Shinee Luzifer
Flusswasser
Ich hämmerte wie besessen gegen die Tür, da ich irgendwie das Gefühl hatte verfolgt zu werden. Ich wusste nicht woran das lag – und wirklich, es war mir in dem Moment ziemlich egal. Ich war zum ersten Mal von etwas fasziniert – vom Sport, von Parkour. Ich wollte auch über Dächer fliegen, den Wind in meinen Haaren spüren – und nicht mehr alleine sein.
Diese Idee hatte ich mir vor ein paar Tagen urplötzlich in den Kopf gesetzt, und zum ersten Mal in meinem Leben war ich wirklich stur. Ich wollte es. Unbedingt.
Meine Fingerknöchel taten schon etwas weh, und als mir dann doch endlich jemand die Tür öffnete – war es Key, mit zerzausten Haaren, müden Augen und Shorts.
Mein Blick wanderte von seinen Bauchmuskeln zurück zu seinen müden Augen und seiner Frisur – surprise, surprise – dieses Verwuschelte stand ihm ausgesprochen gut, und ich spürte wie mir das Blut in die Wangen schoss. Er war völlig perplex – zurecht! Schnell setzte ich mein Luftblasengesicht auf und lehnte mich locker gegen die Hauswand. „Du sollst mir Parkour beibringen...“, sprudelte es aus mir heraus, und man hörte deutlich, wie ich versuchte übertrieben cool zu klingen. „Hä?“, kam es ungeniert von ihm zurück. „Du machst Parkour – ich weiß das, okay? – Und ich habe deinen Run auf YouTube gesehen.“. „Na dann.“, machte er daraufhin schulterzuckend und musterte mich. „Bringst du es mir nun bei?“. „Nö.“. „Aber-“. „Ich kenn dich doch gar nicht...“, unterbrach er mich. Ich biss mir auf die Unterlippe. „Aber ich will es lernen – unbedingt!“, ich klang schon beinahe verzweifelt. „Hm. Selbst wenn ich es dir beibringen wollte – ich könnte nicht...“. „Ja ja, ich weiß – Schnee und Frost...“. „Nein. Ich habe einmal, ein einziges Mal versucht, jemandem Parkour beizubringen – und dass hat nicht funktioniert.“. „Dass heißt ja nicht, dass es bei mir auch so wird!“. „Nein – Klappe zu, ich werde dir Nichts beibringen.“, murrte er und wollte die Tür schließen. „Aber ich muss dir doch noch ein Geheimnis erzählen...“, seufzte ich. Er sah mich schon wieder perplex an. „Kann ich reinkommen? Ich friere...“. Key zuckte nur wieder mit den Schultern und ließ mich rein. Er fuhr sich durch die Haare. „Sag mir doch erst mal wie du heißt.“. „Taemin.“. „Komischer Name...“. „Selber komisch...“, zischte ich, gerade so leise, dass er es nicht verstand.
Eine Weile schwiegen wir uns an. „Also...“, brach ich schließlich das Schweigen. „...du – frühstückst gerade?“, fuhr ich fort und zuckte zusammen, als eine Weißbrotscheibe mit einem Klong aus dem Toaster sprang und quer durch die Luft segelte. Keys Hand schnellte schräg nach oben und er fing sie geschickt auf. „Ja, also – willst du auch was essen?“. „Nein – hab keinen Hunger...“, war natürlich meine schnelle und total überlegte Antwort, die von meinem darauffolgenden Margenknurren nicht wirklich unterstützt wurde. Key deutete auf einen der Stühle am Esstisch. Ich setzte mich zögernd, und auch er kam schließlich gähnend zum Tisch, um sich neben mich zu setzen. Wir teilten uns fünf Toasts. Jeder zweieinhalb. Key einen mit Honig und anderthalb mit Marmelade. Ich beschränkte mich auf Erdnussbutter.“Wo sind deine Eltern?”. „Waff?“, nuschelte Key mit vollem Mund. „Schluck runter, bevor du sprichst!“, ich wischte mir ein Brotkrümel von den Wangen. Sein Benehmen bei Tisch war unterirdisch. „Ich würde ja schlucken, wenn ich nicht halb verdursten müsste...“, gab Key grantig zurück und deutete auf das Glas Wasser neben mir. Ich reichte es ihm und er trank gierig. „Also, was wolltest du?“. „Wissen wo deine Eltern sind...“. Er überlegte kurz. „Ähm – verreist...“, machte er Schulterzuckend. „Hm.“.
„Nun.“, Key hob den Kopf und lehnte sich zurück, bis der Stuhl knackte. „Was ist nun mit deinem – Geheimnis.“. „Du hast mir vor ein paar Tagen gesagt, Parkour wäre Nichts für Mädchen – jetzt bin ich hier um mich selbst zu überzeugen.“. „Hä?“. Ich seufzte. „Dann eben nicht – zeig mir wenigstens irgendwas, und wenn es nur ein Salto ist – Bitte!“. Er lächelte. „Ich selbst sehe Parkour nicht nur als Sportart, sondern vielmehr als kreative Kunst, die dabei hilft, die eigenen durch Körper und Umwelt gesetzten Grenzen zu erkennen und zu überwinden, ohne damit andere mit seinem Können beeindrucken zu wollen.“, philosophierte Key und warf mir ein unwiderstehliches Lächeln zu. „Ähm – achso, ja klar..“, stammelte ich. „Dass war deine erste Lektion.“, lächelte er. „Von wegen Lektion – dass war irgendeine Aneinanderreihung von Wörtern – zeig mir lieber was!“, protestierte ich. „Hm.“, er überlegte kurz, doch seine Gedankengänge wurden von seinem Handy unterbrochen. „Warte kurz...“, nuschelte er und kramte sein Handy aus seiner Jacke, die am Kleiderständer hing. „Scheiße-“. Ich drehte mich zu ihm um. „ Scheiße, Scheiße, Scheiße!“. „Was denn?“, machte ich irritiert und mümmelte weiter an meinem Toast herum. „Äh – mir ist gerade was dazwischen gekommen...“, begann er und zog sich sein schwarzes Rippenunterhemd an. „...ich zeig dir später was – versprochen!“. Kaum ausgesprochen, rannte Key auch schon aus der Haustür. „Dass ist ja jetzt nicht sein Ernst oder?“, knurrte ich.
Ich beschloss, Key zu folgen. Also schnappte ich mir meine Jacke und flitzte ihm hinterher – zumindest wollte ich dass – aber ich hatte keine Ahnung wo er war. Nachdem ich eine Viertelstunde lang vergebens gesucht hatte, entschied ich mich nach Hause zu gehen.
Die letzten paar Schritte rannte ich nach Hause – zumindest bis ich die offene Haustür sah. Ich stoppte augenblicklich. Hatte Papa vergessen die Tür zu schließen – war er vielleicht im Stress? Nun einer war hier sicher im Stress – nämlich ich. Ich wurde nervös, mir wurde abwechselnd heiß und kalt und unser Haus strahlte etwas so bedrohliches aus, dass meine Knie zitterten. Ich sah sowohl in der Küche, wie im Wohnzimmer nach. Im Badezimmer war mein Vater auch nicht und auch im Schlafzimmer war niemand.
Es gab keinen anderen Weg. Ich musste zu den Toten in den Keller – alleine. Dass war soweit ich denken konnte eine meiner größten Ängste gewesen. Ich hatte Angst vor dem Keller – und obwohl Papa mir bestimmt hunderte Male versichert hatte, dass dort im Keller Nichts war, vor dem ich mich hätte fürchten müssen, hatte ich den Leichenkeller immer geschickt gemieden und hatte mich immer verdrückt, wenn es Arbeit gab.
Klackend erlosch das Licht im Hausflur.
Seit Minuten stand ich vor den vier ausgetretenen Stufen, die zum Keller führten, und wartete darauf, dass irgendetwas geschah – etwas, was das rasende Schlagen meines Herzens beruhigen würde oder mich am Besten davon abhielt, runter zu gehen. Zum Beispiel hätte mein Handy klingeln können. Doch es blieb still. Die Tür zum Keller stand einen Spalt weit offen – aber nicht weit genug, um Einzelheiten zu erkennen. Ab und zu traf mich ein kalter Lufthauch. Ich rieb meine Hände aneinander, damit sie warm wurden, doch sie blieben eisig. So fürchterlich eisig, dass ich jetzt sogar Angst bekam. Und ich hatte sowieso schon genug Angst. Mehr als genug. Ich starrte auf die Stufen. Ich atmete langsam aus und gab mir einen Ruck. Was sollte mir schon passieren? Ich war früher unzählige Male da unten gewesen. Der einzige Unterschied war nur – dass ich jetzt alleine war. Meine Schritte hallten, als ich die wenigen Stufen hinunterging. Ohne die Tür zu berühren, schob ich mich durch den Spalt. Auweia. Wie sah es denn hier aus? Es war dunkel, bis auf zwei große Kerzen, die nur wenig und sehr unruhiges Licht spendeten. Mit zuckenden Finger suchte ich nach dem Lichtschalter, fand diesen auch – doch leider reagierte er gar nicht. Da konnte ich machen was ich wollte – die Kerzen mussten genügen. Ich legte meine Hand an die Stelle, wo mein Herz so pochte und versuchte mich zu beruhigen. Kein Feuer in den Kellerräumen – dass war eigentlich Papas oberstes Gebot. Ich blinzelte und erkannte schwach ein paar Umrisse. Eins, zwei, drei, vier, fünf – ja, fünf. Es waren fünf Gestalten die einfach nur – starr da standen? Ein leises zischen hinter mir ließ mich zusammenfahren. Erneut traf ein frostiger, feuchter Luftzug meinen Nacken und es gab einen leisen Stoß. Die Tür war ins Schloss gefallen. Ich kauerte auf dem Boden und hoffte, dass mich die Gestalten, Menschen oder was auch immer sich da in unserem Keller versammelt hatte, nicht entdecken würden. Eine der beiden großen Kerzen erlosch und es wurde so dunkel, dass ich für einen Moment lang kaum mehr etwas erkennen konnte. Nun hätte ich schwören können, dass ich nicht mehr alleine war. Nun konnte ich mir sicher sein. Jemand war bei mir und den Toten. „Wer ist da?“, fragte ich mit etwas belegter Stimme. „Papa?“. Ich hielt den Atem an und wartete. Etwas kaltes, unheimliches huschte an mir vorbei. Ja, irgendetwas hatte mich berührt und mich erschaudern lassen. Doch kaum war dass passiert, wurde mir auf einmal wieder wärmer. Ich hörte Schritte in meiner unmittelbaren Nähe und sah wie dieser Jemand die noch brennende Kerze nahm und damit die Erloschene wieder anzündete. Ich spürte wie meine Augen hervortraten. Ich saß zwar immer noch auf dem Boden – aber ich saß in einer Blutlache. Ich schrie auf. Ich wollte hier raus. Ich spürte wie jemand mich am Arm hochzog. Ich wehrte mich, schlug um mich, zeterte und überlegte auch kurz ob ich den Eindringling nicht doch kratzen oder beißen sollte. Aber ich tat es nicht. Stattdessen stieß ich eine Vase mit getrockneten Zweigen um. Und diese Zweige fingen nun an lichterloh zu brennen. Blitzschnell griff ich nach der Karaffe mit dem Wasser und schüttete es über die brennenden Zweige. Grell schossen die