Reaper
ganz sicher, das sachte Fließen von Wasser hören zu können. Und tatsächlich, mitten aus der grauen Wand ragt ein steinerner Wasserspeier, der an einen Adler erinnert und aus dessen Schnabel konstant ein Strahl aus klarem Wasser in ein kleines Becken direkt darunter fließt, von dem einige sanfte Dampfwolken aufsteigen, ähnlich wie bei einer heißen Quelle. Auf dem breiten Rand des Beckens steht eine einsame Kerze, die kurz davor ist, entgültig zu erlöschen. Sey lehnt sich wortlos gegenüber dem seltsamen Objekt an die Wand, während Suki es einmal umrundet, in der Hoffnung, noch etwas daran zu entdecken, dass wenigstens ansatzweise auf einen Ausgang hinweist. Doch das einzig Auffällige, an dem Objekt, ist ein kleines goldenes Schild mit der Aufschrift „Kein Trinkwasser!“
Suki kann ein bitteres Lachen nicht unterdrücken. Aus irgendeinem Grund beschleicht sie das Gefühl, als wolle der Wasserspeier sie mit diesem völlig unnötigen Schild nur verhöhnen... Sie gibt dem Beckenrand einen Tritt und seufzt auf.
„Das Ding ist völlig nutzlos! Ich schätze wir sollten einfach weitergehen...“
Sey nickt ihr kurz zu, doch als er sich von der Wand löst um ihr entgegen zu laufen, gerät er bedrohlich ins schwanken. Suki gelingt es gerade noch ihn einigermaßen aufzufangen, doch sein Gewicht lässt sie sofort in die Knie sinken.
„Sey? Hey, Sey! Was ist los?“
Er lehnt seinen Kopf müde an ihre Schulter.
„... Das Messer... Normalerweise könnte mir das Gift daran nichts anhaben... Aber ich hab vergessen,... dass ich.. dieses Halsband....“
Suki lehnt ihn vorsichtig an die nächste Wand, unschlüssig was sie als nächstes tun soll. Ohne nachzudenken greift sie nach der, mit den roten Steinen versehenen Kette, doch gerade als ihre Finger das kühle Metall berühren, bekommt sie einen heftigen elektrischen Schlag. Sie versucht es ein zweites Mal, mit demselben Ergebnis.
„Ich kann es nicht berühren! Was soll ich tun?!“
Sie blickt Sey erwartungsvoll an, doch er reagiert nicht. Suki versucht ihn wieder wachzurütteln, doch er rutscht nur ein weiteres Stück an der Wand hinunter. Als sie mit dem Handrücken seine Wange berührt, zuckt sie leicht zurück... seine Haut ist eiskalt. Hektisch zieht sie die Jacke aus und legt sie notdürftig über ihn, um sich dann fast schon panisch in dem kahlen Flur nach etwas brauchbarem umzusehen. Ihr Blick fällt auf die heiße Quelle unterhalb des Wasserspeiers. Mit all ihrer Kraft reisst sie ein längliches Stück Stoff vom Rand ihres Shirts ab und taucht es in das heiße Wasser... es ist sogar noch um einiges wärmer als sie es erwartet hatte. Sie wringt den Fetzen schnell aus, wobei einige Wasserspritzer die kleine Kerze am Rand des Beckens treffen, woraufhin diese lautlos erlischt. Gerade als Suki sich wieder Sey zuwendet, bemerkt sie, wie das Wasser innerhalb des Beckens, plötzlich unaufhaltsam höhersteigt. Bereits nach wenigen Augenblicken hat es den Rand erreicht und läuft schließlich laut plätschernd in den Gang. Der Strahl der aus dem Wasserspeier dringt, nimmt plötzlich um einiges zu, und bereits nach wenigen Minuten ist der gesamte Boden um sie herum mit Wasser bedeckt. Suki stößt einige Flüche aus, während sie verzweifelt versucht, Sey an einem Arm auf die Beine zu ziehen.
„Komm schon... Wir müssen hier weg... bitte!“
Das Wasser schießt jetzt in unglaublichen Mengen in den Gang, und obwohl Suki erwartet hatte, dass es mehr als genug Platz zum abfließen hätte, steigt es Zentimeter um Zentimeter höher. Bereits nach Kurzem reicht es ihr bis über die Knie. Sie hat alle Hände damit zu tun, Sey aufrecht zu halten. Ihr Blick fällt plötzlich auf eine schmale goldene Kette, die unterhalb des Adlers ins Wasser fällt. Sie lehnt Sey so gerade wie möglich an die Mauer und kämpft sich so schnell sie kann durch das Wasser. Nach einigen Schritten stößt sie mit einem Fuß an den Rand des Beckens, der bereits weit unter der Wasseroberfläche liegt. Panisch tastet sie nach dem Ende der Kette, auch wenn sie im Grunde schon fast jede Hoffnung verloren hat, hier jemals wieder lebend herauszukommen... Während sie sucht, blickt sie sich noch einmal zu Sey um, gerade als er zur Seite rutscht und von den Wassermassen verschluckt wird. Ihre Hand ergreift das Ende der Kette und sie zieht mit aller Kraft daran. Sie hat sich noch nie so sehr gewünscht einfach nur Zuhause zu sein... einfach in Sicherheit zu sein...
Ein grelles Licht erstrahlt aus dem Wasser, direkt unter ihren Füßen, so grell, dass sie den Blick abwenden muss. Es scheint das Wasser geradezu einzusaugen, denn der Pegel sinkt rasend schnell. Beinahe ebenso schnell breitet das Licht sich aus. Als von dem Wasser nur noch eine dünne Schicht übrig ist, stürzt Suki sich zu Sey, der reglos am Boden liegt. Sie versucht seinen Puls zu fühlen, kann aber keinen finden. Als das Licht den gesamten Grund unter ihnen zum leuchten bringt, fühlt Suki, wie sie den Boden unter sich verliert. Die krallt sich panisch an Sey fest, als sie plötzlich ohne jeden Halt in die Tiefe stürzen... hinein in das strahlende Licht....