Reaper
umschließt mit einer Hand ihren Hals und zerrt sie grob auf die Füße. Er scheint irgendetwas von ihr wissen zu wollen, doch sie kann kein Wort dieser seltsamen Sprache verstehen. Der große Kerl, den sie als erstes gesehen hatte, schüttelt kurz den Kopf, hebt dann eine Hand an den Mund und stößt einen lauten Pfiff aus, gefolgt von einem gebrüllten Befehl. Nach wenigen Minuten kommt ein weiterer Soldat um die Mauer herum, den Helm tief ins Gesicht gezogen und ein altmodisches Gewehr an einem Band lässig über die linke Schulter geworfen. Er ist ein gutes Stück kleiner als die anderen Drei, und wesentlich schlanker. Von der Statur her würde Suki ihn wohl eher auf etwa 16, vielleicht 17 Jahre schätzen. Der große Soldat versetzt ihm einen leichten Schlag auf den verbeulten Metallhelm und scheint ihm mit grimmiger Miene Anweisungen zu geben. Der Andere nickt stumm, den Blick noch immer auf den Boden geheftet. Als der Große geendet hat, nimmt er ihm das Gewehr ab und stößt ihn unsanft in Sukis Richtung, wo er wenige Meter vor ihr zum stehen kommt und zum ersten mal aufsieht, direkt in ihre Augen. Sukis Herz scheint einen Augenblick still zu stehen, als sie erkennt, dass es Sey ist, der da vor ihr steht. Sein Gesicht sieht etwas schmaler aus, als sie es gewohnt ist, und ist mit all dem Schmutz und den dunklen Augenringen ein großer Gegensatz zu dem Sey, mit dem sie für gewöhnlich zu tun hat... Aber die schwarzen Haare, die ihm bis in die Augen fallen und dieser genervt, mürrische Ausdruck auf seinem Gesicht lassen keinen Zweifel, daran dass es sich tatsächlich um Sey handelt. Das Einzige, was Suki etwas irritiert, ist die Tatsache, dass die Augen in die sie blickt, nicht wie sonst tiefschwarz sind, sondern, wenn auch etwas erschöpft dreinblickend, in einem strahlenden Blau leuchten.
„Wie heisst du?“
Suki schreckt aus ihren Gedanken auf, als sie realisiert, dass er mit ihr spricht.
„...Se- Selena.“
Der Name fiel einfach so von ihren Lippen, bevor Suki überhaupt daran gedacht hatte, zu antworten. In ihrem Kopf scheint ein unglaubliches Durcheinander zu herrschen, und sie hat das Gefühl, als würde sie es von Sekunde zu Sekunde schwerer haben einen klaren Gedanken zu fassen.
Einer der anderen Soldaten ruft ihnen erneut einen Befehl zu, den Suki nicht verstehen kann, doch Sey wendet sich ohne lange zu überlegen wieder zu ihr um, um für sie zu übersetzen.
„Sie wollen wissen, wo dein Dorf liegt... Aber ich rate dir, sie in eine falsche Richtung zu führen, wenn du willst, dass morgen noch etwas von deiner Heimat übrig ist.“
Er wirft einen verstohlenen Blick auf seine drei Kameraden, die aber offensichtlich kein Wort von seiner Übersetzung verstanden haben und ungeduldig auf eine Antwort warten. Suki will Sey eigentlich fragen was hier los ist, aber egal wie sehr sie sich konzentriert, die Worte in ihrem Kopf wollen einfach nicht über ihre Lippen kommen. Stattdessen antwortet ihr Mund wie von einer fremden Kraft gesteuert, und völlig gegen ihren Willen.
„Von meinem Dorf ist ohnehin nichts mehr übrig... Ihr seid nicht die ersten Soldaten, die seit Beginn des Krieges hier aufgetaucht sind... aber...ich verstehe nicht ganz warum du versuchst mir zu helfen..?“
Gerade als Sey den Mund öffnet um ihr zu antworten, taucht einer der anderen Soldaten neben ihm auf und greift nach Sukis Arm. Er wirft ihr ein paar unverständliche Worte ins Gesicht, und zieht sie unsanft zu sich. Sey redet derweil in der seltsamen Fremdsprache auf ihn ein, doch der Kerl lässt sich nicht beirren. Gerade als der Soldat, von den beiden Anderen angefeuert, nach ihren Haaren greift und ihren Kopf grob zu sich zerrt, greift Sey nach seinem Arm. Dann geht alles unglaublich schnell. Sey holt aus und verpasst dem großen rothaarigen Soldaten einen gezielten Schlag ins Gesicht, wodurch dieser mit einem Aufschrei von Suki ablässt und stattdessen die Hände auf seine übel blutende Nase presst. Suki verliert das Gleichgewicht und landet rücklings auf dem Waldboden, gerade als die beiden anderen sich in das Geschehen einmischen. Einer von ihnen packt Sey am Kragen seiner zerschlissenen Uniform und stößt ihn gegen den nächsten Baum wo er ihm diverse Beleidigungen entgegenbrüllt, die Suki zwar nicht versteht, deren Bedeutung aber eindeutig am Gesicht des aufgebrachten Glatzkopfes abzulesen ist. Sey versucht sich aus seinem Griff zu befreien, doch der etwa einen Kopf größere und um einiges breitere Kerl ist ihm in Sachen Kraft eindeutig überlegen.
„Worauf wartest du? Steh auf und verschwinde solange du die Gelegenheit dazu hast!“
Seys Ruf wird von einem keuchenden Husten gefolgt, als der Soldat, der ihn festhält, ihm die Faust in den Bauch rammt. Suki rappelt sich auf, weicht dem dritten Soldaten, der sich bis eben um den Verletzten gekümmert hatte, mit einem weiten Haken aus und rennt so schnell sie kann in den Wald hinein. Sie kann die dumpfen Schläge hören, jedes mal gefolgt von Seys schmerzverzerrtem Stöhnen. Jede Faser in ihrem Körper schreit danach sich umzudrehen und ihm zu helfen, aber ihre Beine bewegen sich einfach von selbst. Sie hat das Gefühl alle ihre Sinne würden sich unaufhörlich im Kreis drehen, als müsste ihr Kopf jeden Moment zerbersten. Sie blickt über eine Schulter nach hinten und sieht gerade noch wie Sey weit hinter ihr an dem Baumstamm herunterrutscht und dort reglos liegen bleibt. Doch obwohl sie sich am liebsten zum Umdrehen zwingen würde, rennt sie weiter... immer tiefer in den Wald hinein, ohne auch nur den Hauch einer Ahnung, was eigentlich ihr Ziel ist. Plötzlich spürt sie, wie sie von hinten am Arm gepackt wird und ein grober Ruck durchfährt ihren Körper. Ihr wird von einer Sekunde zur anderen schwarz vor Augen und sie hat das Gefühl, als würde sie aus einem eiskalten See auftauchen, fühlt wie ihr Gesicht durch die Oberfläche bricht und wie Wärme durch ihre eingefrorenen Glieder fließt.
Als sie die Augen aufschlägt, starrt sie geradewegs in Seys, jetzt wieder nachtschwarze Augen, wobei ihr Gesicht nur wenige Zentimeter von seinem entfernt ist. Er blickt mindestens genauso verwirrt drein, wie sie sich gerade fühlt. Als sie realisiert, dass sie diejenige ist, die über ihn gebeugt, die Ellbogen auf die Matratze stützt, springt sie mit knallrotem Gesicht auf und versucht, wenn auch eher ungeschickt, ihr Gleichgewicht wiederzufinden. Nachdem sie sich gefangen hat, dreht sie sich hektisch um, in der Hoffnung, dass er ihre glühenden Wangen nicht bemerkt, und findet sich direkt vor Amanders mit Stacheldraht-tattoo versehenem Dekolleté wieder.
„Was zur Hölle soll das hier werden, Schätzchen?“
Suki bringt etwas Abstand zwischen sich und Amander und versucht mit einigen unorthodoxen Gesten und unverständlichem Gestammel zu erklären, was sie im Grunde selbst nichtmal ansatzweise versteht.
„Ein Flashback...“
Suki dreht sich zu Sey um, der inzwischen aufrecht aus dem Bett sitzt und sich mit einer Hand den Kopf hält. Er vermeidet es sie anzusehen und starrt stattdessen ins Leere.
„Was genau hast du gemacht, Suki?“
Sie spürt wie ihr erneut die Röte ins Gesicht steigt, und ringt verzweifelt nach Worten.
„Also ich,..äh.. ich dachte dir ist vielleicht kalt.... also, wegen der nassen Kleidung und dann... äh.. naja... ich muss dich wohl... irgendwie... ausversehen berührt haben, und im nächsten Moment war ich auf dieser Waldlichtung...“
Sey blickt sie völlig entgeistert an.
„Du warst wo? Warte mal, soll das heißen, du warst da?“
„... Sicher, ähm... du hast mich doch gesehen.. ich war das Mädchen mit dieser altmodischen Schürze... aber ich verstehe nicht ganz was das alles-...“
Sey steht mit einem Satz auf und läuft unruhig hin und her, wobei er sich mit einer Hand nachdenklich durch die Haare fährt.
„Das ist unmöglich, das einzige Mädchen, das dort war, ist... Ich meine, es ist schließlich meine Erinnerung...“
„... Deine Erinnerung? Es war also nicht bloß irgendein Traum? Soll das heißen, diese Soldaten... und dieses Mädchen, indem ich irgendwie dringesteckt habe... das ist alles wirklich passiert?“
Sey blickt ihr durchdringend und gleichzeitig etwas abwesend in die Augen, fast so als würde er angestrengt über etwas nachdenken und hoffen die gesuchte Antwort bei ihr zu finden.
„Du warst also sie?... Vielleicht ergibt das alles doch einen Sinn... Immerhin ist sie...“
Er stockt mitten im Satz und weicht ihrem Blick aus, so als hätte er eben schon mehr gesagt, als er eigentlich vor gehabt hatte... Amander lässt ein belustigtes Kichern hören und schleicht gut gelaunt durch die Tür, wobei sie noch ein gut hörbares „Oh oh!“ hinterlässt. Sey macht keine Anstalten das Thema weiter zu verfolgen, doch so einfach gibt Suki sich nicht geschlagen.
„Sag es schon, Sey! Du verschweigst mir irgendwas! Wer ist dieses Mädchen und warum stehe ich mit ihr in Verbindung?“
„Um ehrlich zu sein, ich habe selbst keine Ahnung was genau hier läuft... Anfangs dachte ich du wärst sie...- ich meine, du siehst ihr nicht nur ähnlich, du bist ihr exaktes Ebenbild! Ich dachte... vielleicht...“
Ein kalter Schauer zieht sich durch Sukis gesamten Körper und sie spürt wie sich eine seltsame Taubheit in ihrem Kopf breit macht. Obwohl sie ihr bestes gibt sich nichts anmerken zu lassen, lässt der Kloß in ihrem Hals, ihre Stimme leicht zittern.
„... Heißt das, der wahre Grund, aus dem du mich nicht hast sterben lassen... ist, weil du dachtest ich wäre sie?“
Auch wenn Sey keinen Ton von sich gibt, ist der ehrliche und gleichzeitig beschämt wirkende Blick, mit dem er sie streift, genug Antwort. Suki fühlt einen erneuten Stich und wendet sich schnell von ihm ab.
„Aber ich bin nicht sie... ich hab es selbst gespürt. Dieses Mädchen ist ein völlig anderer Mensch als ich, auch wenn wir uns vielleicht ähnlich sehen... Ich schätze, das hast du schon selbst gemerkt... Auf jeden Fall