählich bunte Lichter auf, als wollten sie ihre ausweglose Situation ins lächerliche ziehen. Dann wird es allmählich dunkel um sie herum...
An der Oberfläche muss Sey währendessen feststellen, dass dieser Dämon weitaus widerstandsfähiger ist als er vermutet hatte. Seine drei Schüsse, mit den extra starken Spezialkugeln, die für gewöhnlich ihren Zweck erfüllten, haben zwar ein Tennisball großes Loch in den Schädel des Mädchens gerissen und ihren Unterkiefer zertrümmert, aber noch stand sie, und der Turm aus Wasser der sich wie ein wütendes, bedrohliches Ungeheuer hinter ihr aufbäumt verheißt nichts gutes, dessen ist er sich sicher. Mit den Augen sucht er hektisch nach Suki, aber er kann sie auf der aufgewühlten Oberfläche nirgends entdecken. Er hat nur eine Wahl. Er läd seine Waffe nach und erwartet die allesvernichtende letzte Attacke des Dämons. Sie hebt die Arme, und als sie in der Waagrechten stehen bleiben, hört auch der Wasserberg hinter ihr auf zu wachsen. Sie verharrt einen Augenblick in dieser Position bevor sie ruckartig die Arme nach vorne schnellen lässt, woraufhin die Wassermassen wie eine riesige Welle auf Sey zustürzen, aber sorgfältig ein Loch um sie herum auslassen, als wäre der Raum um das Mädchen Wasserabweisend. Sey nutzt die Gelegenheit, seine Augen strahlen in einem dunklen Glutrot als er Anlauf nimmt und, gerade als die Welle direkt vor ihm zum ersten mal den Boden berührt, sich mit aller Kraft abstößt und der flüssigen Wand entgegen springt. Die Kälte beim eintauchen raubt ihm einen Moment den Atem und er spürt wie der Druck ihn zurückzuschleudern droht, doch nach einem Augenblick spürt er bereits wie er die Oberfläche auf der anderen Seite durchbricht. Er befindet sich in dem Hohlraum, den das Wasser um das Mädchen herum gebildet hat, und bevor sie ihrer Verblüffung ausdruck verleihen kann, steht er schon vor ihr und hält ihr die Mündung seiner Waffe an die Stirn, direkt zwischen den schmalen Augenbrauen und drückt ab.