Shinee Luzifer

Schluss mit Parkour

„So. Das war es dann wohl für dieses Jahr.“, murmelte Key und blickte nach oben, und tatsächlich – eine einsame, verirrte Schneeflocke schwebte langsam aus dem grauen Nichts des Dezemberhimmels. „Dass war nie und nimmer eine Schneeflocke.“, widersprach Masao. „Hier schneit es doch fast nie. Das war bestimmt nur Asche oder so was...“. Nein. Asche war dass nicht gewesen. Und es war wirklich lausig kalt geworden. Ja, es roch sogar nach Schnee. Ich hatte eigentlich nicht vorgehabt die Vier zu belauschen. Aber da ich ohnehin noch etwas Zeit hatte, bevor die Schule und der graue Alltag wieder einmal bevorstand, konnte ich ihnen ruhig ein bisschen zuhören. Ich dachte ohnehin, sie würden nur über Fußball oder Parkour reden – denn die Vier liebten Parkour. Die Gruppe, das waren Key, Masao, der ziemlich vorlaut war, Minho, der eigentlich nie ein Wort sagte und Ren. Ja, sie machten Parkour; sie sprangen über Hindernisse und rannten über Dächer und hangelten sich an Hauswänden hoch. Das Kunststück war, nicht ins Stocken zu geraten oder gar Pause zu machen, sondern immer geschmeidig zu bleiben und das Tempo und vor allem den Schwung zu halten. Der Schwung war Keys Problem. Er hatte meistens zu viel davon.
Und das gefiel auch mir nicht. Deshalb musste ich eigentlich nach dieser verirrten Flocke im puren Glück schweben. Schnee bedeutete, dass sie nicht trainieren konnten. Sobald die Geländer und Dächer vereisten, wurde es zu gefährlich. Eigentlich, fand ich Parkour sogar beim schönsten Sommerwetter gefährlich. Ich machte mir immer Sorgen, dass nicht doch mal einer von ihnen abstürzen würde. Dass war eine komische Angelegenheit. Den eigentlich, kannte ich sie nicht – keine von den Vieren. Nicht dass ich noch nie ein Wort mir ihnen gewechselt hätte – denn Minho hatte ich voriges Jahr angerempelt und er hatte mir ein „Verpiss dich!“ zugezischt. Idiot.
Ich wunderte mich, dass Key nicht fror. Es sah nämlich eigentlich reichlich albern aus im tiefsten Winter in Rippenunterhemd und zerrissenen Jeans auf dem Schulhof rumzustehen – aber es stand ihm. Ich hingegen fror. Dabei trug ich mehr als er – er einen langen, roten Strickschal, eine rotweiß gestreifte Jacke und ein weißes Shirt, einen relativ kurzen, schwarzen Rock, Strumpfhosen und dunkelgraue Wollsöckchen die aus meinen hellgrauen Halbschuhen hervorblitzten. Ich hob den Kopf – sie sagten Nichts mehr. Aber sie hatten mich nicht bemerkt – nicht dass das je einer getan hätte – sie waren einfach bedrückt. Sie liebten Parkour nicht – sie lebten es. „Dann ist es eben so. Hatten ja auch gestern noch ein gutes Training...“, meldete sich Ren schließlich zu Wort. „Genau...“, sagte Key und wirkte dabei gespielt übertrieben zufrieden. „Wird jetzt sowieso alles ein bisschen stressig. Muss meinen Alten helfen.“, beendete er seinen Satz und legte den Kopf in den Nacken. Key wohnte schräg gegenüber von mir und seine Eltern besaßen eine Pizzeria. Eigentlich waren sie immer im Stress. Keys Mutter war im übrigen fest davon überzeugt, dass wir – also meine Familie, das Geschäft behinderten. Mein Papa hatte ein Bestattungsunternehmen, und so war es nicht zu verhindern, dass manchmal ein Leichenwagen gegenüber der Pizzeria parkte, und sich die Gäste natürlich wunderten, was es damit auf sich habe. Auch bei uns würde es in den nächsten Tagen mehr Arbeit geben. Weihnachten war ein kritischer Termin, wie Papa stets zu sagen pflegte. Und er hatte recht – an Weihnachten hatte er oft besonders viel zu tun. Meistens Herzinfarkte oder Schlaganfälle. Papa war der Meinung, dass die Leute nicht mehr wüssten, wie man friedlich miteinander feierte, und dass sie sich mit ihren sinnlosen Streitereien gegenseitig umbrachten. Mein Vater machte außerdem keinen Urlaub. Er wollte lieber für seine Kunden da sein – Geld verdienen. Deswegen sah ich ihn nicht sehr oft. Aber er ist ein herzensguter Mensch. Und er ist meine Familie. Da ich meine Mutter nie kennen gelernt habe, ist er alles was ich habe und brauche.
Ich blickte erneut zur Gruppe. Gut, Key mochte Recht haben. Bei Schnee konnten sie keinen Parkour machen. Aber Masao konnte sich wohl nicht vorstellen, mit dem Training zu pausieren, bis das Wetter wieder besser war – dass sah man ihm an. Und obwohl ich mir ständig Sorgen machte – und das lag nicht an den Vieren, denn ich machte mir um alles und jeden Sorgen – konnte ich mir nicht vorstellen, ihnen über längeren Zeitpunkt nicht mehr beim Training zuschauen zu können. „Denk gar nicht erst darüber nach...“, sagte Key väterlich, als er Masaos gerunzelte Stirn bemerkte. „Ach, ihr seid Weicheier!“, fauchte er. „Eine Schneeflocke! Das ist nichts!“. Doch Key zuckte angesichts dessen nur mit den Schultern und ging Richtung Schuleingang. Minho und Ren standen auf und streckten sich, folgten Key dann. Masao stand eine Weile beleidigt da, folgten den Anderen aber auch. Dass riss mich aus meiner Trance und ich trabte ebenfalls Richtung Schulgebäude. In der Schule war es warm. Jetzt erst bemerkte ich meine Rückenschmerzen und fragte mich, wie es sich wohl anfühlte, wenn man Parkour machte und auf einmal rücklings auf dem Boden landete. Ich schüttelte den Kopf und mischte mich unter die Massen von Schülern die wild die Treppen auf und ab rannten, lautstark miteinander redeten oder Musik hörten. Ich hingegen war ganz still, hatte meine Tasche locker über die Schulter geworfen und einen ziemlich leeren Gesichtsausdruck aufgesetzt. Ich selbst taufte diesen das Luftblasengesicht.
Heute würde es Zeugnisse geben. Ich gehörte wohl zu den Wenigsten, die sich Sorgen um ihre Noten machten oder gar machen mussten. Dabei machte ich für die Schule nur wenig und lernte nur, wenn es wirklich nötig war.
Ich sah Key der locker und zur Abwechslung mal alleine an einer Wand lehnte und starr aus dem Fenster sah. Ich musste zugeben – er sah gut aus. Doch ich ging still an ihm vorbei, wie jeden Tag, und betrat meinen Klassenraum. Schlecht gelaunt spähte ich hinter der Tür hervor. Niemand war da, abgesehen vom allgemeinen Chaos unserer Klasse: Zerknüllte Blätter, Papiertaschentücher, benutzt und unbenutzt, der Inhalt von umhergeschleuderten Rucksäcken, alte gammlige Pausenbrote, tausende von Flaschen, und umgekippte Stühle. Kein schöner Ausblick. Aber ich war es sehr wohl gewohnt und ließ mich auf meinem Stuhl nieder. Minho, Masao und Ren waren auch in meiner Klasse. Lediglich Key war in meiner Parallelklasse. Gleich würde mein Klassenlehrer reinkommen, erzählen wie toll er doch das Schuljahr wieder mit uns fand, uns stolz unsere Zeugnisse austeilen, jedem noch einmal seine Meinung geigen und uns schöne Ferien und einen guten Rutsch ins neue Jahr wünschen. Alles wie sonst auch also.
In dem Moment betrat Luzifer die Klasse. Sie war ein hübsches, recht blasses Mädchen – aber es stand ihr. Ihre langen, glatten und pechschwarzen Haare lagen wie immer perfekt – ganz anders als mein Wuschelkopf. Sie war eigentlich ziemlich unauffällig. Meist saß sie nur an ihrem Sitzplatz in der hintersten Reihe und sah aus dem Fenster, oder sie las. Ich wusste nicht viel über sie, nur dass sie sich nie meldete, nie mit anderen sprach und trotzdem von vielen bewundert wurde. Und sie hatte gute Noten.
Ich hatte sie wohl mal wieder etwas zu lange angestarrt als sie es meiner Meinung nach eigentlich verdient hatte, und so neigte sie ihren Kopf und sah mich durchdringend an. Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken und ich lächelte angestrengt in ihre Richtung. Sie warf ihre Haare zurück und blickte wieder aus dem Fenster.
Nun trudelten auch meine übrigen Klassenkameraden ein – Minho, der von Masao ununterbrochen in die Seiten gezwickt wurde, Ren der nur mit seiner Frisur beschäftigt war, mein Lehrer und der restliche bunte Haufen. Als sie alle endlich Platz genommen hatten, räusperte sich mein Lehrer nur kurz und strahlte dann in die Runde. „Nun wir haben ja mal wieder eine Menge erlebt, nicht wahr? Ich denke ihr werdet euch alle sehr über eure Zeugnisse freuen!“, lächelte er. Dann, hielt er wieder seine übliche Ansprache wie toll er uns doch alle fände, was für eine gemütliche Klasse wir doch wären und wie gut doch wieder unser Durchschnitt wäre. Also, kamen wir alle abwechselnd nach vorne und nahmen unsere Zeugnisse entgegen. „Nicht schlecht, Taemin. In Mathe hast du dich wirklich verbessert, über deine letzte Arbeit hab ich mich besonders gefreut!“, lobte er mich. Ich nickte nur stumm und schlenderte zu meinen Platz zurück. Luzifer hatte sich ihr Zeugnis nicht einmal angesehen, es in ihre Tasche gestopft – sogar dabei hatte sie elegant ausgesehen – und sah nun wieder aus dem Fenster. Während Minho mit sich und der Welt zufrieden war, protestierte Masao lautstark, er könne doch keine vier in Englisch haben und man solle dies auf jeden Fall noch einmal überprüfen. Ich musste schmunzeln.
Nach weiteren Ansprachen wurden wir schließlich entlassen und ich fand mich rasch draußen auf dem Schulhof in einer Horde von Schülern wieder die sich wild gestikulierend über ihre Zeugnisse unterhielten. Ich sah Luzifer in der Ferne stehen. Sie wartete. Sie? Das war zumindest mal etwas Neues. Ich wollte die Gelegenheit nutzen, um sie anzusprechen. Ich hatte es schon oft versucht, denn sie hatte mich schon immer interessiert und überrascht. Mir neue Freunde zu machen war nicht gerade meine Stärke, also schritt ich langsam auf sie zu, schluckte kurz und setzte ein Lächeln auf. „Hey...“. Luzifer hob den Kopf und sah mich mit einem undefinierbaren Ausdruck in den Augen an. „Ähm, also... wie war den dein Zeugnis so?“. Sie zuckte mit den Schultern. „Eigentlich wie immer...“, murmelte sie und ich hatte plötzlich einen Kloß im Hals. Ich hatte sie noch nie reden hören, zumindest nie so, dass ich ihre Stimme hätte vollends vernehmen können. Ihre Stimme