Reaper
Dezember 1916...
Reaper – Kapitel 5
Dezember 1916
Suki spürt, wie sie mit einem groben Stoß über die Türschwelle in den kleinen, dunklen Raum befördert wird. Mit einem metallischen Klirren wird die schwere Tür hinter ihr in die Angeln geworfen und sie sieht plötzlich nicht mehr, als den winzigen Lichtstreifen, der durch das Schlüsselloch auf den grauen Steinboden fällt. Sie tastet sich vorsichtig vorwärts bis ihre Hände zwei eiskalte, dicke Eisenstangen umschließen. Leicht zögernd geht sie an der Gitterwand entlang, bis sie plötzlich mit einem Fuß schmerzhaft gegen eine schwere Holzbank stößt. Auf einem Bein hüpfend, murmelt sie ein paar Flüche.
„Suki?“
Sie kneift die Augen zusammen, die sich allmählich an die Dunkelheit um sie herum gewöhnt haben, und blickt zwischen den Gitterstangen hindurch in den zweiten Raum, neben ihrer Zelle. Sie entdeckt, ein leichtes, rotes Glühen an der gegenüberliegenden Wand.
„Sey! Bist du das?“
„Wer sonst... Bist du okay?“
„Ja, ich denke schon... wo sind wir?“
Sey lehnt sich mit dem Rücken zu ihr an die Gitterstäbe und seufzt.
„Sicherheitsverwahrung... Das ist die alte Gefängnisanlage unterhalb des Hauptquartiers..“
Ein leises Rascheln neben ihren Füßen lässt Suki zusammenzucken. Nicht nur dass es hier unten feucht und dunkel ist, jetzt müssen sich auch noch Ratten in ihrer unmittelbaren Umgebung herumtreiben...
„Ich hasse es hier unten...“
Sie schlingt die Arme um ihren Körper, um das Zittern zu unterdrücken, doch angesichts der Kälte fährt weiterhin ein Schauer nach dem anderen durch ihre Glieder. Schließlich trägt sie lediglich Amanders buntes Top. Plötzlich spürt sie ein leichtes Gewicht auf ihren Schultern. Leicht verwirrt zupft sie Seys schwere Jacke über ihre halb erfrorenen Arme.
„D-Danke.“
„Kein Problem.“
Eine Zeit lang stehen sie einfach nur so Rücken an Rücken da. Die Stille in dem Kerker lässt ihre Umgebung noch bedrohlicher wirken. Suki hat sich in ihrem ganzen Leben noch nie so sehr gewünscht zuhause in ihrem Bett zu liegen...
„Suki..?“
„Hmm...“
„Es tut mir leid.“
Damit hatte sie nicht gerechnet, weshalb ihre Antwort auch mit einigen Sekunden Verzögerung kommt.
„Du konntest ja nicht ahnen, dass sie uns an so einem Ort einsperren...“
„Das meine ich nicht... wobei, andererseits... ich sollte mich wohl auch dafür entschuldigen...“
„Was meinst du dann?“
Im Grunde weiß Suki ganz genau worauf er hinauswill...
„Das alles... Ich meine... Komm schon, du weißt was ich meine!“
Sie kann sich ein stummes Grinsen nicht verkneifen. Sey nach Worten ringen zu hören ist schließlich ein Vergnügen, das ihr nicht allzu oft vergönnt ist.
„Mir tut es auch leid... Ich meine, fürs zickig sein...“
Auch wenn sie in der Dunkelheit rein gar nichts sehen kann, sie ist sich ziemlich sicher, dass auch Sey auf der anderen Seite der Gitterstäbe lächelt. Sie kann nicht anders als erleichtert aufatmen.
„Was glaubst du, wie lange werden sie uns hier eingesperrt lassen?“
„Vielleicht ein paar Stunden... sie werden die Sache so schnell wie möglich regeln wollen, da bin ich mir sicher...“
Suki lässt sich auf die niedrige Holzbank sinken und lehnt sich erschöpft an einen der Metallstäbe an. Sie spürt wie Sey es ihr auf der anderen Seite gleichtut. Zwei Ratten schleichen über den Zellenboden. Sie kann ihre kleinen durchdringenden Augen in den kaum merklichen Lichtstrahlen, die von der Tür ausgehen leuchten sehen. Sey scheint ihr Unbehagen deutlich zu spüren.
„Hast du Angst?“
Sie zieht beide Beine an ihren Körper und legt die Arme darum.
„Ein wenig... Ich hab Angst vor dem was noch passieren wird...“
Sey fällt nichts ein, was er ihr sagen könnte um sie aufzumuntern, ohne ihr ins Gesicht zu lügen.
„Kann ich dich etwas fragen, Sey?“
„Sicher...“
Suki spürt wie ihr Herzschlag sich ein wenig beschleunigt. Diese Frage brannte ihr nun schon seit einer Weile auf der Zunge, aber sie konnte sich noch nicht überwinden sie auszusprechen...
„Was hat das alles eigentlich mit mir zu tun? Ich meine, vor ein paar Tagen hatte ich keine Ahnung, dass es sowas wie Reaper, Zerberus oder Dämonen überhaupt gibt... und jetzt sitz ich hier in einem Kerker, warte womöglich auf meine Hinrichtung oder was weiß ich und hab zudem auch noch herausgefunden, dass ich nur eine Kopie von irgendjemandem aus der Weltkriegszeit bin...“
„Du bist keine Kopie...“
Suki stößt ein tiefes Seufzen aus.
„Richtig.. ich bin eher nur ein Abziehbildchen...“
„Hör auf damit!“
Suki beisst sich, angesichts seines strengen Tonfalls wütend auf die Unterlippe. Sie wartet im Grunde schon darauf sich wieder anhören zu können, wieviel besser diese Selena ist... ganz im Gegensatz zu ihr...
„Du bist gut, so wie du bist, Suki...“
Sie wendet den Blick überrascht nach hinten, kann aber nur Dunkelheit erkennen. Nach ein paar Sekunden nimmt sie ihren ganzen Mut zusammen und flüstert kleinlaut in die Stille.
„Was genau ist damals passiert?... Du sagtest ich kenne nicht die ganze Geschichte, aber ich versuche wirklich das alles hier zu verstehen... Und ich habe das Gefühl, das kann ich erst wenn ich weiß was damals passiert ist...“
Das Schweigen das sich über den Raum legt, hält diesmal um einiges länger an als zuvor. Suki kann förmlich spüren wie Sey angestrengt nachdenkt.
„Schätze es muss sein, was?“
Sie nickt, bis ihr einfällt, dass er sie ja nicht sehen kann, und sie ein hastiges „Ja“ anhängt.
„Schön, wie du willst... nachdem ich dich in die ganze Sache mitreingezogen hab, muss ich jetzt wohl auch die Konsequenzen tragen...“
Nach einem gequälten Seufzen räuspert er sich.
„Selena und ich... wir waren... sozusagen... naja, verlobt...“
Suki unterdrückt mühsam den >Ich wusste es!< Schrei in ihrem Kopf und gibt sich möglichst unbeeindruckt.
„Okay... Ich kann mir das gerade nur schwer vorstellen, schließlich war ich Zeuge, wie sie dich einfach so im Stich gelassen hat...“
„Ich sagte doch, das ist nur die halbe Story... In Wirklichkeit ist sie zurückgekommen... Ohne sie wäre ich in diesem verdammten Wald verblutet...“
„Das ist ja auch das Mindeste... schließlich hast du sie zuerst gerettet...“
Sey ignoriert diese offene Kritik schlichtweg.
„Während das Militär nach und nach die gesamte Gegend eingenommen hatte, haben wir uns in einem Haus im Wald versteckt gehalten... Ihre ganze Familie wurde während des Krieges getötet, genau wie meine... also haben wir beschlossen zusammen zur Grenze zu fliehen, um den Krieg endlich hinter uns zu lassen. Leider hatten wir keine Ahnung wie schlimm die Zustände in den Grenzstädten waren. Sämtliche Orte waren von den Soldaten belagert... sie plünderten, zerstörten Häuser und töteten jeden der ihnen Ärger machte... Wir reisten einige Monate lang von Stadt zu Stadt, aber irgendwann sahen wir schließlich ein, dass es überall das Gleiche war. Deshalb sind wir schließlich in einer der besetzten Städte geblieben... beinahe ein ganzes Jahr... Aber die Söldner wurden immer gieriger und töteten immer mehr der Bewohner... Wir wollten uns das nicht länger gefallen lassen, also hat sich mit der Zeit eine Gruppe von Aufständischen geformt... Wir wollten eine Revolution anzetteln, das Land wieder für uns zurückgewinnen und die Söldner ein für alle mal loswerden... Und wir hatten gute Chancen. Die Soldaten hatten über die Monate, in denen sie nur von Plündereien und Trinkgelagen gelebt haben, einiges von ihrem Glanz verloren... und wir hatten den Überraschungsmoment auf unserer Seite... Wir dachten wir könnten die Verhältnisse in einer Nacht völlig verändern...“
[i]...Dezember 1916...
„Wir haben noch fünf Fässer Schwarzpulver organisiert... wohin sollen die?“
„Stellt sie da rüber zu den anderen... und macht verdammt nochmal den Schnee runter, es ist schwer genug das Pulver bei diesem Dreckswetter trocken zu halten...“
„Aye, Sir!“
„Was ist mit der restlichen Munition?“
„Lass mal das Kaliber sehen... hmm... gibt das mal rüber zur Einheit 2, ich muss mich jetzt um den Lageplan kümmern...“
Der bärtige, große Mann wirft den letzten Rest seiner selbstgedrehten Zigarette auf den nassen Boden und verschwindet durch eine morsche Holztür in einem kleinen Hauseingang, während in dem Hof weiterhin eifrige Betriebsamkeit herrscht. Der kleine Raum wird nur von einer provisorisch an der Decke befestigten, flackernden Öllampe erhellt. Sey blickt zu dem Hauseingang auf und nickt dem Bärtigen flüchtig zu, bevor er sich wieder auf die verstreuten Papiere vor sich konzentriert. Mit einem tiefen Stöhnen nimmt der Mann seine löchrige Mütze ab und wirft sie auf den schiefen Tisch in der Mitte des Raumes, neben die darauf ausgebreiteten, vergilbten Karten. Beinahe hätte er die halbleere Rumflasche an der einen Ecke des Tisches mit umgeschmissen.
„Pass gefälligst auf, wenn du die Karten ruinierst sind wir geliefert...“
„Schon gut, schon gut, Kleiner... Wer hätte gedacht, dass ich mir mal von einem, der mein Sohn sein könnte, Vorschriften machen lassen muss...“
„Wenn du dein Gehirn nicht immer in Rum ersaufen würdest, könntest du hier selbst die Ansagen machen, Joe...“
Der Ältere nickt mit einem schiefen Lächeln, das sein lückenhaftes Gebiss entblößt.
„Lieber ein Sklave mit Rum, als ein Anführer ohne!“
Um seine Worte noch zu unterstreichen nimmt er einen kräftigen Schluck aus der Flasche auf dem Tisch.
„Spar dir das Trinken für morgen früh... wenn wir erst unsere Freiheit feiern!“
Sey macht einen letzten Strich auf dem Papier vor sich und lässt den Stift dann erleichtert auf die Tischplatte fallen.
„Wie ist das Wetter?“
„Immer noch Schneeregen... Wir haben kaum Patz das Pulver zu lagern...“
„Perfekt.“
„Perfekt? Schonmal von ner Revolution gehört, die mit