Fanfic: Angel Beats
Kapitel: Der Anfang - oh, und das Geständnis
,,Man dass war ganz schön anstrengend...“, keuchte ich, als Lola gemeinsam mit mir das Ballettstudio verließ. ,,Beschwer die mal nicht, dass bisschen Ballett!“, murmelte Lola vor sich hin. Ich warf ihr einen bösen Blick zu. ,,Du musst nicht immer so eifersüchtig sein. Man, warum nehme ich dich überhaupt noch mit zum Training?“, seufzte ich. Lola und ich hatten uns letztes Jahr fest vorgenommen, zusammen Ballett zu machen, sie hatte mir dabei Jahrelang zugesehen und mich irgendwann dann auf die Idee gebracht, ihre Eltern zu überzeugen, sie auch Ballett machen zu lassen. Doch keines der Studios hatte sie aufnehmen wollen, da sie angeblich nicht die richtigen Maße gehabt hatte. Und jetzt schmollte sie. Und nicht nur dass, sie kam auch immer mit zu meinem Training um sich am Ende über die kleinsten Kleinigkeiten aufzuregen, der eine wäre falsch abgesprungen oder die andere hätte sich mal lieber mehr auf ihre Schritte konzentrieren sollen. ,,Ich bin nicht eifersüchtig...“, murmelte Lola und zog sich ihre Kapuze über den Kopf. ,,Nein, natürlich nicht.“, zwinkerte ich meiner Freundin zu und musste lachen. ,,Coleen, du hast ja deine Haare offen...“. ,,Stimmt.“. ,,Kommt nicht oft vor, sonst hast du doch immer die Knödel und-“. ,,Was für Knödel? Dass sind keine Knödel! Dass sind Haarknoten! Und die sind im übrigen total einfach zu machen und sehen super aus!“, blökte ich in Lolas Richtung. ,,Wie auch immer, ich gehe jetzt nach Hause. Frohe Weihnachten, wir sehen uns im nächsten Jahr!“, verabschiedete sie sich. Richtig, es waren ja Schulferien. Aber nein, so einfach würde sie mir nicht davonkommen, nicht heute! ,,Stimmt nicht, wir sehen uns Silvester!“, rief ich ihr hinterher und drehte mich beleidigt weg. Lola hob grüßend die Hand ohne sich umzudrehen. Mit Kopfhörern in den Ohren und betont x-beinig, schlenderte sie zur Metro. Wir feierten Silvester immer bei Lola Zuhause, mit ihren Eltern, ihren schäbigen Cousinen und einer menge anderer Leute, die ich zwar herzlich umarmte und begrüßte, selbst wenn ich sie noch nie gesehen hatte. So war dass nun mal. ,,Sei nicht immer so aufdringlich.“, blökte Leander und schwang sich von einem Baum. ,,Ich bin nicht aufdringlich!“. ,,Bist du wohl.“, lachte Leander und setzte sein selbstgefälliges Grinsen auf. Ja, richtig Leander. Mein Schutzengel, der aber leider Nichts auf dem Kasten hatte und mir seit einem halben Jahr den letzten Nerv raubte. Er hatte mir mal gesagt dass jeder Mensch einen Schutzengel habe und er einer der Besten sei. Er hatte gelogen wie gedruckt. Dass tat er ziemlich oft. Dass schlimmste war aber, dass nur ich ihn sehen oder hören konnte sodass ich den letzten Monat in einer Nervenheilanstalt Dauergast war, da mein Vater dachte, ich hätte eine Schraube locker. ,,Warum verschwindest du nicht einfach, hm?“, entgegnete ich kühl und desinteressiert. In Wahrheit interessierte mich Leander. Mich interessierte alle an ihm. Irgendwie zumindest. Und wenn er nicht gerade wieder meinen Kleiderschrank plünderte, war er eigentlich ganz erträglich. Dass war ja das Schlimme.
Leander schien etwas kalt zu sein. Es sah auch reichlich albern aus, im Winter mit Rippenunterhemd und Jeans im Park rumzustehen. ,,Du bist nicht gerade die modische Erfüllung...“, sagte ich und äugte kritisch an ihm herunter. Seine Jeans war inzwischen an etlichen Stellen zerrissen, und die Boots – es wunderte mich, dass er sie überhaupt noch zuschnüren konnte. ,,Dann lass und endlich shoppen gehen, ich hab dir x-mal gesagt, dass ich shoppen gehen will, ich brauche was Langärmelgis!“, zischte Leander. ,,Dass hättest du dir ein bisschen früher überlegen können, und außerdem will ich nicht mit dir in eine Kabine.“, gab ich zurück und Leander hob rätselnd eine Augenbraue. ,,Mann, seit ihr Menschen kompliziert.“. ,,Tut mir leid, ich hoffe immer noch dass ich mir dich nur einbilde und du irgendwann verschwindest.“, seufzte ich. ,,Aber wie-“. ,,Du bringst mein Leben durcheinander.“, unterbrach ich ihn. ,,Nicht mehr lange und ich geh vor Wut an die Decke.“. ,,Da ist keine Decke.“, gab er schlau zurück und deutete in den Himmel. Ich drehte mich zu ihm um. ,,Siehst du dass mein ich. Wegen dir stehe ich ständig unter Strom.“. Leander spitzte auf einmal angestrengt die Ohren. ,,Was?“. ,,Da ist Musik. Schön, oder?“, er schaute mich erwartungsvoll an. ,,Ich hör nix.“. ,,Hand!“, kam es befehlend aus ihm heraus und so nahm er meine Hand und rannte mit mir die Straße herunter. ,,Warte-“. Ich musste mich darauf konzentrieren, nicht über meine eigenen Füße zu stolpern. Als Leander endlich halt machte, standen wir vor einem Fenster, dass nur einen Spalt weit geöffnet war, und aus dem man deutlich eine sehr schöne Melodie hören konnte. Womöglich von einer Spieluhr. Ich wusste dass Leander sich für solche Musik interessierte. Leander wäre nicht Leander, wenn er nicht ständig an meinem Laptop sitzen und allerlei alte Klavier und Geigenmusik rauf und runter hören würde. ,,Du hast ja einen Gehörsinn...“, lachte ich, doch Leander ließ dass völlig kalt. Er wippte ein wenig benommen hin und her und konzentrierte sich voll und ganz auf die Melodie. Ich räusperte mich. ,,Hey Engel, ich will nach Hause.“, machte ich mich bemerkbar und wartete auf eine Reaktion. ,,Hm, was?“. ,,Komm schon, Leander. Ich will nach Hause.“, jaulte ich. ,,Ja, ja!“, grinste Leander. ,,Nur noch einen Augenblick.“, fügte er hinzu und sah kurz in den Himmel. Es war inzwischen schon dunkel. Kein Wunder, mein Training war um viertel nach sechs vorbei, die Sonne war untergegangen. Und ganz nebenbei, ich fror. Ich sah zu Leander rüber, der immer noch gespannt zuhörte. Er fror ebenfalls. Da er wie immer dicht an mir klebte konnte ich den Duschgelgeruch seiner Haut riechen. Leander liebte es zu duschen. Und damit meinen Eltern Nichts ungewöhnliches auffiel, musste ich stets dabei sitzen. Außerdem gab ich bereits einen Großteil meines Taschengeldes für Duschgel und Shampoo aus. In diesen Momenten begann ich meist laut zu Seufzen. Warum ich? Ich glaubte nicht daran dass jeder Mensch einen Schutzengel besaß, und wenn doch, dann verstanden sie es ihre „Besitzer“ nicht abzunerven. Trotzdem, ich glaubte nicht dran. Wenn Lola zum Beispiel einen Schutzengel gehabt hätte oder gar hatte, hätte sie es mir längst erzählt. Außerdem hielt man es kaum zehn Minuten mit ihr alleine aus – nein, sie hatte definitiv keinen Schutzengel.
Inzwischen war Leander schon wieder irgendwo hingetrabt, und ich hatte Mühe hinterher zu kommen. Ich hatte außerdem keine Ahnung wo ich eigentlich war. Paris war groß. Und Frankreich war noch viel größer. Ich schaute auf eines der Straßenschilder die in etliche Richtungen wiesen. Avenue Victoria. Hm. Wir waren drauf und dran einen Umweg nach Hause zu nehmen, für den wir gute eine halbe Stunde länger brauchen würden. ,,Coleen, du musst mir definitiv etwas wärmeres zum anziehen kaufen.“, brach Leander fröstelnd das Schweigen. ,,Vergiss es.“. ,,Aber Coleen, sonst kann ich dich nicht gut beschützen.“. ,,Hast du dass denn jemals getan?“. Leander warf mir einen giftigen Blick zu, und wie immer sah ich etwas länger in seine Augen, als er es eigentlich verdient hatte. Dass lag daran, dass er Husky-Augen hatte. Und ich konnte mich einfach nicht konzentrieren, wenn genau diese Augen mich anschauten. Er brachte mich damit total aus dem Konzept.
,,Sag mal Coleen...“, brach er nach einer Weile erneut das Schweigen. ,,Hm?“, machte ich und sah ihn gelangweilt an. ,,Man, kannst du nicht ein anderes Gesicht machen, als das hier jetzt?“, seufzte er. Ich gab mir Mühe, zu lächeln. Leander war zufrieden. ,,Also...“, begann er. Ich strich mir einen Haarsträhne aus dem Gesicht. ,,Die Melodie, die wir vorhin aus dem Fenster heraus gehört haben...“, fuhr er fort. ,,....ich werde mir genauso eine Spieluhr kaufen und –“. ,,Dass heißt ich soll sie dir kaufen oder?“, maulte ich sofort los. ,,Nein! Lass mich doch mal ausreden!“. ,,Na gut. Also, ich höre.“, ergab ich mich. ,,Es ist ja bald Weihnachten, und wenn ich mir diese Spieluhr kaufe, will ich dass du zu der Melodie für mich tanzt, Ballett versteht sich.“. Ich sah in böse an. ,,Erstens, sucht man sich seine Geschenke nicht aus, und zweitens wie kommst du darauf, dass ich dir überhaupt etwas schenke? Nur weil ich die im Ballettfummel unglaublich anmache, heißt dass nicht, dass ich mich für dich zum Affen mache!“, blökte ich ihn an. Er seufzte, und dann herrschte wieder Stille.
Wir schwiegen uns an, bis wir vor meiner Haustür standen. Ich öffnete die Tür und Leander huschte schnell herein, in mein Zimmer, und nahm seinen gewohnten Platz auf meinem Schreibtisch ein. Ich hatte Leander jedem Abend etwas Neues beigebracht. Gestern, hatte ich ihm zum Beispiel erklärt, was es bedeutete Schwul zu sein. Und vorgestern stand Schluckauf auf dem Programm. Heute, würde ich ihm erklären was es bedeutete, zu lieben. Zumindest hatte ich mir dass fest vorgenommen, aber ich wusste das Leander dass noch nicht packen würde. Vielleicht sollte ich ihm Gesangsstunden erteilen, oder ich ihn viel mehr bitten mich zu unterrichten. Er sang toll. Dass wusste ich, weil er immer und immer wieder unter der Dusche sang. Ich hopste schnell in mein Zimmer und lies mich auf meinem Bett nieder. ,,Leander?“. ,,Hm?“, machte er und zog ungeniert sein Oberteil aus. Ach, auf einmal war dem feinen Herren zu warm oder was? ,,Sing mal was.“. ,,Wieso?“, er war ganz überrascht, hatte aber wieder sein selbstverliebtes Grinsen im Gesicht. ,,Na, du kannst doch singen. Jetzt mach schon!“. Er zuckte mit den Schultern und begann, L'heure avait sonn zu summen. ,,Dass mit dem singen üben wir noch.“, scherzte ich und ließ mich müde in mein Bett plumpsen.
,,Aufwachen! Sofort! Coleen! Wach auf“. Nein. Was war denn nun schon