Fanfic: Restless Heart

Kapitel: Auf dem Weg ins Nirgendwo

„Warum, warum, warum…?“, ein Seufzen folgte meinen klagenden Worten und schien mich noch erbärmlicher erscheinen zu lassen, als ich es eh schon war. Schließlich hatte auch ich, ein kleines, neunjähriges Mädchen, ihren Stolz. Mühsam erklomm ich einen dunklen Felsen, um einen besseren Überblick über meine Umgebung zu haben. Wohin ging ich da überhaupt? Einer meiner ehemaligen Freunde sagte mal, man müsse nur seinem Willen folgen, um im eigenen Paradies anzukommen. Er sagte, jeder Mensch hätte einen weiteren Sinn, der einen automatisch an das persönliche Ziel führen würde. Doch wo lag mein Ziel?
Meine Füße trugen mich träge über den unebenen Boden. Es war ein lebloser Ort, an dem nur wenig Grünes spross. Die Ebenen waren von Felsen und Erde überzogen, die Sonne tauchte sie in ein warmes braun. Ein Gefühl der Anspannung lag in der Luft. Vielleicht schien es mir auch nur so. Vereinzelt flogen Vögel vorbei. Es schien alles vollkommen normal und langweilig.
Eine normale, langweilige Umgebung die nur einen Fehler beherbergte: mich.

Dunkelheit herrschte in der Höhle, in der ich nun in der Nacht unterkam. Ein hallendes Tropfgeräusch durchbohrte die Stille in regelmäßigen Abständen. Es war mit Sicherheit nicht das gemütlichste Loch, das ich ausmachen konnte, doch für heute sollte es reichen. Der Boden war, so wie der Rest der Höhle, feucht und kalt. Ich fühlte mich vollkommen fehl am Platz. War ich nicht vor kurzem noch das lebhafte, fröhliche Mädchen, welches es nie in einer dieser traurig grauen Höhlen aushalten würde? Oder war das alles nur Schein?
Ich sah eine Gruppe von verschiedenen Insekten, die hektisch über den Boden krabbelten.
Ob ich noch lange hier bleiben musste? Ein undefinierbarer Schleim tropfte auf mich herab. Es war definitiv nicht sehr gemütlich in dieser Höhle, aber zurück ging auch nicht. Ein Zittern überfiel meinen Körper, doch selbst das hielt mich nicht davon ab, langsam in den Schlaf zu sinken.

Vereinzelte Sonnenstrahlen fielen durch die große Öffnung der Höhle, und beschienen mein Gesicht. Eine plötzliche Wärme überkam mich und ließ mich aufwachen. Träge blinzelte ich ein paar Mal, bevor ich meine Augen endgültig öffnete. Ein neuer Tag brach an. Und damit auch ein neuer Teil meiner ziellosen Reise. Ich spürte immer noch ein leichtes Zittern als ich in Zeitlupe aufstand und mich zum Höhlenausgang bewegte. Die Landschaft vor mir sah aus wie gemalt. Trotzdem sollte gerade dieser wunderschöne Anblick mich die nächste Zeit und Kraft kosten. Ich überblickte die goldbraunen Felsen und suchte nach einem Lager oder einem kleinen Fluss. Bei näherem Betrachten sah ich, wie sich ein blau-grüner Faden quer über das Bild zog. Ich war fürs Erste gerettet!

Das trübe Wasser fühlte sich kühl und erfrischend auf meiner mittlerweile verdreckten Haut an. Obwohl es nicht gerade ein klarer Fluss war, fühlte ich mich nun wieder etwas sauberer. Dennoch, Wasser zum trinken war es nicht. Mit anderen Worten: gerettet war ich noch lange nicht. Ich schaute mir meine Umgebung noch mal etwas gründlicher an. Im Osten und Süden lagen fast nur Felsen, doch… Ich entdeckte eine Art Lager, nördlich von meinem Standpunkt.
Ob da noch ein paar Leute waren? Und wenn ja, würden sie mich bei sich aufnehmen?

Der Weg zu meinem vorläufigen Ziel war genauso felsig, wie all die anderen Pfade, die ich schon passiert hatte. Es war aber nicht nur ein schwerer Weg, sondern auch ein recht langer. Meine gleichmäßigen Schritte warfen eine Menge Staub auf, der sich mit der Zeit wieder als eine Dreckkruste über meine Haut legte. Ich merkte wie es allmählich wärmer wurde, die Sonne stand an ihrem höchsten Punkt, es war Mittag. Wie gut es doch jetzt wäre, etwas Leckeres zu Essen zu haben… Aber ich sah keinen einzigen Strauch mit Beeren, selbst irgendwelche kleinen Tiere zum Grillen waren nicht aufzufinden. Vielleicht sollte ich zurück an den Fluss? Ein paar Fische fangen und eine Pause einlegen? Wäre das jetzt nicht schön? Doch ich hatte ein Ziel vor Augen: das Lager im Norden erreichen!

Es wurde allmählich kühler, meine Schritte verlangsamten sich. Mein Ziel rückte immer näher. Höchstens noch 20 Minuten bis zum Lager. Vielleicht steht heute auf dem Speiseplan frisches Fleisch! Oder vielleicht frisches Wasser? Ich wurde wieder etwas schneller, meine Vorfreude auf Essen und Trinken trieb mich an. Vielleicht konnte ich sogar mit diesen Menschen herumziehen? Abenteuer erleben und wieder nützlich sein! Alles, was ich mir momentan so sehr wünschte. Die Abenddämmerung brach ein und gab mir noch mal einen extra Schub an Kraft. Meine Gedanken ließen die Zeit schneller vergehen. Das Lager lag sozusagen schon vor meinen Füßen. Ein großes, helles Lagerfeuer brannte inmitten des großen Zeltplatzes. Menschen waren nicht zu sehen, aber es war mir als könnte ich Auras spüren.

Meine Schritte klangen in dem hohen Gras gedämpft, außer dem Zirpen der Grillen waren sie die einzigen, die man durch die Stille hören konnte. Das Feuer loderte vor mir auf, links und rechts standen die Zelte. Zivilisation. Momentan mein einziger Gedanke. Ob mein Leben wieder in Ordnung kommen könnte? Ein Rascheln durchbrach das monotone Zirpen. Ein Zeichen dafür, dass die Leute hier noch wach waren!

„Hallo?“, meine Stimme zitterte. Nervosität überkam meinen Körper, und obwohl mir nicht kalt war, fing ich an zu zittern.
„Hallo?“, fragte ich erneut.

Ich sah, wie ein Schatten über die gräuliche Zeltwand huschte. Ein Mensch?

„Ist da wer?“, fragte ich weiter. Irgendetwas beunruhigte mich.
„Ja… da ist wer…“, antwortete mir eine düstere Stimme.
„Was machst du hier… Kleines…?“, fragte sie mich.
„Ich… ich wollte fragen ob ihr etwas zu essen und zu trinken für mich habt! Vielleicht… könnt ihr mich ja auch aufnehmen?“, etwas Hoffnung schwankte in meiner Stimme mit.
„Ja… wir können dich aufnehmen…“ Die Stimme nuschelte etwas, dass ich kaum verstehen konnte. Irgendetwas über eine ‚Nahrungsliste’, glaubte ich zumindest.
„Danke!“, sagte ich verunsichert und versuchte zu lächeln.
„Ach… wir müssen dir danken…“
Ich entdeckte den Schatten, der zu der Stimme gehörte. Langsam trat die Gestalt hervor. Es war definitiv ein Mensch, doch irgendetwas sah anders aus… Er sah so… gemein aus!
„Komm zu mir Kind!“, ein süßes Lächeln begleitete seine Worte. Sein Gesicht kam aus den Schatten heraus und ich bemerkte entsetzt, dass mich die Person nicht etwa mit Gutmütigkeit musterte, sondern eher mit Todeslust. Ich glaubte sogar einen Ausdruck von Hunger erkennen zu können. Hatte dieser Mensch etwa vor… mich zu… fressen? Instinktiv machte ich mehrere Schritte zurück, doch ich sah bald ein, dass es nutzlos war. Inzwischen hatte sich nämlich eine ganze Gruppe an Siedlern um mich geschart. Es war zu spät um weg zu rennen und zu früh um die Hoffnung aufzugeben. Der Ring um mich ließ keine Lücke zu, hunderte hungriger Augenpaare beobachteten mich. Wenn es für Hoffnungslosigkeit noch zu früh war, war jetzt erst mal ein Augenblick für Panik. Und wer weiß? Vielleicht eröffnete mir die Panik neue Möglichkeiten ungeschoren davon zu kommen.

Ich spürte regelrecht, wie die Menschengruppe näher trat. Ein paar einzelne Personen grinsten mich schelmisch an während ihnen der Speichel über die Lippen lief. Die Panik stieg an, sie war fast so weit mich einen Fluchtversuch starten zu lassen. Irgendwann würde ich es nicht mehr aushalten. Die Stimmung war angespannt.

„W-wisst ihr was? Ich… ich glaube ich ziehe lieber erst mal weiter…!“
„Du… ziehst nirgendwo hin!“

Der Gesichtsausdruck meines Gegenübers wirkte auf einmal angespannt und wütend. Noch bevor ich es realisieren konnte schnellte seine Hand vor und packte meinen Hals. Er drückte zu. Seine Mimik änderte sich in Genugtuung. Die Panik kam zu spät. Es war bereits Zeit für die Hoffnungslosigkeit. Oder? Eine riesige Welle an Wut übernahm auf einmal meine Kontrolle.

„Lass mich los du…!“
Meine Stimme erstickte und ich fing an, um mich zu schlagen.
Doch mein Gegenüber war leider stärker. Er vergrößerte den Druck auf meinen Hals. Sein Lächeln hypnotisierte mich regelrecht. Es war als könnte ich mich nicht mehr wehren.

„Fesselt sie. Wir heben sie uns für den großen Tag auf.“

Ich riss die Augen auf als die Umstehenden auf mich los stürmten und mich an Händen und Füßen packten. Eine weitere Gruppe brachte Seile und fing an sie mir um die Gelenke zu schlingen.

„Nein! Lasst mich los!“, ertönte mein wahrscheinlich letzter, panischer Schrei.

Ich spürte wie sich die Schlingen festzogen und ich mich allmählich überhaupt nicht mehr wehren konnte. Auf einmal flammte ein stechender Schmerz in meinem Hinterkopf auf und mir wurde schwindelig. Plötzlich sah ich wie man mir ein Tuch um den Kopf schlang und mir so den Mund verband. Noch ein Schlag auf meinen Hinterkopf.

„Mhhh!“, versuchte ich vor Schmerz aufzustöhnen.

Die Menschengruppen tuschelten aufgeregt miteinander und sahen mich argwöhnisch an. Durch das ganze Gedränge wurde mir langsam schwindlig und ich versuchte einfach nur noch aufrecht stehenzubleiben. Ein paar der Leute um mich herum knurrten mich an.
Und dann kam er. Der letzte Stoß auf meinen Hinterkopf.
Ich kniff mit schmerzverzerrtem Gesichtsausdruck meine Augen zu, meine Umgebung verschwamm plötzliche vor meinen Augen. Alles wurde auf einmal dunkel und ich fing an, diesen Zeltplatz völlig auszublenden. Meine Ohren schienen aufzuhören zu funktionieren.
Mein Körper brach unter mir zusammen und ich fiel auf meine Knie. Mein Schicksal hörte auf, mich mit dieser Situation zu quälen.

„Hilfe…“, war das Letzte, was ich dachte.