Verlassen

gut. Gerade liefen die Nachrichten.
„Bei einem schweren Autounfall heute morgen kam eine Familie ums Leben. Die Frau und ihr Kind starben durch den Unfall. Der Mann, der offensichtlich den Unfall verursacht hatte, beging kurz danach Selbstmord.“
Ich schluckte, dann schaltete ich den Fernseher aus. Wieso kommt gerade wenn ich den Fernseher einschalte eine Meldung über einen Autounfall? Leyla starb bei einem. Mit unserem Baby im Bauch. Ich war Schuld, ich hatte sie genötigt zu fahren, obwohl sie genauso betrunken war wie ich an diesem Abend. Wegen mir ist sie gestorben.
Warme Flüssigkeit rann mir die Wangen hinunter. Ich legte den Kopf in den Nacken. Ich konnte nichts mehr daran ändern.
„Ich vermisse dich.“
Wieder ihre Stimme. Sie vermisst mich. Hatte die Frau auf der Straße das nicht auch behauptet? Und der Mann in den Nachrichten hatte sich das Leben genommen. Sollten das alles Zeichen sein? Vielleicht sollte ich aufhören davon zu laufen.
Ich versuchte meinen schlaffen Körper ins Bett zu schaffen. Ich würde mich morgen weiter darüber informieren. Jetzt brauchte ich erst einmal Ruhe. Jeder einzelne Tag zerrte mich immer so aus. Raubte mir jede winzige Energie die ich noch hatte. Lange würde ich das eh nicht mehr durchhalten. Und Leylas Anwesenheit wurde immer stärker spürbar. Sonst hatte ich sie nur sehr selten gehört.

Die Sonne weckte mich. Ich blinzelte etwas. Ich wollte meine Freundin streicheln, sie sanft wecken. Die Enttäuschung war bitter als ich nur in meine Decke griff.
Es war nur ein Traum. Der Traum einer glücklichen Familie.
Ich setzte mich auf. Die Gedanken des gestrigen Tages holten mich wieder ein. Diese Zeichen waren mir wieder klar vor Augen. War der Traum auch eines? Konnte es sein das sie wartete?
Ich hatte vor genau das heute herauszufinden. Die Frage war nur wo? Welcher Mensch würde mich nicht für verrückt halten?
Natürlich. Ich hatte einen Geistesblitz. Die Frau die ich gestern angerempelt hatte. Ich sprang auf und nahm mir nur schnell ein Brötchen in die Hand und begann sie in der Stadt zu suchen. Ich musste schon viel Glück haben sie wiederzufinden. Aber ich hatte immerhin schon genügend Pech. Ich beschloss zuerst die rechte Seite von meiner Wohnung ausgehend abzusuchen.
„Da solltest du nicht lang gehen, wenn du nach mir suchen solltest.“
Blitzartig fuhr ich herum und hatte die Frau nach der ich suchte vor mir stehen.
„Wie?“
„Es ist eine Gabe. Lass uns ein Stück gehen, ich werde deine Fragen beantworten.“
„Im Grunde gibt es da nur eine. Glauben Sie das Menschen leben und warten können obwohl sie tot sind?“
Langsam glaubte ich das es möglich war. Alles was ich die letzte zeit erlebt habe spricht dafür. Selbst der Rasbon hatte es angedeutet, auch wenn er selbst nicht davon überzeugt war. Er dachte bestimmt zu rational.
„Ja, das ist in der Tat möglich. Diese Menschen kommen aber nicht zur Ruhe, wenn sie auf jemanden warten. Wie ihre Freundin auf dich. Davor kann man auch nicht weglaufen, sondern muss sich dem stellen. Man muss eine Entscheidung treffen und diese der Person mitteilen. Wenn du willst das sie dich lässt, dann musst du ihr das sagen. Ich habe jetzt andere Sachen zu erledigen, aber du sagtest ja es sei nur diese Frage.“
Sie ließ mich stehen, ging einfach in eine andere Richtung. Aber ich hatte ja wirklich nur diese eine Frage.
In Gedanken versunken lief ich bis zur Abenddämmerung durch die Stadt. Die rationale Seite in mir versuchte mir immer wieder deutlich zu machen, wie schwachsinnig diese ganzen Gedanken wären, das sie noch hier sein könnte. Die andere Seite allerdings machte mir klar wie sehr ich sie brauchte, wie sehr ich sie auch vermisste. Wie sehr ich sie immer noch liebte.
Ich war auf einer Brücke angekommen, stützte die Arme auf das Geländer und blickte in den Sonnenuntergang. Mit Leyla hatte ich das früher auch immer gemacht, ich würde es gern wieder tun. Zusammen mit unserem Kind. Wir hatten uns so sehr gewünscht das es ein Mädchen sein würde. Vielleicht war es das auch geworden.
Sie wer jetzt schon fast zwei Jahre. Ich seufzte. Die Sonne war nun ganz weg. Hier waren nur noch ich, meine Gedanken, die Brücke und die leere Straße unter mir.
„Ich brauche dich hier.“
„Leyla. Ich brauche dich auch.“
Ich war nun sicher das sie auf mich wartete. Sicher das sie dort war. Ich blickte über das Geländer. Ja, wenn ich dort runterspringen würde, wäre ich mit Sicherheit tot. Zwar tot, aber bei der Lieber meines Lebens.
Die rationale Seite in mir schwieg nun, noch etwas was mir Sicherheit gab, dass es das Richtige ist.
Langsam kletterte ich über das Brüstung und Stand nun auf der anderen Seite. Mit meinen zitternden Händen hielt ich mich noch fest. Diesmal aber zitterten sie vor Freude.
„Gleich bin ich bei dir.“
Mit den Worten sprang ich. Der Sturz gab mir noch einen letzten Adrenalinstoß, welcher sehr abrupt endete.
Ich hoffte meine Liebste sofort nach dem Aufprall in die Arme schließen zu können. Sie wieder zu umarmen, zu küssen. Doch ich vernahm nur wie mein Genick brach, danach wurde es schnell schwarz. Kein Licht, keine Leyla. Und alles was ich hörte und immer hören werde war Stille.