Die rote Fliegerbrille.

Eine Einleitung.

„Eine kurze Bemerkung am Rande, ihr werdet sterben. Ich bin nach Kräften bemüht, dieser ganzen Angelegenheit eine fröhliche Seite zu verleihen, aber die meisten Menschen haben einen tief sitzenden Widerwillen, der es ihnen unmöglich macht, mir zu glauben, so sehr ich auch versuche, sie davon zu überzeugen. Bitte glaubt mir: Ich kann wirklich fröhlich sein. Ich kann angenehm sein. Amüsant. Achtsam. Andächtig. Und das sind nur die Eigenschaften mit dem Buchstaben "A". Nur bitte verlangt nicht von mir, nett zu sein. Denn dass mit dem ‚nett sein’ ist eine bereits durchgekaute Sache. Oh, und bitte nehmt meine Bemerkung zu Beginn nicht ernst. Es war nur der Einleitungssatz meiner tragischen Gesichte. Mache ich euch Angst? Ich bitte euch inständig - keine Sorge. Man kann mir alles nachsagen, nur nicht, dass ich ungerecht bin. Ich bin gütig, ziemlich sogar. Was fehlt? Natürlich, ein Beginn eine Bekanntmachung. Ich könnte mich ganz förmlich vorstellen, aber das ist gar nicht nötig. Ihr werdet mich schon bald recht gut kennen; wie bald - das hängt von einer Reihe von Umständen ab. Aber eines sei gesagt: Ich werde irgendwann über euch allen stehen, und...“, ich setzte den Stift ab. ,,Nein, dass ist doof...“, seufzte ich, riss das Blatt Papier aus meinem Tagebuch und warf es gekonnt in den Mülleimer. Eigentlich, fiel mir das Schreiben verdammt leicht. Leicht wie das Amen in der Kirche. Es tut mir leid, ein besserer Vergleich fällt mir nicht ein. Seht ihr, sogar einen anständigen Vergleich kann ich nicht auf die Beine stellen. Eigentlich habe ich auch noch nie ein Tagebuch geschrieben, nein, mein Kopf war mein Tagebuch gewesen, allgemein hatte mein Leben irgendwie was von einer interessanten Buchreihe. Der einzige Grund warum ich dass hier schrieb, war weil ich mein Leben für die Nachwelt festhalten wollte. Nicht für Familie oder Freunde, letzteres hatte ich auch eher weniger, nein, für die Leute die mich über alles hassten. Dass beruhte jedenfalls auf Gegenseitigkeit. Ich setzte den Stift erneut für eine meiner vielen, gescheiterten Selbstbeschreibungen an. ,,Ich persönlich mag einen schokoladenfarbenen Himmel. Dunkle Bitterschokolade. Die Leute behaupten, das passt zu mir. Ich versuche trotzdem, mich an jeder Farbe zu erfreuen, die ich sehe, an der ganzen Farbpalette...“, erneut setzte ich ab. ,,Nein, dass geht so auch nicht!“, knurrte ich wütend und fuhr mir durch die Haare. In dem Moment wurde mir bewusst, dass es neben meiner Schreibblockade noch ein weiteres Problem gab. Was war, wenn niemand dass hier finden würde? Und überhaupt, wer sollte dass hier schon finden? Ich hatte viel zu viele Feinde, wie sollte ich mich da schon für Jemanden entscheiden? Am Ende würde der- oder diejenige noch behaupten er oder sie wäre etwas besonderes. Vielleicht kann ich mich ja wenigstens bei euch angemessen vorstellen, ohne viel Zeit zu verlieren. Zeit, genau davon hatte ich gerade jetzt ziemlich wenig. Mein Name ist Risaka, was ‚Kind von Saka’ bedeutet, wobei ich lediglich Ruri genannt werde, dass wiederum hat eine völlig andere Bedeutung. Aber dass ist jetzt unwichtig, wir verschieben die kleine Japanischstunde auf später und wenden uns wieder meinem Leben zu. Ich glaube dass war der Moment, in dem ich den Kopf regelrecht in den Nacken schmiss und meine Zimmerdecke musterte. In diesem Buch, was sich mein Leben schimpft, scheint der Tod höchstpersönlich die Geschichte eines verzweifelten Mädchens zu erzählen, welches sich im übrigen vor einem halben Jahr ein Motorrad gekauft hat und darauf wiederum sehr, sehr stolz ist, da sie auf dem schwarzen Gefährt eine tolle Figur macht. In Ordnung, dass war unwichtig. Ohne hier nun weiter daher zu schwafeln sollte ich lieber mehr von mir erzählen. Ich bin Schülerin auf einer mittelmäßigen Realschule, deren Name in meinem Leben eine eher kleine Rolle spielt. Meine Eltern sind geschieden und ich lebe bei meiner Mutter, die im übrigen Korrespondentin und Journalistin eines mir immer noch unbekannten Magazins ist. Auf jeden Fall ist sie seit einer Weile nicht auffindbar und ich sitze hier alleine mit Humphrey in meinem Zimmer. Humphrey ist meine Katze. Eine Katze mit drei Beinen, aber gut dass macht ihn aus, dass macht ihn sonderbar und einzigartig und ich liebe ihn dafür. Ich klappte mein Tagebuch zu, schmiss mich auf mein Bett, verschreckte nebenbei Humphrey und hatte auf einmal fürchterliche Kopfschmerzen. Der Tod hat viel zu tun, doch er hat keine Schwäche für mich, lässt mich in Ruhe mein verdammtes Leben leben. Hat er mich gefragt ob ich dass will? Oh nein, natürlich nicht. Aus großer Kraft folgt große Verantwortung, und meine Liebe zum Schreiben ist wohl nicht nur meine Kraft sondern auch mein Fluch. Ich gebe zu, diesen Satz habe ich aus Spiderman 2 geklaut. Und was sagt der Tod? Ja, der Tod. Er ist der Erzähler dieser Geschichte und schon bei den ersten Sätzen merkt man, dass man sich auf ihn einlassen muss, will man wissen, was mit mir, meinem Motorrad und dem Rest der Welt geschieht. Ich beschloss mit meinem Gefährt noch eine kleine Spritztour in die Innenstadt zu unternehmen, nahm die Haare zu einem Zopf zusammen, warf mir lässig einen Schal über die Schulter, und trabte zur Tür, wir hatten nur eine kleine Wohnung, riss sie auf und huschte die Treppe hinunter. Was war dass nur für ein herrliches Gefühl vor meinem schwarzen Motorrad zu stehen und zu wissen dass es mir gehörte. Ich setzte mir meinen herrlichen Motorradhelm auf den Kopf, der an den Seiten ein paar Plastikspitzen hatte. Es erinnerte an eine Katze. Am liebsten fuhr ich natürlich ohne Helm, so frei wie man mich kannte, jedoch war es mir dank der nervigen Gesetze nicht länger erlaubt, den Himmel, am Tag so wie in der Nacht, in seiner vollen Pracht zu genießen. Ich gehöre nicht zu den Menschen die eine lange Rede halten bevor sie gehen, ich sage einfach kurz was mich beschäftigt, bin dann fertig mit der Welt und wende mich wieder meinem Vorhaben zu sie zu erobern und zu beherrschen. Dabei hilft mir zum Beispiel mein Online-Blog, ich habe auch schon eine menge interessierter Leser gefunden. Vor einem Jahr hatte ich dass Problem, dass ich zwei Verwarnungen bekommen hatte, richtig, man wollte mir den Mund verbieten, so kam es, dass ich meinen Blog-Account ‚The5kyliner’ aufgeben musste und nun ‚Rote Fliegerbrille’ heiße. Und als könnte es nicht noch schlimmer kommen, haben ein paar Hater irgendwelche Parolen an, und vor allem über und gegen mich, an unsere Hauswand geschmiert. Ein bisschen was davon steht heute noch da. Doch wenn ich dann auf meinem Motorrad sitze, wohlbemerkt ohne Helm, und mich am Himmel erfreue, vergesse ich für einen Moment alles. Den ganzen Stress. Denn ihr müsst wissen, täglich nervt das Leben, und ein Leben leben zu können, muss gekonnt sein. Wenn dann mein Blick den Himmel schweift, und meine Augen trotzdem mehr oder weniger an die Straße gebunden sind, sause und brause ich um die Ecken und Kanten die mich an mein Leben erinnern. Etwa eine Milliarde Schattierungen, keine wie die andere, und ein Himmel, der sie langsam in sich aufsaugt. Das nimmt dem Stress die Schärfe. Und es hilft mir, mich zu entspannen. Eine Kurze Zwischenbemerkung: Die Menschen beachten die Farben eines Tages lediglich an seinem Anfang und an seinem Ende. Dabei wandert ein Tag durch eine Vielzahl von Farbtönen und Schattierungen, und zwar in jedem Augenblick. Eine einzige Stunde kann aus Tausenden von unterschiedlichen Farben bestehen. Wachsgelb, regenbesprühtes Blau. Schlammige Dunkelheit. Andere achten gar nicht so darauf, aber ich habe es mir zur Angewohnheit gemacht, vielleicht gerade, weil ich ständig unterwegs bin, mein Kopf mein eigenes offenes Buch ist und ich immer nach neuen Ideen suche, um weiterzuschreiben. Die Frage ist, welche Farbe die Welt angenommen haben wird, wenn ich euch holen komme und die Weltherrschaft übernehme. Was wird der Himmel uns erzählen? Diese Frage bleibt vorerst offen. Ich habe es mir außerdem zur Angewohnheit gemacht, mit einer roten Fliegerbrille auf dem Kopf durchs Leben zu stolzieren. Ich liebe es, aber macht es mir bloß nicht nach! Dass ist nämlich eines der wenigen Dinge die ihr mir noch nicht weggenommen habt. Da wäre zum Beispiel auch meine Liebe zu verschiedenen Soaps und Musiktiteln, die ihr auf einmal natürlich auch alle unglaublich gut findet, und euch darüber unterhaltet, tagtäglich, aber mich nicht mitreden lasst. Dass läuft dann meistens darauf hinaus, dass ich diese Soap oder auch diesen Titel nie wieder höre oder mir ansehe. Eigentlich endet meine Geschichte hier, und ich könnte jetzt noch weiter irgendwelchen Mist erzählen, aber irgendwie mag ich gerade nicht.
Am Besten bewaffnet ihr euch jetzt bis an die Zähne mit Sprengstoff und jagt die Welt in die Luft, denn ich habe keine Zeit mehr euch von meinem Leben zu erzählen. Dass alles war nur wie eine Einleitung, müsst ihr wissen. Aber jetzt, muss ich wirklich los. Denkt darüber nach, was ich euch hier erzählt habe, saugt die Gedanken in euch auf und dann urteilt wieder über mich. Ihr seid keine Richter, ihr könnt nicht über mich urteilen, aber versuchen mich zu verstehen, dass dürfte noch zu Beginn das Leichteste sein. Aber eines sei gesagt, versucht nie wie ich zu sein, es würde euch zerreißen. Habt ihr gemerkt, dass, wenn man damit beginnt, diese Einleitung zu lesen, man nicht mehr damit aufhört? Ich meine, ihr fangt an zu lesen, erwartet nicht viel, seit aber auf einmal verängstigt und mitgerissen von dieser ungewöhnlichen Geschichte und wollt wissen wie es endet. Mittlerweile, solltet ihr begriffen haben, dass dies hier nur eine Einleitung ist, und ihr euch das Ende selber ausmalen müsst und könnt. Es liegt an euch, ob ihr die Dinge so sehen wollte wie ich, oder so wie sie sind. Eines sei gesagt, es liegen Welten zwischen meiner Sicht, und der, eines Wissenschaftlers oder Physikers. Es