Oneshots für mein Hasi

Sternzeit

Weihnachten, ein Fest der Liebe,
nicht für mich...

Wie jedes Jahr, solange ich mich erinnern kann, steige ich an Heiligabend die Stufen des Waisenhauses hinauf. Das Haus, das seit meinem sechsten Lebensjahr mein Zuhause ist.
Jedes Jahr, immer wieder; und jedes Mal aufs Neue überkommt mich eine Traurigkeit, die ich nicht verdrängen kann.
Warum ich? Warum nicht andere?
Doch man hatte mir gelehrt, niemandem das Schlimmste zu wünschen, auch wenn ich es sehr gern tat.
„Hikari, da bist du ja!“, ertönt die Stimme meiner besten Freundin.
Auch sie hatte schon früh ins Waisenhaus gekommen.
„Wo warst du denn schon wieder?“, kommt es nun von meinem Gegenüber, doch ich antworte ihr nicht. Warum auch? Es wird wie jedes Jahr ein trauriges Weihnachten für mich. Überall die Freude, die mich nicht mitreißt.
Ich lasse das Mädchen vor mir einfach stehen und gehe vorbei. Meine Freundin schaut mir traurig nach, ich weiß das. Dennoch drehe ich mich nicht um, um mich zu entschuldigen. Nein!
Leise öffne ich die Tür meines Zimmers und trete ein. Eine angenehme Dunkelheit herrscht hier. Keine Kerze, kein Kranz, keine Lichterkette leuchtet hier. Warum auch? Ich hasse Weihnachten!
„Kari, kommst du?“, erklingt es plötzlich von der Tür her, kaum dass ich mich gesetzt habe.
„Nein!“, gebe ich kalt zurück und schlage meiner Freundin die Tür vor der Nase zu.
Ich höre, wie sich ihre Schritte entfernen und bin froh darüber. Ich will jetzt meine Ruhe genießen.
Doch ich bleibe nur fünf Minuten lang auf meinem Bett sitzen. Ich kann einfach nicht in diesem Raum bleiben!
Schnell springe ich auf und verlasse mit schnellen Schritten das Zimmer, das Haus, die Straße. In der Nähe des Waldes am Stadtrand bleibe ich stehen und atme tief durch. So mag ich meine Umgebung am Liebsten: ruhig und dennoch in der Natur.
Meine Schritte wenden sich dem Waldweg zu, den ich so oft gehe, und dennoch noch nicht kenne, da ich stets meine Aufmerksamkeit meinen Gedanken widme.
Doch plötzlich stehe ich auf einem Weg, den ich nicht kenne. Wie bin ich denn jetzt hier her gekommen? In diesem Moment fällt mir ein Baum in der Nähe auf.
Frohe Weihnachten Hikari steht eingeritzt in der Rinde. Ich mache ein paar Schritte zurück, da hinter dem Baum ein kleines Mädchen hervorgekommen war.
Doch sie kommt mir bekannt vor. Jetzt, wo ich sie so ansehe, muss ich sagen, dass sie mir sehr ähnelt. Plötzlich klickt es bei mir: Das bin ich!
Mein kleines Ich schaut mich traurig von unten an. „Warum magst du Weihnachten nicht mehr?“, fragt sie traurig. „Bei Mum und Dad haben wir es geliebt!“, sie deutet auf den Baum.
Meine Stimme hat sich verloren. Ich kann ihr nicht antworten. Warum hasse ich Weihnachten? Wo ich so darüber nachdenke, kenne ich den Grund gar nicht mehr ...
„Geh zurück und entschuldige dich bei denen, die du die letzten Jahre vor den Kopf gestoßen hast!“, fordert mein kleines Ich plötzlich und schaut mich dabei sehr wütend an.
„Ja, das mache ich!“, murmele ich leise und drehe mich von ihr weg. Habe ich wirklich einen Grund gehabt, Weihnachten zu hassen?
Ich will sie noch etwas fragen, doch als ich mich umdrehe, ist sie wieder verschwunden.
Also gehe ich den Weg wieder zurück, und bemerke jetzt erst, wie dumm es von mir war, jedes Jahr aufs Neue so ein Miesepeter zu sein ...