Nevermore

Der Geliebte meines Gatten

Invidia (50%)

Bedeutung des Titels: Neid
So, der erste Teil des zweiten Kapitels ist da. Ich wünsche weiterhin viel Spaß:
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War meine Zeit abgelaufen? Konnte ich dem Gedankenwerk dieses Jungen wirklich nicht widerstehen? War ich etwa angreifbar geworden? Niemals!
Ich experimentierte schon seit Jahrhunderten mit den nichtsnutzigen Seelen, die man mir anvertraute; wie eine hartnäckige Krankheit breitete sich mein Geflecht von Niederträchtigkeit in ihren Zellen aus…mein Handwerk hatte ich mir mühsam erkämpft…noch vor der Geburt des Jungen.
Wie ein Pilz hatte ich die Erde befallen, sie war getränkt in pures Gold: jene Leiden, welche ich selbstlos aufgegeben hatte nur damit sich die Existenz des Menschen einem Sinn zu wandte.
Wofür sollte er sonst leben, frage ich Sie? Wofür wenn nicht für jene Momente?

Meine zwei Freunde hatten gerade die offenstehende Tür zu Kaibas Wohnung erreicht. Karge Wände ließen des Betrachters Wünsche verglühen, während sie mit dem maroden Steinboden zu einer regelrechten Sozialeinrichtung verschmolzen. Der Mann hätte sich etwas Besseres leisten können. Als Mitarbeiter der aus Langeweile entstandenen Institution der Polizei waren seine Beutel voll mit überschüssigen Talern, die nur auf Verwendung warteten.
Doch wusste er meine Arbeit mehr zu schätzen, verstehen Sie? Ich beglückte weiß Gott doch nicht jeden mit so einer Reichhaltigkeit an Genüssen. Kaiba war in dieser Hinsicht doch Luxus gewohnt! Die Einrichtung seiner Wohnung konnte gleichzeitig auch mit seinem Gemütszustand in Verbindung gebracht werden: das Jahre lange Schuften hatte sich also gelohnt und das sollte der Junge mir erstmal nachmachen.
Allerdings muss ich zugeben, dass ich in diesem Moment ihn mit nichts als purem Neid bedenken konnte. Er war Ziel meiner Sucht nach Antwort. Wo war der Genuss, den ich übersehen hatte?

„Setz dich. Und wehe du besudelst auch nur irgendetwas mit deinen dreckigen Pfoten.“
Ach, mein lieber Kaiba. Er wusste eben am Besten, wie man seine im geheimen gehegten Zärtlichkeiten in Worte fasste.
„Ich bleibe hier sowieso nur eine Nacht, du verlogener Kühlschrankputzer.“
Und wie erwiderte der Junge diese Nettigkeit? Mit nichts als Undankbarkeit. Desinteresse umschlang seine Augen, seine Muskeln entspannten sich und bildeten langsam eine Grimasse, von Gleichheit durchzogen. Er verhöhnte mich. Er wagte es sich mit mir anzulegen.
Ein Moment verging, in dem ich meine Strategie erneut überdachte. Ich war wenige Schritte davor entfernt diese Farce zu beenden, den Trubel der Ereignisse zu beschleunigen, um mich endlich gleiten zu lassen. Aber ich tat es nicht. Zu neugierig machte mich der Junge…zu gebahnt war ich von seiner Art.
Besitz hatte er von mir ergriffen und ich zählte mich plötzlich zum Inventar eines Menschen. Meine Handlungen gehorchten mir nicht mehr, denn ich selber reagierte nur auf meine Überraschung und zugleich auf seine Taten.
Im Rückblick glaube ich, dass ich deswegen zunächst beteilungslos blieb.

„Du warst lange fort, Schatz. Das Püree ist bereits erkaltet.“
Ja, er war lange fort gewesen. Kaiba nickte, nur um diese Aussage beiseite zu räumen. Er hatte schon immer wenig Interesse an Belanglosigkeiten vergeudet. Die tiefviolette Iris erblickte den Jungen.
„Ah, wir haben also einen Gast.“

Er war mein Ass, eine kleine Tatsache, die der Junge nicht bedachte. Draco bemerkte zwar seine taktisch angewandten Sticheleinen, seine Brillanz aber entging ihm. Meine Brillanz.

Kaiba eine Illusion vorzuspielen, war leicht gewesen. Die blinde Sucht nach Liebe, welcher dieser Mann verspürte, verfiel der leichtesten Verführung wie der kleine Fisch dem Köder.
Ich schien also immer einen Schritt voraus; die Aufgabe selber war einem Genie wie mir nicht angemessen.
Und doch beinhaltete Yami meine Rettung. Ein energischer, gutmütiger Trottel, stets dazu bereit die Welt aus ihrer nie enden wollenden Misere zu retten, brachte mich letztendlich ans Ziel.
Er war anders als Kaiba. Anders als jeder junge Mensch, der mir bis dahin begegnet war. Seine Welt bestand nur aus positiven Begebenheiten, zu primitiv um sie hier zu nennen. Sie wurde beherrscht von gutmütigen Langweilern, von irreellen Persönlichkeiten, die regelrecht darum bettelten eine Schandtat nichtig zu machen. Er würde sie vielleicht mit „gut“ betiteln, für mich waren sie lediglich nicht-existent, ohne Belang.
Jeder Mensch war zu komplex um nur positiv in Erscheinung zu treten. Sie alle hatten Fehler, sie alle waren hinterlistig. Doch Yami verstand das nicht. Umso mehr entzückte es mich, wie er an Kaiba herangekommen war…

Die drei saßen am Küchentisch, im Fenster hinter ihnen spiegelten sich die vorbeifahrenden Züge, an der Wand vor ihnen stand ein Herd. Man hatte dem Jungen etwas von dem Gekochten vor die Nase gestellt. Seine Lippen wurden ungewöhnlich schmal, öffneten sich nicht einmal zur Nahrungsaufnahme. Die Augen schienen kein anderes Ziel als Yami zu kennen. Zunächst auf seine Taille gerichtet, huschten sie zu dem mageren Gesichtsmuskeln und dem lächelnden Lippenpaar.
„Dass dich deine Verzweiflung wirklich dazu treibt, Yami als Freund zu nehmen, hätte ich selbst dir nicht zugetraut.“
Mmmh…vielleicht hatte ich den Jungen doch zu früh aufgegeben, mich von seiner Scharade beeindrucken lassen. War er am Ende doch nur mittels Wonne vorgegangen? Hatte er Spaß an Kaibas langwieriger Qual?
Schmale, von Rötungen zerbissene Finger ergriffen Kaibas Schulter, bewahrten ihn vor einem neuen Wortgefecht mit seinem Sohn. Danach erklang eine sanfte, melodische Stimme.

„Du hast mir auch sehr gefehlt, Draco. Ich habe Seto schon lange gebeten, wieder Kontakt zu dir aufzunehmen.“
Draco lächelte und eine Spur von Wahnsinn trat in seine Augen. Er leckte genüsslich über seine Oberlippe, als hätte diese den Geschmack des köstlichsten Gerichts angenommen. Sein Lid anziehend, ließ er das Weiße seine Augen dominieren, nahm seiner Iris fast jegliche Farbe. Er forderte mich also heraus. Gut...ich würde dieses eine Mal noch gehorchen.
„Ich hoffe, wir werden unsere Differenzen aus dem Weg räumen.“
„Oh ja, darauf habe ich lange gewartet. Aber jetzt werden wir doch schließlich auch genug Zeit haben?“
Der Junge änderte schlagartig seine Strategie. Kaiba hatte er wohl überzeugen wollen, bei Yami jedoch schien er vorsichtiger, drückte seine Worte gewählt aus, um nicht in meine Fallen zu tappen. Wie eine geschmeidige Katze, die sich nun dem Hund stellte und ihn mit List der Täuschung aussetzte.
Er wollte es so aussehen lassen, als hätte er Yami verziehen...als wolle er mir verzeihen.
Doch bedachte er nicht, dass es der Verzeihung an einem Gott mangelte. Menschen beherrschten diese Niedertracht nicht, wären nicht fähig einander die blutverschmierten Hände zu lecken. Entschuldigen Sie, wenn mich meine bildreiche Wortwahl erneut der Religion nahe bringt, aber ich kenne die Rasse Mensch seit ich lebe. Durch sie existiere ich.
Aber hören wir auf mit diesem Palaver, ich störe nur die Handlung.
Der Junge hatte also begriffen, wer Yami war und verhielt sich dementsprechend. Dies zeigte jedoch auch, dass er seinen Vater noch nicht aufgab. Jedenfalls nicht als Ganzes.
Es war nun an Kaiba seine Hoffnungen zu zerstören und ich wusste, man konnte einem kaltschnäuzigen Egoisten vertrauen.

„Was soll dieses Theater? Willst du mir weiß machen, du hättest dich verändert? Nein, du niederträchtige Bazille, ich bin mir im Klaren, was du versuchst zu erreichen und erwarte ja nicht, dass ich dir jetzt vertraue.“
Der Junge wandte sich an seinen Vater. Die Zeit schien auf seiner Seite, sollte Yami nur nicht begreifen.
„Ich verstehe gar nicht, was du meinst. Meiner Meinung nach, sollten wir wirklich von vorn anfangen. Das war doch Yamis Vorschlag.“
Denken Sie nicht auch, ich behielt Recht? Der Junge hatte sehr gut voraus geplant. Nach all den Ereignissen- all den Schmerzen- spielte er einen an Gedächtnis mangelnden Unschuldsengel, ohne Rachsucht, ohne Vergangenheit.
Er stand dem Mörder seiner Mutter gegenüber. Einem Mann, der seine Welt aus der Idylle gezogen und sie mit einer einzigen Tat zerstört hatte, mit allen moralischen Zügen gewappnet. Dem Feuer gleich, ließ er dem Jungen nichts übrig, nahm ihm selbst den gebrochenen Vater. Und doch sollte Draco nun das Verzeihen gelernt haben?