Shinee Luzifer

Flammen zur Decke hoch. Das war kein Wasser gewesen. „Papa, du Vollidiot! Du hast alles umgeräumt!“, heulte ich. „Man tut doch keinen Alkohol in die Wasserkaraffe!“. Durch die Flammen war es im Keller so hell geworden, dass ich nun genau erkennen konnte wer denn dort in der Blutlache lag. „Papa...“, flüsterte ich und sank auf den Boden. Mein Weinen ging in Husten über.
Und dann roch ich Wasser, Flusswasser. Ja, es roch so wie an einem schönen Sommertag. Das Wasser war da. Endlich war es da. Es würde alles löschen. Es würde mich retten. Ich musste mich nur auf den Boden und die Flammen legen, und...
„Nicht sie!“, brüllte es durch das Tosen des Feuers. „Du kriegst sie nicht!“. Jemand griff nach mir und zog mich am Kragen hoch. „Bleib wach und mach deine verfluchten Augen auf! Sieh mich an!“. „Aber das Wasser – der Fluss...“. „Nein! Du musst mich ansehen, ich bin da!“. Mühsam zwang ich meine Lider nach oben und blickte in zwei tiefschwarze Augen. „Key...“, hustete ich. Key stieß mich in die Ecke. Dann nahm er Anlauf, sprang auf einen der Särge die inzwischen zum größten Teil brannten, griff nach Papas metallenen Frisierkamm, hechtete durch den gesamten Raum und rammte die Spitze des Kamms in das Wasserrohr, dass sich wie ein grauer Wurm von der Decke wand. In einer hohen Fontäne schoss das Wasser heraus und warf Key zu Boden.
Jemand stieß mich von der Seite an. Dass war Minho. Er hob mich hoch und ich schloss meine Augen. Ich lehnte meinen Kopf an seine Brust und atmete erschöpft ein und aus. „Wir müssen hier raus, Masao...“, hörte ich Minho murmeln. Ich öffnete kurz meine schweren Lider. Und da war Masao, welcher Key half, aufzustehen. Die Beiden hasteten nach oben und warfen sich unter ächzen gegen die Tür, welche sich ergab und aufsprang. Ich sah noch wie Ren an mir und Minho vorbeihechtete und war froh, dass gerade diese Vier bei mir gewesen waren. Dann sah ich Nichts mehr.
Ich spürte nur noch wie Minho sich in Bewegung setzte, die Treppe hoch rannte, und die Kellertür hinter sich zuknallte.

Als ich wieder zur mir kam, wohlbemerkt immer noch in Minhos Armen liegend, wurde mir plötzlich unglaublich kalt. Ich presste mich gegen Minho, welcher mich ziemlich irritiert ansah. Ich war noch viel zu erschöpft, um mich jetzt aufzurichten. Ja – da war es in Minhos Armen weitaus bequemer. „Was ist denn passiert?“, murmelte ich benommen. „Ist jetzt nicht so wichtig – ich erzähl es dir später...“. Nun gesellte sich auch Masao zu uns. „Und wie geht’s Key?“, erkundigte sich Minho. Masao lachte kurz auf. „Der Idiot musste ja unbedingt den Helden spielen – und jetzt ist sein Bein gebrochen.“. „Du solltest wirklich nicht darüber lachen, Masao. Du weißt schon...“. „Ja ja, Luzifer. Bla Bla, die Geschichte kenn ich schon!“, gab Masao unfreundlich zurück. „Und wo ist Ren?“. „Wo wohl? Er sucht Luzifer.“. „Genau, dass solltest du jetzt eigentlich auch machen, Masao...“, meldete sich Key zu Wort. Masao stand beleidigt auf und gehorchte. Auch ich setzte mich auf und sah Key blinzelnd an. Inzwischen war es schon dunkel geworden. „Was machen wir mit ihr?“, erkundigte sie Minho. „Erst mal mitnehmen...“, antworte Key, der im Übrigen die ganze Zeit auf einem Bein stand. Minho nickte, nahm meine Hand und führte mich zu einem schwarzen Kleintransporter. „Kannst auch das Radio anmachen, wenn du willst...“, lächelte er und ging wieder zurück um Key zu holen.
Dass war wirklich ein unbezahlbarer Anblick – Key, der seine Arme hinter dem Kopf verschränkt hatte und hinten auf der Rückbank lag. Und Minho am Steuer. Jetzt erst begann ich zu weinen. Erst liefen die Tränen nur stumm über meine Wangen, doch dann schüttelte mich das Schluchzen so unbarmherzig, dass es niemand mehr übersehen konnte. Ich hatte mich noch nie in meinem Leben so elend gefühlt. Ich putzte mir die Nase um Luft zu bekommen. Doch das Schluchzen wollte nicht mehr aufhören. „Ist schon gut. Dass geht vorbei. Wein dich ruhig aus...“, meldete sie Key von der Rückbank. „Mh-Hm.“, brachte ich heulend hervor. Ich erinnerte mich wieder an meinen Papa. Wie er im Keller so starr ins einem eigenen Blut gelegen hatte, wie seine Augen hervorgetreten waren – in seinem Gesicht die pure Angst.
Ich versuchte meine Gedanken zu ordnen aber es gelang mir nicht. Also heulte ich weiter und weiter und weiter – ohne mich überhaupt auch nur einmal zu fragen, wo wir eigentlich hinfuhren. Minho warf mir ein paar besorgte Blicke zu, doch Key versicherte ihm immer wieder, ich würde nur unter Schock stehen. Ich reagierte nicht auf Minhos und Keys Getuschel, und so ließen sie mich in Ruhe, und atmeten hörbar auf, als mein Schluchzen leiser wurde und schließlich verebbte. Ich saß da wie ein Stein und wollte einfach Nichts mehr denken. Erst als der Wagen zum Stillstand kam, flossen die Tränen wieder aufs Neue. Ich weinte bis mein Kopf drohte zu platzen, und sich unzählige rote Äderchen in meinen Augen gebildet hatten. Ich sah aus wie ein Zombie. Dass passte gut, denn ich fühlte mich mehr tot als lebendig. Ich wollte nicht reden, nicht essen, nicht trinken, keine Musik hören, nicht fernsehen, ich hatte nicht einmal Bock aufs Klo zu gehen. Ich wollte nur weiter im Auto sitzen und heulen. Als Key mich zum dritten Mal angestoßen hatte, um mir irgendwas Unnötiges zu erzählen, rastete ich aus. „Lass mich einfach in Ruhe! Bitte!“, schrie ich in an und sein gekränktes Gesicht brachte mich schon wieder zum heulen. „Geht – beide, bitte! Ich will alleine sein!“. Das war die Lüge des Jahrhunderts. Minho legte mir tröstend die Hand auf die Schulter und so rappelte ich mich doch noch schniefend auf und stieg aus.
„Und was jetzt?“, brachte ich mit gequälter Stimme hervor. Wir hatten vor einem großen, alten Haus angehalten. In der Ferne bellte ein Hund. Obwohl der dicke Morast und Schneematsch mit Heu bestreut war, musste ich vorsichtig den Weg entlang zur breiten Veranda warten. Minho öffnete die Tür und ich huschte hinein. Dann, platzierte er Key auf einem Sofa im Wohnzimmer und mich auf einem Sessel. Die Atmosphäre im Wohnzimmer löste in mir das Gefühl aus, als wäre ich in einer Zeitmaschine gelandet. Im Kamin brannte ein Feuer, dessen Knacken und Knistern nicht einmal halb so bedrohlich klang wie das in meinem Keller vorhin. Ich sah Minho mit einem Tablett in der Hand. Er machte mich nervös, so dass ich kaum einen Ton herausbrachte. Nachdem er mir das Tablett auf den Schoß gestellt hatte, wich er zurück als litte ich an einer ansteckenden Krankheit. Das war ein Teller. Ein Teller mit Keksen. Immer noch schluchzend fing ich an zu knabbern. „Was machen wir jetzt?“. „Es ist schon spät – wir gehen erst einmal schlafen, und morgen schauen wir mal wie es mit ihr weitergeht...“, antwortete Key und warf mir bedenkliche Blicke zu.
Ich knabberte weiter meine Kekse, schluchzte ab und zu, und schloss meine Augen, da sie sowieso schon ganz verschwollen waren und weh taten vom ganzen Weinen. Während Minho sich bereits irgendwohin zurückgezogen hatte, tätschelte Key mir behutsam den Kopf. Und so schlief ich erschöpft ein.