Reaper
Das Spiel der weißen Katze...
Das Spiel der weißen Katze...
„Hey...Heey! Lasst.. mich! Das tut weh!“
Suki versucht verzweifelt sich aus den eisernen Griffen der Wachen zu entwinden, die sich erbarmungslos um ihre Oberarme geschlossen haben, doch es will ihr einfach nicht gelingen. Je stärker sie sich wehrt und um sich schlägt, desto grober wird sie Richtung Tür befördert. Sie setzt ihre ganze Kraft in ihren rechten Arm und schlägt blindlings mit ihrer Faust auf einen der Kerle ein, doch anstatt, dass ihr Peiniger wie erhofft von ihr ablässt, spürt sie selbst einen stechenden Schmerz durch ihre Finger zucken, als ihre Knöchel auf den metallenen Lauf einer Handfeuerwaffe, die an dem Brustpanzer des Uniformierten befestigt ist, trifft. Mit einem gemurmelten Fluch blickt sie auf ihre schmerzende Hand hinunter. Die Knöchel zeigen erste Anzeichen für einen blauen Fleck und ein paar winzige tropfen Blut heben sich an einer kleinen Kratzwunde auf ihrer Haut ab. Schließlich gibt sie auf und lässt sich widerstandslos von den beiden in den Flur begleiten. Hinter ihr taucht Sey in Begleitung von zwei weiteren bewaffneten Uniformierten auf.
„Du brauchst keine Angst zu haben, Suki. Sie werden dir nichts tun... nicht solange der Rat nichts anderes beschlossen hat...“
Sie wirft ihm einen entsetzten Blick zu, der ihm zu verstehen gibt, dass sie sich durch diese Bemerkung nicht gerade besser fühlt... Die Wachen geleiten sie durch den endlos langen Flur immer weiter gerade aus, bis sie schließlich vor einer schlichten, dunklen Holztür stehen bleiben. Einer der Soldaten schreitet wortlos nach vorne und stößt die Tür mit seinem ganzen Gewicht auf, bevor er Suki mit einer Armbewegung den Vortritt lässt. Als sie die Augen durch den kleinen Raum vor sich schweifen lässt, kann Suki nicht anders als im ersten Moment ein enttäuschtes Gesicht zu ziehen. Nach all den unglaublichen Dingen, die sie in den letzten Stunden gehört und gesehen hat, kommt ihr dieses kahle Zimmer wie ein Witz vor. Es ist gerade genug Platz, dass die vier Wachen, Sey und sie selbst darin stehen können. Wie in einem Fahrstuhl. An den Wänden sind jeweils zwei gemauerte, rundliche Fenster, die allerdings mit völlig schwarzen Scheiben versehen wurden. Suki wundert sich nicht weiter darüber, schließlich befinden sie sich immer noch im Keller des Hauptquartiers, was Fenster im Grunde ohnehin überflüssig macht. Sie wirft Sey einen fragenden Blick zu, doch er grinst sie nur wissend an und deutet unauffällig nach oben. Als Suki den Kopf in den Nacken fallen lässt und ihre Augen nach oben wandern, stockt ihr für einen Moment der Atem. Sie hatte ein tristes, graues Mauerwerk erwartet, so wie der Rest des Raumes, doch was sie da erblickt, hätte sie sich wohl nichtmal ansatzweise ausmalen können. Im ersten Augenblick sieht es so aus, als befänden sie sich unterhalb eines unglaublich klaren Sternenhimmels, ein unendlich wirkendes, blauschwarzes Fenster, durch das ihnen ein Meer aus strahlenden silbernen Sternen entgegenleuchtet. Doch als sie etwas genauer hinsieht, kann sie erkennen, dass sich die vermeidlichen Sterne wie winzige, lebendige Wesen in sachten Bahnen fortbewegen. Einige streifen scheinbar so nah an ihnen vorbei, dass sie wohl nur die Hand ausstrecken müsste um sie zu berühren. Eine angenehme Wärme, fast wie an einem klaren Sommertag, geht von den dahingleitenden Lichtern aus. Suki spürt wie ein Gefühl tiefster Zufriedenheit ihren ganzen Körper durchflutet. Sie kann nicht anders als die Augen zu schließen und sich ganz auf dieses eine, unbeschreibliche Gefühl zu konzentrieren... Sie wünscht sich plötzlich aus ganzem Herzen, sie könnte einfach für immer so verharren... für immer so dahintreiben... nie wieder aufwachen....
Sie fühlt wie sich eine Hand um ihre schließt und sie auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Das betäubend angenehme Gefühl verschwindet langsam aus ihrem Kopf und sie öffnet leicht benommen die Augen. Sie hat mit einem leichten Schwindelgefühl zu kämpfen und ist froh, dass Sey ihre Hand noch etwas fester hält, bevor sie entgültig das Gleichgewicht verliert. Er lächelt sie leicht belustigt an.
„Weißt du, als ich sie das erste mal gesehen hab, hab ich wohl mehr als zehn Minuten nach oben gestarrt bevor ich irgendwann einfach umgefallen bin...“
Suki mustert ihn, immer noch leicht wackelig auf den Beinen.
„Was sind sie?“
Sey wirft einen fast schon verträumten Blick nach oben.
„Es sind Seelen. Aber nicht nur irgendwelche Seelen... sie wurden bereits gereinigt und bestehen deshalb im Grunde nur aus den guten Erinnerungen und positiven Gefühlen der Menschen zu denen sie gehört haben... Gereinigte Seelen neigen dazu sich, sobald sie von ihrem dunklen Teil befreit sind, in dieser Zwischenwelt zu sammeln... Keiner weiß, warum sie das tun. Es ist fast so, als würden sie einander suchen...“
Suki betrachtet die hellen Lichter über sich nachdenklich, diesmal allerdings darauf bedacht, sich nicht von ihrer Erscheinung überwältigen zu lassen.
„Alles Gute, das in einem Menschen steckt..? Dann sind sie wie... wie Engel...“
Sey blickt sie verblüfft an, widerspricht ihr aber nicht. Sukis Blick fällt zufällig auf ihre verletzte Hand, mit der sie vorher blindlings auf einen der Uniformierten eingeschlagen hatte. Die Rötungen sind verschwunden und sie spürt auch keinerlei Schmerz mehr. Die wenigen Blutstropfen lassen sich einfach von ihrer Haut wegwischen, während von der eigentlichen Kratzwunde nichts mehr zu sehen ist. Einer der Soldaten flüstert etwas in sein Headset, bevor er sich an seine Kollegen wendet.
„Wir haben jetzt die Erlaubnis überzutreten.“
Die vielen einzelnen Lichter über ihnen scheinen plötzlich unaufhaltsam näher zukommen. Suki fühlt sich leicht unbehaglich und hält sich mit ihrer freien Hand noch zusätzlich an dem Ärmel von Seys Hemd fest. Gerade als er ihr noch ein leises „Keine Sorge..“ zuflüstert, leuchtet der Himmel über ihnen auf und taucht sie alle in einen grellen, silbrigen Schleier. Suki spürt wie sich ihre Füße vom Boden lösen, doch anders als zuvor kann sie von der unglaublichen Präsenz der gereinigten Seelen nur einen leichten Hauch ausmachen. Es ist als wären sie in eine undurchdringliche Kugel aus Licht gehüllt, die sie von allem, was um sie herum passiert abschirmt.
Genauso schnell wie das Licht gekommen war, verschwindet es auch wieder. Sukis Augen brauchen einen Moment, um sich an die neue Umgebung zu gewöhnen. Alles was sie zunächst wahrnimmt ist eine farblose Leere um sie herum. Es ist ein kreisrunder Raum, von oben bis unten schneeweiß und völlig verlassen. Auch die vier Wachen sind verschwunden. Sey blickt sich unruhig in alle Richtungen um.
„Irgendwas stimmt hier nicht... das ist nicht der Raum in dem der Rat gewöhnlich Leute empfängt... Das ist...“
Suki stößt einen spitzen Schrei aus, als sie plötzlich spürt, dass etwas an ihrem Bein vorbeistreicht. Als sie nach unten sieht, erblickt sie eine weiße Katze, mit grauen Pfoten, die elegant an ihr und Sey vorbeispringt.
„Was hast du hier verloren, Chitori?“
Suki dreht sich zu Sey um, verblüfft über dessen plötzlich aggressiven Tonfall. Die Katze setzt sich einige Meter entfernt hin und sieht ihnen mit ihren rot glühenden Augen entgegen. Suki hat das seltsame Gefühl als würde das Tier sie anlächeln...
„Du erinnerst dich also an mich? Nun ja, ich gebe zu, ich habe diese Gestalt für den heutigen Tag nicht von ungefähr gewählt, miau... Ich frage mich nur eins...“
Die Augen der Katze verengen sich zu Schlitzen, und diesmal ist Suki sich sicher ein heimtückisches Grinsen in ihren Zügen zu erkennen.
„...Wie kommt es wohl, dass du meinen Namen kennst?“
Sey wirkt für einen Moment wie überfahren. Er öffnet den Mund, schließt ihn allerdings wortlos wieder.
„Du weißt es nicht, hab ich recht? Dabei ist es nur natürlich, dass du den Namen deiner Besitzerin kennst, miau...“
„Halt die Schnauze, Mistvieh!“
„Oho... Das ist aber nicht nett... miau...“
„Erzähl mir nicht was nett ist, spuck lieber aus was du hier zu suchen hast!“
Die Katze setzt zu einem weiten Sprung an, doch bevor ihre Pfoten wieder den Boden berühren, hat sich ihre Gestalt in die einer jungen Frau gewandelt. Ihre Haare, sowie das weite Kleid, das sie trägt sind weiß und ihre Haut erstrahlt in einem hellen Sandton. Suki spürt wie ihre leuchtend roten Augen sie fixieren und kann nicht anders als schaudernd einen Schritt zurückzuweichen. Irgendetwas im Gesicht dieser hübschen Frau lässt eine unbegründete Angst in ihr aufsteigen. Mit einer einzigen fließenden Bewegung legt sie die wenigen Meter zurück, die sie von Sey getrennt haben und lässt sachte ihre Fingerspitzen über seine Wange streichen und auf seinem Hals ruhen. Chitori blickt leicht lächelnd über seine Schulter hinweg auf Suki, die plötzlich ein unangenehmes Ziehen in ihrer Brust spürt. Sey steht völlig reglos da, wie zu Eis erstarrt. Selbst als Chitori mit ihren Katzen-gleichen Bewegungen um ihn herumschleicht, geht keinerlei Reaktion von ihm aus... Er blickt nur weiter starr geradeaus.
„...Sey?“
Suki wird allmählich nervös und will gerade auf ihn zugehen, um herauszufinden was mit ihm nicht stimmt, als Chitori sich ihr in den Weg stellt.
„Lass ihn einfach da stehen... Du bist es, mit der ich mich unterhalten will...“
„Was hast du mit ihm gemacht?“
Die junge Frau wickelt kichernd eine Strähne ihres langen, weißen Haares um ihren Zeigefinger.
„Ach, mach dir da mal keine Sorgen, ich hab lediglich die Zeit für ihn eingefroren... „
„Dann heb es gefälligst wieder auf!“
„Sicher doch...gleich. Erst mal würde ich gern ein kleines Gespräch mit dir führen ...-unter vier Augen...“
Suki fühlt sich immer unbehaglicher. Sie kann sich einfach nicht vorstellen, was diese fremde Person mit ihr zu bereden haben soll... Chitori scheint über ihre