Die Ewigkeit der Nacht
Prolog - Nachtschatten
Prolog – Nachtschatten
Die kühle Nacht war über Ägypten aufgegangen. Nut, die Götting der Nacht, hatte ihr Gewand ausgebreitet. Vereinzelt fuhren kleine Schiffe den Nil entlang. Hier und da war noch ein Bettler unterwegs oder ein Gast, der gerade aus einer der vielen Schenken kam und zur nächsten eilte.
Im Palast des Pharaos herrschte eine ruhige Stimmung. Die Diener sorgten für das Wohl der adeligen, die Priester vollzogen gerade die letzten Gebete und Rituale und der Pharao saß mit seinen beiden getreuen Hohepriestern und Freunden in seinem Gemach und beriet sich mit ihnen.
„Das nubische Volk wird unruhig. Es könnte zu einer Rebellion kommen.“, sagte Atem.
Mara nickte. „Nubien erleidet gerade eine Hungersnot. Die Vorräte gehen zu Ende. Frauen und Kinder hungern.“
„Wir können nicht mehr aus den Vorräten nehmen, die wir hier im Palast haben. Sonst haben wir nichts mehr, wenn die Dürrezeit beginnt.“, wandte Seth ein.
„Und wenn wir unsere Nachbarländer bitten uns zu helfen?“, schlug Mara vor.
Atem schüttelte den Kopf. „Nein, freiwillig würden sie das nicht tun. Wir müssten Nubien dann unter ihnen und uns aufteilen.“
„Was wäre, wenn andere aus dem Hofstaat ihre Vorräte aufteilen?“
Diesmal schüttelte Seth den Kopf. „Selbst wenn, genug für alle werden wir nie zusammen bekommen.“
„Aber ein Versuch ist es wert!“, gab Mara zurück und stand auf, „Wir können doch nicht zulassen, dass die Ausgabe an Vorräten gestoppt wird und das Land hungert!“
„Mara, beruhige dich. Ich will ja auch nicht, dass es soweit kommt, aber wir haben keine andere Wahl.“, bat Atem und deutete ihr, dass sie sich setzten sollte.
„Doch, haben wir!“, gab sie entschlossen zurück.
„Und welche?“, fragte Seth.
„Ich werde morgen selbst nach Nubien reisen und einige Vorräte mitnehmen.“
„Das ist viel zu gefährlich! Das werde ich nicht erlauben, Mara!“, gab Atem zurück.
„Was sollen wir den dann tun? Die Vorräte, die wir nach Nubien geschickt haben, sind offenbar verschwunden und ich werde der Sache nun selber auf den Grund gehen.“
Atem seufzte. Er kannte seine Hohepriesterin. Seit sie als Sklavin in den Palast gekommen war, war sie so stur und er wusste genau, dass es schwer war, sie vom Gegenteil zu überzeugen.
„Na gut. Nimm aber jemanden mit von der Wache.“
„Ich werde Joey mitnehmen. Dann kann nichts passieren.“ Mara stand auf und verneigte sich kurz vor dem Pharao. „Ich werde mich jetzt zurück ziehen und alles vorbereiten.“
Die junge Hohepriesterin verließ das Gemach des Pharaos und ging erhobenen Hauptes durch die Gänge des Palastes zu ihrem gemeinsamen Gemach mit Seth.
Sofort erhob sie die Amme und verneigte sich.
„Sorge dafür, dass meine Sachen bis zum morgen gepackt sind und einige Vorräte darunter sind. Joey soll sich bereit machen, morgen mit mir nach Nubien zu reisen. Du kannst dann gehen.“, sagte sie und beugte sich zu dem kleinen Kind hinunter, das auf dem Boden saß und mit einer Klapper spielte. Liebevoll strich sie dem Jungen über den Kopf, der seine kleinen Hände nach ihr ausstreckte. Mara hob ihn auf ihre Arme und ging mit ihm durch den Raum und packte nebenbei ein paar Sachen für die Reise.
Seth kehrte erst spät in sein Gemach zurück, als Mara und der kleine Junge schon schliefen. Er war nicht gerade erfreut, dass seine Frau nach Nubien gehen wollte, aber auch er wusste, dass sie sich nicht davon abbringen ließ.
Am nächsten morgen stand Steh mit dem kleinen Jungen im Arm im Hof und verabschiedete sich von Mara. Auch der Pharao war da, um sich zu verabschieden.
„Pass auf dich auf.“, sagte er leise.
Mara nickte. „Das werde ich. Pass du dafür gut auf unseren kleinen Mokuba auf.“ Sie gab dem kleinen, schlafenden Jungen einen Kuss auf die Stirn und Seth einen auf die Lippen ehe sie die Kapuze überzog und auf das Pferd stieg. „Ich werde bald wieder zurück sein.“
Seth nickte.
„Viel Erfolg.“, sagte Atem noch ehe sie mit Jonou davon ritt.
Es vergingen mehrere Tage, dass weder Seth noch der Pharao etwas zu hören bekamen aus Nubien. Eines Nachts ritt Joey durch die dunkle Wüste und trieb sein Pferd an, schneller zu galoppieren. Sand und Staub wirbelten auf und die Kälte schlug ihm beißend ins Gesicht. Er war nun schon die zweite Nacht unterwegs. Sein Magen knurrte und seine Kehle fühlte sich trocken und rau an.
Mit einem schnellen Tempo ritt er durch die Stadt und durchquerte das Tor des Palastes.
Zwei Wachen mit Fackeln in der Hand kamen auf ihm zu. Einer nahm die Zügel des Pferdes.
„Weckt sofort den Hohepriester Seth und holt einen Arzt! Sagt Seth, dass seine Frau Mara verletzt ist.“, krächzte er und übergab die Höhepriesterin einem Diener, der sie sofort in den Palast brachte. Jonou folgte ihm.
Auf halbem Weg kam Seth ihnen entgegen und übernahm das Tragen von Mara, die er in sein Gemach brachte.
„Mara, hörst du mich?“, fragte er besorgt und mit zittriger Stimme.
„Se..Seth…“ Sie versuchte zu lächeln, was ihr aber nur schwach gelang.
„Bleib ruhig liegen. Der Arzt kommt gleich.“
„Den brauche ich…jetzt nicht mehr…ich wollte dich ein…letztes mal sehen…bevor…bevor…“
Seth legte ihr einen Finger auf die Lippen und brachte sie zum schweigen. „Spar dir deine Kräfte. So etwas darfst du nicht sagen…“
„Seth, was ist geschehen?“, fragte Atem und betrachtete die blasse Frau im Bett.
Seth sah zu Jonou und wartete auf eine Antwort.
„Als wir in Nubien angekommen sind, war die Einteilung der Vorräte bereits gestoppt worden und alles wurde der Armee zugeteilt. Das Volk glaubte, es käme noch mehr für die Armee und rebellierte. Als Mara versuchte, sie zu beruhigen und die Vorräte zu verteilen, drängelte und schupste die Masse so, dass sie direkt in ein Messer hineinlief. Wir konnten es nicht verhindern. Vergebt mit, Herr.“
„Se…Seth…“, hauchte Mara schwach.
„Was ist?“ Er griff nach ihrer kalten Hand.
„Ver…sprich mir, dass du gut auf…Mokuba aufpassen…wirst…“
„Natürlich werde ich das. Aber so etwas darfst du nicht sagen. Du wirst wieder Gesund.“
Mara schüttelte den Kopf. „Nein…und du weißt es…genauso wie ich…“ Langsam beugte sie sich höher und gab Seth einen kurzen Kuss auf die Lippen. „Ich…werde dich immer…lieben…“, hauchte sie und schloss die Augen.
„Mara, wach auf! Mach die Augen auf!“, flehte Seth und seine Auen füllten sich mit Tränen. Er drückte den toten Körper enger an sich.
Der Pharao schickte die Diener fort und auch den Arzt, der gerade eintraf. Dann wandte er sich an Seth und legte seinem Freund eine Hand auf die Schulter. „Es tut mir leid. Wenn ich irgendetwas für dich tun kann, dann sag es mir. Mach bitte nichts unüberlegtes, Seth, ich bitte dich.“
„Mara…oh…Mara…“, schluchzte er leise.
„Seth, sie wird ein ehrenvolles Grab erhalten und eine ebenso ehrenvolle Bestattung.“ Atem wandte sich um. Er wollte Seth nun ein wenig alleine lassen.
„Atem, ich weiß, dass du der einzige bist, der das kann und ich bitte dich darum als deinen Freund. Bitte hilf mir unsere Seelen vor der Unterwelt zu bewahren und für ein nächstes Leben aufzuheben. Ich weiß, dass es mit dem Puzzle geht.“
Der Pharao sah Seth überrascht an. „Seth, selbst wenn ich das tun würde, müsstest du dich ebenfalls töten und auch wenn es funktioniert, gibt es keine Garantie dafür, dass ihr euch wieder begegnet oder dass ihr in dieselbe Zeit wieder geboren werdet.“
„Das ist mir egal. Ich will es wenigstens versuchen!“
„Seth, weißt du, was du da sagst!“
„Natürlich weiß ich, was ich sage! Bitte, Atem.“
Atem seufzte. „Na gut. Aber ich übernehme keine Garantie!“
Kurz darauf war ein helles Leuchten aus dem Gemach zu sehen und am nächsten Morgen lagen die leblosen Körper des Hohepriesters Seth, seines Sohnes Mokuba, seiner Frau Mara und der tote Körper des Pharaos im Gemach. Zu den Füßen des Pharaos kroch ein schwarzer Wüstenskorpion durch den Raum. Auch das zerbrochene Puzzle lag zu den Füßen des Pharaos.
Als die Dienerin am nächsten Morgen in das Gemach ging, wurde der Palast von einem lauten Schrei erfüllt. Die toten Körper wurden zur Trauerzeremonie fort gebracht und die Puzzleteile in eine goldene Schatulle gelegt, die mit dem Körper des Pharaos bestattet werden sollte.
Niemand wusste, dass die Seelen der fünf Toten in dem Puzzle eingeschlossen waren und darauf warteten, erneut geboren zu werden.