Reaper

nassem Schießpulver gewonnen wurde?“
„Nein, das Pulver muss natürlich trocken sein... Aber solange es regnet, ist es sicher, dass sich die Soldaten alle in der Bar versammeln... Je mehr von ihnen wir auf einen Schlag loswerden, desto besser...“
Joes raues Lachen hallt in dem kleinen Raum wider. Im selben Moment wird die Tür aufgeschlagen und eine junge Frau betritt den Raum, zusammen mit einigen Schneeflocken, die der Wind über die Türschwelle trägt. Mit einem Seufzen zieht Selena das nasse Kopftuch von ihren lockigen Haaren.
„Wir sind jetzt soweit... Die Anderen warten auf weitere Anweisungen.“
„Joe, geh und sag ihnen, dass sie sich bereit machen sollen, wir gehen den Plan noch einmal durch und dann brechen wir auf.“
Der stämmige Mann erhebt sich von seinem Stuhl und verschwindet nach draussen. Sey fährt sich erschöpft durch die Haare. Als er Selenas belustigten Blick bemerkt, hält er inne.
„Was ist?“
„Nichts. Ich dachte nur gerade daran, wie mir jemand vor wenigen Wochen gesagt hat, so schwer würde es schon nicht werden...“
„Ähm, tut mir leid, daran kann ich mich nicht erinnern...“
„Du Lügner!“
Mit einem breiten Lächeln umarmt sie ihn und gibt ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange.
„Du schaffst das, die Männer halten viel von deiner Meinung.“
„Ich hoffe nur, dass wirklich nichts schief geht...“
„Komm schon, du hast das ganze so lange durchdacht, es wird sicher alles nach Plan verlaufen.“
Sey atmet tief durch und setzt ein breites Grinsen auf.
„Du hast recht. Wir ziehen das durch!“
Er schnappt sich die dunkelbraune, warme Jacke, die auf einem der wackligen Stühle liegt und geht auf die alte Tür zu. Gerade als er zu dem angelaufenen, rostigen Henkel greift, hält Selena ihn zurück.
„Warte noch... Ich will, dass du mir etwas versprichst bevor du gehst...“
Das leichte Lächeln auf ihren Lippen, wird von ihren besorgten, traurigen Augen in den Hintergrund gedrängt.
„...Du weißt, dass ich hier warte... also... komm wieder zurück, ja?“
Leicht überrascht über ihren plötzlichen Stimmungswechsel lächelt er sie aufmunternd an und legt ihre rechte Hand sachte auf seine. An einem ihrer Finger glänzt ein einfacher, schmaler Ring.
„Also, laut diesem Ring hab ich dir das schon mal versprochen, oder? Ich komm zurück und dann werden wir heiraten, alles wie geplant...“ [/i]

„Hey, hey! Einen Moment mal! Sag mal, was sagtest du nochmal, wie alt du damals warst?“
Sey straft Sukis unhöfliche Unterbrechung mit einem empörten Räuspern.
„Ich war damals 18, okay, und das war zu der Zeit ein völlig normales Alter zum heiraten, also sag das nicht mit diesem Tonfall...“
„Hmm... wenn du das sagst...“
Sey scheint leicht genervt, aber Suki interpretiert sein wiederholtes Seufzen mal wieder nach ihren eigenen Vorstellungen.
„Und unterbrich mich gefälligst nicht... ich hasse das...“
„Alles klar, kommt nicht wieder vor!“

[i]

Obwohl er während der Monate seines Wehrdienstes recht viele von diesen typischen Motivationsreden gehört hat, wollen Sey in dieser Situation einfach nicht die richtigen Worte einfallen. Als er seinen Blick über die Männer vor sich schweifen lässt, die ihn alle gespannt mustern, spürt er einen leichten Anflug von Nervosität in sich aufsteigen. Sie sind alle bereit heute Nacht ihr Leben zu riskieren, das kann er ihnen deutlich ansehen... Umso schwerer fällt es ihm, den Gedanken daran, dass wohl nicht alle von ihnen das Ende ihrer Revolution erleben werden, aus seinem Unterbewusstsein zu drängen. Unglücklicherweise kann er auch das Gefühl, dass er die Verantwortung dafür trägt, nicht ganz ausblenden. Einer von ihnen erhebt sich voller Tatendrang und stimmt laut grölend ein altes Volkslied an, in dessen langsame Melodie schnell die ganze Gruppe einsteigt. Sey seufzt teils belustigt, teils erleichtert auf. So bleibt es ihm immerhin erspart, sich noch irgendwelche Anfeuerungen aus den Fingern saugen zu müssen...
Die gute Laune der Truppe legt sich allerdings schnell wieder, und spätestens als die letzten Vorbereitungen getroffen sind und sich alle angespannt an ihren Plätzen befinden, die Unterkünfte der Söldner im Blick, liegt eine bedrohliche Anspannung in der Luft. Nachdem sie einige Minuten so in der eisigen Kälte der Nacht verharrten, gibt Sey das vereinbarte Signal...
Nichteinmal eine Stunde später hat sich bereits eine blutige Schlacht, zwischen den Soldaten und den Freiheitskämpfern entfacht. Die ersten Söldner ziehen sich angesichts ihrer Unterlegenheit bereits zurück, und es gelingt Seys Truppe deren Hauptquartier zu übernehmen. Joe taucht keuchend direkt neben Sey auf. Blut läuft von einer Platzwunde auf seiner Stirn an seinem Gesicht herunter, doch ansonsten scheint er unverletzt zu sein.
„Sie ziehen sich zurück! Die Stadt ist wieder unser!“
„Spar dir das fürs erste... es ist noch nicht vorbei!“
Eine riesige Explosion lässt die Beiden zusammenzucken. Der Regen aus kleinen Flammen, der sich über sie ergießt, erhellt die Nacht, als würde bereits der Morgen anbrechen.
„Was ist mit den Feiglingen, die versuchen abzuhauen?“
„Lass sie ziehen... es besteht kein Grund sie zu töten, solange sie von hier verschwinden.“
Die großen, bunten Flaggen der Soldaten, die bisher beinahe jedes Haus der Stadt schmückten liegen auf dem nassen Boden, oder stehen in Flammen. Ein kleiner Mann kommt über den Platz auf sie zugerannt, völlig außer Atem, mit einem alten Schrotgewehr bewaffnet.
„Sey? Sey! Wir haben ein Problem! Die verdammten Bastarde haben neue Kampfhandlungen aufgenommen! Wir dachten sie würden fliehen und haben sie passieren lassen, und diese Scheißkerle haben die Gelegenheit genutzt und greifen uns im Süden an!“
Sey ist für einen Moment wie erstarrt. Der Süden der Stadt, der Teil, der von den Unterkünften der Söldner am weitesten entfernt ist, war als Kampfplatz nicht einkalkuliert... Dort halten sich die Frauen und Kinder des Ortes versteckt...
Sey und die anderen Beiden springen auf und sprinten durch die Straßen. Joes tiefe Stimme durchbricht immer wieder die dumpfen Geräusche der verstreuten Kampfhandlungen, während er nach weiteren Kameraden zur Unterstützung aufruft. Als sie schließlich in die südlichste Straße der Stadt einbiegen, können sie bereits die schwarzen Rauchschwaden über den Häusern aufsteigen sehen. Hier und da sind vereinzelte Schreie und Schüsse zu hören. Sey entdeckt einen der bewaffneten Söldner, die offenbar für die verschiedenen Brände verantwortlich sind und stoppt ihn mit einem gezielten Schuss in dessen Bein. Im nächsten Moment kann er eine ihm vertraute Stimme wahrnehmen. Als er sich umdreht entdeckt er Selena, die mit einem kleinen, blonden Mädchen an der Hand aus dem Eingang eines Hauses ins Freie stürmt. Eine leichte Brise senkt die dunklen Rauchschwaden durch die Straße. Sey entdeckt drei weitere Soldaten und als er bemerkt, dass Selena und das Mädchen offenbar direkt auf sie zurennen sprintet er mit einem geflüsterten Fluch los. Doch der brennende Qualm in seinen Augen raubt ihm für einen Moment die Sicht und im nächsten Augenblick wird er von einem heftigen Stoß von den Füßen gerissen. Als er sich stöhnend aufrichtet, blickt er einem weiteren Söldner entgegen, der ohne zu zögern den Lauf seiner Handfeuerwaffe auf ihn richtet. Seys Augen wandern an dem Uniformierten vorbei, auf der Suche nach Selena und dem Mädchen doch bevor er sie entdecken kann, fährt ein stechender Schmer durch seinen Kopf und von einer Sekunde zur anderen ist alles um ihn herum Schwarz...

Mit einem Aufschrei reisst er die Augen auf, nur um sie, von einem unbarmherzig grellen Licht geblendet, sofort wieder zu schließen. Beim zweiten Versuch hält er sich vorsichtshalber eine Hand vors Gesicht um sich gegen die hellen Strahlen zu schützen. Blinzelnd blickt er sich um. Von dem Schlachtfeld auf dem er sich gerade noch befunden hat, ist nichts mehr zu sehen, stattdessen befindet er sich in einem kreisrunden Raum, mit völlig weißen Wänden. Auch die Decke und der Boden unter ihm sind Schneeweiß. Leicht zögernd richtet er sich auf und sieht sich verunsichert um. Er entdeckt jemanden einige Meter von sich entfernt auf dem Boden liegend. Die Gestalt rührt sich nicht, liegt einfach nur reglos auf den Rücken. Als er auf allen Vieren etwas näher herankriecht, greift seine Hand plötzlich in eine warme Flüssigkeit. Sein Blick wandert von seinen zitternden, blutigen Fingern über die rote Pfütze am Boden, zu dem Gesicht der Person. Mit einem erneuten Schrei weicht er hektisch wieder einige Meter zurück, als er erkennt, dass er selbst es ist, der da vor ihm liegt... mit einer blutigen Schusswunde auf der Stirn. Wie abwesend wischt er das Blut von seinen Fingern an seinem Hemd ab, die Augen wie gebannt auf diese zweite Version vor sich geheftet. Plötzlich erregt ein leises Kichern hinter ihm seine Aufmerksamkeit. Als er sich umdreht, blickt er verwirrt auf ein kleines Mädchen, das mit einem großen, farbigen Lolli in der Hand auf ihn herabsieht. Ihre Augen leuchten in einem seltsamen rot... Sie grinst ihn an.
„Hehe, ist sicher komisch sich selbst da liegen zu sehen... stimmt's?“
Die ganze Situation kommt ihm dermaßen verdreht vor, dass ihm im Moment die Worte fehlen. Die Kleine scheint völlig unbeeindruckt. Im Gegenteil, sie hüpft sogar gelassen um ihn herum, wobei sie immer wieder dieselbe, fröhliche Melodie summt.
„Was ist? Wunderst du dich gar nicht? Willst du nicht wissen wo du bist?“
„D-doch...sicher...“
Sie bleibt stehen und kichert zufrieden in sich hinein.
„Ich sags dir aber nicht!“
Sie beugt sich zu ihm hinunter sodass sich ihre Gesichter beinahe berühren und starrt ihn durchdringen an. Nach einigen Sekunden springt sie wieder von ihm weg und beginnt wieder mit ihrem Singsang.
„Na gut, ich sags dir... Du bist tot,