Reaper
Unsicherheit allerdings mehr als amüsiert.
„Suki...hattest du jemals Angst, dein Leben könnte zu kurz sein,...dass du etwas verpassen könntest?... Wenn man unsterblich ist, so wie ich, beginnen die einzelnen Jahre mit der Zeit an Bedeutung zu verlieren... Die Jahrzehnte vergehen, man beobachtet wie Generationen geboren werden und sterben, wie Kriege ausbrechen und Schlachten verloren werden, und wie dieser Kreislauf von neuem beginnt, immer und immer wieder... Es ist nicht nur langweilig, es ist unerträglich!“
Für einen Moment ist Suki sicher Chitoris rote Augen wütend aufblitzen zu sehen und weicht noch einen Schritt von ihr weg. Chitori selbst fängt sich aber augenblicklich wieder und setzt erneut dieses seltsam künstliche Lächeln auf, das fast schon an das Lachen einer Porzellanpuppe erinnert.
„Deshalb habe ich vor einiger Zeit beschlossen, etwas gegen die Langeweile zu unternehmen... Wenn man nichts mit sich anzufangen weiß, sucht man sich ein Hobby, hab ich recht?“
Noch während sie spricht verschwimmt Chitori vor Sukis Augen, nur um im nächsten Moment in der Gestalt eines kleinen Mädchens wieder aufzutauchen. Während Suki ihre Verblüffung kaum verbergen kann, spricht sie weiter als wäre nichts gewesen.
„Weißt du, Suki, ich beobachte deinen Freund Sey jetzt schon eine ganze Weile... beinahe ein Jahrhundert um genau zu sein... es ist recht unterhaltsam... naja ich gebe zu, hin und wieder hatte ich meine Finger im Spiel, aber das ist es schließlich, was den Spaß ausmacht, oder irre ich mich da?“
„Unter Spaß verstehe ich was anderes...“
Überrascht über ihre eigenen Worte zuckt Suki ein wenig zusammen... Sie hatte nicht vorgehabt angesichts dieses... Wesens... auch noch vorlaut zu werden. Allerdings will es ihr auch nicht gelingen ihre, zu Fäusten geballten Hände zu entspannen. Die kleine Chitori blickt belustigt zu ihr auf.
„Du bist ein interessantes Mädchen... irgendetwas an dir ist besonders... ich kann nur noch nicht sagen was es ist...“
Bevor Suki reagieren kann, steht sie direkt vor ihr, jetzt wieder in der Gestalt der jungen Frau in weiß. Suki ist wie gelähmt und wagt es nicht sich zu rühren, selbst als sie Chitoris kalte Fingerspitzen an ihrem Kinn spürt.
„Aber deshalb habe ich euch ja hier her gebracht... dank mir entgeht ihr einer Hinrichtung durch Zerberus und als kleine Gegenleistung, darf ich ein wenig Spaß mit euch haben... was auch immer es ist, das du versteckst... ich denke ich werde es schon aus dir herauskitzeln...“
Mit einem breiten Grinsen verschwindet sie plötzlich spurlos, nur um beinahe im selben Moment wieder einige Meter entfernt, direkt neben Sey aufzutauchen. Beinahe als wollte sie sie verhöhnen, lehnt sie sich an seine Schulter, den Blick noch immer auf Suki gerichtet. In ihren roten Augen liegt ein herausforderndes Funkeln, das Suki zunehmend misstrauisch macht.
„...Was hast du vor?“
Als Antwort bekommt Suki nur ein leises Kichern zu hören, während Chitori mit einer eleganten Bewegung ihren linken Arm hebt. In ihrer Handfläche erscheint ein schmaler silberner Dolch. Lächelnd lässt sie die glänzende Klinge an Seys Hals ruhen.
„Nein! Warte!...Bitte, hör auf damit!“
Suki spürt eine leichte Panikattacke in sich aufsteigen. Mit zitternden Händen geht sie auf Chitori zu.
„Ich... Ich warne dich! Wenn du ihm etwas tust, dann...“
„Große Worte für ein kleines, ängstliches Mädchen... ich frage mich was passiert wenn ich...“
Sie neigt die Klinge um wenige Millimeter, woraufhin ein paar glänzende Tropfen Blut daran entlanglaufen.
„Hör auf!“
Chitoris Lächeln wird angesichts Sukis Verzweiflung noch etwas breiter. Völlig unbeeindruckt verstärkt sie den Druck auf die Klinge noch etwas.
„Ich hab gesagt, du sollst aufhören!“
Bevor sie einen klaren Gedanken fassen kann, hat Suki bereits einige Schritte nach vorn gemacht und ihre flache Hand mit einer blitzschnellen Bewegung auf Chitoris Wange zurasen lassen. Das Geräusch der Ohrfeige hallt in dem leeren Raum wider, begleitet von Sukis rasendem Herzschlag. Ohne ein Wort lässt Chitori ihre freie Hand vorschnellen und packt damit Sukis Hals.
„Böses Mädchen...“
Die Klinge wandert augenblicklich auf Sukis Gesicht zu. Sie kann das eiskalte Metall unterhalb ihres Auges spüren. Doch gerade als ihr Atem von der Angst übermannt zum stillstand kommt, fühlt sie wie der leichte Druck auf ihrer Wange abrupt verschwindet.
Seys hat sich aus seiner Starre befreit und Chitoris Handgelenk gepackt. Das Messer samt ihrer Hand auf ihr Herz gerichtet, funkelt er sie hasserfüllt an. Chitori scheint zum ersten mal leicht verblüfft, vertuscht es aber gekonnt mit einem erneuten Lächeln.
„Sieht aus als wäre ich etwas unkonzentriert gewesen...“
Suki merkt, dass sich ihre Atmung wieder etwas normalisiert.
„Bist du in Ordnung, Suki?“
Sie nickt ihm mit einem leichten Lächeln zu, was Sey offensichtlich erleichtert zur Kenntnis nimmt.
„Tut mir leid... Ich war unkonzentriert und hab mich von ihr austricksen lassen...“
„Du brauchst dich nicht zu-....“
Bevor Suki den Satz beenden kann, schlägt ihr plötzlich eine unglaubliche Hitzewelle entgegen, die sie einige Meter zurückstolpern lässt und sie beinahe aus dem Gleichgewicht bringt. Auch Sey weicht vorsichtshalber etwas von Chitori zurück, durch deren Körper ein bedrohliches Beben fährt. Von ihren Pupillen ist nichts mehr zu sehen, stattdessen leuchten ihre Augen komplett in einem grellen, wütenden Blutrot. Als sie den Mund zu einem Grinsen verzieht, blitzen ihnen ein Paar langer, spitzer Eckzähne entgegen. Im nächsten Moment beobachten Suki und Sey, wie Chitoris femininer Körper seine Form verändert, bis sie schließlich in die glühenden Augen einer bedrohlich knurrenden, weißen Löwin blicken. Die Raubkatze spreizt die Klauen ihrer kräftigen Pranken und hinterlässt tiefe Kratzspuren auf dem glänzenden Untergrund. Suki starrt wie gebannt auf das gleichzeitig angsteinflößende und doch ungleich elegante Tier. Sie ist von dem Anblick so überwältigt, dass sie nicht bemerkt, dass die Katze plötzlich die Muskeln anspannt und mit einigen weiten Sprüngen auf sie zuschnellt. Kurz bevor die Bestie sie mit ihren Krallen zu Boden reisst, wird Suki unsanft zur Seite gestoßen und landet der Länge nach auf dem Boden. Als sie die Augen öffnet, erblickt sie neben sich Sey, der gerade wieder keuchend aufspringt, als die Löwin mit einem tiefen Grollen kehrt macht und erneut auf sie zusprintet.
„Suki! Lauf! Beeil dich!“
Er zieht sie mit einer Hand auf die Beine und zusammen rennen sie blindlings quer durch den Raum. Das völlig leere, kreisrunde Zimmer bietet allerdings recht wenig Schutzmöglichkeiten. Chitori scheint die Jagd eindeutig zu genießen, denn anstatt sie bei der ersten Gelegenheit mit einem Hieb ihrer Pranken zu töten, treibt sie ihre Beute schließlich an einer Wand des Raumes in die Enge. Lediglich ein guter Meter Spielraum bleibt ihnen noch um nach hinten auszuweichen, während die Raubkatze langsam auf sie zuschleicht.
„Suki? Such in meinen Jackentaschen, ob du irgendetwas brauchbares finden kannst... irgendwas... spitzes oder scharfes...“
Suki hatte schon ganz vergessen, dass sie immer noch Seys schwarze Jacke trägt. Sie fängt an hektisch sämtliche Taschen, sowohl innen als auch außen, zu durchsuchen, die meisten von ihnen sind allerdings leer. Jetzt wo sie so darüber nachdenkt, fällt ihr auch auf wie leicht der Mantel ist, zumindest im Vergleich zu sonst... Als sie damals Seys Waffe darin gefunden hatte, war sie sich sicher, dass die Taschen mit allerlei Kram vollgepackt gewesen waren... Die Wachen müssen ihm die Sachen abgenommen haben, bevor sie sie beide in die Zellen im Keller gesperrt hatten... Suki atmet nervös aus, bevor sie ihre Hand in die letzte Tasche steckt, in der noch die Chance besteht, etwas brauchbares zu finden... auch wenn ihre Hoffnung sich bereits dem Nullpunkt hinneigt... Chitori scheint es derweil leid zu sein, ihrer Beute nur aufzulauern. Sie holt mit einer ihrer kräftigen Vorderpfoten nach Sey aus, doch es gelingt ihm ihr knapp auszuweichen. Sukis Hand ertastet plötzlich einen kühlen, glatten Gegenstand, ganz unten in der Tasche...
Ein lautes Fauchen lässt sie zusammenzucken und im nächsten Moment prallt Sey unsanft neben Suki an die glatte, weiße Wand des Raumes. Geschockt rennt sie zu ihm.
„Sey! Alles in Ordnung?“
Er richtet sich leicht hustend wieder auf und nickt ihr kurz zu, gerade als die weiße Löwin mit einem tiefen Knurren ihre messerscharfen Klauen vor ihnen über den Boden scharren lässt. Sie ist jetzt nur noch wenige Meter entfernt und macht sich bereit, mit einem ihrer flinken Sprünge auf sie zu zustürmen. Suki presst ihren Rücken an die Wand hinter sich, um soviel Platz wie möglich zwischen sich und die tödlichen Klauen des Tieres zu bringen. Sie spürt, dass es diesmal keinen Ausweg für sie gibt... in wenigen Sekunden, wird die Raubkatze sie mit ihren spitzen Zähnen in Stücke reissen...
Gerade als Suki voller Angst die Augen schließt, spürt sie wie der Druck der Wand in ihrem Rücken schlagartig verschwindet, und sie plötzlich rücklings ins Leere zu stürzen droht. In ihrer blinden Panik greift sie nach einem Halt, erwischt gerade noch Seys Arm und zieht ihn mit einem spitzen Schrei mit sich. Im nächsten Moment landet sie schmerzhaft auf dem Rücken. Keuchend und noch immer vor Angst zitternd richtet sie sich auf, doch als sie sich umsieht, ist von dem weißen Raum nichts mehr zu sehen. Stattdessen befindet sie sich in einem spärlich beleuchteten, schmalen Gang.
„W..Wo sind wir?“
Als die erwartete Antwort ausbleibt, bemerkt Suki, dass auch Sey spurlos verschwunden ist. Sie überlegt, ob sie nach ihm rufen sollte, entscheidet sich dann aber doch anders... dieser menschenleere, lautlose Gang kommt ihr eindeutig zu verdächtig vor, als dass sie